Flaschentester

… schreibt über europäische Weine und verwandte Themen


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Compleo Cuvée Noire 2011 – Staatskellerei Zürich

Jenseits der Staatsgrenzen sind vor allem unsere herrlichen Schokoladen und die unzähligen Käsesorten bekannt. – Leider. Denn mehr als 30’000 Winzer bewirtschaften jährlich unzählige Rebflächen im ganzen Land. Ihre Produkte lassen sich mehr und mehr sehen. Und vor allem trinken. Selbst den internationalen Vergleich brauchen viele nicht zu scheuen. Bestes Beispiel: Der hier vorgestellte Compleo. Ein Schweizer Wein zum fairen Preis. – Nicht nur für Steuerflüchtlinge.

Zurück auf Anfang. Bevor der önologische Startschuss ertönt, habe ich den Rotwein kurz im Kühlschrank zwischengeparkt. Der Compleo ist übrigens eine Cuvée aus den drei Sorten Pinot Noir, Diolinoir und Cornalin. Zu welchen Anteilen, ist nicht in Erfahrung zu bringen. Zu Diolinoir nur so viel, dass es sich um eine relativ junge Züchtung aus den 70er Jahren handelt, welche meist für Verschnitte herhalten muss. Cornalin ist in unseren Breitengraden hingegen wieder bekannter. Die landestypische Traube ist vor allem im Waadtland und Wallis ansässig. Die Zürcher Staatskellerei, der Produzent des Rotweins, gehört seit 1997 zu Mövenpick.

Cheeseburger

Es gibt Burger, Baby!

Auf dem Grill brutzeln bereits vier fette Burger. Meine heutige Essenspaarung. Ich vertraue der Angabe auf der Webseite von Mövenpick. Da steht: Passt zu grilliertem Fleisch. Super! Schliesslich habe ich aufgrund des verspätet eingesetzten Sommers noch einiges an Grillzeit aufzuholen. Endlich sind die Cheeseburger fertig. Erinnerungen an meine Studienzeit werden wach. Endlose Wochenend-Schichten und unzählige Fliessband-Burgerproduktionen bei McDonalds erscheinen vor meinem geistigen Auge. – Ich schenke ein. Der Wein hat dank meiner Kühlmassnahmen 15 Grad erreicht. Die ideale Trinktemperatur. Der Compleo duftet zurückhaltend, aber reichhaltig. Pinot Noir typisch auf jeden Fall. Die Kirsche kommt klar zum Vorschein. Etwas Ledriges, vielleicht Tabakartiges kann ich ebenfalls wahrnehmen. Ferner dunkle Schokolade. Farblich zeigt sich der Wein in einem schönen Purpurrot. Ich nehme einen ersten Schluck. Der Körper ist fruchtig, mittelschwer und von einer außerordentlichen, fast schon klebrigen Üppigkeit. Eine Reminiszenz an viele regionale Blauburgunder und ihre Typizität.

Heute rühre ich – berufsbedingt – die grosse Werbetrommel. Schweizer Wein kann nämlich was! Auch bei 25 Grad im Schatten. Der Wein schmeckt ausgewogen, unkompliziert und ungemein süffig. Zu gegrilltem Fleisch im Brötchen schmeckt er sehr gut. Und auch ohne was Passendes dazu zu essen, kann man ihn problemlos trinken. Problemlos scheint sowieso ein passender Begriff für diesen Wein zu sein. Kein Wunder ist er einer der Schweizer Kassenschlager bei Mövenpick. Einzig auf die Temperatur sollte man achten. Wird’s zu warm, schmeckt er nicht. Natürlich ist er nicht so mächtig und komplex, wie manch sonnengereifter Überseewein. Dem Fleisch hat er aber trotzdem Einiges entgegenzuhalten. Einzig die Würze fehlt ein wenig. Da hätte ich mir, nicht zuletzt aufgrund der verwendeten Traubensorten, einen Hauch mehr erwartet. Nichtsdestotrotz gefällt mir der Zürcher Compleo. Als unkomplizierter Kaminwein, zur Käse-Fleischplatte oder gegrilltem Fleisch passt er ohne Wenn und Aber. Mir schmeckt er. Sehr gut sogar. Es handelt sich um einen schnörkellosen Rotwein aus helvetischer Produktion. Ich gebe deshalb werbewirksame 17 Punkte. Fertig getrommelt.

CompleoPunkte: 17/20
Passt zu: Gegrilltem Fleisch, reifem Käse, gemütlichen Sommerabenden
Preis: ab Fr. 18.50 / € 12.50

Den Compleo Cuvée Noire der Staatskellerei Zürich gibt es bei Mövenpick zu kaufen. Übrigens auch in Deutschland.

 

Dieser Artikel erschien in leicht abgeänderter Form auch auf der Seite meines Blogger-Kollegen Laurens Mauquoi.

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Gastartikel: Schaumweine aus Luxemburg

Banken, hohes Durchschnittseinkommen, internationale Institutionen und eine hervorragende Infrastruktur: Luxemburg ist wie die Schweiz, nur ohne Berge und mit günstigerem Wein. Was, die machen Wein? Ja, das tun sie! An der Luxemburger Mosel befinden sich um die 1’300 Hektar Anbaufläche und mancher Riesling und Crémant haben auf internationalen Messen Goldmedaillen gewonnen.

Die Weingeschichte Luxemburgs begann vor 2’000 Jahren, als römische Siedler im Moseltal die ersten Reben pflanzten. Die Traube der Römer, vitis alba, hat sich dort übrigens bis in die Gegenwart gehalten. Nur heißt sie heute Elbling und wird fast nur noch an der deutschen und luxemburgischen Mosel angebaut. Doch ist es nicht diese, für ihre Säure bekannte Rebsorte, die Namen wie Hugh Johnson und Beppi Crosariol ins Großherzogtum holt. Letzterer war sogar derart begeistert, daß er den Flaschen aus dem kleinen Land eine ganze Kolumne widmete.

Das Erfolgsprojekt Crémant

Wie in so vielen Anbaugebieten Europas wurde auch in Luxemburg jahrelang hauptsächlich auf Quantität gesetzt. Bis zum Ende des Ersten Weltkriegs produzierten die Winzer nur Grundwein, den sie an die großen Sekthäuser des mächtigen Nachbarn Deutschland verkauften. Auch wenn es immer wieder Versuche der Qualitätssteigerung gab, dauerte es bis in die 1980er hinein, bis man den endgültigen Schritt wagte und ein völlig neues Produkt auf den Markt brachte: Den Crémant de Luxembourg!

LuxemburgMosel

Blick auf die Luxemburger Mosel

Die meisten verbinden den Begriff Crémant mit günstigeren Champagner-Alternativen aus der Loire-, Limouxregion und dem Elsass. Dies soll aber keineswegs einen Unterschied an Qualität bedeuten. Heute ist Luxemburg das einzige Anbaugebiet außerhalb Frankreichs, das den Namen führen darf. Dafür muss der Wein den strengsten Anforderungen gerecht werden: Festgelegter Maximalertrag und die obligatorische zweite alkoholische Gärung in der Flasche (méthode traditionelle). Diese Topschaumweine werden in Luxemburg meist aus Pinot Blanc (auch als Stillwein eine echte Spezialität), Riesling und immer mehr auch aus Pinot Noir und Chardonnay hergestellt.

Ein gutes Beispiel für den Luxemburger Crémant ist die Serie Poll Fabaire. Nicht nur war es eine Flasche dieser Reihe, welche 1991 als erster Crémant de Luxembourg auf den Markt kam, sondern die Poll Fabaire-Weine spiegeln auch das allgemeine Bild der gesamten Weinlandschaft wider. Hergestellt von der Winzergenossenschaft Vinsmoselle, welche für zwei Drittel der Landesproduktion verantwortlich ist, gibt es sie in den verschiedensten Ausgaben, von der klassischen Assemblage, bis zur sortenreinen Cuvée. Hier kann man wählen aus Pinot Blanc, Riesling, Chardonnay und Pinot Noir.

Mir persönlich gefällt besonders die Haut-de-Gamme-Ausgabe Cuvée Cult, welche zu einem geringen Aufpreis eine deutliche Qualitätssteigerung mit sich bringt. Die angenehme Spritzigkeit und die gut ausgewogenen Geschmacksnoten überzeugen auf Anhieb. Der Pinot Noir verleiht dem Ganzen eine bestimmte Finesse und der fruchtige Eindruck – insbesondere rote Früchte – rundet das Gesamtbild elegant ab.

Preislich gesehen, sind die Crémants von Poll Fabaire ein Schnäppchen, denn in Deutschland würde man für einen Sekt von vergleichbarem Niveau deutlich mehr bezahlen. Den sehr überzeugenden Einstiegscrémant gibt es bereits für € 8.20, der Prestigeschaumwein Cult ist für € 15.60 zu haben. Für helvetische Leser von Vorteil: Der für luxemburgische Verhältnisse gut ausgebaute Online Shop der Domaines Vinsmoselle liefert auch in die Schweiz. So steht einem ersten Kennenlernen mit den besonderen Tropfen unseres kleinen Staates nichts mehr im Wege.

Über den Autor: Laurens Mauquoi ist Weinautor aus Luxemburg. Im November 2012 ist sein Buch Luxemburger Wein/Vin luxembourgois erschienen. Seit Dezember betreibt er den ersten deutschen Weinblog, der sich ausschließlich Weinen aus dem Supermarkt widmet: www.der-weinsnob.de

LuxemburgerWeinLaurens‘ Fachbuch ist in der Edition Schortgen erschienen und bei buch.ch oder Amazon erhältlich.


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Maître de Chais – Syrah 2008

Unter meinem Schreibtisch steht schon seit Monaten eine Flasche Syrah, die verkostet werden will. Sie stammt aus der Produktion einer Westschweizer Genossenschaft und haut mich zwei Stunden später ziemlich vom Hocker. – Hätte ich doch nur schon früher mal mein Büro entrümpelt.

ProvinsGründungsjahre

1920: Schweizer Wein in der Krise. Zehn Jahre später entsteht im Wallis die Genossenschaft Provins.

Der Rotwein wurde im Wallis produziert. Der zweisprachige Kanton beherbergt beinahe einen Drittel der Schweizer Weinbaufläche. Die äussersten Punkte reichen vom Ende des Genfer Sees bis nach Visp. Das Kernland erstreckt sich zwischen Martigny und Leuk über beinahe 120 Kilometer weit, entlang dem rechten Rhone-Ufer. Die meisten Rebstöcke liegen zwischen 450 und 800 Meter über Meer. Einzig die Weinberge von Visperterminen liegen auf 1’000 Metern. Von den insgesamt 23’000 Parzellen-Eigentümern sind gerade mal 20% als vollberufliche Weinbauern tätig. Viele Flächen werden verpachtet. Die besten Lagen im Unterwallis liegen auf niedrigster Höhe, auch Zone 1 genannt. Klimatisch überwiegt der Einfluss der Alpen. Im Wallis herrscht Kontinentalklima. Das heisst im Klartext: Kalte Winter, heisse Sommer. Der Herbst zeigt sich häufig mild und sonnig. Auf die Reifung wirkt sich vor allem der Föhnwind positiv aus. Insgesamt 59 (!) Rebsorten werden angebaut. Am prominentesten sind Chasselas, Pinot noir, Gamay und Sylvaner vertreten. Diese vier Sorten machen 75% der Gesamtfläche aus.

Viertausend Mitglieder, zehn Millionen Kilogramm Trauben Jahresertrag, 240 Hektare Reben, drei Annahmestellen, zwei Kellereien und eine Zentrale für Vinifizierung und Einkellerung. So lesen sich die eindrücklichen Eckdaten der Provins. Aufgrund einer Krise im Weinbusiness in den 1920ern, wurde die Walliser Genossenschaft 1930 aus der Taufe gehoben und mauserte sich in den letzten achtzig Jahren zum grössten Schweizer Weinproduzenten. Insgesamt 23% der kantonalen und 10% der nationalen Produktion entfallen auf die Provins mit Hauptsitz in Sion. Eindrücklich. Es erstaunt daher auch nicht, dass die Genossenschaft bzw. deren Weine schweizweit, regelmässig Auszeichnungen erhalten. Auch Chandra Kurts Collection gehört zur Provins.

Madeleine Gay

Madeleine Gay: Meisterin autochthoner Sorten.

Da die Genossenschaft die Trauben von mehreren tausend Winzern verarbeitet, sind entsprechende Teams am Start. Der Önologe Gérald Carrupt leitet eine Gruppe aus insgesamt fünf Önologen, einem Produktionschef und sieben Kellermeistern. Den Kontrapunkt zu Carrupt setzen die Önologin Madeleine Gay und ihre Mitarbeiter. Die ETS-Ingenieurin für Weinbau und Önologie arbeitete zunächst im önologischen Labor der Provins, bevor ihr Aufgabenbereich erweitert wurde. Gay ist seit Beginn ihrer Tätigkeit für die Provins Förderin alter, einheimischer Rebsorten. Bis heute berät sie Winzer bei der Neubepflanzung ihrer Rebparzellen. Sie war es auch, die zusätzliche Anreize durch die Einführung von Anbauverträgen schaffte. Die Meisterin der Vinifikation von autochthonen Sorten wurde 2008 am Grand prix du vin suisse für ihre Leistungen zur Winzerin des Jahres gekürt.

Auch der Syrah unter meinem Schreibtisch trägt ihre Handschrift. Maître de Chais, zu Deutsch Kellermeister, ist die Spitzenlinie der Genossenschaft. Die Weine dieses Labels stammen allesamt von Winzern, mit denen die Provins Anbauverträge abgeschlossen hat. Auf diesen Parzellen werden – laut Genossenschaft – sämtliche Parameter von Madeleine Gay und ihren Mitarbeitern kontrolliert.

Ganz ehrlich, von alledem weiss ich noch nichts, als ich die mittlerweile etwas staubige Flasche entkorke. Ich kann mich nur noch grau daran erinnern, dass ich den Wein – inspiriert durch einen anderen Walliser Syrah bei einem Bekannten – vor gefühlten zehn Jahren im Coop gekauft habe. Die Flasche lag lange Zeit im Keller. Irgendwann landete sie zwei Stockwerke weiter oben im Arbeitszimmer. Jetzt ist die Zeit reif. Und hoffentlich auch der Wein. Schliesslich wurde er 2008 abgefüllt. Dampf hat er laut Hersteller für zehn bis fünzehn Jahre. Ich bin ungeduldiger. Auf dem Etikett steht, dass er vor allem zu Lamm passe. Ich folge dem Vorschlag. Es gibt ein Nierstück an Rotweinsauce, Karotten und Bandnudeln. Den Wein habe ich bereits vor Kochbeginn geöffnet und ca. ein Glas für die Sauce verwendet. Es hat sich gelohnt! Gute Saucen brauchen guten Wein. Obwohl viele Hobbyköche immer noch billigsten Fusel als Grundlage für Saucen verwenden. Schade. Gut geht anders. Definitiv.

Weiter im Text: Die Flasche stelle ich nochmals für zehn Minuten in den Kühlschrank. Es ist angerichtet. Angenehm temperiert befindet sich der Syrah nun im Glas. Ich nehme eine Nase voll. Wunderbar! Diese äusserst intensiven Beerennoten. Zudem Teer, Holz, Vanille, Röstaromen. Herrlich! Schon das Bouquet löst bei mir Begeisterungsstürme aus. Die Spannung steigt. Der erste Schluck: Heiliger Kuhmist! Das ist einer der besten Schweizer Rotweine, die ich seit langem im Glas hatte. Aus Angst vor einer etwas vorschnellen Bewertung, setze ich das Glas sofort nochmals an. Fantastisch! Jetzt zum Essen: Unglaublich gut! Ich krieg‘ mich nicht mehr ein. – Nach all‘ der Euphorie bringe ich meine Gedanken zu Papier: Der Walliser scheint in einem sehr ansprechenden, edlen Dunkelrot. Im Mund wirkt er füllig, schwer und unglaublich weich. Die Balance aus Süsse-Säure, Frucht und Holz ist beinahe perfekt. Der Wein hat viel Schmelz im Abgang und einen Nachhall, der die Vanille- und Barrique-Aromen nochmals sehr schön zur Geltung bringt. Er ruft: Mehr! Trinkt Mehr! – Und das tun wir auch. Die Flasche ist erstaunlich schnell leer. Eine zweite haben wir leider nicht in Reserve.

Fazit: Der Walliser Rotwein müsste auch letzte Lokalwein-Skeptiker hinter’m Ofen hervorlocken. Schliesslich ist dieser Syrah das beste Beispiel für bezahlbaren, helvetischen Spitzenwein. Gay’s Abfüllung macht einfach nur Spass. Sie hat mich so eiskalt erwischt, dass ich es kaum erwarten kann, andere Weine der Kellermeister-Topserie zu probieren. Ich gebe 18 Punkte.

Maître de Chais Syrah 08

Punkte: 18/20
Passt zu: Lamm, Wild
Preis: Fr. 25.90

Den 2009er Syrah und andere Weine des Maître de Chais-Labels gibt’s bei Coop. Der hier besprochene 2008er ist bei Gazzar erhältlich.

P.S. Und wem’s immer noch zu teuer ist, soll die nächste 20%-Aktion von Coop abwarten. Denn die kommt bestimmt.


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Cave de la Ville de Neuchâtel – Oeil de Perdrix 2011

Der Kanton Neuchâtel, zu Deutsch Neuenburg, war noch bis vor einem Jahrhundert die Schweizer Absinth-Hochburg schlechthin. Heute erfreut sich ein anderes alkoholisches Getränk wachsender Beliebtheit: Die Rede ist vom Rebhuhn-Auge, bekannter unter dem Namen Oeil de Perdrix.

Im letzten Artikel postulierte ich bei Schweizer Weinen noch die Abkehr von der Lage oder Region, hin zum Winzer und aussagekräftigen Etiketten. Am Beispiel des hier besprochenen Oeil de Perdrix merkt man schnell, dass das kein einfaches Unterfangen ist. Besitzerin des Guts ist in diesem Fall ist nämlich keine Einzelperson, sondern die Stadt Neuenburg. Insgesamt zwölf Hektar Land gehören zu den städtischen Kellereien. Für Schweizer Verhältnisse eine stattliche Grösse. Es werden regionstypisch hauptsächlich Chasselas und Pinot Noir angebaut. Ferner auch Chardonnay und Pinot Gris. Die Produktion entsprich IP-Normen. Auch das Label AOC (Appellation d’origine contrôlée) findet man auf der Etikette. Gewonnen wird Oeil de Perdrix ausschliesslich aus Pinot Noir. – Immer. Und zwar als saignée, also einem Rotweinabzug. Obwohl der Oeil de Perdrix ursprünglich aus der Region Neuenburg stammt, ist der Titel bis heute nicht geschützt. Man findet daher auch immer mehr Schweizer Roséweine mit dieser Bezeichnung, welche aus anderen – Westschweizer – Regionen stammen. Zum Beispiel aus dem Wallis.

OeilDePerdrix

Auch wenn der Stadtadler den Korken ziert: Der Rosé nennt sich Oeil de Perdrix (dt. Rebhuhn-Auge).

Ursprünglich ist der Begriff Oeil de Perdrix eine Bezeichnung für die Farbe von Roséwein. Also einem Farbton irgendwo zwischen Orange und Granat. Und genauso zeigt sich auch die Abfüllung der Stadt Neuenburg im Glas. Manche würden es auch Lachsfarben nennen. Die Farbe erhält der Wein übrigens dadurch, dass der Saft nur kurz auf der Maische bleibt und nachher abgepresst wird. Sie gefällt mir. Auch die Flasche und das Etikett sind sehr ansprechend gestaltet (siehe unten). Der Wein selbst tendiert farblich Richtung blass, ist aber trotzdem klar. Die Viskosität ist weder wässrig noch ölig, sondern liegt irgendwo dazwischen. – Ich schenke ein. Die Nase wirkt harmonisch und gefällig. Sie ist attraktiv, bietet sie doch auf Anhieb leichte, sommerliche Fruchtaromen. Nachdem ich den Rosé ein wenig schwenke, kommt das gesamte Spektrum olfaktorisch deutlicher zur Geltung. Es riecht blumig. Rosen und Veilchen duften einem entgegen. Mit Grapefruit und Limone sind auch Zitrufrüchte vorhanden. Schön.

Die ideale Trinktempereatur wird mit 8 – 10 Grad Celsius angegeben. Schon beim ersten Schluck stellt sich sofort eine Art Sommergefühl ein. Gerne würde ich jetzt am Lac de Neuchâtel sitzen, ein Fischgericht essen und ein Glas vom Oeil de Perdrix dazu trinken, entspannt den Segelbooten zusehen und die warmen Sonnenstrahlen geniessen. – Stattdessen sitze ich im grauen St. Gallen. Auf dem Teller gemischte Blattsalate und angebratener Tofu an Sesam. Zugegeben: Auch das schmeckt recht lecker in der Kombination mit dem Wein. Aber Sommer geht anders. Auch in der Schnee verwöhnten Schweiz.

Neuenburg

Blick auf die Stadt Neuchâtel und den gleichnamigen See.

Im Mund kommen Blauburgunder-typische Aromen zum Vorschein. Erdbeere und Kirsche machen sich breit. Die Säure wirkt erfrischend, der Körper ist leicht. Auch das spricht für ein ideales Sommergetränk. Der Wein ist insgesamt relativ ausgewogen, die Säure vielleicht einen Tick zu dominant. Ausgleichend wirkt die Rosé-typische Lieblichkeit, welche auch der Neuenburger mit sich bringt. Der Abgang ist akzeptabel, überzeugt aber nicht vollends. Erstaunt stelle ich zudem fest, dass der Wein stolze dreizehn Volumenprozente auf die Waage bringt. Mein lieber Scholli! Da habe ich den Westschweizer wohl etwas unterschätzt. Mais, tant pis! Darauf kommt’s ja schlussendlich auch nicht an. Und praktisch alle Rosés liegen heute in diesem Bereich oder sogar darüber.

Fazit: Die Flasche der Neuenburger Stadtkellereien macht durchaus Spass. Er wirkt frisch, hat eine schöne Farbe und bringt Pinot Nor-typische Noten am Gaumen. Geschmacklich fehlt dennoch ein wenig die Intensität. Positiv ausgedrückt: Der Wein kann zu vielerlei sommerlichen (Vor-)Speisen gereicht werden, da er sich durch seine Leichtigkeit sofort integriert. Insgesamt wirkt er recht gut balanciert, auch die Nase gefällt. Preislich spielt er jedoch in der Rosé-Oberliga, sofern man ihn nicht direkt in Neuchâtel bezieht. Schade. Das macht auch die schönste Flasche nicht wett. Ich gebe 15 Punkte.

OeilDePerdrixPunkte: 15/20
Passt zu: Salaten mit hellem Fleisch/Tofu, leichten Vorspeisen, Apéro
Preis: Fr. 18.50 oder 14.- bei Direktbezug

Den Oeil de Perdrix kriegt man bei Martel, weitere Weine der Stadt Neuenburg auch direkt bei deren Kellereien. Mövenpick führt in den deutschen Filialen ebenfalls einen schönen Oeil de Perdrix. Allerdings einen Walliser.


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Trau, schau, wem? – Ein Rückblick

Gefälschte Etiketten, Glycerin, Methanol, Zuckerwasser und andere Panschereien: Winzer und Weinhändler sorgen immer wieder mal für Schlagzeilen. Die Anzahl der bekannten Fälle ist zwar eher gering, die Auswirkungen zum Teil jedoch verheerend; im Einzelfall sogar tödlich. Trotzdem sind viele Ereignisse der Vergangenheit in Vergessenheit geraten. Vor allem junge Weintrinker kennen die Skandale – wenn überhaupt – nur noch vom Hörensagen. Höchste Zeit also, das Geschichtsbuch aufzuschlagen und in den Archiven der Presse zu wühlen.

SchweizWenn ich an Weinskandale denke, male ich mir die ungeheuerlichsten Geschichten aus. Solche bei denen der Konsument über’s Ohr gehauen wird. Solche bei denen Gangsterbosse viel Geld verdienen und solche bei denen die Gesundheit der vinophilen Gemeinde auf dem Spiel steht. – Nicht so bei uns. In Helvetien sind Wein-Skandale eher von harmloser Natur. Nur dem Blick war der letzte eine Schlagzeile wert. Dem Sommerloch sei Dank. Wir schreiben das Jahr 2010, in Shanghai findet die Weltausstellung statt. Auch die Schweiz ist mit einem Stand vertreten. Leider wird an diesem kein Schweizer Wein kredenzt, sondern spanischer. SPANISCHER!?, denken sicher einige. Auch einem SVP-Mitglied geht es so. Nationalrat Thomas Hurter findet das nämlich total daneben. Schliesslich zahlt der Bund der Schweizer Weinbranche für Werbeaktionen über eine Million Franken jährlich. Aber auch bei dieser Geschichte zeigt sich einmal mehr, dass der Schweizer Wein in einer selbstverschuldeten Krise steckt. Denn scheinbar waren den Zürcher und Walliser Weinhandlungen die „administrativen Hürden für den Transport von Wein nach China und auf das Expo-Gelände zu hoch“. Ich frage mich nur, was skandalöser ist: Spanischer Wein am Schweizer Stand, oder die Unfähigkeit des Bundes, Schweizer Wein zu organisieren … heiliger Kuhmist, haben wir Probleme!

DeutschlandAuch in deutschen Landen kennt man Negativ-Schlagzeilen über Weinpfuschereien. So werden im Jahr 1991 rund 2,75 Millionen Liter Rheinland-Pfälzischer Wein mit DDR-Wein gepanscht und als original DDR-Wein verkauft. – Zweites Beispiel: Vor etwas mehr als drei Jahren werden im Rheingau auf einem Weingut gleich 130’000 Liter Wein beschlagnahmt. Die Schlagzeile des Wiesbadener Kuriers lautet „Dreck und tote Fliegen am Weinfass: Rheingauer Winzer gestoppt“. Scheinbar wurde der Wein unter hygienisch desolaten Bedingungen gelagert. Dem Thema wird aber von der Boulevard-Presse keine weitere Beachtung geschenkt. Peer F. Holm weist in seinem Blog als einziger darauf hin, dass im Artikel des Wiesbadener Kuriers das Weingut und der Winzer nicht genannt werden. Dies ist umso verheerender, da somit jeder der umliegenden Weinbetriebe für den Skandal theoretisch in Frage kommt. Die Zeitschrift Weinwirtschaft nennt zwar den Namen des Winzers und dieser erscheint auch in deren Newsletter, lesen können das aber nur Abonnenten, und wer ist das schon? Die Folgen sind nicht bekannt.

cnVergleicht man die Schwere der Tat, so sind Deutschlands Weinskandale geradezu harmlose Jungenstreiche im Vergleich zu China. Dort werden unlängst fünf Weinkellereien des Panschens verdächtigt. Einige der geprüften Weine enthalten keinen (!) fermentiertem Traubensaft, sondern lediglich Zuckerwasser, Farb- und Geschmacksstoffe. Es handelt sich also nicht mal ansatzweise um Wein. Unglaublich, aber wahr: Die Flaschen werden den Konsumenten als bekannte Marken angepriesen, und sind alle entsprechend etikettiert. Daraufhin werden von den Behörden sechs Personen festgenommen und drei Weinkellereien geschlossen. Insgesamt werden mehr als 5’000 Kisten Wein beschlagnahmt. Eine der verantwortlichen Gesellschaften, Jiahua, verkaufte bis zum Zeitpunkt der Beschlagnahmung angeblich 2,4 Millionen dieser Flaschen jährlich. Weiter wurde festgestellt, dass die beigemengten Zusatzstoffe Kopfschmerzen, unregelmässigen Herzschlag und Krebs verursachen können. So skandalös das ist, die Nachricht hat eine lustige Wendung: Lokale Weinhersteller sagen nämlich, manche echte chinesische Weine seien so schlecht, dass sie nicht besser als die Fälschungen schmecken würden! Na dann, Prost.

FrankreichLetzte Woche lese ich im St. Galler Tagblatt:Im Weinland Frankreich kommt das Weintrinken aus der Mode. Der Pro-Kopf-Weinkonsum ist inzwischen annähernd dreimal geringer als im Jahr 1965.“ Kein Wunder, werden doch die guten Tropfen allesamt exportiert. Zudem kommen auch Frankreichs Winzer machmal vom rechten Weg ab. So werden zum Beispiel 1999 einige Bordeaux-Jahrgänge mit kleinen Mengen von Erdnussöl „verbessert“, um ihm den sauren Geschmack zu entziehen. Vermutlich wurden diese „Spitzenbordeaux“ nach China exportiert. Vielleicht dachte man sich im Bordelais, dass dort sowieso alles getrunken wird. – Ein weiterer Skandal: Ein Jahrzehnt später stehen zwölf Winzer und Weinhändler vor einem französischen Gericht. Der Vorwurf: Billig-Wein wurde als teurer Pinot-Noir deklariert und in die Staaten exportiert. Mehrere Millionen Euro wurden mit dem gefälschten Wein eingenommen. Interessante Nebennotiz: Nicht ein einziger US-Amerikanischer Konsument hatte sich beschwert.

ItalienIm Jahr meiner ersten, bewusst wahrgenommenen Fussballweltmeisterschaft wird im Austragungsland Italien einer der traurigsten Weinskandale der Geschichte aufgedeckt. Verschiedene Gründe bewegen einige Piemonteser Winzer 1986 zu kriminellen Machenschaften. Die Ausgangslage: In eben diesem Jahr ist der europäische Weinmarkt gesättigt. Der Export bricht ein. Italienische Winzer verdienen deshalb mehr Geld, in dem sie ihre Weine verspritten, also zu reinem Alkohol destillieren lassen. Immerhin 40% – 60% des ursprünglichen Marktpreises erhalten sie dafür noch von der EG. Besser als auf den eigenen Flaschen sitzen zu bleiben. Gleichzeitig senkt die italienische Regierung genau in diesem Zeitraum die Steuer für Methylakohol (Methanol). Da mit Methanol versetzter Wein bei der Destillationsvorgang mehr reinen Alkohol ergibt, entschliessen sich einige Winzer genau dies zu tun. Die Folge ist verheerend. 22 Personen sterben, ca. 100 erleiden schwere Gesundheitsschäden, allein elf davon erblinden. Selbst das Angeln im Fluss Piave wird verboten, da Händler den giftigen Wein in das fliessende Gewässer schütten, bevor die Polizei eintrifft.

Als ob das nicht genügen würde, wird fünf Jahre später schon der nächste Wein-Skandal aufgedeckt. 1992 werden in Oberitalien vier Millionen Liter Wein beschlagnahmt. Der Wein ist mit dem giftigen Schädlingsbekämpfungsmittel Methyl-Isothiocyanat versetzt. Scheinbar hat man immer noch nichts aus den Folgen des Methanol-Desasters von 1986 gelernt.

Im Jahr 2000 sind zwei von Italiens Exportschlagern betroffen: Chianti und Sassicaia. Für eine 85er Flasche von letzterem bezahlt man aktuell über 1’300 Franken (!). Beide wurden vor zwölf Jahren mit billigsten Weinen verschnitten und danach teuer verkauft. Der Skandal wurde aufgedeckt, weil einige Kenner – glücklicherweise – den Unterschied bemerkt hatten. Daraufhin werden 3’000 Flaschen Sassicaia und sage und schreibe 50’000 Hektoliter Chianti (= über 6 Millionen Flaschen!) beschlagnahmt. Drei beteiligte Personen wandern ins Gefängnis, gegen 215 Beteiligte laufen Ermittlungen.

2008 werden mehrere hundertausend Flaschen Brunello beschlagnahmt. Entgegen den Vorschriften wurden die Weine nicht ausschliesslich aus örtlichen Sangiovese-Trauben hergestellt, sondern mit Merlot und Cabernet Sauvignon aus Süditalien verschnitten. Dies vor allem, um die Weine für die Hauptabnehmer – wieder einmal die Amerikaner – lieblicher zu machen. Wir sprechen hier vom Risiko eines potenziellen Verlustes von 30 Millionen Euro Umsatz jährlich, alleine in den USA.

Nicht gesundheitsgefährdend, aber politisch inkorrekt: 2012 entdeckt ein aus den Staaten stammendes, jüdisches Pärchen auf seiner Italienreise Wein mit Etiketten, auf denen Hitler abgebildet ist. Die Weine heissen denn auch „Führerwein“ und „Der Kamerad“. Auch Mussolini hatte es schon auf das Etikett von Weinen gebracht. Und das nicht zu seiner Zeit.

SpanienAuch Spanien ist nicht immer ehrlich zu seinen Konsumenten. 2005 wird man in Deutschland stutzig, als man sich spanische Weine mit dem Aufdruck Gran Reserva etwas genauer ansieht. Eigentlich müssten der Wein mindestens fünf Jahre ausgebaut worden sein. Davon zwei Jahre im Holzfass, drei Jahre in der Flasche. Weil es sich aber um einen 98er Jahrgang handelt und der Korken ausschaut, wie man in gestern erst gerade hergestellt hätte, kann etwas nicht stimmen. Die Annahme erweist sich als richtig. Das Etikett ist gefälscht und der Wein wurde vom Produzenten mit Glycerin gestreckt. 100’000 Flaschen werden daraufhin aus dem Verkehr gezogen.

Zweiter Fall in Spanien: Einer von Robert Parkers Schreiberlingen soll von spanischen Winzern horrende Summen kassiert haben, um den von ihnen produzierten Weinen mehr Punkte zu geben. So zum Beispiel der 2010er Azumbre Verdejo aus der DO Rueda der Agricola Castellana. Der in Deutschland von Aldi Süd verkaufte Weisswein kriegt fette 90 Punkte und ist schon nach wenigen Tagen ausverkauft. Aldi führt übrigens den 11er Verdejo immer noch im Sortiment. Und der ist Parkers Leuten immerhin 89 Punkte wert. Trau, schau, wem?

ÖsterreichWenn ein Skandal bis heute regelmässig zitiert, oder zum Tischgespräch gemacht wird, ist es derjenige von 1985. Kein anderer hatte auf Verkauf und Export eine derart drastische und lang anhaltende negative Auswirkungen. Wie kam’s? Einige österreichische Produzenten wollten ihren Wein durch die Beigabe des Frostschutz-Alkohols Diaethylenglykol künstlich aufwerten. Durch anonyme Anzeigen wurde der Schneeball ins Rollen gebracht und entwickelte sich schnell zu einer unkontrollierbaren Lawine. Der Image-Schaden war enorm und hatte sogar Auswirkungen auf den Absatz von Weinen des Nachbarlandes Deutschland. Denn auch dort wurden Kontrollen durchgeführt und immerhin 27 Glykolfälle bekannt. In Deutschland beteuerte man aber stets, dass die Verseuchung der deutschen Produkte ausschliesslich durch den illegalen Verschnitt mit österreichischen Weinen zu Stande gekommen sei. Auch in Sekt und österreichischem Traubensaft entdeckte man teilweise bedenklich hohe Konzentrationen des Frostschutzmittels. Zu gesundheitlichem Schaden gekommen ist aber niemand. Interssanterweise war es die NZZ, welche die Auswirkungen bereits zum Zeitpunkt des Geschehens prophezeite:  „Was in Österreich vorgeht und wegen des Exports weltweit bis in die USA und nach Japan Aufsehen erregt hat, wird, so ist zu befürchten, auf Jahre und Jahrzehnte hinaus das Vertrauen in den Wein, in die Redlichkeit der Winzer und in die Glaubwürdigkeit der Weinhändler erschüttert haben.“ So kam es dann auch. Aus heutiger Sicht konnte den Österreichern aber nichts Besseres passieren. Die Qualität der Weine hat seither dramatisch zugelegt. Junge Winzer geben ihr Bestes, österreichischen Wein von hoher Qualität in die Welt hinauszutragen. Der Absatz ist seit 1990 um’s Fünffache gestiegen und die Weine unseres Nachbarn besitzen international wieder ein hervorragendes Image. Innerhalb Österreichs liegt der Marktanteil von österreichischem Wein bei unglaublichen 85%. Zum Vergleich: In der Schweiz liegt er gerade mal bei 37%. – Fast wünscht man sich einen ähnlichen Urknall für unsere Weinwirtschaft. Natürlich ohne wirtschaftliche Folgen, personelle Konsequenzen und gesundheitlich Geschädigte.

Alles gelesen? Sehr gut gemacht! Jetzt aber schnell das Gelesene vergessen und die nächste Flasche entkorken. Am besten einen Portugiesen. Die scheinen Skandal-resistenter zu sein. Die Ausnahme bestätigt halt einmal mehr die Regel. Zum Trost: Betroffen sind ja meistens soweieso nur Billigst-Weine oder Flaschen, welche im Handel für einen drei-, oder vierstelligen Betrag den Besitzer wechseln. Puh, da kann ich wieder ein wenig aufatmen. Beide Preisklassen liegen mir und diesem Blog nämlich fern.

Falls ihr aber gerade einen Italiener vor euch stehen habt: Augen zu und durch!

P.S. Mehr vertrauenswürdiges Material konnte ich in der kurzen Zeit leider nicht auftreiben. Portugal, Griechenland und Ungarn produzieren scheinbar sauberen Wein, oder sind so raffiniert, ihre Skandale nicht publik werden zu lassen.

Quellen: China: 1 / Deutschland: 1 2 / Frankreich: 1 / Italien: 1 2 3 4 5 / Schweiz: 1 / Spanien: 1 2 / Österreich: 1 2 / Allgemein: 1


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Pinot Noir Mythopia, Valais AOC 2010*

Der Biowein-Anbieter Delinat ist nur einen Steinwurf von meinem Domizil entfernt. Trotzdem bin ich dort ein eher seltener Gast. Schade eigentlich. Werden doch beim Schreiben dieses Artikels sofort Erinnerungen an den bodenständigen El Molino, oder einige sehr schöne Weine des österreichischen Meinklang-Labels wach. – Die Zeit ist reif, mich auf’s Fahrrad zu schwingen und an der Davidstrasse 44 vorbeizuschauen. Definitiv.

Der Mythopia stammt von einer der Parzellen des gleichnamigen Weingutes. Die Reben wachsen in der Nähe von Sion, der Wein wurde von Marie-Thérèse Chappaz gekeltert. Der Bio-Weinhändler unterhält eben dort das Delinat-Institut für Ökologie und Klimafarming. Nicht schlecht, Herr Specht; aber was um Himmels Willen heisst das? Delinat erklärt’s mir online: Ziel ist es, …Forschungsversuche zu Mischkulturen, der Entwicklung von Flora und Fauna im Weinberg und der Erzeugung und Verwendung von Bio-Kohle… (Quelle) zu unterhalten. Aha! Insgesamt ist das Traubenmaterial für den vorliegenden Pinot Noir also inmitten einer Mischkultur und einer reichhaltigen Fauna gewachsen. Toll! – Ich finde den Gedanken ja irgendwie schön, dass sich da Reben, umgeben von Schmetterlingen und Obstbäumen, entfalten können. Das kann sich ja nur positiv im Endprodukt niederschlagen! Hoffe ich wenigstens.

Es wird aufgetischt! Eine Auswahl an Rohschinken und Salamivariationen; dazu etwas reifer Käse, schwarze Oliven, Brot, Wasser und natürlich der Bio-Wein. Mein Gaumen ist bereit, komme, was wolle.

Im Glas scheint er rubinrot. Die Nase erinnert erst an Blauburgunder, wie ich sie schon aus Schaffhausen oder dem St. Galler Rheintal getrunken habe. Ein zweiter Nasenschnapper offenbart dann aber schnell die Qualitäten des Mythopias: Er riecht nach Himbeere, etwas Lakritze, und ist insgesamt samtiger, fruchtiger und komplexer als die einfacherer Landweine. Auch im Mund vertritt der Pinot Noir die genannten Attribute. Er schmeckt etwas süsslich, und ist trotz einem Alkoholgehalt von 13% Volumenprozent leicht und süffig ohne Ende. Das pure Gegenteil des kürzlich verkosteten Spaniers. Säure ist zwar vorhanden, tritt jedoch ähnlich wie die Tannine elegant in den Hintergrund. Der Abgang ist angenehm und irgendwie würzig; für einen Dilettanten nicht einfach zu beschreiben. Obwohl ich den Mythopia insgesamt sehr gelungen finde, merke ich gerade, dass ich mit Schweizer Blauburgundern nicht richtig warm werde. Schwierig zu erklären warum. Vielleicht liegt’s an der Lakritze. Davon war ich schon als kleiner Junge nie sonderlich begeistert. Nichtsdestotrotz handelt es sich beim Mythopia um einen schönen Wein. Empfehlenswert ist er auf jeden Fall. Der Preis erscheint mir für das Gebotene etwas zu hoch, Bio hin oder her. Dafür gibt’s einen Punkteabzug. Dem Wein tut das aber keinen Abbruch. – Zu unserer Fleischplatte machte der Walliser – wie erwartet – eine sehr gute Figur. Dass er, wie von Delinat angegeben, auch hervorragend zu Gemüsegerichten passt, macht ihn für Vegetarier umso interessanter.

So, konnte ich die Schweizer Weinindustrie doch noch ein wenig im Kampf gegen ihre Absatzprobleme unterstützen. Die Winzer freut’s und die Schmetterlinge auch. Meinem Pfadfinder-Ehrenwort – jeden Tag eine gute Tat – bin ich jedenfalls doppelt gerecht geworden: Mein Karma ist gerettet, wenigstens für heute.

Pinot Noir Valais AOCPunkte: 15/20
Passt zu: Kalten Fleischplatten, Gemüsegerichten
Preis: Fr. 24.-

 

Der Mythopia ist hier erhältlich; von Dienstag bis Freitag allerdings immer nur zwischen 16.00 und 18.30 Uhr.

 

 

 

* Keine Ahnung warum ich eine 10er Flasche erwischt habe. Im Online-Shop von Delinat ist nämlich nur der 11er gelistet.