Flaschentester

… schreibt über europäische Weine und verwandte Themen


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Zanolari – Flüssige Sonne Riserva 2009

Was haben das Tirol, Tibet und die Antarktis gemeinsam? Genau, – sie wurden oder werden immer wieder mal von irgendwelchen Staaten beansprucht. Freilich mit unterschiedlichen Resultaten. Das ist bekannt. – Ähnlich erging es dem Veltlin, auch Valtellina genannt. Ein Tal, welches für Nebbiolo-Weine steht. Einer davon trägt den sinnlichen Namen Flüssige Sonne. Und der landete unlängst in Flaschentesters Glas. Zanolari sei Dank.

Ehrlich gesagt, war ich im ersten Moment etwas ratlos. Wohin gehört das Veltlin? Schweiz? Italien? Österreich? Geographie war noch nie meine Stärke. Die Zeit ist reif, ein Buch aufzuschlagen, und mir Basiswissen draufzuschaffen:

Die Geschichte des heutigen Veltlins beginnt mehr oder weniger mit der Bündner Herrschaft, welche im 16. Jahrhundert die drei Talschaften Chiavenna, Veltlin und Bormio für sich beanspruchte. Schliesslich mischten sich die Habsburger ein. Dies mit dem Resultat, dass das Veltlin zwischenzeitlich an Spanien ging, bevor die Habsburger erneut die Herrschaft über das Tal erlangten. Nach langem hin und her wurde das Gebiet schliesslich Italien zugesprochen. Denn die Schweiz war leider nicht gewillt, das Veltlin als Kanton anzuerkennen. Aus heutiger Sicht vermutlich ein Fehler, den auch viele Bündner lange bis ins 20. Jahrhundert bedauerten. Sei’s drum. Wir lassen die Geschichte Geschichte sein und kümmern uns um den Wein. Den der schmeckt auch unabhängig von irgendwelchen historischen Kamellen oder neu gezogenen Grenzen ganz hervorragend. So viel vorweg.

Valtellina

Die Flüssige Sonne wird aus Trauben von terrassierten Hängen bei Sondrio gekeltert.

Am Flaschenhals ist ein Büchlein befestigt. Wir folgen seinem Rat und lassen den Wein eine Stunde lang offen stehen. Er soll das ausgedehnte Bad im Sauerstoff geniessen. Sechzig Minuten später klingelt mein Smartphone. Die Zeit ist um, und auf dem Tisch steht pro Person ein Teller. Darauf je ein Rindsfilet an Rotweinsauce, Bratkartoffeln und Gemüse. Es ist einer dieser Abende, an denen wieder einmal alles passt. Wir setzen uns und sind gespannt, wie sich der Veltliner schlägt. Nicht etwa, dass wir viel erwarten würden. Veltliner hatten schliesslich bereits Generationen vor uns nicht den besten Ruf. Die Flüssige Sonne wird uns hoffentlich gleich eines Besseren belehren.

Schon beim Einschenken macht der Rotwein Spass. Leicht transparent, aber dennoch in einem herrlichen Granatrot, stürzt er ins Glas und bildet eine herrliche Schaumkrone. Endlich probieren wir. Und, mein Gott! Was ein toller Wein! Er besitzt Leichtigkeit, eine wunderbare Balance aus Säure, Holz und Tanninen. – Ausgebaut wurde der sortenreine Nebbiolo übrigens während zwei Jahren in kleinen, gebrauchten Barriques aus französischer Eiche. – Scheinbar hat’s was gebracht. Der Veltliner schmeckt nämlich äusserst angenehm, edel, sanft und dabei doch intensiv. Eins ist klar: Würze, und nicht Frucht definiert diesen Tropfen. Konstant schwingt nämlich eine wunderbar würzige Note mit. Unmittelbar werden Erinnerungen an Süssholz wach. Der Abgang ist raffiniert, der Nachhall ebenfalls ganz fantastisch. Auch das Entwicklungspotenzial ist nicht ohne. Zanolari spricht von einer möglichen Genussreife bis 2020. Gut zu wissen. Man kann also unbeschwert einige Flaschen in den Keller legen und warten bis sie Staub angesetzt haben. Ich für meinen Teil kann wohl kaum die Geduld dafür aufbringen. Zu gut und zu verführerisch ist sie, die Flüssige Sonne. Sie muss ins Glas. Unbedingt und bald schon wieder. Spätestens, wenn die Nächte länger und die Tage kürzer werden. Ich gebe 19/20 Punkte.

FlüssigeSonneRiserva09

Punkte: 19/20
Passt zu: Klassischer Fleischküche
Preis: Momentan Fr. 27.50 statt 33.-

Die Flüssige Sonne Riserva gibt’s bei Zanolari.

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Henri Badoux – Aigle „Les Murailles“ 2011, Chablais AOC

Egal ob Manor, Mövenpick, Zanolari oder Coop – eine Flasche gehört scheinbar zur Grundausstattung jeder halbwegs gut sortierten helvetischen Weinhandlung. S’ist eine grüne aus dem Waadtland. Darin ein Chasselas aus der Appellation Chablais. Unverkennbar nicht zuletzt durch die kleine, neckische Eidechse auf dem Etikett.

Der Kanton Waadt ist mit seinen knapp 4’000 Hektaren Rebfläche das zweitgrösste Weinbaugebiet der Schweiz. Aufgrund der klimatischen Unterschiede wird das Waadtland heute in drei Zonen eingeteilt: Nördlichöstlich des Genfersees liegt Chablais mit so bedeutenden Appellationen bzw. Ortschaften wie Aigle oder Yvorne. Zwischen Lausanne und Montreux, am Ostufer des Sees liegt Lavaux, dessen Weinbergterassen seit 2007 zum UNESCO-Welterbe gehören.

Dazu gehört zum Beispiel die in der Deutschschweiz sehr bekannte Appellation Saint Saphorin. Hier gibt es unzählige, steilwandige Felsterassen mit Weingärten mit bis zu zwanzig Stockwerken, welche zum Teil bereits im 12. Jahrhundert von Zisterziensern mühseelig aufgebaut wurden. Die nebeneinander liegenden Lagen Dézaley und Calamin besitzen sogar Grand-Cru-Status. Die dritte Zone trägt den Namen La Côte. Dieser grösste Bereich, nordwestlich des Genfersees, liefert 40% der Waadtländer Weine. Bekannt sind unter anderem die Appellationen Aubonne, Féchy oder Mont-Sur-Rolle.

Château_d'Aigle

Château d’Aigle: Wahrzeichen und Weinmuseum.

Angebaut wird vor allem Chasselas, auch Gutedel genannt. Die Waadtländer sprechen von der Perlan. Gemeint ist immer dieselbe Traube. Das Waadtland ist bekannt für seine Weissweine. Die roten Sorten machen gerade mal einen Viertel der Gesamtfläche aus. Hauptsächlich Pinot Noir und Gamay entfallen auf diese. Zum Teil werden auch Syrah, Gamaret und andere Trauben bewirtschaftet. Das Genferseegebiet besitzt insgesamt 28 Weine mit geschützter Ursprungsbezeichnung, die in sechs Weinbaugebieten (AOC) gedeihen, von denen jedes seine topografischen und klimatischen Besonderheiten besitzt. Aufgrund seiner Grösse, aber auch der Vielfalt der Böden, des Klimas und der Lagen, ist das Genferseegebiet zweifellos das vielfältigste Weinbaugebiet der Schweiz.

Die von mir gekaufte Flasche ist ein typisches Produkt aus der Gegend. Der Chasselas mit dem Namen „Les Murailles“ stammt aus der Produktion der Henri Badoux SA in Aigle. Die Firma wird 1908 vom gleichnamigen Westschweizer gegründet. Das Familienunternehmen setzt sich bereits in jungen Jahren mit dem Namen Aigle in Verbindung mit dem berühmten Weinberg „Les Murailles“ durch. Drei Jahrzenhnte später übernimmt Badoux‘ Sohn Emile die Geschäfte, welche damals vor allem aus einer bescheidenen Weinhandlung bestehen. Die Erbschaft wird durch ihn zu einem – für Schweizer Verhältnisse – riesigen Weingut von über fünfzig Hektaren in den Appellationen Aigle, Yvorne, Ollon und Saint-Saphorin ausgebaut. Als Pionier führt er im Waadtland den dort noch kaum verbreiteten Blauburgunder ein. Mit der Vergrösserung des Betriebs wächst auch der gute Ruf des Unternehmens. Nicht nur in der Schweiz sind die Weine der Badoux SA beliebt, sondern vor allem auch in Deutschland und den Vereinigten Staaten. In den 90er Jahren übernimmt mit Olivier Badoux das Familienunternehmen in dritter Generation. 2008 wir die Geschäftsleitung an Kurt Egli abgegeben. Als Önologe zeichnet sich Daniel Dufaux verantwortlich, Jean-Pierre Luthi ist für den Weinbau zuständig. Der Betrieb verfügt über moderne Kellereien und arbeitet schon seit zehn Jahren nach den Standards der integrierten Produktion.

Das Gebiet Chablais am nordöstlichen Genfersee

Das Gebiet Chablais am nordöstlichen Genfersee.

Zum Wein: Ich schenke ein. Hoppla, beinahe habe ich das Gefühl einen Grünen Veltliner im Glas zu haben! Farblich überzeugt der Chasselas. Das schöne Hellgelb ist mit grünen Reflexen durchzogen. Die Nase ist ebenfalls sehr ansprechend. Es riecht nach Lindenblüten und erinnert durch reichlich mineralische Akzente wie Schiefer oder Kreide an manchen Riesling, den ich schon getrunken habe. Im Mund dann die totale Überraschung: Der Weisswein hat ganz leichten Sprudel, ist ungemein würzig, fast schon pfeffrig scharf. Auch hier findet man Ähnlichkeiten zum Grünen Veltliner. In mir erweckt der Wein sofort ein Instant-Kindheitsgefühl. Er erinnert mich an die alljährliche Beerenlese im heimischen Garten. Den Geschmack von frischen Stachelbeeren habe ich seither verinnerlicht. Dieser Wein schmeckt eindeutig danach. Der Abgang ist von mittlerer Länge, sehr trocken und bringt das Säurespiel nochmals deutlich zur Geltung. Als Essenspaarung versuchen wir’s zuerst mit frischem, grünem Rheintaler Spargel an hausgemachter Zitronen-Thymianmayonnaise. Diese Kombination erweist sich eher als suboptimal. Einen Tag später versuchen wir’s mit einer Auswahl halbharter und harter, reifer Käsesorten. Auch diese Paarung empfinde ich persönlich als problematisch. Der Wein hat enorm Druck und Eigengeschmack. Da wird nicht ergänzt, sondern platt gemacht. Ein sanft gegarter Fisch wird wohl am besten dazu passen. Der Waadtländer braucht Platz. So viel ist klar.

Der hier verkostete Johanniter hatte ganz ähnliche Probleme. Auch jener schmeckte an sich sehr gut, war aber schwierig mit Speisen zu kombinieren. Zum Thema Chasselas: Wie gross hier das Spektrum ist, beweist der kürzlich vorgestellte Domaine Martheray, ein Féchy der geschmacklich diametral anders gelagert ist als der „Les Murailles“. Obwohl aus derselben Sorte hergestellt, ist er feiner gegliedert und von der angenehm zurückhaltenden Sorte, besitzt keine derart dominante Schärfe, ist einfach(er) zu kombinieren und nur halb so teuer wie die Badoux-Abfüllung.

Fazit: Obwohl an jeder Ecke eine Echsen-Flasche der Henri Badoux-Kellereien steht, habe ich ein wenig Mühe mit der qualitativen Einordung dieses Westschweizer Traditionsprodukts. Auf der Habenseite steht ein unverfälschter, schön produzierter Weisswein mit regionstypischen Eigenschaften, dem gegenüber stört der hohe Preis, sowie die Schärfe und Würze des Weins, die bestimmt nicht jedermanns Sache ist. Hinzu kommt die eher schwierige Kombinierbarkeit mit allerlei Speisen. Mein Gaumen kann dem anscheinenden Marketing-Hype nicht ganz folgen. Wer jedoch würzig-intensive Weissweine mag, sollte zugreifen. Ich gebe 14 Punkte.

Aigle Les MuraillesPunkte: 14/20
Passt zu: Salzwasser-Fisch mit wenig Eigengeschmack, sehr milden Käsesorten
Preis: ab Fr. 17.- / € 21.80

Den „Les Murailles“ gibt’s zum Beispiel bei Manor, Zweifel, Mövenpick und Coop. Bei Zanolari momentan sogar zum Aktionspreis von Fr. 17.-


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Primitivo, Selezionato per Grands Vins Globus 2009

Kampf dem Januarloch: Teil IV – In der Flimmerkiste läuft endlich mal was Gescheites. Lilyhammer heisst die neue Serie. In dieser tritt Steven Van Zandt, seines Zeichens Gitarrist der E-Street Band, erneut – nach seinem Schauspiel-Debut bei den Sopranos – als Klischee-Mafioso in Erscheinung. Diesmal sogar in der Hauptrolle. Schauplatz ist die ehemalige Olympiastadt Lillehammer. Alles dreht sich also um einen Italiener im Schnee. Das gefällt mir. Nach der Fondue-Exkursion vom letzten Mal, gibt’s darum heute auch eine Bolognese, dazu einen Primitivo. Irgendwie muss man schliesslich auch im verschneiten Jänner ab und zu für etwas südeuropäisches Flair sorgen.

Wir nähern uns langsam aber stetig dem Ende des Monats. Trotzdem bleibe ich auch heute meiner Budgetlinie treu und mache mich auf die Suche nach einem vernünftigen Wein unter zehn Franken. Fündig werde ich im Globus. An einem Donnerstag – es ist Abendverkauf – zwänge ich mich in den kleinen Weinkeller. Da treffe ich auf einen freundlichen Verkäufer und vier weitere Kunden. Es wird eng. Meine Augen schweifen über die Regale. Fast greife ich mir eine Flasche vom herrlichen Quercegobbe. Ein paar Regale weiter finde ich einen Rieussec. Ich meine es war ein 2005er. Ein herrlicher Jahrgang. Die Versuchung ist bei beiden gross.

Zuunterst in den Regalen stehen die billigsten Flaschen. Wie könnte es auch anders sein. Im Regal mit den Italienern sehe ich einen Salice Salentino und eben den Primitivo. Beide kosten gleich viel. Ich entscheide mich für letzteren.

Lilyhammer

Steven van Zandt: Ein Gitarrist spielt Mafia.

Die Flasche fällt auf: Das Design der Etikette erinnert mich ein wenig an die Hefte meiner Grundschulzeit und der Korken ist mit Wachs versiegelt. Sehr speziell. Der Wein ist nur bei Globus erhältlich. Beim vorliegenden Primitivo handelt es sich nämlich um eine Sonderselektion der Brüder Zanolari bzw. ihres Vertriebs Plozza Vini. Die Zanolaris sind eigentlich bekannt für ihre Weine aus dem Veltlin. Der Primitivo stammt aber aus Apulien, also Süditalien. Es handelt sich um einen 2009er. Übrigens ein sehr guter Jahrgang.

Die Bolognese köchelt schon seit zwei Stunden vor sich hin, die Pasta ist ebenfalls fertig.  Der Primitivo, übrigens ein Synonym für Zinfandel, steht bereit. Dekantiert habe ich ihn nicht. Ich schenke ein. Das Essen kann beginnen. Währenddem Steven Van Zandt alias Frank Tagliano in Schneeschuhen über den Schirm stapft, halte ich mein Riechorgan ins Glas: Es riecht erstmal würzig und auch fruchtig. Ich erkenne Paprika, Nelke, Anis, Pfeffer und Sprit, Johannisbeeren und einen fast schon aufdringlichen Barrique-Ton.

Was kann man von einem Neunfrankenneunzig-Wein erwarten, frage ich mich. Nach dem ersten Schluck ist klar: Ziemlich viel.

Ähnlich wie beim Molino, werde ich auch vom Primitivo positiv überrascht. Der Rotwein schmeckt auf Anhieb. Der Italiener ist durchaus vielschichtig. Der Körper hat Saft und ist elegant. Er wirkt nicht hart, nicht sauer, nicht trocken. Es ist ein zarter, feiner und fruchtiger Wein, der zugleich würzige Komponenten integriert. Der Abgang ist ebenfalls sehr interessant. Weich, harmonisch und lange sind hier die passenden Attribute. Der Wein ist zudem süffig und verleidet nicht. Nach einem Teller Pasta trinke ich noch zwei weitere Gläser. Das könnte den ganzen Abend so weiter gehen, das mit dem Trinken. Aber am nächsten Tag muss ich früh raus. Darum wandert die halbvolle Flasche auch in den Kühlschrank. Schade.

Der Primitivo der Brüder Zanolari ist ein grundsolider Wert. Für Fr. 9.90 kriegt man wirklich einen mehr als ordentlichen Wein ins Glas. Wer auf der Suche nach einem Italiener zu Pasta, Pizza oder italienischen Fleischgerichten ist, aber nicht zu viel Bares auf die Theke legen möchte, sollte zugreifen. Ich gebe verdiente 16 Punkte.

Primitivo, Selezionato per Grands Vins Globus 2009

Punkte: 16/20
Passt zu: Pasta, Pizza, Osso bucco
Preis: Fr. 9.90

Kaufen kann man den Primitivo hier