Flaschentester

… schreibt über europäische Weine und verwandte Themen


Hinterlasse einen Kommentar

Château Partarrieu, Sauternes AOC, 2011

Kampf dem Januarloch: Teil I – Ein alljährliches Ereignis erschwert den Genuss. Nein nicht Weihnachten, Silvester und dergleichen ist gemeint, sondern der Umstand, dass in vielen Brieftaschen pünktlich zum Neujahrsbeginn gähnende Leere herrscht. Deswegen auf Wein verzichten? Mineralwasser und Sirup kredenzen? Ne, ne, geht ja gar nicht, so was. Also: Alle Jackentaschen checken, Billettautomaten auskratzen und Geheimfächli im Portemonnaie leeren! Diesen Monat geht’s ausschliesslich um Flaschen unter zehn Franken.

Mein Sparprogramm beginnt im Denner. Auf dessen Homepage finde ich einen Sauternes. Ja, einen Sauternes. Richtig, im Denner. Auch ich habe gestaunt. Denners Wein der Woche wird als 50cl-Flasche verkauft. Es handelt sich um einen 2011er. Produzent ist Château Partarrieu. Noch nie davon gehört? Mir geht es genauso. Nichtsdestotrotz möchte ich wissen, was ich von einem NeunFrankenFünfundneunzig-Noname-Franzosen erwarten kann. Im Netz findet man von Herstellerseite nämlich keine Informationen, nicht mal eine Homepage. – Die Spannung steigt.

Januarloch

Maximalbudget im Januar: Zehn Franken

Nachdem ich fünf Minuten vor Ladenschluss die Flasche bei einem Feierabendreifen Angestellten bezahle, wandert diese zuerst in meine Fahrradtasche und nach kurzer Fahrt schliesslich im Kühlschrank. Einen Tag später ist es dann soweit: Salzige Käsesorten und Brot stehen bereit. Zusätzlich etwas Enten-Mousse, Gurkenscheiben und schwarze Oliven. Ich schenke ein:

  • Farbe: Goldgelb mit erstaunlich sattem Teint für einen derart jungen Sauternes
  • Bouquet: charakteristische Noten von Caramel, Honig, Aprikose, Grapefruit und Birne (?)
  • Mund: etwas plumpe Süsse, Frucht, merklich vorhandene Säure, eindimensionale Struktur, leicht metallischer Anklang
  • Körper: eher leicht, flüchtig
  • Abgang: kurz

Wie schmeckt ein Sauternes für zehn Franken?

Das Fundament fehlt, der Körper lässt Einiges an Intensität und Charakter vermissen und der Abgang ist nicht der Rede wert. Trotzdem schmeckt er nicht übel. Ehrlich! – Klar, verglichen mit einem Doisy-Védrines oder einem Rieussec ist der Partarrieu ein Leichtgewicht. Dennoch ist er sein Geld wert. Es ist ein preiswerter Sauternes für Montag bis Donnerstag. Einer, den man mal eben so öffnen kann, einer der für kleines Geld ordentlich Spass macht, und einer der getrunken und nicht gelagert werden will. Auch solche Weine braucht die Welt. Schliesslich ist es Mittwochabend und die nächsten Festtage lassen auf sich warten. Ich gebe 14 Punkte.

Chateau-Partarrieu-Sauternes 2011Punkte: 14/20
Passt zu: salzigem Käse, Desserts, Foie Gras, Terrinen
Preis: Fr. 9.95/50cl

Kaufen kann man den Château Partarrieu hier

Advertisements


Hinterlasse einen Kommentar

Château Rieussec, 2002, Premier Grand Cru classé, Sauternes

Es klingelt an der Tür: Oh nein, schon wieder die Zeugen Jehovas, Briefmarken verkaufende Schüler, oder – noch schlimmer – Vertreter eines Telekommunikationsunternehmens!? Nein, mein lieber Nachbar und guter Freund steht im Treppenhaus. In der rechten Hand einen 2002er Château Rieussec haltend. Ob wir ein Glas wollen? Ja, klar, aber sicher!

Da sind meine Degustationspartnerin und ich uns einig. Immer her mit dem Franzosen. Die Flasche ziert dasselbe Pfeil-Symbol, das auch auf dem im Herbst verkosteten Bordeaux-blanc zu finden war. Trotz Lafite-Logo war jener nicht gerade eine Offenbarung. Aber es handelte sich schliesslich auch um eine Billigabfüllung der Baron Philippe de Rothschild S.A.

Auf Anfang: Wir befinden uns in Frankreich, genauer in Fargues, nahe Sauternes. Und genau um letzteren handelt es sich auch. Und zwar nicht um irgendeinen, nein, wir haben hier einen Premier Grand Cru classé vor uns im Glas. Allein schon die Lage deutet auf einen edlen Tropfen hin. Liegt doch das Weingut nur einen Steinwurf von dem Sauternes-Produzenten – Château d’Yquem – entfernt.

Rieussec wurde 1984 von den Domaines Barons de Rothschild (Lafite) erworben. Damals umfasste der Betrieb 68 Hektar Rebfläche, welche bis heute auf 92 Hektar erweitert wurden. Die Böden bestehen aus Schotter und Kalkstein, angebaut werden Sauternes-typisch die Sorten Sémillon, Sauvignon und Muscadelle.

Château Rieussec

Wachsen da Reben die Wände hoch?

Die Qualität der Rieussecs kommt nicht von ungefähr. Seit der Übername durch die Rothschilds wurden unter der Leitung von Charles Chevallier auf  vielen Ebenen Verbesserungen angestrebt. Da wären: Der Neubau eines Weinlagers und damit einhergehende Verlängerung der Fassgärung, die Realisation eines neuen Gärkellers und vor allem die strengere Selektion des Traubenmaterials, um nur einige zu nennen. Zur Selektion: Auf der Website lese ich, dass man im Médoc normalerweise von einer Flasche pro Rebstock ausgeht. Beim Rieussec ist es ein Glas! Die Jahresproduktion liegt im Schnitt bei 6’000 Kisten, also unter 100’000 Flaschen.

Charles Chevallier über Château Rieussec:

Über den Jahrgang 2002 schreibt der Produzent: Die Wetterbedingungen waren zu Beginn des Weinjahrs nur mittelmäßig, wurden aber sehr gut, als die Traubenreife einsetzte. Die Monate Juli und August waren zwar insgesamt zu kühl gegenüber dem langjährigen Mittel, aber dafür war das Wetter im September herrlich und förderte die Entwicklung der Edelfäule: tagsüber trocken, heiß und sonnig, frisch in der Nacht. Die ersten edelfaulen Beeren konnten ab dem 12. September geerntet werden und die ersten Durchgänge verliefen bis 2. Oktober bei perfekten Wetterbedingungen. Mit weiteren Durchgängen musste bis zum 15. Oktober gewartet werden, als das Wetter wieder schön wurde und der Botrytis regelrecht explodierte. Der Most der Rebsorten Sauvignon und Muscadelle war sehr dicht, reich und fruchtig. Die letzten Beeren wurden am 5. November gelesen. (Quelle)

Der Rieussec besteht anteilsmässig aus 90% Sémillon, 7% Sauvignon und 3% Muscadelle. Im Glas scheint er in einem wunderschönen, warmen Bernsteinton. Optisch perfekt. Das Bouquet ist äusserst zurückhaltend. Wenigstens in unseren Schott-Zwiesel-Gläsern. Ich rieche vor allem Sprit, etwas Veilchen, eine zarte Honignote sowie leichte Zitrusanklänge. Fast bin ich ein wenig enttäuscht. Meine Nase hatte mehr erwartet. Ich nehme einen Schluck. Als Erstes fällt mir dieses unglaublich intensive Röstaroma auf, welches von Beginn an die geschmackliche Führung übernimmt. Der Sauternes hat wenig Frucht, wenn, dann etwas Quitte. Damit ist er das pure Gegenteil, des im Oktober jung verkosteten Château Doisy-Védrines. Der Rieussec ist mineralischer, holziger, mit einer kaum wahrnehmbaren Muskatnote und einer angenehmen – weil unaufdringlichen – Süsse. Kein Kleben oder Zupappen. Schön! Die Trinkreife wird je nach Anbieter bis 2060 angegeben. Da kann noch Einiges gehen. – Zurück ins Jetzt: Der Körper ist feingliedrig und weniger satt, als man annehmen würde, der Abgang raffiniert und mit viel Schmelz. Der Rieussec legt vom Bouquet bis zum Abgang eine ungeheure Eleganz an den Tag. Einzigartig macht ihn der weiter oben erwähnte, ganz eigene (Röst-)Charakter. Entweder man mag das, oder nicht. Ich gebe 18 Punkte.

@HJ: Schön, wenn man Freunde als Nachbarn hat!

Château Rieussec 2002Punkte: 18/20
Passt zu: kräftigem Käse (Roquefort, Gorgonzola), Desserts, Foie Gras, Terrinen
Preis: Fr. 29.-/37.5cl

 

Den 2002er gibt es in St. Gallen leider nicht zu kaufen. Überzeugend schmecken aber sicher auch die sehr schönen Jahrgänge 2005 und 2009.


Hinterlasse einen Kommentar

Pinot Noir Mythopia, Valais AOC 2010*

Der Biowein-Anbieter Delinat ist nur einen Steinwurf von meinem Domizil entfernt. Trotzdem bin ich dort ein eher seltener Gast. Schade eigentlich. Werden doch beim Schreiben dieses Artikels sofort Erinnerungen an den bodenständigen El Molino, oder einige sehr schöne Weine des österreichischen Meinklang-Labels wach. – Die Zeit ist reif, mich auf’s Fahrrad zu schwingen und an der Davidstrasse 44 vorbeizuschauen. Definitiv.

Der Mythopia stammt von einer der Parzellen des gleichnamigen Weingutes. Die Reben wachsen in der Nähe von Sion, der Wein wurde von Marie-Thérèse Chappaz gekeltert. Der Bio-Weinhändler unterhält eben dort das Delinat-Institut für Ökologie und Klimafarming. Nicht schlecht, Herr Specht; aber was um Himmels Willen heisst das? Delinat erklärt’s mir online: Ziel ist es, …Forschungsversuche zu Mischkulturen, der Entwicklung von Flora und Fauna im Weinberg und der Erzeugung und Verwendung von Bio-Kohle… (Quelle) zu unterhalten. Aha! Insgesamt ist das Traubenmaterial für den vorliegenden Pinot Noir also inmitten einer Mischkultur und einer reichhaltigen Fauna gewachsen. Toll! – Ich finde den Gedanken ja irgendwie schön, dass sich da Reben, umgeben von Schmetterlingen und Obstbäumen, entfalten können. Das kann sich ja nur positiv im Endprodukt niederschlagen! Hoffe ich wenigstens.

Es wird aufgetischt! Eine Auswahl an Rohschinken und Salamivariationen; dazu etwas reifer Käse, schwarze Oliven, Brot, Wasser und natürlich der Bio-Wein. Mein Gaumen ist bereit, komme, was wolle.

Im Glas scheint er rubinrot. Die Nase erinnert erst an Blauburgunder, wie ich sie schon aus Schaffhausen oder dem St. Galler Rheintal getrunken habe. Ein zweiter Nasenschnapper offenbart dann aber schnell die Qualitäten des Mythopias: Er riecht nach Himbeere, etwas Lakritze, und ist insgesamt samtiger, fruchtiger und komplexer als die einfacherer Landweine. Auch im Mund vertritt der Pinot Noir die genannten Attribute. Er schmeckt etwas süsslich, und ist trotz einem Alkoholgehalt von 13% Volumenprozent leicht und süffig ohne Ende. Das pure Gegenteil des kürzlich verkosteten Spaniers. Säure ist zwar vorhanden, tritt jedoch ähnlich wie die Tannine elegant in den Hintergrund. Der Abgang ist angenehm und irgendwie würzig; für einen Dilettanten nicht einfach zu beschreiben. Obwohl ich den Mythopia insgesamt sehr gelungen finde, merke ich gerade, dass ich mit Schweizer Blauburgundern nicht richtig warm werde. Schwierig zu erklären warum. Vielleicht liegt’s an der Lakritze. Davon war ich schon als kleiner Junge nie sonderlich begeistert. Nichtsdestotrotz handelt es sich beim Mythopia um einen schönen Wein. Empfehlenswert ist er auf jeden Fall. Der Preis erscheint mir für das Gebotene etwas zu hoch, Bio hin oder her. Dafür gibt’s einen Punkteabzug. Dem Wein tut das aber keinen Abbruch. – Zu unserer Fleischplatte machte der Walliser – wie erwartet – eine sehr gute Figur. Dass er, wie von Delinat angegeben, auch hervorragend zu Gemüsegerichten passt, macht ihn für Vegetarier umso interessanter.

So, konnte ich die Schweizer Weinindustrie doch noch ein wenig im Kampf gegen ihre Absatzprobleme unterstützen. Die Winzer freut’s und die Schmetterlinge auch. Meinem Pfadfinder-Ehrenwort – jeden Tag eine gute Tat – bin ich jedenfalls doppelt gerecht geworden: Mein Karma ist gerettet, wenigstens für heute.

Pinot Noir Valais AOCPunkte: 15/20
Passt zu: Kalten Fleischplatten, Gemüsegerichten
Preis: Fr. 24.-

 

Der Mythopia ist hier erhältlich; von Dienstag bis Freitag allerdings immer nur zwischen 16.00 und 18.30 Uhr.

 

 

 

* Keine Ahnung warum ich eine 10er Flasche erwischt habe. Im Online-Shop von Delinat ist nämlich nur der 11er gelistet.


Ein Kommentar

Conti Neri Ripasso della Valpolicella Classico DOC 2010

Der aus dem Veneto stammende Ripasso Conti Neri ist einer der langjährigen Verkaufsschlager von Denner. Für mich Grund genug ihn zu kaufen, zu trinken und zu bewerten.

Ripassos sind sichere Werte. Meiner Erfahrung nach kann man mit ihnen grundsätzlich nichts falsch machen. Ich kann mich jedenfalls nicht daran erinnern, je beim Kauf oder der Bestellung eines Ripassos im Restaurant eine Enttäuschung erlebt zu haben.

Bei der Herstellung wird übrigens Wein der Rebsorten Rondinella, Corvina Veronese und Molinara noch ein zweites Mal auf dem Trester des Amarone vergoren. Daher auch die geschmackliche Verwandtschaft mit dem italienischen Schwergewicht. Mir persönlich ist Amarone ja zu einnehmend, zu süss und klebrig im Geschmack. Diese Wein gewordene Bombe gönne ich mir höchstens zu einem Stück Schokolade bzw. -Kuchen. Der etwas leichtere Ripasso ist da eine willkommene und günstigere Alternative.

Das Abendessen steht in den Startlöchern, der Conti Neri bereit. Nach dem Ziehen eines äusserst störrischen Korkens, lasse ich die Flasche noch etwas stehen, bevor ich mir ein Glas einschenke. Durch letzteres kann man übrigens kaum hindurchblicken, so dicht erscheint der Wein in einem dunklen Rubinrot. Die Nase sagt mir: Waldbeeren, Feige, Schokolade, Kakao, Röstaromen, ein Hauch von Nelken. Beim ersten Schluck macht sich der eher schwere Rotwein breit. Immerhin hat er einen Alkoholgehalt von stattlichen 13,5 Volumenprozent. Er nimmt viel Platz ein, schmeckt dabei aber ausgewogen, rund und sehr wohlwollend, gar süss im Abgang. Ich nehme sofort noch einen Schluck, so gut schmeckt er mir. Dieser Wein ist gemacht für kräftige Speisen. Er harmoniert also vor allem mit Braten, reifem Käse oder passend zur Jahreszeit, mit Wild- und Pilzgerichten. Na dann mal schnell den Kochlöffel hervorgeholt und los gehts!

Sehr schön, ein Ripasso für knapp zwölf Franken, der mir immer wieder schmeckt. Puristen greifen bestimmt zu teureren Flaschen, ich find‘ die hier schon ziemlich überzeugend. Prädikat: empfehlenswert.

Punke: 15/20
Passt zu: Fleisch mit dunkler Sauce, reifem Käse, würzigen Gerichten, Schokolade
Preis: Fr. 11.95

Zu kaufen gibt es den Ripasso hier