Flaschentester

… schreibt über europäische Weine und verwandte Themen


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Flaschentester goes online

Obwohl ich laut Internet zur Generation der digital immigrants gehöre, erlaube ich mir hin und wieder, meine Zeit zu versurfen. Da mich Traubensäfte interessieren, Öffnungszeiten aber weniger, besuche ich regelmässig auch die Online-Shops der St. Galler Weinhandlungen. Manche mehr, manche weniger oft. Schliesslich sprechen mich nicht alle Netz-Auftritte gleich an. Warum nicht? Lest selbst.

Auch wenn ich immer wieder froh bin, dass es doch noch das eine oder andere Fachgeschäft gibt, in dem man freundlich, persönlich und kompetent bedient wird, durchforste ich auch gerne zu Hause per Browser die Shops um mich auf den nächsten Besuch in einer Weinhandlung vorzubereiten. Ich notiere mir Weine, die mich interessieren, entdecke Aktionen, lese gerne was über die produzierenden Winzer und Weingüter und träume von unerschwinglichen Rothschilds, welche ich mir wenigstens virtuell reinziehen kann. Ab und an bestelle ich auch schon mal was; vor allem dann, wenn ich genau weiss, was ich will.

Jeder Weinhändler, der etwas auf sich hält, ist auch online präsent. Ob der Kunde auch im Internet zur Zufriedenheit bedient wird, möchte ich heute feststellen. Dafür begebe ich mich in’s Testlabor, sprich: Mein Büro. Jede Webseite wird aufgrund von acht Kriterien (siehe unten) bewertet. Dabei stelle ich wohlverstanden nicht die Kompetenz der Händler in Frage. Nein, heute stehen für einmal nicht Traubensäfte, sondern Online-Shops im Mittelpunkt. Bei jedem Kriterium sind maximal zehn Punkte zu holen. Ausser beim Inhalt. Da unter diesem Begriff viele verschiedene Angaben subsumiert sind, können die Händler hier satte 23 Punkte holen. Insgesamt ist eine Gesamtpunktzahl von 83 Punkten möglich. Als Referenz muss der Aargauer Weinhändler und Bordeaux-Spezialist Gerstl herhalten. Immerhin hat dessen Seite einen Bronze-Award beim Best of Swiss Web 2012 gewonnen. Diese Bewertung kann ich absolut nachvollziehen. Gerstl’s Webseite gehört zu den besten der Schweizer Weinhändler.

Die Kriterien im Einzelnen:

  1. Aktualität: Enthält die Page Infos zu aktuellen Produkten, Aktionen, Degustationen etc. ?
  2. Orthographie: Kann ich mich auch ohne virtuellen Rotschift durch den Shop bewegen?
  3. Design: Spricht mich die Seite grafisch an?
  4. Übersichtlichkeit: Sind die Dinge da, wo sie hingehören?
  5. Navigation: Ist die Menu-Führung einleuchtend und intuitiv?
  6. Qualität der Suchfunktion: Finde ich, was ich suche?
  7. Bestellfunktion: Kann ich schnell und unkompliziert bestellen?
  8. Inhalt: Wie umfassend und aussagekräftig ist der Informationsgehalt (Jahrgang, Herkunft, Essenspaarung, usw.) ?

And the winner is…

Händler

Punktzahl

Stärken

Schwächen

Gerstl

81

Gesamter Auftritt

keine

Martel

76

Inhalt

Übersichtlichkeit

Delinat

74

Inhalt

Übersichtlichkeit

Romanin

73

Inhalt

Suchfunktion

Mövenpick

73

Übersichtlichkeit

Design

Coop

66

Suchfunktion

Übersichtlichkeit

Manor

65

Übersichtlichkeit

Navigation

Denner

64

Suchfunktion

Design

Globus

64

Aktualität

Suchfunktion

Caratello

58

Aktualität

Navigation, Design, Suchfunktion

Wy zum Turm

55

Aktualität

Design und Inhalt

Lanz

49

Persönliche Note

Aktualität, Sprache, Übersichtlichkeit, Suchfunktion

Gewonnen hat nach Punkten ganz klar Martel. Sein Auftritt ist frisch, aktuell und visuell sehr ansprechend. Der Zweitplatzierte – Delinat – liefert hingegen die umfassendsten Informationen. Da findet sich wirklich alles, was das Konsumentenherz begehrt: Infos zu den Winzern, Rebbergen, Degustationsnotizen, Essenspaarungen und sogar Angaben zum Restzuckergehalt der Weine. Auch Romanin ist inhaltlich auf Top-Level. Einzig die Aufmachung und die teils verwirrenden Angaben, zum Beispiel bei den Bordeaux, sind weniger schön. Da findet man einen Château Moulin du Cadet nicht unter seinem Namen, sondern als St.-Emilion Grand Cru Classé AOC 2004. Umgekehrt wäre logischer, bitte nachbessern.

Das Auswahlsystem von Coop.

Ein Auswahlsystem wird nicht nur von Coop benutzt.

Mit einer Ausnahme haben alle Online-Shops erfreulicherweise eine Gemeinsamkeit: Sie werden in der Regel laufend aktualisiert. Die Häufigkeit der Aktualisierungen ist jedoch sehr unterschiedlich. Ohne das buchhalterisch überprüft zu haben, glänzen hier meiner Meinung nach vor allem die Supermärkte. Das grösste Spektrum findet man hingegen beim Design. Caratellos Seite wirkt wie ein 90er-Jahre-Relikt, Lanz‘ Auftritt ähnelt einem Wühltisch und die Seiten von Wy zum Turm und Romanin sind schlicht altbacken und klobig in der Aufmachung. Vorbildlich hingegen ist Mövenpick, dessen Seite mir sehr gut gefällt. Grosse Unterschiede gibt’s aber auch bei den Angaben zu den einzelnen Weinen. Die Bio-Händler haben – wie erwähnt – beim Informationsgehalt eindeutig die Nase vorne. Ob man die Analyse-Daten jedes Weins wirklich braucht ist fraglich, spannend ist es aber allemal. Auch Caratello ist inhaltlich stark, die Discounter enttäuschen hingegen. Die Schlusslichter unter letzteren bilden Denner und Manor. Bei diesen findet man nur rudimentäre Angaben zu den Weinen. Bei den Suchfunktionen haben sich die meisten Händler für ein Auswahl- bzw. Reduktionssystem entschieden. So zum Beispiel auch Coop. Das funktioniert in der Regel ganz ordentlich und man kommt schnell an’s Ziel. Die eigentliche Suchfunktion ist bei vielen aber schlicht nicht zu gebrauchen. So auch nicht bei Globus und Mövenpick. Die Bandbreite der angezeigten Resultate ist einfach zu gross, um schnell was finden zu können.

Weinhändler und Kunde: Mehr und mehr auch digital verbunden? Na ja, je nachdem.

Weinhändler im Internet: Wird man auch online gut bedient? Na ja, je nachdem.

Der klare Verlierer des Tests ist der Auftritt von Lanz. Gerade weil man im Geschäft an der Hinterlauben 15 so nett bedient wird, schmerzt das Resultat von 49 Punkten umso mehr. Aber wie man es auch dreht und wendet: Dieser Web-Auftritt ist schlicht und einfach chaotisch, und zwar von A bis Z. Da nützt das beste Sortiment nichts. Schon beim Anblick der Startseite ist man total überfordert. Zu viele unnötige Informationen tummeln sich da amateurhaft zusammengestellt auf meinem Schirm. Beim ersten Zugriff ist mir nicht einmal klar, ob ich bei einer Weinhandlung, einem Catering-Service, einem YouTube-Ableger, oder einem privaten Blog gelandet bin. Ich finde die Idee, eine persönliche Note reinzubringen, grundsätzlich ja schön, hier ist es aber zu viel des Guten. Sprachlich (Orthographie/Stil) lässt der Shop stellenweise ebenfalls Einiges zu wünschen übrig. Zum Thema Aktualität nur so viel: Beim letzten Zugriff am 9. Dezember finde ich auf der Seite immer noch einen Werbebanner für die Basler Weinmesse, welche vor mehr als einem Monat, nämlich am 3. November, zu Ende ging. Selbst unter dem Menupunkt Events findet man nur ein Archiv, aber keine aktuellen, oder geplanten Anlässe. Auch inhaltlich gibt es Verbesserungsvorschläge: Anmerkungen zu Winzern, mit denen man in Zukunft – aus welchen Gründen auch immer – nicht mehr zusammenarbeiten möchte, interessieren mich als Konsumenten jedenfalls nicht. Diese wirken eher befremdend. Zudem ist für mich bei den wenigsten Weinen der Winzer, oder das Weingut ersichtlich. Schade, aber diese Info gehört einfach dazu, denn jedesmal das Bild der Flasche anzuklicken und den Namen des Weinguts anhand – eines zum Teil unleserlichen – Etiketts zu entziffern, ist nicht gerade prickelnd. Alles in allem hat die Seite durchaus Potenzial, müsste aber dringend von Grund auf überarbeitet und regelmässig aktualisiert werden. Weniger wäre mehr! Definitiv. Der Kunde würde es danken, der Umsatz eventuell auch.

Für alle, welche die Bewertung nachvollziehen wollen, empfehle ich einen Besuch der besprochenen Seiten und den Download der ausführlichen Tabelle mit Punktevergaben nach Kategorien.

Viel Spass beim Surfen!

Flaschentester


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Rocca Rubia Carignano Riserva DOC 2009

Ich versuche mir gute Weine einzuprägen, mir wenigstens ihre Namen zu merken. Allzu oft bleibt’s aber beim Versuch und die Erinnerung schmilzt dahin, wie ein Eis an der Sonne…

Zum Glück hat man Freunde. Einer hat mich vor längerer Zeit darauf aufmerksam gemacht, dass der Rocca Rubia beim Wy zum Turm zum Aktionspreis angeboten wird. Einige Zeit vergeht und ich erinnere mich wieder daran. Natürlich steht der Rocca bei Zweifel nicht mehr im Schaufenster und auch die Aktion ist längst vorbei. Trotzdem betrete ich das Geschäft, denn dieser Wein hat mir letztes Mal sehr gut geschmeckt. Ich meine, es war in der Stickerei, oder in der Foccaceria. Vielleicht auch sonst in einem der unzähligen St. Galler Restaurants, als ich ihn das erste Mal getrunken habe. Egal, Hauptsache gut war er. Also, ich steh im Laden und frage nach dem Rocca. Zuvor habe ich mich kurz in Zweifels Online-Shop schlau gemacht. Die Traubensorte, aus dem der Rocca vinifiziert wurde, nennt sich Carignano. Der Wein stammt aus Sardinien. Den Rocca gibt’s auch als kleine 37.5er Flasche. “Davon hätte ich gerne zwei”, sage ich. Die sympathische Verkäuferin muss in den Keller. Freundlich frage ich, ob ich diesen auch mal sehen dürfe. Sie ist einverstanden und ich gehe mit nach unten. Eindrücklich! Oben eine Ladenfläche, welche kaum mehr als drei Personen Platz bietet und unten dann das: Ein wunderschöner, grosszügiger Weinkeller. Feinsäuberlich sortiert, schlicht beeindruckend. Ein richtiges Schmuckstück. Sie nimmt zwei Flaschen aus dem Regal und wir gehen wieder zurück nach oben. Ich bezahle und nach kurzem Smalltalk verabschiede ich mich.

Heute ist es soweit. Es gibt Lasagne alla casalinga. Die Flasche habe ich in weiser Voraussicht schon mal eine Stunde vorher geöffnet. Ich schenke ein und muss zugeben, dass die Erwartungshaltung vor dem ersten Schluck gross ist. Schliesslich habe ich den Rocca Rubia in sehr guter Erinnerung. – Hä? Da stimmt doch was nicht. Korkgeschmack ist es nicht. Aber der Wein schmeckt verschlossen, zu, eng, macht pelzig im Mund. Meine Degustationspartnerin meint dasselbe. Liegt’s an der Temperatur, an der Flaschengrösse, an unserer Tagesform? Oder hat mir mein Gedächtnis wieder einmal einen Streich gespielt?

Mich trifft ein Geistesblitz: Dekantieren könnte was bringen. – Also, auf geht’s, wir versuchen’s! Zwei Minuten später ist der Rocca in der Karaffe. Wir lassen ihm nochmals etwas Zeit. Ich schenke erneut ein. Vorsichtig nehme ich einen Schluck. Jaaa, so schmeckt er! Unglaublich, der Unterschied zu vorher! Wirklich unglaublich!

Ich beginne sofort innerlich zusammenzufassen. Das Auge sagt: Dunkelstes Purpur, kaum ein Durchblicken möglich. Die Nase meldet: Intensivstes Zwetschgenaroma, Holz, Zimt, weitere Beeren, hoher Alkoholanteil. Im Mund dann: Schwer, satt, voll, rund, schön, erschlagend. Davon kann man keine Flasche mal eben so trinken. Wenigstens ich nicht. Dafür ist der Alkoholgehalt zu hoch. – Laut Etikett bringt der Rocca nämlich stattliche 14 Prozent auf die Waage.

Fazit

Insgesamt ist der Rocca Rubia ein unkomplizierter, geschliffener Wein, der gleich beim ersten Schluck schon mächtig Eindruck macht. Mir gefällt das. Nicht immer, aber von Zeit zu Zeit. Daher: Daumen hoch und 17 Punkte.

Zu kaufen gibt es ihn hier

Rocca Rubia Carignano Riserva DOC, 2009

Punke: 17/20
Passt zu: Fleisch (Braten, Wild), Pasta mit Fleischsauce
Preis: Fr. 23.40 / 7.5 dl bzw. Fr. 15.60 / 37.5 cl

P.S. Scheinbar gibt der Rocca Rubia bzw. Denner momentan Anlass zu Diskussionen