Flaschentester

… schreibt über europäische Weine und verwandte Themen


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Herbst-Special: Bordeaux für Anfänger, Teil IV – Einfacher geht immer

Bordeaux ist kompliziert. Und ein Mythos. – Sagt wer? Ha, das wäre doch gelacht! Dagegen muss was unternommen werden. DRINGEND. Also, entsprechend kurz und bündig soll er sein, der vierte Teil. Selbsterklärend, und entmystifizierend. Irgendwie wenigstens.

Ich fand es immer schon hilfreich, wenn jemand zu einem Thema kurze Tipps und Infos geben konnte. Quasi pfannenfertig. Darum besteht dieser Teil des Herbst-Specials auch aus einem Sammelsurium zum Thema Bordeaux. Zugegeben, es hat schon ein wenig Wühltisch-Charakter. Aber wie das bei Flohmärkten so ist: Irgendwas Nützliches findet man immer. Vielleicht auch in diesem Artikel.

L wie Lagerung

Bordeaux muss richtig gelagert werden. Am besten in einem dunklen Keller. Ideal sind eine Luftfeuchtigkeit von ca. 60% und eine über das Jahr hindurch möglichst konstante Temperatur von 10 – 14 Grad Celsius. Genügend Frischluftzufuhr und Ruhe (keine Vibrationen) sind von Vorteil. – Sind wir ehrlich. Hast du einen Keller, der allen Anforderungen entspricht? Ich nicht. Kühl, dunkel und nicht moddrig soll er sein. Das kriegt auch ein Durchschnittskeller meistens noch hin – voilà. Das reicht doch schon mal fürs Erste.

Warten, warten, warten

Die meisten Bordeaux sind erst nach mehreren Jahren reif. Extrembeispiel Süsswein: Gute Sauternes und Barsacs halten bis zu 60, 70 Jahre. Andere kann man schon jung geniessen. Weissweine können eigentlich immer jung getrunken werden. In kleinen Flaschen reift Wein generell schneller als in grossen, aber eben auch unausgewogener.

Flaschengrössen

Inhalt Bezeichnung
37,5 cl Halbe Flasche
75 cl Normalflasche
150 cl Magnum
300 cl Doppelmagnum
600 cl Impériale
9 l Salmanazar
12 l Balthasar
15 l Nebukadnezar
18 l Melchior

Diese Grafik habe ich hier geklaut.

Der Reifeprozess

…von Bordeaux verläuft in Wellenbewegungen: es kann gut sein, dass eine geöffnete Flasche heute sehr gut kommt, zwei Jahre später schmeckt der Wein wie aus dem Tetrapack. Versucht man’s ein Jahr später nochmals, ist er derart fantastisch, dass man nicht mehr zu trinken aufhören möchte. Probieren geht über studieren; vorausgesetzt man hat genügend Flaschen desselben Weins im Keller, Falls nicht: im Netz finden sich allerlei Listen und Ratgeber zum Thema Genussreife, der Händler deiner Wahl hilft dir bestimmt auch weiter. Empfehlen kann ich dir für Bewertungen von Bordeaux-Weinen und Angaben zur optimalen Trinkreife diese App.

Preis

Die meisten Bordeaux werden von Jahr zu Jahr teurer. Oder der Preis bleibt wenigstens konstant. Runter gehts praktisch nie. Wer also nicht warten kann oder will, und direkt genussreife Weine kaufen möchte, zahlt mehr. In der unteren Abbildung sieht man sehr schön die Preisentwicklung Ende 2010. Völlig irre, was sich da aufgrund der grossen Nachfrage aus Asien alles abgespielt hat. Heute ist die Lage wieder etwas entspannter. Zum Glück. Am preiswertesten sind Subskriptions-Bordeaux. Dabei bestellst man Wein, der jetzt produziert, aber erst in ein bis zwei Jahren geliefert wird. Nachteil: Man muss sich voll und ganz auf die Jahrgangsbewertung von Fachleuten verlassen. Und man braucht Geduld.

Château de Pressac, Preisentwicklung (Quelle: http://www.winesearcher.com)

Tipps

  • Ein Bordeaux braucht Zeit: Die Flasche mindestens eine Stunde vorher öffnen, evtl. dekantieren
  • Diese Weine sind ne Wucht. Vor allem zu einem entsprechenden Essen. Ideale Kombos sind meistens Braten, Wild, Geflügel (Vegetarier kochen sich einfach entsprechend deftige Gemüsegerichte)
  • Ein Bordeaux braucht ein gutes Glas, nicht zu klein, damit der Wein sich voll entfalten kann.
  • Weisse Bordeaux sind ein idealer Begleiter zu Fisch und Meeresfrüchten
  • Sauternes passen wunderbar zu Desserts und Käse

à bientôt !


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Herbst-Special: Bordeaux für Anfänger, Teil II – Hurra, ich hab‘ Klasse !

Ach, wie schön ist es doch, dass irgendwelche lieben Menschen ständig versuchen, zu ordnen, oder Dinge nach ihrer Qualität zu beurteilen. Das macht das Leben vieler Personen einfacher. Zum Beispiel auch meines. Dachte ich wenigstens bis vor kurzem…

Napoleon III.

Auch Napoleon der Dritte muss manchmal nachgedacht haben. Zum Beispiel als er 1855 auf die Idee kam, die Weine nach ihrer Qualität einstufen zu lassen. Betroffen waren davon aber nur die Weingüter des Médoc. Wenn du den ersten Teil des Bordeaux-Specials aufmerksam durchgeackert hast, weisst du, dass jenes Gebiet aber nur einen Bruchteil des gesamten Bordelais ausmacht.
Graves wurde erst 1953 klassifiziert, Saint-Émilion 1955, und alle anderen Appellationen nicht. – Wirklich nicht.

Tja, schön und gut. Warum aber kam Bonapartes Neffe auf den Einfall mit den Klassifizierungen? Ich erklär’s euch.

Man schrieb das Jahr 1855. Die Weltausstellung fand überhaupt erst zum zweiten Mal statt. Dies in der Hauptstadt Paris. Neben bahnbrechenden Erfindungen, wie zum Beispiel dem Zündholz oder der Espressomaschine (LOL) wollte man dem internationalen Publikum eben auch die besten französischen Weine schmackhaft machen. Damals halt vor allem Rotweine aus dem Médoc.

Die Klassifizierung der Châteaux erfolgte aufgrund der in den vergangenen hundert Jahren erzielten Marktpreise. So weit so gut. Leider haben es die Franzosen bis heute nicht hingekriegt, eine für Bordeaux, geschweige denn Frankreich allgemein gültige Klassifizierung zu entwickeln. Das Durcheinander ist perfekt. Ich erklär’s euch. Augen zu und durch.

Im Médoc gibt es fünf (bzw. heute sechs) Klassifizierungen. Sogenannte Crus (Cru = Gewächs). Dabei sind Zweitweine der grossen Châteaux nicht klassifiziert. Saint-Émilion und Graves besitzen je drei, jedoch völlig andersartige Klassen, Pomerol nicht eine offizielle. Die für Süsswein bekannten Gemeinden Sauternes und Barsac kennen drei Klassifizierungen. Diejenige von Saint-Émilion ist tatsächlich die einzige, welche regelmässig überprüft und angepasst wird. Die anderen haben den inoffiziellen Status „unantastbar“. Die einzige, und viel zitierte Änderung im Médoc, war die Anhebung von Château Mouton-Rothschild 1973. Der Erzeuger durfte als als Klassenbester direkt zu den Premier Crus wechseln. Hurra! Mehr als vierzig Jahre früher, in den 1930er Jahren, wurde im Médoc die Klasse der Cru Bourgeois geschaffen. Heute ist diese mit 300 Weingütern die grösste Gruppe aller klassifizierten Châteaux.

Boah, was ein Durcheinander! Tief durchatmen. Ich mach’s Napoleon gleich und bringe ein bisschen Ordnung in die Bude. Mögt ihr Tabellen? Ich schon:

Médoc

Châteaux
Premier Cru Classé 5
Deuxiéme Cru Classé 14
Troisième Cru Classé 14
Quatrième Cru Classé 10
Cinquième Cru Classé 18
Cru Bourgeois 300

Saint-Émilion

Châteaux
Premiers Grands Crus Classés (A) 2
Premiers Grands Crus Classés (B) 13
Grands Crus Classés 46

Graves

Châteaux
Rot- und Weisswein 7
Rotwein 5
Weisswein 2

Sauternes und Barsac

Châteaux
Premier Cru Supérieur 1
Premier Cru Classé 11
Deuxième Cru Classé 15

Die Einführung der Klassifizierung brachte vor allem den Herstellern bzw. den Händlern den Vorteil, dass die Preiskalkulationen einfacher wurden. Dies ist bis heute so. Höhere Klasse = höherer Preis. Ein Premier Cru Classé ist auch im Jahr 2012 immer noch teurer als ein Deuxiéme Cru Classé vom gleichen Jahrgang.

Ein Beispiel: Im Jahr 2009 hat es der Wettergott mit den Bordelaiser Weinbauern gut gemeint. Der Jahrgang wird in der Fachwelt einstimmig als hervorragend bewertet. Ich habe drei 09er Weine rausgepickt, um zu zeigen, dass die Klassifizierung vor allem Preis- und nicht qualitätasrelevant ist. Alle drei werden vom Schweizer Bordeaux-Papst René Gabriel mit 19 von 20 Punkten bewertet:

Château Klassifizierung Preis/Ø
Haut-Brion Premier Cru Classé 850 €
Lynch Bages Cinquième Cru Classé 100 €
Poujeaux Cru Bourgeois 25 €

Schau dir mal die Preise an! Für ne Flasche Haut-Brion kriegst du 34 (!) Flaschen Poujeaux. Bei geicher Qualität!* Ja, bin ich denn bescheuert, oder einfach völlig frei von jeder Statussymbol-Verblendung. Wahnsinn, nicht?

Mein Fazit

  1. einige Appellationen haben keine Klassifizierungen, was den Wein aber nicht schlechter macht.
  2. höher klassifizierte Weine sind teurer, aber nicht unbedingt besser.
  3. Genuss muss nicht absurd teuer sein. Schönen Bordeaux gibt’s auch schon für unter dreissig Franken.

 

…obwohl, dafür könnte ich mir dann vier Flaschen Cannonau…, aber das ist ein anderes Thema.

À la vôtre !

P.S. Da hat sich jemand mit den Klassifizierungen besonders Mühe gegeben.

*Das Gegenteil muss mir erst einmal jemand beweisen.


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Herbst-Special: Bordeaux für Anfänger, Teil I – un peu de géographie

So, der Herbst ist da und es wird Zeit für einen ersten, mehrteiligen Special. Quasi von einem Einsteiger für Einsteiger. Als solcher wage ich mich an ein grösseres Thema heran: Es geht um Bordeaux, Bordeaux und nochmals Bordeaux. So viel ist klar. Alles andere sehen wir dann…

Um euch die Weine des Bordelais ein Stück näher zu bringen, versuche ich im ersten Teil etwas geografisches Grundwissen unter die Menge zu streuen. So steht man bei der nächsten Stammtisch-Diskussion zum Thema Bordeaux wenigstens nicht ganz auf verlorenem Posten, und auch im lokalen Country-Club macht sich ein wenig Bordeaux-Grundwissen nicht schlecht 😉 Ne, ernsthaft, nach der Lektüre dieses kurzen Artikels habt ihr hoffentlich wenigstens eine grobe Peilung bezüglich der Herkunft der französischen Tropfen, der wichtigsten Appellationen und einigen Bonus-Facts. Also Nerds, Kenner und Besserwisser, aufgepasst! Ihr dürft schön draussen bleiben. Mein Bordeaux-Special ist nur für offiziell ausgewiesene Dilettanten.

Na dann, los gehts !

Willst du prahlen, machs mit Zahlen:

  • bereits seit dem 4. Jahrhundert wird im Bordelais Wein angebaut
  • 1855 veranlasst Napoleon III. die Klassifizierung der wohlschmeckendsten Bordeaux (dazu nächstes Mal mehr)
  • 1890 zerstört die böse Reblaus sämtliche Rebflächen des Bordelais
  • im Bordelais findet man über 3’000 Châteaux
  • Anbaufläche ingesamt: 120’000 Hektar
  • Das Produktionsvolumen des Bordelais beträgt insgesamt über fünf Millionen Hektoliter Wein jährlich
  • ein Drittel der französischen Weine werden im Bordelais produziert

 

Bordeaux kommt aus dem Anbaugebiet namens Bordelais. Dieses liegt im Südwesten Frankreichs und gehört zum Département Nr. 33, der Gironde. Es erstreckt sich in von der Atlantikküste Land einwärts entlang dem Flussdelta, welches sich aus dem namensgebenden Strom, der Gironde und ihren zwei Zubringern, der Dordogne und der südlicher gelegenen Garonne bildet. Insgesamt umfasst das Bordelais sage und schreibe fünfzig Appellationen und kann in fünf Regionen eingeteilt werden. Merke dir: Bei der Herkunft der Bordeaux kann man grob zwischen linkem und rechtem Ufer (der Gironde) und dem dazwischen liegenden Entre-Deux-Mers unterscheiden. Ne übersichtliche Karte samt Legende findest du weiter unten.

Unten findest du die Regionen des Bordelais. In Klammern sind einige wichtige Appellationen angegeben. Wirf in einem Gespräch mit diesen verbal wild um dich, und du bist garantiert ganz vorne mit dabei.

Médoc Das Médoc beginnt nördlich der Stadt Bordeaux und zieht sich entlang der Garonde bis zur Gabelung des Flusses (Médoc, Haut-Médoc, Pauillac, Margaux, Saint-Estèphe, Saint-Julien)
Graves Die Graves setzen die Linie des Médoc südlich der Stadt Bordeaux weiter, liegen also entsprechend entlang des südlichen Ufers der Garonne (Graves, Pessac-Léognan)
Entre-Deux-Mers Nomen est omen. Das Gebiet liegt zwischen den beiden Flüssen Garonne und Dordogne (Entre-Deux-Mers)
Libournais Das Libournais bezeichnet das Gebiet um die Stadt Libourne und liegt am rechten Ufer der Dordogne (Saint-Émilion, Pomerol)
Blayais und Bourgeais Blayais und Bourgeais liegen nordwestlich bzw. nördlich des Zusammenflusses von Dordogne und Garonne (Côtes de Blaye)

Blick vom Städtchen Saint-Émilion aus auf umliegende Reben.

Wir sind in Pauillac. Ein Teil der Reben des Châteaus Mouton-Rothschild. Typisch für das Médoc: Flaches Gelände so weit das Auge reicht.


Die typische Hügellandschaft des Entre-Deux-Mers. Hier zwischen Lestiac sur Garonne und Créon.


Magst du Karten? Bitteschön:

(Karte: Domenico-de-ga)

 

Falls du immer noch ratlos vor den Regalen stehst: Teil II kommt in Kürze…