Flaschentester

… schreibt über europäische Weine und verwandte Themen


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Torre alle Tolfe, Chianti Colli Senesi, DOCG, 2011

Flaschentesters Fuss braucht Physiotherapie. Gott sei Dank, denn auf dem Weg in den Nordosten der Stadt, mache ich Halt bei Amiata. Da war ich schliesslich noch nie. Zehn Minuten später und um drei Flaschen reicher, trete ich wieder in die Pedale meines E-Bikes. Fuss hin oder her, geköpft wird heute ein Italiener. Quasi als alternativmedizinische Massnahme. Mal schauen, was meine Krankenkasse dazu meint.

Die Existenz von Amiata unterstreicht einmal mehr den bereits länger wachsenden Trend zu mehr Biowein. Schliesslich bietet der St. Galler Händler nur solchen an. Das Geschäft mit der wohl hübschesten Thekenhüterin aller lokalen Weinhandlungen ist klein, sehr klein sogar. Vorne findet man den Kassenbereich, rechts einige Regale mit den angebotenen Flaschen, in der Mitte einen langen Tisch mit allerlei Büchern, CD’s und anderem Krimskrams. That’s it. Sympathisch ist das allemal.

Da stehe ich nun im Laden, zücke meine Notizen und frage nach den entsprechenden Weinen. Wie üblich habe ich zu Hause – online – eine Vorauswahl getroffen. Das Angebot ist übersichtlich und gut selektioniert. Leider ist das Ladensortiment aber nicht deckungsgleich mit demjenigen des Online-Shops. Was soll’s. Es sind zum Teil nicht unerhebliche Kleinigkeiten. Vor allem einzelne Jahrgänge und Aktionspreise differieren. Eigentlich wollte ich ja was von Wittmann eintüten, aber im heimischen Kühlschrank warten schon ungeduldig Van Volxem, Von Buhl und Sauer auf eine Verkostung. Also lasse ich mir stattdessen einen Portugiesen, einen Südfranzosen und einen Chianti des Weinguts Torre alle Tolfe einpacken. Besitzer des Letzteren ist Marco Castelli, für die eigentliche Weinproduktion zeichnet sich Sergio LoJacono verantwortlich. Die Jahresproduktion beträgt nicht einmal 40’000 Flaschen. Der Betrieb liegt in Siena. Gerade mal zwei Rotweine, ein Olivenöl und ein Grappa werden hier biodynamisch erzeugt. Gleichzeitig werden auch Ferienhäuser und Apartments an Touristen vermietet. So weit, so klar.

Sergio LoJacono

Sergio LoJacono hat gut lachen: Sein Chianti schmeckt.

Einige Tage vergehen und eines Abends steht wieder einmal die alles entscheidende Frage im Raum: Kochen oder bestellen? Ein Anruf und dreissig Minuten Wartezeit später, steht der Kurier vor der Türe. Den Chianti habe ich kurz nach dem Telefonat mit dem Pizzaladen dekantiert. Nach dem letzten, sagen wir mal Chianti-Erlebnis, bin ich gespannt, fast etwas nervös. Bio-Wein aus Italien, kann das was werden?! Ehrlich gesagt erwarte ich nicht allzu viel.

Einige Momente später: Herrlich, wie der Wein duftet. Ganz Sangiovese, wirbeln Cassis, Pflaume und Veilchen empor. Es riecht süsslich, Erinnerungen an Eingemachtes werden wach. Auch Holz, etwas Lakritze und Rosmarin lassen sich ausmachen. Die Farbe gefällt. Der Wein sprudelt rubinrot aus dem Dekanter. Nach einem ersten Schluck wird klar, dass sich der Weg zu Amiata gelohnt hat. Der Wein überzeugt durch seine fruchtige, durchaus üppige Art. Er wirkt aber keineswegs überladen, sondern stets kontrolliert. Sein Körper ist von mittlerem Gewicht. Sehr schön ist diese tolle Fruchtsäure und die zarten Tannine. Beide fügen sich perfekt in das Gesamtspektrum ein. Nach erneutem Verkosten erkenne ich vegetabile Noten und einen äusserst wohl dosierten Holzeinsatz. Der Abgang bringt Würze und nochmals etwas Marmelade, der Nachhall gefällt ohne Wenn und Aber. Toll!

Auch die Essenspaarung harmoniert. Dieser Chianti passt sehr gut zu meiner Salamipizza. Seine Dichte hält bestimmt auch würzigeren Pasta-Gerichten stand. Der Rotwein ist trinkanimierend, klar und unkompliziert und doch nicht von dieser belanglosen Süffigkeit, welche viele einfachere italienische und spanische Tischweine mit sich bringen. Marco Castelli hat definitiv ganze Arbeit geleistet. Bravo! Der Colli Senesi schmeckt mir ausserordentlich gut, das Preis-Leistungsverhältnis ist fantastisch. Ich gebe verdiente 18 Punkte.

torre_alletolfe

Punkte: 18/20
Passt zu: Pasta, Pizza
Preis: Fr. 14.50 / € 9.85

Den Chianti Colli Senesi 2011 von Torre alle Tolfe gibt’s bei Amiata oder Belvini/Deutschland.

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Cayas, Syrah du Valais AOC, Jean-René Germanier, Vétroz 2010

Türe auf, Fahrräder beiseite geschoben und ab in den Weinkeller. Was lugt denn da aus dem einen Regal? Ein kleines 37,5er-Fläschchen von Germanier. Ein Syrah. Cayas steht drauf. Ein Stück Wallis steckt drin. Genau richtig für eine kontrollierte Entschleunigung in den verdienten Feierabend.

Endlich bin ich zu Hause. Langsam und ziemlich müde steige ich die Treppen hoch in den zweiten Stock. In der Küche krame ich einen Korkenzieher aus einer der überfüllten Schubladen. Schliesslich erreiche ich Flaschentesters Zentrum der totalen Entspannung: Meinen urgemütlichen Chesterfield-Sessel. Schneeregen, überfülltes Bahnabteil und müde Beine: Ihr könnt‘ mich mal! Jetzt wird erstmal zurückgelehnt. Aber so was von. Jawohl.

Vor mir steht der Wein von Germanier. Ein Name, der hierzulande zu den festen Grössen in der Weinszene gehört. Beim nationalen Grand Prix du Vin Suisse und auch internationalen Prämierungen belegen die Weine des Wallisers nämlich alljährlich vordere Ränge und erhalten Bewertungen auch jenseits der 90-Punktegrenze. Der bereits 1896 gegründete Familienbetrieb gehört zu den wenigen Schweizer Produzenten, welche den Spagat zwischen Quantität und Qualität mit Bravour zu meistern scheinen. Für einmal handelt es sich also um einen Betrieb, der meinem hier bereits postulierten Senf voll entspricht. Schön.

Germaniers Flaschen sind neben dem gut sortierten Fachhandel auch bei Grossverteilern wie Manor oder Coop erhältlich. Und auch der Export ins übrige Europa, nach Asien, Nord- und Südamerika scheint zu funktionieren. Die Jahresproduktion läst sich sehen. Sie beträgt 600’000 Flaschen. Eine enorme Menge für einen helvetischen Betrieb. Möglich wird dieses Produktionsvolumen durch rund achtzig Hektar, bestückt mit Gutedel, Petite Arvine, Amigne, Chardonnay, Pinot Noir, Gamay, Syrah, Humagne Rouge, Cornalin, Cabernet Sauvignon und Diolinoir.

Germanier Reben

Vétroz: Blick auf Germaniers Reben.

Inhaber des Guts ist Jean-René Germanier, seines Zeichens Önloge, FDP-Politiker und Nationalrat seit 2003. Im Parlamentsjahr 2010/11 war er sogar Präsident desselben. Da scheint es nur logisch, dass eine andere Person den Betrieb führt. So kümmert sich sein Neffe, Gilles Besse-Germanier, seit einigen Jahren um den Familienbetrieb im beschaulichen Örtchen Vètroz. Auch er ist vom Fach, vom önologischen, nicht vom politischen, versteht sich.

Die Germaniers keltern eine breite Palette an Weinen. Beliebt sind neben den zahlreichen, einfacheren aber qualitativ ansprechenden Abfüllungen wie dem Amigne de Vétroz und den diversen Assemblages vor allem die Réserves.

In der warmen Stube angekommen, schenke ich mir also ein erstes Glas ein. Die Farbe ist kräftig und dunkel. Der Ton liegt irgendwo zwischen dunkelviolett und intensivstem Rot. Das Bouquet kann ich nicht anders, als betörend beschreiben. Es ist sehr intensiv. Dicht nebeneinander bahnen sich Kirsche und Cassis ihren Weg Richtung Nase. Eine Nuance herrlichster Vanille ergänzt das Spektrum. Typisch sind auch die vorhandenen Tertiärnoten: Leder, Pfeffer und Teer bzw. Röstaromen. Im Mund gefällt der Walliser erst einmal durch seine Ausgewogenheit. Im Unterschied zu den meisten Shyraz aus Übersee, zeichnet sich dieser hier durch seine Milde und eher zurückhaltende Fruchtsüsse aus. Dieser Wein strotzt nicht durch Opulenz, sondern lässt dem Trinkenden Zeit, seine Vielschichtigkeit und Finesse zu entdecken und somit auch zu geniessen. Das sind typische Attribute für einen ausgezeichneten Schweizer Syrah. So muss er sein. So mag ich ihn. Dennoch wird er durch ein, zwei Jährchen Flaschenreife bestimmt noch einmal zulegen. Säure und Tannine sind im jetzigen Stadium zwar sehr gut eingebunden, lassen die Gesamtperformance aber noch etwas wild und jugendlich erscheinen. Dies tut dem Genuss jedoch keinen Abbruch.

Der Cayas der Germaniers ist ein waschechter Walliser erster Güte. Wer sich abseits der international ausgetrampelten Shyraz-Pfade auf ein helvetisches Gewächs einlassen möchte, ist mit diesem Rotwein sehr gut beraten. Der Preis ist zwar relativ hoch, aber allemal gerechtfertigt. Der Wein wird im Handel übrigens auch als Kleinflaschenformat angeboten. So oder so mundet der Cayas ausserordentlich. Ich gebe 18 Punkte.

CayasPunkte: 18/20
Passt zu: Wild, Gebratenes, Pizza (!?)
Preis: Fr. 41.- / € 42.50

Fr. 20.90 für das Kleinflaschenformat

Den Cayas von Germanier gibt’s bei Manor, Landolt oder Nobis/Deutschland.


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Essen & Wein

Ab sofort findet ihr Essenspaarungen zu den in den Artikeln vorgestellten Weinen unter der Rubrik Essen & Wein.


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Primitivo, Selezionato per Grands Vins Globus 2009

Kampf dem Januarloch: Teil IV – In der Flimmerkiste läuft endlich mal was Gescheites. Lilyhammer heisst die neue Serie. In dieser tritt Steven Van Zandt, seines Zeichens Gitarrist der E-Street Band, erneut – nach seinem Schauspiel-Debut bei den Sopranos – als Klischee-Mafioso in Erscheinung. Diesmal sogar in der Hauptrolle. Schauplatz ist die ehemalige Olympiastadt Lillehammer. Alles dreht sich also um einen Italiener im Schnee. Das gefällt mir. Nach der Fondue-Exkursion vom letzten Mal, gibt’s darum heute auch eine Bolognese, dazu einen Primitivo. Irgendwie muss man schliesslich auch im verschneiten Jänner ab und zu für etwas südeuropäisches Flair sorgen.

Wir nähern uns langsam aber stetig dem Ende des Monats. Trotzdem bleibe ich auch heute meiner Budgetlinie treu und mache mich auf die Suche nach einem vernünftigen Wein unter zehn Franken. Fündig werde ich im Globus. An einem Donnerstag – es ist Abendverkauf – zwänge ich mich in den kleinen Weinkeller. Da treffe ich auf einen freundlichen Verkäufer und vier weitere Kunden. Es wird eng. Meine Augen schweifen über die Regale. Fast greife ich mir eine Flasche vom herrlichen Quercegobbe. Ein paar Regale weiter finde ich einen Rieussec. Ich meine es war ein 2005er. Ein herrlicher Jahrgang. Die Versuchung ist bei beiden gross.

Zuunterst in den Regalen stehen die billigsten Flaschen. Wie könnte es auch anders sein. Im Regal mit den Italienern sehe ich einen Salice Salentino und eben den Primitivo. Beide kosten gleich viel. Ich entscheide mich für letzteren.

Lilyhammer

Steven van Zandt: Ein Gitarrist spielt Mafia.

Die Flasche fällt auf: Das Design der Etikette erinnert mich ein wenig an die Hefte meiner Grundschulzeit und der Korken ist mit Wachs versiegelt. Sehr speziell. Der Wein ist nur bei Globus erhältlich. Beim vorliegenden Primitivo handelt es sich nämlich um eine Sonderselektion der Brüder Zanolari bzw. ihres Vertriebs Plozza Vini. Die Zanolaris sind eigentlich bekannt für ihre Weine aus dem Veltlin. Der Primitivo stammt aber aus Apulien, also Süditalien. Es handelt sich um einen 2009er. Übrigens ein sehr guter Jahrgang.

Die Bolognese köchelt schon seit zwei Stunden vor sich hin, die Pasta ist ebenfalls fertig.  Der Primitivo, übrigens ein Synonym für Zinfandel, steht bereit. Dekantiert habe ich ihn nicht. Ich schenke ein. Das Essen kann beginnen. Währenddem Steven Van Zandt alias Frank Tagliano in Schneeschuhen über den Schirm stapft, halte ich mein Riechorgan ins Glas: Es riecht erstmal würzig und auch fruchtig. Ich erkenne Paprika, Nelke, Anis, Pfeffer und Sprit, Johannisbeeren und einen fast schon aufdringlichen Barrique-Ton.

Was kann man von einem Neunfrankenneunzig-Wein erwarten, frage ich mich. Nach dem ersten Schluck ist klar: Ziemlich viel.

Ähnlich wie beim Molino, werde ich auch vom Primitivo positiv überrascht. Der Rotwein schmeckt auf Anhieb. Der Italiener ist durchaus vielschichtig. Der Körper hat Saft und ist elegant. Er wirkt nicht hart, nicht sauer, nicht trocken. Es ist ein zarter, feiner und fruchtiger Wein, der zugleich würzige Komponenten integriert. Der Abgang ist ebenfalls sehr interessant. Weich, harmonisch und lange sind hier die passenden Attribute. Der Wein ist zudem süffig und verleidet nicht. Nach einem Teller Pasta trinke ich noch zwei weitere Gläser. Das könnte den ganzen Abend so weiter gehen, das mit dem Trinken. Aber am nächsten Tag muss ich früh raus. Darum wandert die halbvolle Flasche auch in den Kühlschrank. Schade.

Der Primitivo der Brüder Zanolari ist ein grundsolider Wert. Für Fr. 9.90 kriegt man wirklich einen mehr als ordentlichen Wein ins Glas. Wer auf der Suche nach einem Italiener zu Pasta, Pizza oder italienischen Fleischgerichten ist, aber nicht zu viel Bares auf die Theke legen möchte, sollte zugreifen. Ich gebe verdiente 16 Punkte.

Primitivo, Selezionato per Grands Vins Globus 2009

Punkte: 16/20
Passt zu: Pasta, Pizza, Osso bucco
Preis: Fr. 9.90

Kaufen kann man den Primitivo hier