Flaschentester

… schreibt über europäische Weine und verwandte Themen


Ein Kommentar

BxTotal – iPhone/iPad App

Bordeaux-Trinker kämpfen immer wieder mit denselben Fragen. Welche der unzählige Châteaux bieten eine vernünftige Qualität, welche Jahrgänge sind empfehlenswert und wann ist der Zeitpunkt gekommen, die geliebten Flaschen zu öffnen? Anworten darauf findet man seit kurzem in Form einer App. Bordeaux-Papst René Gabriel stand dafür Pate.

Die App ist an den gleichnamigen und weitgehend bekannten Weinführer Gabriels angelehnt. Die gedruckte Form ist eines der Standard-Werke für Bordeaux-Liebhaber. Darin findet man Anmerkungen, Illustrationen und vor allem Bewertungen zu über 300 Châteaux und ihren Weinen pro Jahrgang (!). Der Methusalem unter den verkosteten Weinen ist ein Bordeaux aus dem Jahr 1784.

Neben der Veröffentlichung einer Pocket-Ausgabe von Bordeaux Total hat sich Gabriel im Sommer des letzten Jahres dazu entschlossen, mit der Zeit zu gehen, und seine Bewertungen und Angaben zur Trinkreife von Bordeaux-Weinen nun auch in Form einer App für das iPhone und iPad unter’s Volk zu bringen. Sehr schön. Für den Preis von neun Franken kann man das Progrämmchen im Apple App-Store erwerben und downloaden. Die Bedienung ist selbst erklärend, die Menu-Führung einfach und die Aufmachung zweckmässig – insgesamt also eine Anwendung ohne grossen Schnickschnack. Mir gefällt das, man kommt schnell zum Ziel.

Ein Beispiel:

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Die Suchfunktion

Ich steh‘ im Denner. Vor mir ein Regal mit einigen Flaschen aus dem Bordelais: Ein 2010er Château Seguin, ein 2008er La Garricq und ein 2010er Chasse-Spleen stehen da. Ich zücke mein iPhone, tippe rasch die Anfangsbuchstaben der Châteaux ein und sehe sofort die Punktzahlen: Seguin: 18/20, La Garricq 17/20 und Chasse-Spleen 16/20 Punkte. Infos in Textform findet man keine. Wer das will, muss nach wie vor zu den gedruckten Ausgaben von Bordeaux Total greifen.

Jedoch bietet die Applikation einen Sucherverlauf, der sich die letzten zwanzig aufgerufenen Weine merkt. Prima! Auch in Sachen Stabilität lässt die App nichts zu wünschen übrig, stürzte sie doch im mehrwöchigen Test nicht ein einziges mal ab. Die Resultatseite zeigt nicht nur Bewertungen an, sondern gibt auch Auskunft über die Trinkreife des abgefragten Weins. Natürlich ist das immer auch von der Lagerung und anderen Faktoren abhängig, die App gibt aber schon mal einen guten Anhaltspunkt.

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Resultate: Château, Appellation, Jahrgänge samt Bewertungen und Angaben zur Trinkreife.

Alles in allem kann ich die Software wärmstens empfehlen. Zu dem Preis sowieso. Schliesslich erhält man für einige Franken eine durch Gabriel ständig aktualisierte Datenbank mit hunderten von Weinen verschiedener Jahrgänge. Wenn du also schnelle Hilfe beim Bordeaux-Kauf suchst, oder nicht sicher bist, wann du deine Flaschen entkorken sollst, gehört die App zur Grundausstattung. – Vorausgesetzt, du vertrautst den Einschätzungen Gabriels und besitzt ein iPhone oder iPad. Was du jedoch nicht erwarten darfst, sind Detailinformationen, Preisvergleiche und dergleichen. Das Programm kann zwar nur wenig, das dafür aber gut. Eine Qualität, die man im aktuellen App-Dschungel leider viel zu selten findet.

Punkte: 20/20
Passt zu: Bordeaux-Fans mit iPhone/iPad
Preis: Fr. 9.-

BX Total findest du hier

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4 Kommentare

Bordeaux im Denner: Gut war gestern

Wie jedes Jahr lechze ich im Herbst der Ankunft der neuen Jahrgänge aus Bordeaux entgegen. Spätestens ab Mitte Oktober durchquere ich leicht nervös mindestens einmal wöchentlich die Denner-Filiale im Neumarkt. Gestern war es dann so weit: Die neuen Bordeaux standen endlich im Regal. Nach fünf Minuten war aber jede Euphorie verflogen: Das Angebot ist noch schlechter als in den letzten zwei Jahren.

Nervös wie ein kleiner Junge am Weihnachtsabend stehe ich vor den schmucken Holzkistchen. Ich geb’s zu: Ich kaufe keinen Bordeaux, der von René Gabriel weniger als 18 Punkte bekommt. Gleichzeitig sehe ich auch nur in den seltensten Fällen ein, warum ich für eine Flasche mehr als 30 Franken bezahlen sollte. Diese zwei Grundsätze haben sich bisher immer bewährt. Ich zücke also – immer noch im Denner stehend – mein iPhone, starte die Gabriel-App und checke hastig sämtliche Weine, die vor mir im Regal liegen. Von der Seite her, bemerke ich einen etwas verstörten Blick eines Denner-Angestellten, der mich ungläubig beobachtet. Spätestens als ich auch noch Fotos von den Weinkisten mache, schaut er mich an, als würde er gleich den Filialleiter informieren. – Ich lasse mich nicht beirren und tippe weiter. De Ca-men-s…, ach, sch**se, schon wieder nur 16 Punkte für mehr als 40 Franken pro Flasche! So setzt sich meine ganz persönliche Tragödie bis zum letzen Wein fort. Keine drei Minuten vergehen, da habe ich auch schon alle angebotenen Bordeaux per iPhone-App durchgeackert. Fazit: Denner enttäuscht mich auf der ganzen Linie. Aber seht selbst:

Château Jahrgang Preis pro Flasche Preis 6er Gebinde Punkte René Gabriel
Sociando-Mallet 2010 Fr. 35.90 Fr. 215.40 18/20
Phélan-Ségur 2010 Fr. 42.90 Fr. 257.40 18/20
Gloria 2010 Fr. 43.90 Fr. 263.40 17/20
Talbot 2010 Fr. 59.60 Fr. 359.40 17/20
Citran 2009 Fr. 17.90 Fr. 107.40 16/20
Chasse-Spleen 2010 Fr. 29.90 Fr. 179.40 16/20
De Camensac 2010 Fr. 42.90 Fr. 257.40 16/20
Fourcas-Dupré 2008 Fr. 15.90 Fr. 95.40 15/20

(Der Fourcas-Dupré ist natürlich nicht neu, sondern schon länger ein Ladenhüter bei Denner)

Entweder ist die Qualität der bezahlbaren Weine schlecht bis durchschnittlich, oder sie sind gut, aber einfach überteuert. Und nur weil Talbot draufsteht, zahle ich keine 60 Mücken für die Flasche. Das beste Preis-Leistungsverhältnis hat der Sociando-Mallet. Aber auch da gibt’s bei anderen Anbietern günstigere Alternativen von mindestens gleicher Qualität. Zum Beispiel den 2009er Château Rollan de By für etwas mehr als 26 Franken bei Coop.

Enttäuscht dränge ich mich an der Kasse an den anstehenden Kunden vorbei. – Sorry Denner, aber andere haben weitaus bessere Angebote im Laden stehen. Nichtsdestotrotz werde ich vermutlich auch nächsten Herbst wieder wöchentlich im Neumarkt vorbeischauen, mich freuen, vom Angebot enttäuscht sein, fluchen und mir schwören, niemals wieder im Denner auf Bordeaux-Jagd zu gehen. Das tat ich wenigstens die letzten zwei Jahre…

À la vôtre


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Herbst-Special: Bordeaux für Anfänger, Teil II – Hurra, ich hab‘ Klasse !

Ach, wie schön ist es doch, dass irgendwelche lieben Menschen ständig versuchen, zu ordnen, oder Dinge nach ihrer Qualität zu beurteilen. Das macht das Leben vieler Personen einfacher. Zum Beispiel auch meines. Dachte ich wenigstens bis vor kurzem…

Napoleon III.

Auch Napoleon der Dritte muss manchmal nachgedacht haben. Zum Beispiel als er 1855 auf die Idee kam, die Weine nach ihrer Qualität einstufen zu lassen. Betroffen waren davon aber nur die Weingüter des Médoc. Wenn du den ersten Teil des Bordeaux-Specials aufmerksam durchgeackert hast, weisst du, dass jenes Gebiet aber nur einen Bruchteil des gesamten Bordelais ausmacht.
Graves wurde erst 1953 klassifiziert, Saint-Émilion 1955, und alle anderen Appellationen nicht. – Wirklich nicht.

Tja, schön und gut. Warum aber kam Bonapartes Neffe auf den Einfall mit den Klassifizierungen? Ich erklär’s euch.

Man schrieb das Jahr 1855. Die Weltausstellung fand überhaupt erst zum zweiten Mal statt. Dies in der Hauptstadt Paris. Neben bahnbrechenden Erfindungen, wie zum Beispiel dem Zündholz oder der Espressomaschine (LOL) wollte man dem internationalen Publikum eben auch die besten französischen Weine schmackhaft machen. Damals halt vor allem Rotweine aus dem Médoc.

Die Klassifizierung der Châteaux erfolgte aufgrund der in den vergangenen hundert Jahren erzielten Marktpreise. So weit so gut. Leider haben es die Franzosen bis heute nicht hingekriegt, eine für Bordeaux, geschweige denn Frankreich allgemein gültige Klassifizierung zu entwickeln. Das Durcheinander ist perfekt. Ich erklär’s euch. Augen zu und durch.

Im Médoc gibt es fünf (bzw. heute sechs) Klassifizierungen. Sogenannte Crus (Cru = Gewächs). Dabei sind Zweitweine der grossen Châteaux nicht klassifiziert. Saint-Émilion und Graves besitzen je drei, jedoch völlig andersartige Klassen, Pomerol nicht eine offizielle. Die für Süsswein bekannten Gemeinden Sauternes und Barsac kennen drei Klassifizierungen. Diejenige von Saint-Émilion ist tatsächlich die einzige, welche regelmässig überprüft und angepasst wird. Die anderen haben den inoffiziellen Status „unantastbar“. Die einzige, und viel zitierte Änderung im Médoc, war die Anhebung von Château Mouton-Rothschild 1973. Der Erzeuger durfte als als Klassenbester direkt zu den Premier Crus wechseln. Hurra! Mehr als vierzig Jahre früher, in den 1930er Jahren, wurde im Médoc die Klasse der Cru Bourgeois geschaffen. Heute ist diese mit 300 Weingütern die grösste Gruppe aller klassifizierten Châteaux.

Boah, was ein Durcheinander! Tief durchatmen. Ich mach’s Napoleon gleich und bringe ein bisschen Ordnung in die Bude. Mögt ihr Tabellen? Ich schon:

Médoc

Châteaux
Premier Cru Classé 5
Deuxiéme Cru Classé 14
Troisième Cru Classé 14
Quatrième Cru Classé 10
Cinquième Cru Classé 18
Cru Bourgeois 300

Saint-Émilion

Châteaux
Premiers Grands Crus Classés (A) 2
Premiers Grands Crus Classés (B) 13
Grands Crus Classés 46

Graves

Châteaux
Rot- und Weisswein 7
Rotwein 5
Weisswein 2

Sauternes und Barsac

Châteaux
Premier Cru Supérieur 1
Premier Cru Classé 11
Deuxième Cru Classé 15

Die Einführung der Klassifizierung brachte vor allem den Herstellern bzw. den Händlern den Vorteil, dass die Preiskalkulationen einfacher wurden. Dies ist bis heute so. Höhere Klasse = höherer Preis. Ein Premier Cru Classé ist auch im Jahr 2012 immer noch teurer als ein Deuxiéme Cru Classé vom gleichen Jahrgang.

Ein Beispiel: Im Jahr 2009 hat es der Wettergott mit den Bordelaiser Weinbauern gut gemeint. Der Jahrgang wird in der Fachwelt einstimmig als hervorragend bewertet. Ich habe drei 09er Weine rausgepickt, um zu zeigen, dass die Klassifizierung vor allem Preis- und nicht qualitätasrelevant ist. Alle drei werden vom Schweizer Bordeaux-Papst René Gabriel mit 19 von 20 Punkten bewertet:

Château Klassifizierung Preis/Ø
Haut-Brion Premier Cru Classé 850 €
Lynch Bages Cinquième Cru Classé 100 €
Poujeaux Cru Bourgeois 25 €

Schau dir mal die Preise an! Für ne Flasche Haut-Brion kriegst du 34 (!) Flaschen Poujeaux. Bei geicher Qualität!* Ja, bin ich denn bescheuert, oder einfach völlig frei von jeder Statussymbol-Verblendung. Wahnsinn, nicht?

Mein Fazit

  1. einige Appellationen haben keine Klassifizierungen, was den Wein aber nicht schlechter macht.
  2. höher klassifizierte Weine sind teurer, aber nicht unbedingt besser.
  3. Genuss muss nicht absurd teuer sein. Schönen Bordeaux gibt’s auch schon für unter dreissig Franken.

 

…obwohl, dafür könnte ich mir dann vier Flaschen Cannonau…, aber das ist ein anderes Thema.

À la vôtre !

P.S. Da hat sich jemand mit den Klassifizierungen besonders Mühe gegeben.

*Das Gegenteil muss mir erst einmal jemand beweisen.