Flaschentester

… schreibt über europäische Weine und verwandte Themen


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Maître de Chais – Syrah 2008

Unter meinem Schreibtisch steht schon seit Monaten eine Flasche Syrah, die verkostet werden will. Sie stammt aus der Produktion einer Westschweizer Genossenschaft und haut mich zwei Stunden später ziemlich vom Hocker. – Hätte ich doch nur schon früher mal mein Büro entrümpelt.

ProvinsGründungsjahre

1920: Schweizer Wein in der Krise. Zehn Jahre später entsteht im Wallis die Genossenschaft Provins.

Der Rotwein wurde im Wallis produziert. Der zweisprachige Kanton beherbergt beinahe einen Drittel der Schweizer Weinbaufläche. Die äussersten Punkte reichen vom Ende des Genfer Sees bis nach Visp. Das Kernland erstreckt sich zwischen Martigny und Leuk über beinahe 120 Kilometer weit, entlang dem rechten Rhone-Ufer. Die meisten Rebstöcke liegen zwischen 450 und 800 Meter über Meer. Einzig die Weinberge von Visperterminen liegen auf 1’000 Metern. Von den insgesamt 23’000 Parzellen-Eigentümern sind gerade mal 20% als vollberufliche Weinbauern tätig. Viele Flächen werden verpachtet. Die besten Lagen im Unterwallis liegen auf niedrigster Höhe, auch Zone 1 genannt. Klimatisch überwiegt der Einfluss der Alpen. Im Wallis herrscht Kontinentalklima. Das heisst im Klartext: Kalte Winter, heisse Sommer. Der Herbst zeigt sich häufig mild und sonnig. Auf die Reifung wirkt sich vor allem der Föhnwind positiv aus. Insgesamt 59 (!) Rebsorten werden angebaut. Am prominentesten sind Chasselas, Pinot noir, Gamay und Sylvaner vertreten. Diese vier Sorten machen 75% der Gesamtfläche aus.

Viertausend Mitglieder, zehn Millionen Kilogramm Trauben Jahresertrag, 240 Hektare Reben, drei Annahmestellen, zwei Kellereien und eine Zentrale für Vinifizierung und Einkellerung. So lesen sich die eindrücklichen Eckdaten der Provins. Aufgrund einer Krise im Weinbusiness in den 1920ern, wurde die Walliser Genossenschaft 1930 aus der Taufe gehoben und mauserte sich in den letzten achtzig Jahren zum grössten Schweizer Weinproduzenten. Insgesamt 23% der kantonalen und 10% der nationalen Produktion entfallen auf die Provins mit Hauptsitz in Sion. Eindrücklich. Es erstaunt daher auch nicht, dass die Genossenschaft bzw. deren Weine schweizweit, regelmässig Auszeichnungen erhalten. Auch Chandra Kurts Collection gehört zur Provins.

Madeleine Gay

Madeleine Gay: Meisterin autochthoner Sorten.

Da die Genossenschaft die Trauben von mehreren tausend Winzern verarbeitet, sind entsprechende Teams am Start. Der Önologe Gérald Carrupt leitet eine Gruppe aus insgesamt fünf Önologen, einem Produktionschef und sieben Kellermeistern. Den Kontrapunkt zu Carrupt setzen die Önologin Madeleine Gay und ihre Mitarbeiter. Die ETS-Ingenieurin für Weinbau und Önologie arbeitete zunächst im önologischen Labor der Provins, bevor ihr Aufgabenbereich erweitert wurde. Gay ist seit Beginn ihrer Tätigkeit für die Provins Förderin alter, einheimischer Rebsorten. Bis heute berät sie Winzer bei der Neubepflanzung ihrer Rebparzellen. Sie war es auch, die zusätzliche Anreize durch die Einführung von Anbauverträgen schaffte. Die Meisterin der Vinifikation von autochthonen Sorten wurde 2008 am Grand prix du vin suisse für ihre Leistungen zur Winzerin des Jahres gekürt.

Auch der Syrah unter meinem Schreibtisch trägt ihre Handschrift. Maître de Chais, zu Deutsch Kellermeister, ist die Spitzenlinie der Genossenschaft. Die Weine dieses Labels stammen allesamt von Winzern, mit denen die Provins Anbauverträge abgeschlossen hat. Auf diesen Parzellen werden – laut Genossenschaft – sämtliche Parameter von Madeleine Gay und ihren Mitarbeitern kontrolliert.

Ganz ehrlich, von alledem weiss ich noch nichts, als ich die mittlerweile etwas staubige Flasche entkorke. Ich kann mich nur noch grau daran erinnern, dass ich den Wein – inspiriert durch einen anderen Walliser Syrah bei einem Bekannten – vor gefühlten zehn Jahren im Coop gekauft habe. Die Flasche lag lange Zeit im Keller. Irgendwann landete sie zwei Stockwerke weiter oben im Arbeitszimmer. Jetzt ist die Zeit reif. Und hoffentlich auch der Wein. Schliesslich wurde er 2008 abgefüllt. Dampf hat er laut Hersteller für zehn bis fünzehn Jahre. Ich bin ungeduldiger. Auf dem Etikett steht, dass er vor allem zu Lamm passe. Ich folge dem Vorschlag. Es gibt ein Nierstück an Rotweinsauce, Karotten und Bandnudeln. Den Wein habe ich bereits vor Kochbeginn geöffnet und ca. ein Glas für die Sauce verwendet. Es hat sich gelohnt! Gute Saucen brauchen guten Wein. Obwohl viele Hobbyköche immer noch billigsten Fusel als Grundlage für Saucen verwenden. Schade. Gut geht anders. Definitiv.

Weiter im Text: Die Flasche stelle ich nochmals für zehn Minuten in den Kühlschrank. Es ist angerichtet. Angenehm temperiert befindet sich der Syrah nun im Glas. Ich nehme eine Nase voll. Wunderbar! Diese äusserst intensiven Beerennoten. Zudem Teer, Holz, Vanille, Röstaromen. Herrlich! Schon das Bouquet löst bei mir Begeisterungsstürme aus. Die Spannung steigt. Der erste Schluck: Heiliger Kuhmist! Das ist einer der besten Schweizer Rotweine, die ich seit langem im Glas hatte. Aus Angst vor einer etwas vorschnellen Bewertung, setze ich das Glas sofort nochmals an. Fantastisch! Jetzt zum Essen: Unglaublich gut! Ich krieg‘ mich nicht mehr ein. – Nach all‘ der Euphorie bringe ich meine Gedanken zu Papier: Der Walliser scheint in einem sehr ansprechenden, edlen Dunkelrot. Im Mund wirkt er füllig, schwer und unglaublich weich. Die Balance aus Süsse-Säure, Frucht und Holz ist beinahe perfekt. Der Wein hat viel Schmelz im Abgang und einen Nachhall, der die Vanille- und Barrique-Aromen nochmals sehr schön zur Geltung bringt. Er ruft: Mehr! Trinkt Mehr! – Und das tun wir auch. Die Flasche ist erstaunlich schnell leer. Eine zweite haben wir leider nicht in Reserve.

Fazit: Der Walliser Rotwein müsste auch letzte Lokalwein-Skeptiker hinter’m Ofen hervorlocken. Schliesslich ist dieser Syrah das beste Beispiel für bezahlbaren, helvetischen Spitzenwein. Gay’s Abfüllung macht einfach nur Spass. Sie hat mich so eiskalt erwischt, dass ich es kaum erwarten kann, andere Weine der Kellermeister-Topserie zu probieren. Ich gebe 18 Punkte.

Maître de Chais Syrah 08

Punkte: 18/20
Passt zu: Lamm, Wild
Preis: Fr. 25.90

Den 2009er Syrah und andere Weine des Maître de Chais-Labels gibt’s bei Coop. Der hier besprochene 2008er ist bei Gazzar erhältlich.

P.S. Und wem’s immer noch zu teuer ist, soll die nächste 20%-Aktion von Coop abwarten. Denn die kommt bestimmt.

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Griechischer Bordeaux !? – Nomis 2007

Griechenland sitzt in der Krise: Die Arbeitslosenquote steigt, das Rentenalter auch. Sozialleistungen werden gekürzt, und Angela sammelt auf ihren Vermittlungsreisen fleissig Bonusmeilen. Da hilft jeder Schweizer Franken, der nach Athen geht. Als Gegenleistung möchte ich keine Euro-Bonds, Staatsanleihen, oder sonstwelches Klopapier. Nein danke. Mein persönliches Programm für Griechenland heisst vielmehr: Wein für Geld.

Wie ich kürzlich bereits getwittert habe, bin ich scheinbar nicht der Einzige, der Griechenland aus der Krise helfen will. Weine aus dem Land der ehemaligen Fussball-Europameister wird immer beliebter. In den Regalen St. Galler Weinhandlungen muss man sich trotzdem gut umsehen, um eine griechische Flasche entdecken zu können. Auf Nachfrage zeigt man mir schliesslich bei Mövenpick eine Auswahl an verfügbaren griechischen Rotweinen. Ich entscheide mich für einen Nomis aus dem griechischen Traditionshaus Tsantalis.

Ohne grosse Erwartungen öffne ich an einem Dienstagabend die Flasche, welche nun schon seit Dezember in meinem kühlen Büro rumsteht. Eigentlich wollte ich sie schon bei einigen anderen passenden Gelegenheiten öffnen. Nun, ist’s halt ein unspektakulärer Feierabend vor der Flimmerkiste. Auch gut.

Griechenland 2

Der Wein wird aus Shiraz und der autochthonen, also regionstypischen Sorte Mavroudi vinifiziert. Der Ausbau findet während sechs Monaten in französischen Eichenfässern statt. Die Lagerfähigkeit wird von Mövenpick mit 2018 angegeben. Nachdem ich die Kapsel entfernt habe, schenke ich ein. Farblich erscheint der Rotwein in einem leuchtenden Purpur. Ich stecke mein Riechorgan ins Glas. Ah, Beeren, Pflaumen, Rosinen, schön. Ich schwenke das Glas, die schwereren Aromen entfalten sich. Was? Nein. Rieche ich richtig? Hm? Na, brat mir einer einen Storch. Hat da jemand einen jungen Bordeaux in eine griechische Flasche abgefüllt? Unglaublich! Nochmals riechen, und nochmals. Es ist immer noch- unfassbar, das Bouquet kommt so was von bordelesque rüber. Es ist diese Terrain-typische Mischung aus Frucht, Würze, Holz und der Keller-Modrigkeit, die so viele Bordeaux im Bouquet unverkennbar zur Geltung bringen. Keine Ahnung, ob’s an den verwendeten 300l-Fässern liegt. An den Trauben kann es jedenfalls nicht liegen. Shiraz und Mavroudi sind bekanntermassen alles andere als Bordeaux-typisch.

Etwas perplex nehme ich sofort einen Schluck. Au backe, ist der lecker. Der erste Eindruck überzeugt mich vollends. Auch der zweite enttäuscht nicht. Da schwingen wunderschöne Aromen von dunklen Beeren, Zimt, Holz, Tabak und Pflaumen im Mund. Eine wahre Symphonie von Geschmäckern. Der Körper ist kräftig, etwas herb, aber mit weichen Tanninen und deutlicher, aber nicht störender Säure. Der Abgang bringt etwas Süsse, aber vor allem eine mit Erdtönen gepaarte Würze. Ich mag den Wein. Er hat Charakter, er hat Ecken und Kanten. Trotzdem attestiere ich dem Griechen Raffinesse und Charme. Er nimmt sofort ein. Auch ohne passendes Essen kann man ihn geniessen. Ich bin mehr als positiv überrascht. Um so besser, dass Mövenpick ihn gerade zum Aktionspreis anbietet. Da kann man nicht meckern. Ein südeuropäisches Schnäppchen für Fr. 12.90. Toll! Ich bin begeistert und gebe 17 Punkte.

Nomis 2007

Punkte: 17/20
Passt zu: Fleischgerichten (gegrillt, gebraten, mit dunklen Saucen)
Preis: momentan Fr. 12.90 statt 18.50

Kaufen kann man den Nomis hier