Flaschentester

… schreibt über europäische Weine und verwandte Themen


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Was zu pechern: Château Pech-Latt, Grande Réserve, Corbières 2012

Bio = teuer. Seitdem Bio-Produkte salonfähig geworden sind, hat sich diese Formel in den Köpfen vieler Konsumenten eingebrannt, wie ein heisses Eisen in einen texanischen Pferdehintern. Dass das Bild vom teuren Biowein so gar nicht mehr stimmt, ist auch in Flaschentesters Trinklabor mehrmals klargestellt worden.

Selbst die meisten Grossverteiler scheinen den Ruf nach geniess- und bezahlbaren Bioweinen schon länger erhört zu haben. Ihr wollt Beweise: Vor kurzem stolpere ich in Basel über einen sehr trinkbaren Franzosen. Der Preis erstaunt, der Geschmack ebenfalls. Zurück in der Ostschweizer Metropole mache ich mich auf den Weg zum Coop-City. Und da steht er sogar im Regal, der Pech-Latt. Es ist ein niedliches, kleines Fläschchen. Auf der Kapsel der Naturaplan-Schriftzug. Der Preis ist ebenfalls klein. Sehr klein sogar. Gerade mal Fünf-Fünfundneunzig kostet das Kleinflaschenformat des Bio-Franzosen. Meinen Geldbeutel freut’s. Schliesslich kann auch Flaschentester nicht jeden Tag teures französisches Gesöff in die Einkaufstüte packen.

Château Pech-Latt

Das Weingut gehört bereits seit Anfang der 90er Jahre zum Kreis der Südfranzösischen Bio-Betriebe. Die Umstellung auf Öko erfolgte unter der Regie des legendären Winzerführers Jean Vialade. Kurze Zeit später übernahm der damals noch junge Önologe Philippe Matthias die Führung und baute das Gut zu einer grossen und modernen Produktionsstätte aus. Eine Finanzspritze des burgundischen Winzers Louis Max ermöglichte zudem die Modernisierung des Kellers. Von da an ging’s weiter bergauf.

Jean Vialade

Bio-Attitüde im Gesicht? Jean Vialade.

Wir befinden uns in den Corbières. Das Gebiet, welches zum Languedoc gehört, erzeugt unterdessen etwa ein Prozent der Gesamtproduktion Frankreichs. Die Weine hier werden besser und besser. Es ist eines der aufstrebenden Gebiete des Landes. Die Weinberge des Guts liegen direkt am Fuss des Berges Alaric. Die Trauben werden von Hand gelesen. Für die Rotweine wird nur voll ausgereiftes Lesegut verarbeitet. So weit der Werbetext. Klingt gut. Mal sehen, ob sich das in der Qualität niederschlägt.

Der Pech-Latt ist eine Rotwein-Cuvée aus Carignan, Grenache und Syrah. Nachdem ich eingeschenkt habe, nehme ich einen ersten Schluck. Bah! Viel zu warm, das Ding muss sofort nach draussen, in den Naturkühlschrank. So viel Bio muss sein. Schliesslich ist es Winter, und Flaschentesters Balkon bietet die ideale Umgebung um den Roten schnell einige Grade runterzukühlen. Dekantiert habe ich den Wein nicht. Ist auch nicht nötig. Der Franzose ist entkorkt sofort trinkbereit. Schön. Einige Minuten vergehen. Zweiter Versuch: Ja, jetzt ist er temperaturmässig da wo er sein soll. Rubinrot liegt er im Glas, mit violetten Reflexen am Rand und farblich sehr dicht im Zentrum. Ich vermute mal das Grenache vor allem als Farbgeber beigegeben worden ist. Hauptzutat ist und bleibt regionstypisch Carignan.

Die Nase ist unglaublich intensiv. So unglaublich, dass sich der Duft weit über das Glas hinaus im Raum entfaltet. Es ist vor allem Cassis, aber auch enorm schwere, süssliche Noten von Pflaumen, dunklen Beeren, dann Teer, Vanille und Erde die sich zu einem olfaktorischen Erlebnis vermengen. Leider verflüchtigt sich das Bouquet kurz nach Flaschenöffnung merklich. Schade.

Philippe Matthias

Philippe Matthias.

Auch im Mund gefällt der Bio-Wein. Trotz mittelgewichtigem Körper schmeckt der Rotwein vollmundig. Ein Kräuterszenario drängt sich nach vorne: Waldpilze, Rosmarin und Moos kann ich erkennen. Der Abgang ist von ordentlicher Länge, der Nachhall dann etwas kühl, auch etwas sauer und ein ganz klein wenig sperrig – holzig. Die Tannine sind noch deutlich vorhanden. Der relativ hohe Alkoholgehalt von vierzehn Prozent macht sich überraschenderweise nicht weiter negativ bemerkbar. Weder trübt er den Gesamteindruck, noch den nächsten Morgen.

Der Südfranzose zeigt einmal mehr zwei Dinge auf: Erstens muss Bio-Wein nicht teuer sein, zweitens kriegt man auch zu diesem Preis einen schönen Rotwein ins Glas, der durch Charakter und Individualität besticht. Das Preis-Leistungsverhältnis ist ausserordentlich, der Wein übrigens auch für Veganer geeignet. Ich gebe 17 Punkte. J’ai fini.

Pech-Latt

Punkte: 17/20
Passt zu: Eintöpfen, herzhaften Fleischgerichten
Preis: Fr. 10.90

Den Pech-Latt Grande Réserve gibt’s bei Coop, andere Flaschen desselben Winzers zum Beispiel bei Probiowein/Deutschland.

 

 

 

 

P.S. Auf der Flasche steht „Enthält Sulfite“. Erst vor kurzem flatterte einigen Bio-Jüngern deswegen scheinbar recht heftig das Nervengewand. Bio-Wein und Schwefel! Das geht gar nicht! – Doch, doch das geht. Denn auch bei Bio-Weinen kommt dieser zum Einsatz. Denn Schwefel macht Wein haltbar. Und dafür gibt’s bis heute keinen adäquaten Ersatz. Zwar enthalten Bio-Weine meistens viel geringere Mengen an Sulfit – üblicherweise höchstens zwei Drittel der gesetzlich vorgeschriebenen Höchstmenge – dennoch kommen auch diese nicht ohne den wichtigen Zusatzstoff aus. Punkt.

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Ein Kommentar

Château Segonzac – Heritage 2006

Cahuzac, Sarkozy, Dépardieu: Als ob Frankreich nicht schon an personellen Problemfällen gesättigt wäre, beschliessen gewisse prominente Weinkreise des Landes Anfang dieses Jahres einen Frontalangriff auf französischen Biowein. Daraufhin gönne ich mir – etwas nachdenklich – ein Glas eines 06ers aus dem Bordelais. So viel vorsätzliche Böswilligkeit will schliesslich erst einmal weggespült werden.

Auf Anfang: Scharf geschossen wird im Januar von zwei erklärten Bio-Opponenten: Den Weinkritikern Michel Bettane und Thierry Desseauve. Die beiden veröffentlichen im französischen Magazin Terre de Vins einen Artikel, in dem sie zum Schluss kommen, dass Biowein „insgesamt eine Utopie sei“. Es handle sich dabei sogar um organisierten Betrug, wenn sich hinter diesen Produkten die Begriffe „natürlich“ oder „authentisch“ verbergen würden. Diese und ähnliche Meinungen vertreten sie neben dem Artikel auch auf ihren Blogs. Hauptsache der französische Biowein wird schön gemächlich und in aller Öffentlichkeit in die Pfanne gehauen. Brisant an der Sache: Bettane und Desseauve sind in der französischen Weinszene keine Unbekannten, sondern die Herausgeber des überaus populären Weinführers Grand Guide des vins de France 2012. Also zwei Autoritäten ihres Fachs, gewissermassen die etwas kleiner geratenen Hugh Johnsons oder Robert Parkers von Frankreich.

Eine Reaktion auf die Vorwürfe lässt nicht lange auf sich warten. Alain Réaut, Leiter der französischen Vereinigung der Biowinzer, antwortet auf die schriftliche Kriegserklärung der beiden Meinungsmacher mit einem offenen Brief. Darin hält er in erster Linie fest, dass für Biowein ein rechtlicher Rahmen existiert. Bio ist weder Utopie, noch Täuschung oder Hokuspokus. So Réaut sinngemäss. Die Verwendung des Begriffs sei genauso an nationale und europäische Standards gebunden und werde genauso staatlich überwacht, wie die Kategorien AOC, AOP, IGP oder STG. Zudem kommen bei der Produktion französischer Bioweine einzig Schwefel, Kupfer und Kalk zum Einsatz. Herbizide, Kunstdünger und synthetische Pestizide würden nicht verwendet werden. So viel zum Begriff natürlich. Bio stehe in erster Linie für die Einhaltung von Produktionsnormen. Dass Bioweine grundsätzlich besser schmecken würden, als herkömmlich produzierte Weine, werde nicht behauptet und der Konsument folgerichtig auch nicht getäuscht.

FrankreichsProblemfälle

Frankreichs Unruhestifter: Gerard Dépardieu, Nicolas Sarkozy, Michel Bettane und Jérôme Cahuzac (v.l.n.r.)

Ironie der Geschichte: Just am 21. Februar veröffentlicht das Online-Portal Yoopress die Meldung, dass die bei französischen Weinen ermittelten Pestizidwerte besorgniserregend seien. Vor allem die Tatsache, dass neunzig Prozent aller getesteten Weine Pestizidrückstände aufweisen, hallt durch ganz Europa. Da hat sich eine ganze Industrie samt ihrer Verfechter für einmal wohl selber in den Fuss geschossen. Ich lehne mich – nicht ganz ohne Schadenfreude – zurück und trinke einen staatlich verifizierten und garantiert pestizidfreien Bio-Franzosen vom Rive Droite, welcher mir kürzlich von einem guten Bekannten als Präsent überreicht worden ist.

Glücklicherweise mehren sich den Unkenrufen von Bettane und Desseauve zum Trotz, auch rund um Bordeaux die Bio-Winzer: Bel-Air la Royère, Fonroque, Peyrou, Clos Plince, Moulin du Cadet, Gombaude-Guillot und Pontet-Canet sind nur einige der Châteaux, welche ohne künstliche Wundermittelchen qualitativ hochwertige Weine auf stetem Niveau produzieren. Auch in der bisher von Weintrinkern- und Journalisten eher stiefmütterlich behandelten Region Premières-côtes-de-blaye am nordöstlichen Ufer der Gironde werden Bioweine produziert. Zum Beispiel auf Château Segonzac. Das Gut liegt fünfzig Kilometer nördlich von Bordeaux, nahe des Städtchens Blaye. Gegründet bzw. gebaut wurde es bereits 1887 von einem ehemaligen Agrarminister Frankreichs – Jean Dupuy. Etwas mehr als hundert Jahre später übernahm schliesslich der Schweizer Jacques Marmet das Weingut. Heute leiten seine jüngste Tochter Charlotte Herter-Marmet und ihr Mann Thomas den Betrieb. Nach diversen Modernisierungen wurde der Betrieb schliesslich auf biologischen Anbau umgestellt. Die Gesamtfläche beträgt fünfzig Hektar, wovon siebzehn dazugepachtet werden. Neben zwei Weissweinen und einem Sekt, wird in unseren Breitengraden vor allem den Rotweinen des Guts je länger, je mehr Beachtung geschenkt. Auch der deutsche Weinblogger Dirk Würz stiess 2011 bei seiner Suche nach bezahlbaren Bordeaux auf eine Flasche der Marmets.

Vor mir steht heute ein 2006er Château Segonzac Heritage auf dem Tisch. Es handelt sich um einen Cru Bourgeois. Auf der Flasche steht Bordeaux Supérieur, ein Hinweis auf die Appellation. Der Wein hat 13.5 Volumenprozent. Gekeltert wurde er aus Cabernet Sauvignon und Merlot. Die Selektion ergab einen Ertrag von vierzig Hektolitern pro Hektar, die Trauben wurden teils maschinell, teils von Hand gelesen. Das für den Heritage verwendete Material variiert jedoch von Jahr zu Jahr. So ist zum Beispiel der 2007er ein sortenreiner Malbec, zwei Jahre später kam stattdessen Petit Verdot zum Einsatz. Ausgebaut wurde der 2006er während achtzehn Monaten in Barriquen von mittlerer Toastung.

Segonzac

Château Segonzac im Winter

Beim Einschenken sticht sofort das wunderschön dichte Dunkelviolett ins Auge. Man sieht nicht durchs Glas hindurch. Der Wein riecht gut. Vor allem der hohe Merlot-Anteil macht sich positiv bemerkbar. Dazu gesellt sich der Duft von Laub, Heu und Veilchen. Ich lasse dem Wein ein wenig Zeit. Schliesslich probiere ich. Am Gaumen identifiziere ich Lakritze, und Pflaume. Auch der wohl dosierte Barrique-Einsatz hinterlässt seine holzig-röstigen Noten. Der Wein schmeckt auf Anhieb sehr feingliedrig und elegant. Die jugendliche Frucht hat er sich trotz seiner sieben Jahre Reifezeit erhalten. Auch im Mund schmeichelt der Merlot. Die Säure ist zunächst noch etwas dominant, die Tannine sind ebenfalls deutlich vorhanden und noch etwas sperrig. Frucht und Würze halten sich ungefähr die Waage, wobei letztere leicht überwiegt. Pilz- und Laubnoten runden das Geschmacksspektrum ab. Trotz seiner hohen Adstringenz entbehrt der Bordeaux nicht einer gefährlichen Süffigkeit. Der Abgang ist fruchtig, sogar leicht süsslich. Der Wein zeigt hier Schmelz. Erstaunlicherweise viel mehr als am Gaumen.

Die Flasche steht einige Stunden im etwas kühleren Arbeitszimmer. Am späten Abend, schenke ich mir erneut ein Glas ein. Der Wein ist nun runder, weicher und intensiver. Säure und Tannine sind weit weniger aufdringlich als noch vor einigen Stunden. Der Franzose macht jetzt bedeutend mehr Spass. Einen Tag später dann das letzte Glas: Der Wein hat seinen Zenit erreicht und ist kurz davor ihn zu überschreiten. Trotzdem: Diese Flasche kann man definitiv über Nacht aufbewahren. Bei uns verbrachte sie die Nacht vakuumiert im Kühlschrank. Geschadet hat’s dem Wein nicht. Im Gegenteil, der Heritage bot uns am Folgetag eine Geschmacksfacette mehr. Wer hätte das gedacht?

Fazit: Der Rotwein aus dem Hause Segonzac zeigt, dass auch die Châteaux der Premières-côtes-de-blaye grosses Potenzial haben. Er überzeugt durch Ausgewogenheit und eine sehr feine Struktur. Es ist kein Wein, der protzt. Füllige Boliden muss man in anderen Appellationen suchen. Marmets Heritage ist ein Wein für Finessentrinker und Liebhaber leichterer Bordeaux. Ausserdem mag er Luft und eine entsprechend lange Vorlaufszeit. Mich hat er überzeugt. Ich gebe 17 Punkte.

 

Chateau-Segonzac

Punkte: 17/20
Passt zu: Fleischgerichten
Preis: Fr. 24.90

Weine des Château Segonzacs kriegt man bei Zweifel – Wy zum Turm oder videli.de


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El Molino 2011

Kampf dem Januarloch: Teil III – Nach dem Riesling-Abenteuer vom letzten Mal gehts heute um einen Rotwein. Die Budgetvorgabe gilt nach wie vor: Mehr als zehn Franken liegen nicht drin. Schliesslich ist’s Januar und Ebbe im Geldbeutel. Vermutlich ist deshalb der Jänner schon in Urzeiten zum Beginn der okzidentalen Fastenzeit erklärt worden. Beweisen kann ich’s nicht, Mutmassen aber schon.

Meine Januarloch-Tour führt mich heute zu Delinat. Der Naturweinhändler hat seit Jahren einen spanischen Roten im Angebot, der sich ziemlich schnell zum Verkaufsschlager gemausert hat. Liest man sich die Kommentare im Online-Shop durch, sind sich die Konsumenten einig: Der El Molino macht was her. Preislich und qualitativ. Das klingt im Originalwortlaut dann so:

„Ein prima Alltagswein, den man aber auch Gästen offerieren kann.“

„Ich finde, dieser Wein ist hinsichtlich Geschmacksfülle und Preis immer einen Kauf Wert. Man möchte und kann ja nicht ständig teure Weine kaufen…“

„Ein klarer einfacher Wein. Schön zu alltäglichen Dingen.“

Das erste Mal ist mir der Molino in einem Wiler Restaurant aufgefallen. Nach einer hitzigen Debatte über die Qualität von Bio-Wein, bestellte dort nämlich einer der Diskussionspartner eine Flasche des El Molinos. Meine jugendlichen Vorbehalte gegenüber preiswerten Naturweinen wurden mit dem ersten Schluck vom Tisch gefegt. Bis zu diesem Tag war ich mir nur von Naturweinen ab zwanzig Franken aufwärts trinkbare Qualitäten gewohnt. Der Naturwein aus La Mancha belehrte mich eines besseren.

Es gibt Fusilli alle Cinque Pi. Für mich ein typisches Alltagsgericht, wenn man abends Kohldampf hat, aber kräftemässig total auf dem Zahnfleisch geht. Es ist schnell zubereitet, die Zutaten sind meistens sowieso vorhanden und es schmeckt. Punkt. Hungrig und etwas müde stehe ich also eines Abends in der Küche. Den Molino habe ich schon mal geöffnet, ein Glas steht neben dem Herd. Während die Pasta so vor sich hinköchelt, nehme ich einen ersten Schluck. Ui, der schmeckt aber gut. Leicht euphorisch gestimmt nehme ich ihn etwas genauer ihn Augenschein.

Windmühle

El Molino: Hurra, ein Naturwein, der das Budget schont und dennoch schmeckt!

Im Glas scheint er Purpurrot mit beinahe schwarzem Kern. Aus dem Glas strömen mir fruchtige Noten entgegen: Etwas Kirsche und vor allem reife Pflaume kann ich erkennen. Ergänzt wird das Fruchtspektrum durch Vanille und Lakritze. – Winterdesserts erscheinen vor dem geistigen Auge. Auch im Mund macht sich eine schöne Fruchtigkeit breit. Habe ich erwähnt, dass es sich um einen Tempranillo handelt? Der Körper ist geradezu fleischig, gleichzeitig aber von leichter Struktur. Die Tannine sind weich, dennoch macht sich im Mund eine leichte Pelzigkeit breit. Mich stört sie aber nicht. Der kurze Abgang gefällt ebenfalls, Neues bringt er jedoch nicht zu Tage.

Delinats Kunden behalten Recht: Der El Molino ist ein geradliniger, angenehmer Bio-Wein von einfacher Struktur. Kein Protz, aber auch kein Prolet. Er positioniert sich irgendwo dazwischen, und das macht er sehr gut. Zur Pasta mundet der Spanier jedenfalls. Er bringt ansprechende Qualität ins Glas und ist dabei gleichzeitig unglaublich preiswert. Wäre ich für die Preisgestaltung verantwortlich, würde er mindestens das Doppelte kosten. Dieser Rotwein wird meiner Meinung nach völlig unter Wert verkauft. Schliesslich ist er Genusswein, Hauswein und sortenreiner Naturwein zugleich. Für manche ein weiterer Pluspunkt: Er wurde vegan produziert. Und auch als ordentlicher Kochwein kann er mühelos herhalten. Alles in allem hat er mich überzeugt. Ich gebe 16 Punkte.

ElMolino2011Punkte: 16/20
Passt zu: Pasta, mediterraner Fleischküche
Preis: Fr. 7.80/75cl (auch als 50cl-Flasche erhältlich)

Kaufen kann man den El Molino hier


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Vinha da Malhada 2009

Rückblick: Wir schreiben den ersten Dezember 2012. Der Schnee wurde gestern zu Matsch und über Nacht dann zu Eis. Trotzdem entscheide ich mich für die Nordost-Route. Und das, obwohl ich für die ungeheure Strecke von 403 Metern Luftlinie kurzfristig keinen Hundeschlitten auftreiben konnte. Warm eingepackt und etwas widerwillig mache ich mich auf den Weg zu Romanin. Versprochen ist schliesslich versprochen.

Nach fünf Minuten Fussmarsch erreiche ich mein Ziel, die Bogenstrasse 7b. Es hat etwas von einer Weihnachtsgeschichte. Schliesslich ist einzig hinter Romanins Türen Licht im dunklen Hinterhof zu erkennen. Ich trete ein. Zugegeben, etwas erschrocken bin ich schon, als ich inmitten des Weinlagers stehe: Kartons und Kisten türmen sich bis zur Decke. Es ist leicht chaotisch und unaufgeräumt und inmitten der Weinflaschen und Pakete sind zwei Angestellte emsig am werkeln. Wahrscheinlich bereiten sie tonnenweise Päckli für den Versand vor – denke ich mir. Schliesslich ist bald Weihnachten.

Romanin

„Doch, doch, sie sind hier schon richtig.“

Ich packe meinen Zettel aus und frage nach zwei Flaschen. Einem sehr schönen Sekt-Getränk und dem Vinha da Malhhada. Die eine Lady führt mich zu einem weiteren, etwas kleineren Raum. Hier wirkt alles ordentlich. Es ist der eigentliche Geschäftsraum. Alle Weine sind feinsäuberlich ausgestellt, die Regale mit Landesnamen gekennzeichnet und die Flaschen mit einem zusätzlichen Etikett jeweils genauer beschrieben. Die Verkäuferin holt mir die zwei Flaschen aus einem Nebenraum, wir plaudern währenddem ein wenig. Sie betont, dass auf telefonische Anfrage das Geschäft auch an anderen Tagen geöffnet werde. Meistens sei sowieso jemand da, meint sie*.

Noch fünf Stunden bis zum Weltuntergang: Der Malhada steht bereit. Er stammt von der Quinta do Motalto. Diese liegt in einem kleinen Nest namens Olival. Gerade mal 5’800 Seelen zählt das Dorf, welches süd-südöstlich von Porto liegt. Der Cuvée wird dort aus vier verschiedenen Traubensorten vegan hergestellt: Tinta Roriz, Baga, Touriga Nacional und Alicante Bouchet. Tinta Roriz ist ein Synonym für Tempranillo. Laut Romanins Webseite soll der portugiesische Rotwein leicht und süffig sein. Die Spannung steigt.

Als Essenspaarung entscheiden sich meine Degustationspartnerin und ich für ein kurzgebratenes Lammnierstück, frittierte Auberginen mit Rosmarin-Wurzelgemüse und Weissbrot. Dekantiert wartet der Portugiese 90 Minuten brav in der Karaffe. Dann schenke ich ein. Im Glas zeigt er sich schwarzrot. Die Nase ist durchaus angenehm und vielseitig, will heissen: Cassis, Pflaume, Leder, Stall, Nelke, Rosmarin. Das mit der Süffigkeit kann ich bedingt nachvollziehen. Im Mund ist der Wein erstmal kantig und rau. Positiv ausgedrückt, hat er Charakter. Schluckt man ihn schnell, verlässt er den Gaumen mit einer pflaumigen – süffigen – Süsse. Lässt man sich hingegen Zeit, ist die Säure für meine Eichung hart an der Grenze, für viele ist sie bestimmt einfach zu dominant. Die Frucht hat arg um ihre Position zu kämpfen. Wie bei Romanin beschrieben ist er tatsächlich sehr trocken und leicht. Der Abgang ist von mittlerer Länge.

Der Vinha da Malhada ist ein rudimentärer Traubensaft. Ein einfacher Tischwein für einfache Gerichte. Er macht es mir nicht leicht mit der Bewertung. Würde ich mir diesen Rotwein nochmals kaufen? Nein, wohl eher nicht. Der letzte Portugiese hat mir weitaus besser geschmeckt. Für den Naturwein hat sich der Weg durch die Schneelandschaft aber nur mässig gelohnt. Er ist einfach zu kantig und zu sperrig. Ausser man bechert ihn in schnellen Zügen. Momentan bin ich aber eher gemächlich unterwegs. Ich gebe darum 13 Punkte.

VinhaDaMalhada2009

Punkte: 13/20
Passt zu: Lamm, herzhaften vegetarischen Gerichten, Oliven und Weissbrot
Preis: Fr. 12.50

*P.S. Romanin hat jeweils nur am ersten Samstag des Monats geöffnet.


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Domaine La Capitaine Johanniter 2011

Nach der Erkenntnis, dass ich die diesjährigen Spitzenweine des Grand Prix du Vin Suisse nirgends in der Stadt auftreiben kann, entscheide ich mich einen Weisswein zu kaufen, der letztes Jahr das Siegerpodest in der Kategorie Bio-Wein erklommen hat. Die Rede ist vom Westschweizer Johanniter aus der Domaine La Capitaine.

Aufmerksam werde ich auf den Johanniter in der blauen Flasche, als ich lese, dass er am GPDVS bereits dreimal in Folge zum besten Bio-Wein der Schweiz gekürt worden ist. Dabei stammt der vegan erzeugte Wein aus einer Region, welche vor allem für Chasselas bekannt ist. Trotzdem wagte der Waadtländer Winzer Reynald Parmelin das Experiment mit der seltenen Rebsorte. Beim Johanniter handelt es sich um eine relativ junge Züchtung aus dem Jahr 1968. Um eine höhere Resistenz gegenüber Pilzkrankheiten zu erreichen, wurden damals Riesling, Ruländer, Gutedel und Seyve-Villard gekreuzt. Mit Erfolg, so viel steht fest.

Die Nase erinnert ein wenig an einen leichten, nicht allzu süssen Dessertwein: Pfirsich, Ananas, weisser Pfeffer, Erde, reife Früchte. Nach einem ersten Schluck bin ich relativ perplex. Wie soll man das beschreiben? Der erste Eindruck ist etwas süsslich, lieblich. Gleichzeitig vermischen sich unglaublich viele verschiedene Facetten. Eine farbenfrohe Palette an Geschmäckern breitet sich im Mund aus. Es scheint als ob eine erste blumige Dimension durch eine zweite, komplexere abgelöst wird, bevor sich dann – quasi zum Finale – eine fruchtige Süsse ausbreitet. Es ist ein wahrer Bazar an Geschmäckern. Pfirsich, Honig, Holunder, Grapefruit, Würze und Stein (so stelle ich mir Stein jedenfalls vor) kann ich schmecken. Bestimmt ist das Spektrum noch grösser, mein ungeschulter Gaumen streicht an dieser Stelle aber die Segel. Tschuldigung.

Curry

Das Curry war super, die Kombination mit dem Wein leider nicht.

Er ist ein spannender Wein, der Johanniter. Einzig die Essenspaarung bereitet mir etwas Kopfschmerzen. Zu Käse passt er sehr gut, dann wird’s aber schon schwieriger. Delinat schlägt Grilladen und asiatisch angehauchte Gerichte vor. Bei uns gab’s indisches Lammcurry. Dazu passt der Waadtländer nicht*. Der Kulturclash scheint zu gross. Genfersee und Neu Delhi liegen eindeutig zu weit auseinander. Das mit den Grilladen kann ich mir hingegen bildlich vorstellen. Leider konnte ich diese Paarung nicht ausprobieren. Schliesslich war der Samichlaus letzte Woche unterwegs, im Normalfall ein untrügerisches Zeichen dafür, dass die Grill-Saison definitiv vorbei ist.

Mir macht der Bio-Wein Spass. Der Preis für die geschmackliche Wundertüte beträgt 22 Franken und ist durchaus angemessen. Wer Lust auf einen komplexen, nicht alltäglichen Schweizer mit ganz eigenem Charakter hat, sollte zugreifen. Mir gefällt er jedenfalls.

Johanniter

Punkte: 17/20
Passt zu: Käse, Grilladen (?)
Preis: Fr. 22.-

 

Den Domaine La Capitaine Johanniter 2011 gibt es hier zu kaufen.

 

 

 

* P.S. Ein Riesling wäre definitiv die bessere Wahl gewesen.


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1’233 Meter für 550 Bioweine

Spätestens seit dem nervtötenden, aber äussert werbewirksamen Coop-Ohrwurm, ist Bio wieder mal in aller Munde. Wenigstens bei denen, die vor der Flimmerkiste ihren Feierabend verbringen. Auch ich schärfe meine Pupillen in Richtung Naturprodukte und entdecke unverhofft eine mir unbekannte Weinhandlung.

Beim Wein gibt’s den Bio-Trend ja schon länger. So auch in St. Gallen. Hier öffnete Delinat nämlich bereits 1998 seine Türen und ist seither lokal führend im lokalen Bio-Weinhandel. Wer kennt sie nicht, die legendären Degustationspakete von Delinat? Auch das Sortiment macht Eindruck, bietet doch der auf Naturwein spezialisierte Händler mehr als 300 Produkte an. Sowieso hat heute jeder, der etwas auf sich hält, Bio-Weine im Angebot. So zählt zum Beispiel Coop 53 Weine und Spirituosen mit Bio-Label im Sortiment, Martel listet gar 85, Zweifel 49, bei Manor sind es neun, Globus hat fünf, und Denner immerhin noch drei Flaschen in den Regalen, um nur einige zu nennen.

Bio ist in aller Munde, auch beim Wein.

Dass Delinat aber keineswegs eine Monopolstellung im St. Galler Naturweinhandel hat, entdecke ich kürzlich per Zufall. Zwischen Leonhardsbrücke, Kreuzbleiche und SBB-Gleisen finde ich nämlich, etwas versteckt, in einem Hinterhof eine mir unbekannte Bio-Weinhandlung. Sie heisst Romanin-Weine und liegt an der Bogenstrasse 7b. Romanin hat sage und schreibe 250 Posten am Lager. Boah, und ich Ignorant erfahre erst heute davon! Unglaublich, aber war, das Geschäft liegt nur einen Steinwurf von mir entfernt. Nichtsahnend habe ich quasi meine Zelte im Epizentrum des ostschweizerischen Naturweinhandels aufgeschlagen. Jetzt, wo ich mir dessen bewusst bin, male ich mir aus, wie ich mich mit meinem Drahtesel und wehenden Fahrradtaschen glückseelig auf meine ganz persönliche Naturwein-Rundfahrt mache:

Na ja, ein Hundeschlitten wäre momentan wohl eher angesagt. – Zurück zum Wesentlichen: Romanin bietet neben Bio-Weinen auch Öle und Spirituosen an. Zum Teil wurden diese – wie auch manche Weine – vegan hergestellt. Der Händler an der Bogenstrasse hat übrigens ausschliesslich europäische Weine im Programm. Australier, Chilenen und Konsorten sucht man vergebens. Schön. Leider habe ich die Degustationstage vom letzten Wochenende verpasst. Mein Entschluss ist aber gefasst: Da muss ich mal hin! In meiner Agenda habe ich mir den ersten Dezember* markiert. Morgen ist es also so weit; morgen nehme ich die nordöstliche Route, Wetter hin- oder her!

Berichtet wird später. Versprochen!

*P.S. Speziell ist nicht nur die Lage, sondern auch die Tatsache, dass Romanin nur einmal monatlich, nämlich immer am ersten Samstag, geöffnet hat.