Flaschentester

… schreibt über europäische Weine und verwandte Themen


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Buchbesprechung: Wein und Reisen – Bordeaux / Britta Wiegelmann

Was erwarte ich von einem Reiseführer? Noch dazu von einem, der von einem der bekanntesten Weinanbaugebiete Europas handelt? Ganz einfach: Ich möchte ans Thema herangeführt werden, ich möchte Infos zur Region und auch was für’s Auge. Sprich: Aussagekräftige und ansprechende Illustrationen. Die persönliche Note darf dabei nicht fehlen, ebenso erhoffe ich mir Vorschläge für aussergewöhnliche regionale Hotels, Restaurants und Ausflugsziele, die der vinophilen Gemeinde gefallen könnten.

Das alles hat sich vermutlich auch einer der Herausgeber des deutschen Verlags Die Werkstatt gedacht. Seit längerem veröffentlicht letzterer nämlich innerhalb der Reihe Wein und Reisen, Titel zu verschiedenen Weingegenden dieser Welt. So erschienen bereits Ausgaben zum Rhonetal, Friaul, Rheingau, Venetien, Barolo und Südafrika. Die vorliegende Ausgabe ist Bordeaux gewidmet und seit etwas mehr als vier Jahren im Buchhandel erhältlich.

Autorin ist die deutsche Weinjournalistin Britta Wiegelmann. Seit 2001 ist sie für die helvetische Fachzeitschrift Vinum tätig. Während zweier Jahre, nämlich von 2010 bis 2012, zeichnete sie sich gar als Chefredakteurin derselben verantwortlich. An der önologischen Fakultät Bordeaux liess sich Wiegelmann zudem zur Diplom-Sensorikerin ausbilden.

Ihr Taschenbuch gliedert sich in fünf Teile. Nach einer Einführung allgemeiner Art folgen Kapitel, welche sich den einzelnen Bordelaiser Appellationen (z.B. Médoc) widmen. Wiegelmann geht bei jedem Anbaugebiet auf die dort relevanten Themen ein. Im Médoc unter anderem auf die Châteaux Margaux und Mouton Rothschild, auf die Sauternes in den Graves, in Saint-Émillion geht es unter anderem um Kult- und Garagenweine, um nur einige Beispiele zu nennen. Dabei gleicht kein Kapitel dem anderen. Inhaltlich wird dem Leser in einer sehr kurzweiligen und angenehmen Art stets das Wichtigste vermittelt. Wiegelmann schreibt anregend und trotz der Format bedingten Kürze, ohne einen Hauch von Halbwissen oder Trivialität aufkommen zu lassen. Davon könnten sich manch‘ andere Reiseführer eine Ecke abschneiden. Beim Lesen merkt man, dass die Autorin einen starken Bezug zur Region Bordeaux hat. Der Text wurde offensichtlich auf Basis umfassender Ortskenntnisse und persönlicher Erfahrungen verfasst.

Ein entsprechendes Reisebudget vorausgesetzt, sind gerade die von Wiegelmann empfohlenen Lokalitäten toll.  Wir haben uns 2010 selbst von der Güte einiger der vorgeschlagenen Häuser überzeugen können. So zum Beispiel auf einer unserer ersten Stationen im Bordelais: Dem Entre-Deux-Mers. Neugierig auf eine der Taschenbuch-Empfehlungen reservierten wir ein Doppelzimmer im „Les Logis de Lestiac“ nahe der Garonne. Die alte Villa liegt mitten in einem dieser typischen, etwas heruntergekommenen, französischen Dörfer. Sieben Häuser, eine Kreuzung und ein Dorfplatz. That’s it. Unser Navi führt uns zu einem Anwesen, welches in einem kleinen Park, direkt an der Durchgangsstrasse liegt. Die Zimmer und das Ambiente sind aber äusserst charmant. Man findet sich in einer kleinen Oase wieder. Strassenlärm und Provinzflair machen vor den Toren der Logis de Lestic Halt. In unmittelbarer Nähe liegen zudem zahlreiche Spazierwege, unzählige Châteaux und Reben so weit das Auge reicht.

LogisDeLestiac

Eine der empfohlenen Adressen: Les Logis de Lestiac im Entre-Deux-Mers

Wir essen – ebenfalls auf Wiegelmanns Empfehlung hin – im nahen gelegenen Örtchen Bouliac, in einem Restaurant/Hotel namens Le Saint James. Auch hier ist alles allererste Sahne. Neben vielen anderen geographischen und gastronomischen Erkundungstouren wird unser Aufenthalt durch einen Besuch bei einem namhaften Weingut abgerundet. Wir melden uns für eine Tour auf dem renommierten Château Lynch-Bages an. Die Besichtigung ist äusserst spannend, das Château ausgesprochen gut auf Besucher eingestellt. Auch eine Besichtigung mit anschliessender Degustation für gerade mal vier Personen wird diskussionslos durchgeführt. Toll! Es hat sich gelohnt. Wiegelmanns Reiseführer hat sich vor Ort bewährt.

Zurück zum Buch: Abzüge gibt’s für’s Layout. Dieses kommt etwas gar handgestrickt rüber. Das Taschenbuch ist fade, fast schon ein wenig amateurhaft gestaltet. Die Illustrationen unterstreichen zwar das Geschriebene, jedoch selten auf demselben Qualitätsniveau. Viele der Abbildungen muten wie Schnappschüsse an, welche Wiegelmann auf einem ihrer Bordeaux-Streifzüge geknippst hat. Den Umschlag und vor allem die Text-Bildanordung hätte man ebenfalls ansprechender gestalten können. Das Layout erinnert entfernt an ein Chemiekompendium der Sechzigerjahre. Schade.

Ein weiterer Minuspunkt: Manche Leser werden Kartenmaterial vermissen. In Zeiten von TomTom und Smartphone fällt das Fehlen von Karten meiner Meinung nach aber nicht allzu sehr in’s Gewicht. Ausserdem halte ich zur Orientierung immer noch lieber eine ordentliche Strassenkarte, als ein widerspenstiges Taschenbuch in der Hand. Trotzdem: Wenigstens eine grobe Übersicht – zum Beispiel im Umschlag – hätte man der Ausgabe aber schon spendieren können. Auch eine kurze Vita der Autorin gehörte eigentlich irgendwo abgedruckt. Diese sucht man aber ebenfalls vergeblich.

Fazit: Britta Wiegelmanns Taschenbuch bietet dem Wein-Interessierten nützliche Informationen rund um’s Thema Bordeaux. Neben historischen Textpassagen enthält die Ausgabe Beschreibungen der Appellationen und deren Typizitäten. Für den Reisenden am wertvollsten sind vor allem Wiegelmanns Hotel- und Restaurantempfehlungen. Von einigen konnten wir uns vor Ort selbst ein Bild machen und wurden durchwegs positiv überrascht. – Die Aufmachung des Reiseführers wirkt jedoch altbacken und uninspiriert. Das trifft auch auf die anderen Ausgaben der Wein und Reisen-Reihe zu. Hier sollte der Verlag unbedingt nachbessern. Wer Karten oder Beschreibungen touristischer Sehenswürdigkeiten erwartet, wird herb enttäuscht werden. Denn beides findet man in diesem Reiseführer nicht. Weinfreaks, welche erstmals das Bordelais erkunden wollen und auf der Suche nach Anregungen aus erster Hand sind, erhalten mit diesem Taschenbuch einen ansprechenden Helfer. Ich gebe 17 Punkte.

WeinUndReisenBordeaux

Punkte: 17/20
Passt zu: Reisefreudigen, Gourmets, Bordeaux-Liebhabern
Preis: Fr. 19.90

  • ISBN-10: 3-89533-632-7
  • EAN: 9783895336324
  • Erscheinungstermin: August 2008
  • Verlag: Die Werkstatt
  • Einband: Taschenbuch
  • Sprache: Deutsch
  • Erhältlich im Rösslitor
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Seine Exzellenz, Baron Alexander von Essen

Erst dachte ich, du seist eine fiktive Person. Ein Avatar der Weinwelt. Ein wohlklingender Name, erfunden von einer grossstädtischen Werbeagentur. Irgendwo in einem kalten, weissen Grossraumbüro, in dem stylische Werbefuzzis und nerdige Texter ihr Unwesen treiben. Aber nein, du bist tatsächlich ein Baron aus Fleisch und Blut. Wer hätte das gedacht!?

Herr von Essen ist der Gründervater der gleichnamigen Selection. Sprachlich hätte man sich ja auch für die Schreibweise Selektion entscheiden können. Englisch wird’s nämlich nicht ausgesprochen. Die pseudofranzösische Version wirkt vermutlich dann aber doch etwas edler. Und dass die Deutschen der Sprache ihrer südwestlichen Nachbarn meistens nicht mächtig sind, ist auch ein offenes Geheimnis. – Master of Wine, Philipp Schwander, macht das übrigens auch so, das mit dem Weglassen des accent aigu. Irgendwie scheint es Mode zu sein. Ich find’s doof und benutze daher die deutsche Version in diesem Beitrag.

Item. Ich mag Selektionen von Weinen. Da hat nämlich irgendwer mit Geschmack, Zeit und Geld investiert, um für mich die besten Produkte zusammenzustellen. Das mit dem Auswählen ist ja immer so eine Sache. Schliesslich muss man sich täglich durch einen dichten, unüberschaubaren Konsumenten-Dschungel kämpfen. TÄGLICH! Da finde ich den Gedanken ab und zu ganz entspannend, dass jemand für mich diese Arbeit übernommen hat. Und trotzdem bleibt meistens immer noch ein grosser Entscheidungsspielraum übrig.

Alexander himself

Die Selektion Alexander von Essen gibt’s in St. Gallen bei Manor. Zugegeben, etwas verdutzt stand ich schon da, in der Weinabteilung, vor den Regalen. Eine Selektion von Weinen aus aller Welt? Alle mit dem gleichen Labelaufdruck, von irgendeinem adligen Fuzzi? Ja, fast. So ungefähr wenigstens. Schauen wir uns das mal etwas genauer an: Alexander ist tatsächlich ein Deutscher Baron. Der Sitz seiner Firma liegt in Tegernsee am gleichnamigen Gewässer, also zwischen München und Innsbruck. Aber der Alexander selektioniert nicht nur, nein, er und sein Burgfräulein – Ingrid – sind seit 1997 Besitzer des südafrikanischen Weinguts Capaia. Nach eigener Aussage haben die zwei „…auf dem Gebiet einer ehemaligen Weizenfarm Capaia (…) sozusagen aus dem Nichts geschaffen.“ Boah, Alexander von Essen, ein Macher, ein Mann, der mit allen Wassern gewaschen ist. Ein Patron alter Schule. Ein Global Player in der Welt des Weins – denke ich mir wenigstens nach dem Besuch seiner südafrikanischen Webseite.

Von Essens südafrikanische Abfüllungen sind in der Selektion ebenso vertreten wie Weine argentinischer Provenienz. Ich frage mich einmal mehr: Warum nur muss man Weine von Südafrika oder -amerika ins beschauliche St. Gallen transportieren. Die Distanz beträgt immerhin mehrere tausend Kilometer Luftstrecke. Dabei gibt’s doch in europäischen Breitengraden hervorragende Weine. Sogar die besten der Welt! – Die Selektion selber besteht aber hauptsächlich aus europäischen Weinen. Das stimmt mich ein wenig versöhnlicher.

Des Barons Weingut: Capaia in Südafrika

Ich nehme mir nochmals einige Minuten Zeit und durchleuchte Alexanders Philosophie auf seiner Homepage. Klingt nicht schlecht, was der Herr Baron da von sich gibt:

  • er liefert nur Weine ausgesucht guter Jahrgänge
  • alle Weine der Selection sind Einzellagenweine
  • jeder Wein hat eine Eigenausstattung bei Flasche und Etikett in Anlehnung an die Geschichte und die Herkunft
  • jeder Jahrgangswechsel wird von Alexander persönlich degustiert und die Vinifizierung begleitet
  • alle Weine gibt es exklusiv nur über die Selection Alexander von Essen

Gutgläubig, wie ich bin, nehm‘ ich das für bare Münze. Schliesslich gefällt mir seine Selektion. Sie bietet nämlich so ziemlich alles, was mein Herz begehrt: Weiss-, Rot- und Schaumweine, von A wie Amarone bis R wie Rioja. Also die volle Breitseite. Zudem finden sich unter den Winzern namhafte Vertreter ihrer Zunft: Kracher aus Österreich, der deutsche Rieslingspezialist Dr. Loosen, oder die Italiener Polizano und Nardi, um nur einige zu nennen. Von Billigabfüllungen kann also nicht die Rede sein. Manor bietet leider nicht das volle Alexander-Programm, sondern verkauft quasi eine Selektion der Selection, oder wie man das auch immer nennen möchte. Etwas verwirrend finde ich auch, dass sich das Online-Angebot des Kaufhauses nicht mit dem der St. Galler Filiale deckt. – Doof, gehe ich doch in der Regel lieber Weine kaufen, nachdem ich mich online schlau gemacht habe. Trotzdem gefallen mir die im Manor erhätlichen Flaschen der Selektion vor allem aus zwei Gründen:

  • 1) der Preis stimmt; die meisten Flaschen kosten zwischen 15 und 30 Franken
  • 2) die Weine haben mich geschmacklich noch nie enttäuscht

Insgesamt ist die Selection Alexander von Essen also eine erfreuliche Sache zu einem vernünftigen Preis. Meine Empfehlung hat sie.

Zum Wohl!

Punkte für die gesamte Selektion: 16-18/20

Passt zu: für fast jedes Gericht gibt’s in der Selektion einen passenden Wein
Preisspanne:  von ca. Fr. 10.- bis 50.-

Diese zwei Flaschen kann ich euch empfehlen:

Rioja Gran Reserva Vina Imas, Fr. 19.95

Verdejo Flor del Pego DO Rueda, Fr. 9.95

 

 

 

 

 

 

 

P.S.

Lieber Alexander

Danke. Scheinbar hast du in den letzten 20 Jahren recht ordentlich selektioniert. Meinen jungen Geschmack hast du jedenfalls getroffen. Obwohl ich mich sehr gerne durch Weinhandlungen, Online-Shops und Discounter wühle, schätze ich doch deine Vorauswahl. Bin ich nämlich nach einem langen Arbeitstag zu müde, mich entscheiden zu können, greife ich von Zeit zu Zeit mehr oder weniger wahllos zu einer deiner Flaschen. Dass du gerade in Südafrika Wein produzieren musst, macht dich zwar ein wenig unsympathischer, nichtsdestotrotz schmecken mir die von dir ausgewählten Weine. Weiter so! Und grüss‘ mir die Ingrid.

Dein Flaschentester