Flaschentester

… schreibt über europäische Weine und verwandte Themen


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Staatskellerei Zürich – Gamaret 2010

Helvetien sorgt für Aufruhr. Seit der Abstimmung vom 9. Februar ist nichts mehr wie es war. Lawinenartig wälzt sich eines der merkwürdigsten Ergebniße der direkten Demokratie durch alle erdenklichen europäischen Medien. Egal ob Print-, TV- oder Online-Magazine, alle berichten sie darüber: Die Maßeneinwanderungs-Initiative. Abwartend, wie die EU nun reagieren wird, herrscht innenpolitisch längst Chaos. Dahin ist die Heidiland-Idylle, mit einem Schlag weggefegt das Image des verschlafenen, aber stets neutralen Käse- und Kuhstaates. Flaschentester wird nachdenklich. Hat er doch anders abgestimmt. Daß die Schweiz auch beßer kann, zeigt er heute wenigstens in vinophiler Hinsicht. Sozusagen als digitaler Immigrant im grenzenlosen Netz. Als Gastautor auch auf einem Blog jenseits der Alpen. Für einmal etwas politisch, aber doch dem Genuß verpflichtet.

Staatskellerei Zürich 1

Die Kellereien in Rheinau (Quelle).

Die Schweiz ist bunt. Vier Landessprachen, und unzählige landestypische Eigenheiten widerspiegeln eine Gesellschaft, welche sich seit mehr als einer Dekade durch Toleranz und Konsens auszeichnet. Auch die Weinlandschaft zeugt von dieser Vielfalt. Meistens sind es nämlich Kleinstparzellen, welche im gesamten Land von über 30’000 Winzern bewirtschaftet werden. Jede Region hat ihre ureigene Weinbautradition und unzählige Kulturen verschiedenster Rebsorten. Im Tessin sind es vor allem Merlot und Chardonnay, in der Deutschschweiz Pinot Noir und Müller-Thurgau, im Westen zudem Chaßelas, welche angebaut werden. Neben diesen zentralen Sorten, gibt es hierzulande unzählige autochthone, also ursprüngliche Reben und auch einige Neuzüchtungen, welche zum Teil in Kleinstmengen verarbeitet werden. Gamaret ist eine davon. Vor etwas mehr als dreißig Jahren wurde die junge Sorte von der Eidgenößischen Forschungsanstalt für Pflanzenbau in Pully durch die Kreuzung von Gamay und Reichensteiner ins Leben gerufen. Gamaret wird vor allem im Kanton Waadt angebaut, ist zum Teil aber auch in der Zentralschweiz zu finden. Inzwischen werden sogar  in Deutschland Kleinstmengen kultiviert. So zum Beispiel in Württemberg.

Staatskellerei Zürich Kellermeister Werner Georges Kuster

Kellermeister Werner Georges Kuster (Quelle).

Wir schreiben den 9. März. Einen Monat nach dem niederschmetternden Wahlresultat werden die ersten Folgen sichtbar. Flaschentester spricht mit einem Bekannten, welcher an der Universität Zürich arbeitet. Es wird konkret: Erasmus ist – zumindest für die Schweiz – Geschichte und auch die Beteiligung am Forschungsprojekt Horizon 2020 steht auf dem Spiel. Und das ist erst der Anfang. – Warum reden wir hier also noch über Gamaret? Nun, so einer steht eben jetzt vor mir auf dem Tisch. Quasi als Trostwein in einer trostlosen Zeit. Denn den schicksalsschweren Sonntag muß man einfach mit einem entsprechenden Tropfen vom Tisch fegen. Auch einen Monat danach. Wenigstens für einen Abend lang.

Ich koche. Nicht nur innerlich. Es gibt Schweinefilet, Brat-Kartoffeln und Bohnen. Zwischendurch werfe ich nochmals einen Blick auf die Flasche: Jahrgang 2010, 13,5 Volumenprozent. – Ja, 2010 war die Welt noch in Ordnung. Wer hätte gedacht, daß vier Jahre später über fünfzig Prozent aller Schweizer der Initiative einer verkorksten Partei zustimmen? Klar, überfüllte Züge, verstopfte Straßen, steigende Mieten und Grundstückspreise, Zersiedelung, Lohndruck, Kriminalität, und Asylmißbrauch sind reale Probleme. Aber die sind doch nicht so zu lösen! Herrgottnochmal ! ! !

Staatskellerei Zürich Klosterkeller

Klosterkeller: 400 Jahre Tradition (Quelle).

Leicht genervt entferne ich die silberne Kapsel und entkorke. So heftig wie das Wahlresultat ist auch die Keule von Flasche. Burgund läßt grüßen. Drauf steht „Staatskellerei Zürich – Gamaret, Prestige Barrique„. Die Anfänge des Zürcher Produzenten liegen im späten 19. Jahrhundert. Ursprünglich sollte der Betrieb vor allem die ansäßigen Krankenhäuser und Anstalten mit Wein versorgen. Schließlich wurde auch da mal ein Glas getrunken. – Heute beliefern die Zürcher Kellereien freilich andere Märkte. Seit 1997 gehören sie zur Mövenpick Wein AG und sind gegenwärtig einer der größten regionalen Weinproduzenten. Der Betrieb kauft und verarbeitet Trauben von rund neunzig verschiedenen Quellen im ganzen Kanton. Das Sortiment umfaßt Rot-, Weiß- und Schaumweine. Auch Likör und alkoholfreie Traubensäfte werden im idyllischen Örtchen Rheinau produziert. Entgegen der gebräuchlichen Methode Gamaret mit Garanoir, Gamay oder Pinot Noir zu einer Assemblage zu vereinen, befindet sich in dieser Flasche eine sortenreine Abfüllung. Das hat seinen Preis. Zugegeben, der Wein ist nicht billig. Schließlich verlangt gerade Gamaret nach einer guten und damit auch intensiver zu bewirtschaftenden Reblage und vor allem nach einer strengen Selektion des Traubenmaterials. Das macht den Wein teurer. Mißachtet der Winzer diese zwei Umstände ergeben sich häufig krautige, ja sogar kratzende Weine. Und die kauft keiner.

Wir sitzen inzwischen am Tisch. Das Schweinefilet lächelt uns entgegen. Es wird angestoßen: Auf den Dialog! – Daß dieser bitter nötig ist, scheinen einige noch feststellen zu müßen. Ich für meinen Teil werde ruhiger und ruhiger. Der Gamaret entfaltet seine Wirkung. Dunkel und purpurrot liegt er im Glas. Das Bouquet voller schwarzer Beeren und Schokolade. Holz rundet das olfaktorische Spektrum ab. Im Mund schmecke ich Kirschen und Pflaumen. Seine Fruchtigkeit erinnert entfernt an einen jungen Blauburgunder. Der Wein ist füllig, der Abgang stimmt versöhnlich, der Nachhall verstummt angenehm langsam. Ein schönes Stück Schweiz habe ich da im Glas. So müßte sie sein. Individuell, versöhnlich, einladend und von einer inneren Stabilität getragen. Daran erinnert man sich gerne. Der Gamaret macht’s vor. Wenn Politik nur so einfach wäre. Ich gebe 18 Punkte.

Gamaret-Prestige-Barrique_Staatskellerei-ZuerichPunkte: 18/20
Paßt zu: Fleisch, deftigen Speisen, reichhaltigen Speisen
Preis: Fr. 28.- / € 19.50

 

Den Gamaret Prestige Barrique der Staatskellerei Zürich gibt’s bei Mövenpick/Schweiz bzw. Mövenpick/Deutschland zu kaufen.

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Kurz angenippt: Germanier, Amigne de Vétroz, 2012

Notizen

Im ersten Moment einfach nur sehr süss. Unglaublich intensiver Duft nach Honig. Erinnerungen an Met werden wach. Der Süsse trotzt glücklicherweise ausreichend Säure. Der Weisswein harmoniert am ehesten zu scharfen asiatischen oder indischen Gerichten. Er ist süffig, ermüdet aber auch den Gaumen relativ schnell. Ich bin froh, nur das Kleinflaschenformat aufgetischt zu haben. Das Preis-Leistungsverhältnis stimmt. Die Farbe, das Bouquet und der Geschmack sind tadellos, letzterer aber vor allem Geschmackssache. Meinen trifft’s nur bedingt. Der Wein ist ein typischer Degustationsschmeichler. Einmal mehr handelt es sich um einen sehr speziellen helvetischen Weisswein, für den die ideale Essenpaarung noch gefunden werden muss. Trotzdem ein Schweizer Qualitätsprodukt von Germanier: 16 Punkte.

AgnedeVétroz

Unter der Rubrik kurz angenippt findest du Weine, welche mir irgendwo über den Weg liefen, aber nicht genauer getestet werden konnten. Die Notizen sind kurz und knapp, die Punktevergaben eher als Anhaltspunkt, denn als absolutes Mass anzusehen. Die Weine werden daher auch nicht in den Charts gelistet.


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Bye Bye Winterschlaf

Die Weihnachtsengel sind ausgeflogen, die Neujahrsraketen verpufft, der Alltag hat Flaschentester eingeholt. Damn! Ganz weit oben auf meiner nie enden wollenden ToDo-Liste stehen vor allem zwei Dinge: Bloggen und nochmals Bloggen.

Wenn einem sogar Kollegen der schreibenden Zunft eine gewisse Faulheit nachsagen, wird’s wohl endgültig Zeit, die Finger kräftig zu dehnen und unverzüglich in die Tasten zu hauen. Mehr Output muss her. Sofort. Trinken kann ich später wieder. So viel zum Input. Aber worüber schreibt man, kurz nach dem Erwachen aus einem längeren Online-Winterschlaf? Für einen Jahresrückblick ist es definitiv zu spät. Was bleibt ist die Zukunft. Wie immer. – „Vorwärts vorwärts!“, ruft dann auch sofort der kleine, imaginäre Sommelier auf meiner linken Schulter. Sein Gegenspieler rechts meint, ich soll aufhören zu sinnieren und endlich mal Klartext reden. Also, here we go. Meine Ziele für 2014:

  • Weinmessen & Degustationen: Besuchen, trinken, darüber schreiben. Fertig.
  • Burgunder: Der jugendliche Flaschentester versucht eine vorsichtige Annäherung an das uralte und unendliche Thema.
  • Riesling, Riesling, Riesling: Tauchgänge in das breite Geschmacksspektrum meiner grossen Liebe.
  • Vernetzung: Gastbeiträge und vermehrte Kontaktaufnahme mit anderen Hedonisten und artverwandten Schreiberlingen.
  • Schweizer Wein, schenk‘ ich ein. Und zwar mehr und mehr.
  • Neue Winzer, neues Glück: Frische Weine braucht mein Glas!
  • Let’s talk about wine: Erste Gehversuche als Interviewer. Ganz analog, von Blogger zu Mensch sozusagen.
GlasComputerOK

Wachgeschüttelt nicht gerührt: Flaschentester startet ins 2014. Etwas verspätet, aber fit wie ein Turnschuh, Grösse 46 selbstverständlich.

An dieser Stelle ein grosses Dankeschön an alle Stefans, Joels, Romans, Andreas, Fionas und wie ihr alle heissen mögt, die ihr meinen Blog lest. Schön, dass es euch gibt. Bis zum nächsten Artikel! Der kommt bestimmt. Schon bald.

Wann denn jetzt genau? Ähm…, ziemlich bald. Versprochen. Ehrlich. Wirklich.


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Denner unstoppable – Ach du meine Fresse

Mein Gott Denner, was bist du aggressiv und unkontrolliert in letzter Zeit. Sobald ich deinen weissroten Schriftzug ausmache, manifestiert sich vor meinem geistigen Auge eine Mischung aus Discounter-Pitbull, und Rattenfänger von Hameln. Zwei Dinge, die die Welt nicht braucht.

PitbullDennerBegonnen hat es mit einer Pressemitteilung im letzten Jahr. Im Dezember 2012 registriert die Medienwelt die Übernahme des Coop-Weineinkäufers Christoph Bürki, den du dann auch baldmöglichst wieder ausspuckst. Personalwechsel werden nicht kommentiert, sagst du. Warum auch. Das nennt sich heutzutage Firmenpolitik. Flaschentesters Aufmerksamkeit ist geweckt. Je länger ich mich mit dir beschäftige, desto mehr ist kräftiges Kopfschütteln angesagt.

Du scheinst den medialen Äther recht grosszügig zu bedienen. Deine Fernsehwerbung, die mit den cinque stelle, scheint gerade der Renner zu sein. Alle wollen Gutscheine gewinnen. Alle haben Spass. – Auch ich hatte Spass, als ich für eine Bewertung deiner mittelmässigen Weine als glücklicher Gewinner einen Gutschein zugestellt bekam. Danke dafür. Leider sind die abgegebenen Kommentare und Bewertungen so inflationär, wie ich’s von Anfang an erwartet hatte. Kaum jemand bewertet deine Weine mit weniger als vier Punkten. Gleichzeitig kann ich die Öffentlichkeit beruhigen: Auch bei schlecht bewerteten Weinen, erhält man als Gewinner der wöchentlichen Verlosung einen Einkaufsgutschein per Post zugestellt. Einige Fragezeichen bleiben trotzdem: Schmecken all deine Weine ausnahmlos gut, wie etwa von Chandra Kurt im Weinseller propagiert? Haben deine Kunden Angst, sich mit treffenden Bewertungen online zu outen und einen Shitstorm auszulösen? Fehlt es Denner-Weinkonsumenten grundsätzlich an Geschmack und Qualitätsbewusstsein? Wo bleibt die eigene Meinung? Man weiss es nicht. Fest steht: Viele lechzen nach deinen Gutscheinen, welche sie dann wieder in Wein investieren, den sie online bewerten, damit ihnen ein Gutschein… ach, wechseln wird lieber das Thema.

Weinkrieg2Auch offline, zum Beispiel auf Papier, bist du ganz schön präsent. Deine Marketing-Offensive umfasst sogar zwei hauseigene Weinzeitungen. Ja richtig, Plural. Von deinem Weinführer ist die Rede, und von einer gehefteten, mehrseitigen Papierwerbung, welche du als Weinzeitung betitelst. Beide sind auch online, als PDF, mit allem dazugehörigen Bedienerschnickschnack abrufbar. Usability scheint von dir neuerdings online ja sowieso ganz GROSS geschrieben zu werden. Denn unterdessen findet man auf http://www.denner.ch eine komplett überarbeitete Seite mit klarer Struktur und einer benutzerfreundlicheren Navigation als noch Anno Domini Zweitausendirgendwas. Den Konsumenten freut’s. Auch ich haber darüber berichtet und war mit deinem Auftritt ziemlich zufrieden. Umso trauriger stimmt mich deshalb die Tatsache, dass du uns Weinkäuferinnen- und Käufern immer wieder mit dem selben Wein hinters Licht führst. So entdecke ich auch heute, online, beim Schreiben dieses Artikels, wieder eine Rocca Rubia-Aktion. Nicht die erste, wohlgemerkt. Der Wein des Anstosses wurde bereits mehrmals von dir zum Spottpreis angeboten, war aber in den Läden meines Wissens nie erhältlich. Ein St. Galler Weinhändler erwog deshalb sogar rechtliche Schritte gegen dich einzuleiten. Meine Fresse Denner, was soll denn das? Bitte Seinlassen, danke.

DennerDrLoosenDafür, dass du überraschenderweise den hinlänglich bekannten 2010er Pannobile von Heinrich einige Tage als Schnäppchen angeboten hast, bin ich dir hingegen sehr dankbar. Sowieso scheinst du auf dem österreichischen Auge nicht mehr ganz so blind zu sein. Das beweist du nicht nur mit der Heinrich-Aktion, sondern auch der Aufnahme eines einfachen Grünen Veltliners in dein Sortiment. Seit kurzem gibt’s bei dir von Zeit zu Zeit sogar einen Zweigelt aus der Wachau. Weiter so. Beiss dich bei den Österreichern fest. Das hat Zukunft.

Auch Deutschland schien für kurze Zeit endlich in dein Beuteschema zu passen. Ursula – Achtung Wortwitz! – Beutler, welche ja auch schon für Manor und Coop weinmässig einkaufen durfte, hat bestimmt ihre Beziehungen spielen lassen, als sie einen Dr. Loosen für dich an Land zog. Stimmt’s? Das gibt dennoch zu denken. Gerade mal Fr. 9.85 habe ich für das Erdener Treppchen bezahlt. Deine Preisgestaltung ist unglaublich aggressiv. Andere Händler verlangen zum Teil das Doppelte und werden von deiner Aktion alles andere als begesteiert sein. Gerade gestern habe ich dich besucht. Es standen immer noch einige Flaschen zum momentanen Aktionspreis von Fr. 12.30 bei dir im Laden. Aus dem Online-Shop und deiner App hast du ihn aber ganz schnell wieder entfernen lassen. Warum denn das? Hat der deutsche Onkel Doktor die ausgemachte Liefermenge etwa nicht eingehalten, oder war das einmal mehr eine deiner geschickt eingefädelten Finten, um den Kreis der Dennerkonsumenten zu vergrössern? Schliesslich durften nur gerade vier Kunden den Riesling bewerten, bevor er wieder vom Bildschirm verschwand. Ich bin ratlos.

DennerBordeaux2011Selbst bei den französischen Weinen reitest du schon seit einiger Zeit auf der inzwischen massentauglichen (Bordeaux-)Welle. Ganze elf Flaschen aus dem Bordelais stehen bei dir im Regal. Weiss, rot, süss: Keiner kostet mehr als zwanzig Franken und alle schmecken sie höchstens durchschnittlich. Hauptsache, Bordeaux steht drauf. Zwar kann man Bonnet, Partarrieu und Konsorten durchaus trinken, der Spass bleibt – zumindest bei mir – dabei jedoch aus. – Ich komme ins Grübeln. Lange Zeit fragte ich mich ernsthaft: Where have all the Grand Crus gone? Und sind wir ehrlich, die paar ernst zu nehmenden Fläschchen, welche irgendein französischer Camion die letzten zwei, drei Jahre jeweils im Herbst anlieferte, waren im Vergleich mit Pickpay-Zeiten nicht der Rede wert. Seit letzter Woche erkennt man aber wenigstens etwas Licht am roten Dennerhorizont. Endlich findet man wieder eine Auswahl an französischen Châteaux, die ihren Namen verdient. Auch deine Preise sind fair. Und ist es nicht schön zu sehen, wie sich in alter Denner-Manier, Bordeaux-Kistchen lieblos auf einer Holzpalette stappeln? So soll es sein. So mag ich dich.

WeihnachtsbaumIn Anbetracht dessen, dass in absehbarer Zeit Weihnachten vor der Tür steht, sende ich dir vier naive Wünsche zu:

1) Lass die Rocca Rubia-Aktionen sein. Erstens gibt’s den Wein nicht bei dir zu kaufen, zweitens nervt das andere Händler, drittens registrieren auch wir Konsumenten diese Bauernfängerei.

2) Erweitere dein Sortiment um deutsche Weine. Warum nicht mal ein, zwei ordentliche Rieslinge, oder einen Spätburgunder ins Programm nehmen. Meine Sympathiepunkte würden dir automatisch zufliegen. Das gilt auch für das Kabitel Bio. Gerade mal ein Bio-Wein unter 243 Positionen, also bitte. Das geht besser.

3) Meine persönliche Überdosis an Denner ist längstens erreicht. Reduzier‘ deine Werbeaktionen auf die Hälfte. Höchstens. Danke.

4) Weiter so beim Thema Bordeaux. Gerne darfst du auch Flaschen unter zwanzig Franken anbieten. Dann aber bitte ordentliche und nicht das olle Bonnet-Zeugs.


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Cayas, Syrah du Valais AOC, Jean-René Germanier, Vétroz 2010

Türe auf, Fahrräder beiseite geschoben und ab in den Weinkeller. Was lugt denn da aus dem einen Regal? Ein kleines 37,5er-Fläschchen von Germanier. Ein Syrah. Cayas steht drauf. Ein Stück Wallis steckt drin. Genau richtig für eine kontrollierte Entschleunigung in den verdienten Feierabend.

Endlich bin ich zu Hause. Langsam und ziemlich müde steige ich die Treppen hoch in den zweiten Stock. In der Küche krame ich einen Korkenzieher aus einer der überfüllten Schubladen. Schliesslich erreiche ich Flaschentesters Zentrum der totalen Entspannung: Meinen urgemütlichen Chesterfield-Sessel. Schneeregen, überfülltes Bahnabteil und müde Beine: Ihr könnt‘ mich mal! Jetzt wird erstmal zurückgelehnt. Aber so was von. Jawohl.

Vor mir steht der Wein von Germanier. Ein Name, der hierzulande zu den festen Grössen in der Weinszene gehört. Beim nationalen Grand Prix du Vin Suisse und auch internationalen Prämierungen belegen die Weine des Wallisers nämlich alljährlich vordere Ränge und erhalten Bewertungen auch jenseits der 90-Punktegrenze. Der bereits 1896 gegründete Familienbetrieb gehört zu den wenigen Schweizer Produzenten, welche den Spagat zwischen Quantität und Qualität mit Bravour zu meistern scheinen. Für einmal handelt es sich also um einen Betrieb, der meinem hier bereits postulierten Senf voll entspricht. Schön.

Germaniers Flaschen sind neben dem gut sortierten Fachhandel auch bei Grossverteilern wie Manor oder Coop erhältlich. Und auch der Export ins übrige Europa, nach Asien, Nord- und Südamerika scheint zu funktionieren. Die Jahresproduktion läst sich sehen. Sie beträgt 600’000 Flaschen. Eine enorme Menge für einen helvetischen Betrieb. Möglich wird dieses Produktionsvolumen durch rund achtzig Hektar, bestückt mit Gutedel, Petite Arvine, Amigne, Chardonnay, Pinot Noir, Gamay, Syrah, Humagne Rouge, Cornalin, Cabernet Sauvignon und Diolinoir.

Germanier Reben

Vétroz: Blick auf Germaniers Reben.

Inhaber des Guts ist Jean-René Germanier, seines Zeichens Önloge, FDP-Politiker und Nationalrat seit 2003. Im Parlamentsjahr 2010/11 war er sogar Präsident desselben. Da scheint es nur logisch, dass eine andere Person den Betrieb führt. So kümmert sich sein Neffe, Gilles Besse-Germanier, seit einigen Jahren um den Familienbetrieb im beschaulichen Örtchen Vètroz. Auch er ist vom Fach, vom önologischen, nicht vom politischen, versteht sich.

Die Germaniers keltern eine breite Palette an Weinen. Beliebt sind neben den zahlreichen, einfacheren aber qualitativ ansprechenden Abfüllungen wie dem Amigne de Vétroz und den diversen Assemblages vor allem die Réserves.

In der warmen Stube angekommen, schenke ich mir also ein erstes Glas ein. Die Farbe ist kräftig und dunkel. Der Ton liegt irgendwo zwischen dunkelviolett und intensivstem Rot. Das Bouquet kann ich nicht anders, als betörend beschreiben. Es ist sehr intensiv. Dicht nebeneinander bahnen sich Kirsche und Cassis ihren Weg Richtung Nase. Eine Nuance herrlichster Vanille ergänzt das Spektrum. Typisch sind auch die vorhandenen Tertiärnoten: Leder, Pfeffer und Teer bzw. Röstaromen. Im Mund gefällt der Walliser erst einmal durch seine Ausgewogenheit. Im Unterschied zu den meisten Shyraz aus Übersee, zeichnet sich dieser hier durch seine Milde und eher zurückhaltende Fruchtsüsse aus. Dieser Wein strotzt nicht durch Opulenz, sondern lässt dem Trinkenden Zeit, seine Vielschichtigkeit und Finesse zu entdecken und somit auch zu geniessen. Das sind typische Attribute für einen ausgezeichneten Schweizer Syrah. So muss er sein. So mag ich ihn. Dennoch wird er durch ein, zwei Jährchen Flaschenreife bestimmt noch einmal zulegen. Säure und Tannine sind im jetzigen Stadium zwar sehr gut eingebunden, lassen die Gesamtperformance aber noch etwas wild und jugendlich erscheinen. Dies tut dem Genuss jedoch keinen Abbruch.

Der Cayas der Germaniers ist ein waschechter Walliser erster Güte. Wer sich abseits der international ausgetrampelten Shyraz-Pfade auf ein helvetisches Gewächs einlassen möchte, ist mit diesem Rotwein sehr gut beraten. Der Preis ist zwar relativ hoch, aber allemal gerechtfertigt. Der Wein wird im Handel übrigens auch als Kleinflaschenformat angeboten. So oder so mundet der Cayas ausserordentlich. Ich gebe 18 Punkte.

CayasPunkte: 18/20
Passt zu: Wild, Gebratenes, Pizza (!?)
Preis: Fr. 41.- / € 42.50

Fr. 20.90 für das Kleinflaschenformat

Den Cayas von Germanier gibt’s bei Manor, Landolt oder Nobis/Deutschland.


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Zanolari – Flüssige Sonne Riserva 2009

Was haben das Tirol, Tibet und die Antarktis gemeinsam? Genau, – sie wurden oder werden immer wieder mal von irgendwelchen Staaten beansprucht. Freilich mit unterschiedlichen Resultaten. Das ist bekannt. – Ähnlich erging es dem Veltlin, auch Valtellina genannt. Ein Tal, welches für Nebbiolo-Weine steht. Einer davon trägt den sinnlichen Namen Flüssige Sonne. Und der landete unlängst in Flaschentesters Glas. Zanolari sei Dank.

Ehrlich gesagt, war ich im ersten Moment etwas ratlos. Wohin gehört das Veltlin? Schweiz? Italien? Österreich? Geographie war noch nie meine Stärke. Die Zeit ist reif, ein Buch aufzuschlagen, und mir Basiswissen draufzuschaffen:

Die Geschichte des heutigen Veltlins beginnt mehr oder weniger mit der Bündner Herrschaft, welche im 16. Jahrhundert die drei Talschaften Chiavenna, Veltlin und Bormio für sich beanspruchte. Schliesslich mischten sich die Habsburger ein. Dies mit dem Resultat, dass das Veltlin zwischenzeitlich an Spanien ging, bevor die Habsburger erneut die Herrschaft über das Tal erlangten. Nach langem hin und her wurde das Gebiet schliesslich Italien zugesprochen. Denn die Schweiz war leider nicht gewillt, das Veltlin als Kanton anzuerkennen. Aus heutiger Sicht vermutlich ein Fehler, den auch viele Bündner lange bis ins 20. Jahrhundert bedauerten. Sei’s drum. Wir lassen die Geschichte Geschichte sein und kümmern uns um den Wein. Den der schmeckt auch unabhängig von irgendwelchen historischen Kamellen oder neu gezogenen Grenzen ganz hervorragend. So viel vorweg.

Valtellina

Die Flüssige Sonne wird aus Trauben von terrassierten Hängen bei Sondrio gekeltert.

Am Flaschenhals ist ein Büchlein befestigt. Wir folgen seinem Rat und lassen den Wein eine Stunde lang offen stehen. Er soll das ausgedehnte Bad im Sauerstoff geniessen. Sechzig Minuten später klingelt mein Smartphone. Die Zeit ist um, und auf dem Tisch steht pro Person ein Teller. Darauf je ein Rindsfilet an Rotweinsauce, Bratkartoffeln und Gemüse. Es ist einer dieser Abende, an denen wieder einmal alles passt. Wir setzen uns und sind gespannt, wie sich der Veltliner schlägt. Nicht etwa, dass wir viel erwarten würden. Veltliner hatten schliesslich bereits Generationen vor uns nicht den besten Ruf. Die Flüssige Sonne wird uns hoffentlich gleich eines Besseren belehren.

Schon beim Einschenken macht der Rotwein Spass. Leicht transparent, aber dennoch in einem herrlichen Granatrot, stürzt er ins Glas und bildet eine herrliche Schaumkrone. Endlich probieren wir. Und, mein Gott! Was ein toller Wein! Er besitzt Leichtigkeit, eine wunderbare Balance aus Säure, Holz und Tanninen. – Ausgebaut wurde der sortenreine Nebbiolo übrigens während zwei Jahren in kleinen, gebrauchten Barriques aus französischer Eiche. – Scheinbar hat’s was gebracht. Der Veltliner schmeckt nämlich äusserst angenehm, edel, sanft und dabei doch intensiv. Eins ist klar: Würze, und nicht Frucht definiert diesen Tropfen. Konstant schwingt nämlich eine wunderbar würzige Note mit. Unmittelbar werden Erinnerungen an Süssholz wach. Der Abgang ist raffiniert, der Nachhall ebenfalls ganz fantastisch. Auch das Entwicklungspotenzial ist nicht ohne. Zanolari spricht von einer möglichen Genussreife bis 2020. Gut zu wissen. Man kann also unbeschwert einige Flaschen in den Keller legen und warten bis sie Staub angesetzt haben. Ich für meinen Teil kann wohl kaum die Geduld dafür aufbringen. Zu gut und zu verführerisch ist sie, die Flüssige Sonne. Sie muss ins Glas. Unbedingt und bald schon wieder. Spätestens, wenn die Nächte länger und die Tage kürzer werden. Ich gebe 19/20 Punkte.

FlüssigeSonneRiserva09

Punkte: 19/20
Passt zu: Klassischer Fleischküche
Preis: Momentan Fr. 27.50 statt 33.-

Die Flüssige Sonne Riserva gibt’s bei Zanolari.