Flaschentester

… schreibt über europäische Weine und verwandte Themen


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La Grande Chapelle blanc – Antoine Moueix 2010

Bordeaux = alte Welt. Diese Formel bewahrheitet sich nicht zuletzt dadurch, dass nach wie vor circa siebzig Prozent aller dort produzierten Weine durch sogenannte Négociants vermarktet und verkauft werden. Also wie seit Urzeiten durch Händler, die entweder ein Vorkaufsrecht auf Weine von (Spitzen-)Châteaux besitzen, oder Weine verschiedener Herkunft erstehen, diese dann verschneiden, abfüllen und unter eigenem Namen vermarkten. Der Grande Chapelle gehört zu letzterer Gattung. Die Flasche ziert ein grosser Name: Moueix. Zeit für ein kurzes Familienportrait.

Antoine Moueix ist schon lange tot. Der Geschäftsmann kam ursprünglich aus Corrèze. 1905 gründete er in Saint-Émilion das Maison Antoine Moueix. Fünf Generationen folgten ihm und führen seine Tätigkeit als Négociant bis in die Gegenwart fort. So besitzt ein Teil seiner Abkömmlinge heute verschiedene Rebberge in Pomerol und Saint-Émilion. Jean-Michel und François Moueix gehören die Güter Clos Beauregard, Clos Toulifaut, Château Rochebrune, Clos Belle Rose. Die Kinder seines Ururenkels sind Besitzer von Châteaux Taillefer, Fontmarty, Tauzinat L’Hermitage und Le Grand Treuil.

Antoine Moueix

Négociant Antoine Moueix

Jean Pierre Moueix gründete 1937 ein Négocianthaus am Quai du Priourat in Libourne. Seine Investitionen in Weingüter der Region in den früher 50er Jahren brachte der Familie Moueix mehr und mehr Einfluss auf den französischen Weinmarkt. Nicht zuletzt als Folge davon, stieg die Reputation von Weinen aus dem Pomerol. Antoine Moueix, ein Onkel von Jean Pierre Moueix, erstand 1947 Château La Tour du Pin Figeac. Es folgten weitere Käufe: Château Magdelaine 1952, die Châteaux Trotanoy, Lagrange und La Fleur-Pétrus 1953, und die schrittweise Teilhaberschaft an Château Pétrus ab 1961, gefolgt von Château Latour 1962. Schritt für Schritt wurde das Moueix-Imperium erweitert. Château Hosanna, Providence und Château Belair folgten. Auch vor kalifornischen Ankäufen schreckte man nicht zurück. So erwarb die Familie schon bald das im Napa Valley gelegene Weingut Dominus Estate.

Jean-Pierre Moueix trat 1978 von den Geschäften zurück und starb 2003. Anfang der 90er wurde sein Sohn – Christian Moueix – Präsident des Familien-Imperiums, währenddem Jean-Pierres Grossenkel – Edouard Moueix – seit 2003 für den Verkauf zuständig ist.

Die vor mir stehende Flasche trägt denn auch in grossen Lettern den Namen des Gründervaters. Wie das bei Négociant-Weinen so ist, erfährt der Kunde leider recht wenig über die Herkunft des Traubenmaterial. Klar, Bordeaux steht drauf und auch ein AC-Label ist zu finden. Lediglich die beiden verwendeten Traubensorten stehen auf dem Etikett: Sauvignon blanc und Sémillion – wer hätte das gedacht. Auf der Webseite des Herstellers erfahre ich wenigstens, dass das die Trauben aus dem Entre-Deux-Mers bezogen werden. Na wenigstens das wird deklariert.

Gekauft habe ich den Weisswein übrigens aus einer Laune heraus im Manor. Reviews von Bordeaux blancs hatten wir ja schon einige auf diesem Blog: Thieuley, Pierrail und Bonnet. So weit ich mich erinnern kann. Moueix’s Bordeaux blanc kostet gerade mal Sieben Franken Fünfundneunzig. – Ja, ja, ich geb’s ja zu: Mich reizt nach wie vor der Gedanke, mal was Ordentliches, eine Art Knallbonbon für weniger als zehn Franken zu entdecken. – Schauen wir mal.

Farblich zeigt sich der Grande Chapelle in einem leicht blassen Quittengelb. Ein Hauch Grün scheint ebenfalls mit. Ich halte meine Riechorgan ins Glas. Hm, das Bouquet ist bescheiden. Es duftet zurückhaltend nach Frühlingsblumenfeldern, Veilchen und Zitrusfrüchten. Ich bin gespannt, was jetzt kommt. Hoffentlich ist’s nicht wie beim Bonnet. Der roch ähnlich verhalten, was sich im Mund dann leider fortsetzte. Moueix’s Abfüllung gefällt mir auf Anhieb besser. Der Weisswein besitzt eine Lieblichkeit, welche mit einer schönen, frischen Zitrussäure gepaart ist. Der Körper ist auf angenehme Art und Weise fruchtig-säuerlich, der Abgang von mittlerer Länge, der Nachhall schön weich und zart. Der Wein hat etwas Weiches, Feminines. Er wirkt leicht süsslich. Kaum wahrnehmbar, aber gerade so, dass er sich als preiswerter Apéro- und Saufwein prädestiniert. Was mir fehlt, ist Tiefe, Intensität, Ausdruck, Charakter, oder wie man das immer nennen mag. Im Vergleich zu einem Thieuley oder einem Pierrail ist er langweilig und eindimensional. Überzeugend wirken jedoch seine Ausgewogenheit, seine Lieblichkeit und natürlich der Preis. Ich gebe 14 Punkte.

      La Grande Chapelle blanc - Antoine Moueix 2010  Weiterempfehlen La Grande Chapelle blanc - Antoine Moueix 2010

Punkte: 14/20
Passt zu: Apéros, gegrilltem Salzwasserfisch, Meeresfrüchten
Preis: Fr. 7.95

Den La Grande Chapelle 2010 kann man hier kaufen.

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Château Rieussec, 2002, Premier Grand Cru classé, Sauternes

Es klingelt an der Tür: Oh nein, schon wieder die Zeugen Jehovas, Briefmarken verkaufende Schüler, oder – noch schlimmer – Vertreter eines Telekommunikationsunternehmens!? Nein, mein lieber Nachbar und guter Freund steht im Treppenhaus. In der rechten Hand einen 2002er Château Rieussec haltend. Ob wir ein Glas wollen? Ja, klar, aber sicher!

Da sind meine Degustationspartnerin und ich uns einig. Immer her mit dem Franzosen. Die Flasche ziert dasselbe Pfeil-Symbol, das auch auf dem im Herbst verkosteten Bordeaux-blanc zu finden war. Trotz Lafite-Logo war jener nicht gerade eine Offenbarung. Aber es handelte sich schliesslich auch um eine Billigabfüllung der Baron Philippe de Rothschild S.A.

Auf Anfang: Wir befinden uns in Frankreich, genauer in Fargues, nahe Sauternes. Und genau um letzteren handelt es sich auch. Und zwar nicht um irgendeinen, nein, wir haben hier einen Premier Grand Cru classé vor uns im Glas. Allein schon die Lage deutet auf einen edlen Tropfen hin. Liegt doch das Weingut nur einen Steinwurf von dem Sauternes-Produzenten – Château d’Yquem – entfernt.

Rieussec wurde 1984 von den Domaines Barons de Rothschild (Lafite) erworben. Damals umfasste der Betrieb 68 Hektar Rebfläche, welche bis heute auf 92 Hektar erweitert wurden. Die Böden bestehen aus Schotter und Kalkstein, angebaut werden Sauternes-typisch die Sorten Sémillon, Sauvignon und Muscadelle.

Château Rieussec

Wachsen da Reben die Wände hoch?

Die Qualität der Rieussecs kommt nicht von ungefähr. Seit der Übername durch die Rothschilds wurden unter der Leitung von Charles Chevallier auf  vielen Ebenen Verbesserungen angestrebt. Da wären: Der Neubau eines Weinlagers und damit einhergehende Verlängerung der Fassgärung, die Realisation eines neuen Gärkellers und vor allem die strengere Selektion des Traubenmaterials, um nur einige zu nennen. Zur Selektion: Auf der Website lese ich, dass man im Médoc normalerweise von einer Flasche pro Rebstock ausgeht. Beim Rieussec ist es ein Glas! Die Jahresproduktion liegt im Schnitt bei 6’000 Kisten, also unter 100’000 Flaschen.

Charles Chevallier über Château Rieussec:

Über den Jahrgang 2002 schreibt der Produzent: Die Wetterbedingungen waren zu Beginn des Weinjahrs nur mittelmäßig, wurden aber sehr gut, als die Traubenreife einsetzte. Die Monate Juli und August waren zwar insgesamt zu kühl gegenüber dem langjährigen Mittel, aber dafür war das Wetter im September herrlich und förderte die Entwicklung der Edelfäule: tagsüber trocken, heiß und sonnig, frisch in der Nacht. Die ersten edelfaulen Beeren konnten ab dem 12. September geerntet werden und die ersten Durchgänge verliefen bis 2. Oktober bei perfekten Wetterbedingungen. Mit weiteren Durchgängen musste bis zum 15. Oktober gewartet werden, als das Wetter wieder schön wurde und der Botrytis regelrecht explodierte. Der Most der Rebsorten Sauvignon und Muscadelle war sehr dicht, reich und fruchtig. Die letzten Beeren wurden am 5. November gelesen. (Quelle)

Der Rieussec besteht anteilsmässig aus 90% Sémillon, 7% Sauvignon und 3% Muscadelle. Im Glas scheint er in einem wunderschönen, warmen Bernsteinton. Optisch perfekt. Das Bouquet ist äusserst zurückhaltend. Wenigstens in unseren Schott-Zwiesel-Gläsern. Ich rieche vor allem Sprit, etwas Veilchen, eine zarte Honignote sowie leichte Zitrusanklänge. Fast bin ich ein wenig enttäuscht. Meine Nase hatte mehr erwartet. Ich nehme einen Schluck. Als Erstes fällt mir dieses unglaublich intensive Röstaroma auf, welches von Beginn an die geschmackliche Führung übernimmt. Der Sauternes hat wenig Frucht, wenn, dann etwas Quitte. Damit ist er das pure Gegenteil, des im Oktober jung verkosteten Château Doisy-Védrines. Der Rieussec ist mineralischer, holziger, mit einer kaum wahrnehmbaren Muskatnote und einer angenehmen – weil unaufdringlichen – Süsse. Kein Kleben oder Zupappen. Schön! Die Trinkreife wird je nach Anbieter bis 2060 angegeben. Da kann noch Einiges gehen. – Zurück ins Jetzt: Der Körper ist feingliedrig und weniger satt, als man annehmen würde, der Abgang raffiniert und mit viel Schmelz. Der Rieussec legt vom Bouquet bis zum Abgang eine ungeheure Eleganz an den Tag. Einzigartig macht ihn der weiter oben erwähnte, ganz eigene (Röst-)Charakter. Entweder man mag das, oder nicht. Ich gebe 18 Punkte.

@HJ: Schön, wenn man Freunde als Nachbarn hat!

Château Rieussec 2002Punkte: 18/20
Passt zu: kräftigem Käse (Roquefort, Gorgonzola), Desserts, Foie Gras, Terrinen
Preis: Fr. 29.-/37.5cl

 

Den 2002er gibt es in St. Gallen leider nicht zu kaufen. Überzeugend schmecken aber sicher auch die sehr schönen Jahrgänge 2005 und 2009.


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Château Bonnet blanc Entre-Deux-Mers AOC

Ich kann mir nicht helfen, aber meine subjektive Wahrnehmung sagt mir: Die weissen Bordeaux kommen mehr und mehr. Wenn selbst Discounter einen im Sortiment führen, ist der Trend zur Normalität geworden und wird auch vom Durchschnittskonsumenten wahrgenommen. Also zum Beispiel von mir. Getrunken wird heute ein leichtes Exemplar der Spezies Bordeaux blanc – Der weisse Bonnet, gekauft im Denner.

Der Bonnet steht bereit. Die Flasche hat einen Drehverschluss. Die ideale Trinktemperatur gibt Denner mit acht bis zehn Grad Celsius an. Als er neun Grad erreicht, öffne ich die Flasche und schenke ein. Im Glas scheint der Weisswein in einem hellen Gold. Die Nase duftet zart nach Blüten und Honig. Erinnerungen an den Baron de Rothschild Réserve Spéciale Bordeaux blanc werden wach. Geduftet hat auch der relativ ordentlich, aber eben nur kurz. Ähnlich verhält es sich beim Château Bonnet. Das grundsätzlich ansprechende Bouquet verfliegt allzu schnell. Auch im Mund bleibt der Weisswein unspektakulär. Es ist diese typische Sémillon-Sauvignon blanc-Note. Hier jedoch noch ergänzt um Muscadelle, welche den Wein um eine fruchtige Nuance ergänzt. Der Körper ist schwach, der Abgang kurz.

Alles in allem ist der Château Bonnet ein leichter, lieblicher Weisswein und gerade deshalb unbedingt auf eine korrekte Trinktemperatur angewiesen. Unter zehn Grad sollte diese auf jedenfall liegen. Zur Qualität: Was soll ich sagen? Unterirdisch ist er nicht, überzeugend aber auch nicht. Es ist ein einfacher, preisgünstiger Bordeaux blanc aus dem Entre-Deux-Mers, der als Tischwein für einfache Alltags(fisch-)gerichte geeignet ist. Einen bleibenden Eindruck hinterlässt er aber nicht. Dafür ist er zu flüchtig, zu wenig intensiv und aussagekräftig. Für drei Franken mehr kriegt man Weissweine, welche sich geschmacklich in anderen Sphären bewegen. Zum Beispiel den Château Thieuley, oder den kürzlich vorgestellten Pierrail. Ich gebe zwölf Punkte.

Punkte: 12/20
Passt zu: Antipasti, Fisch, Meeresfrüchten
Preis: Fr. 9.95

 

Den Château Bonnet blanc Entre-Deux-Mers AOC gibt’s hier.



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Baron de Rothschild Réserve Spéciale Bordeaux blanc AOC 2011

So, so, ein Rothschild für neun Franken achtzig. Das war mein erster Gedanke. Ich hatte Lust auf Sushi und brauchte noch kurzfristig einen passenden Weisswein. Welcher soll es werden?

Unentschlossen steh‘ ich im Coop vor den Weinregalen, als mir diese Flasche auffällt. Schön sieht er aus, der weisse Bordeaux. In einem hellen Goldgelb leuchtet er mir entgegen. Mein Entschluss ist gefallen, ich geb‘ dem Franzosen mit dem klangvollen Namen eine Chance.

Der erwähnte Baron ist den meisten wohl eher geläufig als verstorbener Besitzer eines der berühmtesten Châteaux der Welt, dem Château Mouton-Rothschild. Nach einer kurzen Recherche auf einer der nervigsten Webseiten seit langem, bestätigt sich mein erster Gedanke, nämlich dass es sich hier um einen Wein des Billig-Labels der Rothschild S.A. handelt. Wie könnte es auch anders sein.

Im Glas wirkt er etwas blass. Ein Bleichschnabel von einem Wein, denke ich mir und halte die Nase tief ins Glas. Es riecht blumig, aber sehr unaufdringlich. Es ist dieses typische Bouquet, welches meiner Erfahrung nach Verschnitte aus Sémillon und Sauvigon ergeben. Auch der im Denner-Sortiment relativ neue Château Bonnet bringt diesen typischen Duft zur Entfaltung. Es riecht nach Frühling, nach einem Potpurri von jungen Blüten, irgendwie mädchenhaft. Das Bouquet ist sehr flüchtig, ein erster Schluck unspektakulär. Der Wein füllt nicht aus, zudem bleibt er oberflächlich, geradezu eindimensional. Hat man ihn geschluckt, hinterlässt er keinen bleibenden Eindruck. Er wirkt wässrig, der Körper zerbrechlich, wenig intensiv, eher wie ein laues Lüftchen. Für Bowlen, die Weisswein-Variante des Aperol Spritz, oder als einfacher Kochwein reicht er aber allemal. Für alles andere ist er nicht zu gebrauchen.

Wenn man den Bordeaux blanc unbedingt kaufen möchte, kann man das hier tun. Ich rate allerdings davon ab.

Punke: 11/20
Verwendung:  Bowlen, Mixgetränke, Kochwein
Preis: Fr. 9.80