Flaschentester

… schreibt über europäische Weine und verwandte Themen


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Herbst-Special: Bordeaux für Anfänger, Teil III – Wer passt zu dir?

Asche auf mein Haupt: Bis meine Dilettanten-Karriere vor einigen Jahren begann,  dachte ich, Bordeaux sei eine Rebsorte und Wein sei halt Wein. Cola schmeckt ja schliesslich auch überall gleich. Nix da, denkste! Heute weiss ich es besser.

Böse Zungen behaupten ja, dass Robert Parker die Nivellierung des Geschmacks auch im Bordelais stark vorangetrieben hat. Gott sei Dank sind wir vom Bordelaiser Einheitswein aber glücklicherweise noch weit entfernt. Aber welcher Bordeaux passt zu mir? Es gibt schliesslich hunderte. Der Dilettant meint: Beginnen wir doch dort, wo es der Winzer tut – bei den Trauben.

Im Bordelais spielen folgende Rebsorten eine wichtige Rolle: Cabernet Sauvignon, Merlot und Cabernet Franc. Aber auch die Sorten Petit Verdot und Malbec werden kultiviert. Bis zum grossem Reblausbefall von 1890 wurde ausserdem noch fleissig die empfindlichere Sorte Carménère angebaut. Diese findet man heute aber hauptsächlich in Chile. Ist also nix für mich.

Bordeaux ist praktisch immer ein Verschnitt mehrerer Rebsorten. Der Franzose sagt dazu etwas wohlklingender Cuvée. Es gibt nur sehr wenige rote Bordeaux-Weine, welche ausschliesslich auf einer Rebsorte basieren.

Die Bordelaiser Weinbauern sind wahre Künstler der Kombination. Viele Châteaux schwören auf die Zweierkombo von Cabernet Franc und Merlot. Dies kann aber von Jahr zu Jahr variieren. Auch die prozentuale Zusammensetzung variiert stark. Ein 2009er Mouton-Rothschild ist zum Beispiel ein Cuvée aus Cabernet Sauvignon und Merlot, ein 2008er jedoch eine Dreierkombo. Da hat der Winzer zusätzlich noch etwas Cabernet Franc in den Tank gegeben. Viele Sorten = viel Geschmack? Tja, mal sehen.

Der Cabernet Sauvignon bildet praktisch immer die Basis des Bordeaux. Er bestimmt vor allem den Säuregehalt. Seine Tannine (= Gerbstoffe) bescheren dem Wein je nach Anteil ein mehr oder weniger grösseres Lagerpotenzial. Merlot macht den Bordeaux fruchtig und gibt ihm Fülle. Cabernet Franc ergänzt das Fruchtige des Merlots und ergänzt das Bouquet vor allem durch eine schöne Nase. Die Sorte Petit Verdot gibt in kleinen Mengen Würze.

Neben den Rebsorten spielen auch andere Faktoren eine grosse Rolle. In erster Linie das Terroir, also der Boden, auf dem die Reben stehen. Aber auch die Arbeit des Winzers bei der Vinifikation, die technischen Hilfsmittel, das Knowhow etc. spielen eine immense Rolle. Der Captain stellt treffend fest: Frankreichs Winzer arbeiten nicht nur mit hochmodernen Anlagen. Ich meine, Bordeaux scheint da eine löbliche Ausnahme zu sein. Es wird investiert und mächtig Dampf gemacht. Davon konnten wir uns bei einem Besuch auf Château Lynch-Bages letztes Jahr selbst überzeugen.

Hurra! Das Vertrauen ist wieder hergestellt. Wenigstens in dieses Château. Die neue Abfüllanlage auf Lynch-Bages.

Von alledem steht aber nix auf der Flasche. Ist auch nicht wichtig. Ausser wir wollen nen Bio-Wein. Wichtiger für uns Otto Normalverbraucher sind die Appellationen. Oft haben nämlich verschiedene Weine derselben Appellation auch geschmacklich einen gemeinsamen Nenner. Hat man also mal grob eine Idee, was einem schmeckt, lohnt es sich, Weinen einer Appellation treu zu bleiben:

Graves Rotweine von hier sind der Inbegriff des klassischen Bordeaux: schlank, elegant, harmonisch, frische Frucht, können oft auch schon jung getrunken werden (!)
Médoc Elegante, duftende Weine, zart, komplex, „Burgunder“ des Bordelais, grosse Lagerfähigkeit, lange Reifezeit
Pauillac Feste Struktur, tief, dicht, kräftig, enormes Lagerpotenzial
Entre-Deux-Mers Frisch, fruchtig, eher leicht, jung geniessen, begrenztes Lagerpotenzial; sehr schöne Weissweine
Saint-Émilion Sehr unterschiedliche Weine: von reif und weich (Süden), mineralisch mit fester Struktur (Hochplateau) bis fein und elegant (Nordwesten)
Sauternes/Barsac Süssweine, enormes Lagerpotenzial

Mein Fazit

  1. Praktisch alle roten Bordeaux-Weine basieren auf der Rebsorte Cabernet Sauvignon.
  2. Bordeaux = Cuvée
  3. Es gibt auch weisse Bordeaux. Typischerweise im Entre-Deux-Mers.
  4. Jede Appellation bringt ihre typischen Weine hervor.
  5. Saint-Émilion ist die vielfältigste Appellation.

Damit ihr bis zum nächsten Teil des Herbst-Specials nicht verdurstet, einige Bordeaux-Empfehlungen meinerseits. Verkostungsnotizen folgen später.

Château Rollan de By, Cru Bourgeois, Médoc, 2009, bei Coop, Fr. 26.10

Château Lilian Ladouys, Cru Bourgeois, Saint-Estèphe, 2009, bei Mövenpick, Fr. 27.-

Château Clos du Jaugueyron, Margaux, 2006, bei Gerstl, Fr. 20.-

Château Thieuley blanc, Entre-Deux-Mers, 2010, bei Martel, Fr. 12.80

Château Doisy-Védrines, Sauternes, 2009, bei Martel, Fr. 26.-/37,5 cl

 

Santé !

 

P.S. Ich find‘ ja, dass Cola überall anders schmeckt. Bei Fanta ist’s noch krasser. Ich sage, die beste gibt’s in den Niederlanden. Unabhängig vom Jahrgang…


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Herbst-Special: Bordeaux für Anfänger, Teil I – un peu de géographie

So, der Herbst ist da und es wird Zeit für einen ersten, mehrteiligen Special. Quasi von einem Einsteiger für Einsteiger. Als solcher wage ich mich an ein grösseres Thema heran: Es geht um Bordeaux, Bordeaux und nochmals Bordeaux. So viel ist klar. Alles andere sehen wir dann…

Um euch die Weine des Bordelais ein Stück näher zu bringen, versuche ich im ersten Teil etwas geografisches Grundwissen unter die Menge zu streuen. So steht man bei der nächsten Stammtisch-Diskussion zum Thema Bordeaux wenigstens nicht ganz auf verlorenem Posten, und auch im lokalen Country-Club macht sich ein wenig Bordeaux-Grundwissen nicht schlecht 😉 Ne, ernsthaft, nach der Lektüre dieses kurzen Artikels habt ihr hoffentlich wenigstens eine grobe Peilung bezüglich der Herkunft der französischen Tropfen, der wichtigsten Appellationen und einigen Bonus-Facts. Also Nerds, Kenner und Besserwisser, aufgepasst! Ihr dürft schön draussen bleiben. Mein Bordeaux-Special ist nur für offiziell ausgewiesene Dilettanten.

Na dann, los gehts !

Willst du prahlen, machs mit Zahlen:

  • bereits seit dem 4. Jahrhundert wird im Bordelais Wein angebaut
  • 1855 veranlasst Napoleon III. die Klassifizierung der wohlschmeckendsten Bordeaux (dazu nächstes Mal mehr)
  • 1890 zerstört die böse Reblaus sämtliche Rebflächen des Bordelais
  • im Bordelais findet man über 3’000 Châteaux
  • Anbaufläche ingesamt: 120’000 Hektar
  • Das Produktionsvolumen des Bordelais beträgt insgesamt über fünf Millionen Hektoliter Wein jährlich
  • ein Drittel der französischen Weine werden im Bordelais produziert

 

Bordeaux kommt aus dem Anbaugebiet namens Bordelais. Dieses liegt im Südwesten Frankreichs und gehört zum Département Nr. 33, der Gironde. Es erstreckt sich in von der Atlantikküste Land einwärts entlang dem Flussdelta, welches sich aus dem namensgebenden Strom, der Gironde und ihren zwei Zubringern, der Dordogne und der südlicher gelegenen Garonne bildet. Insgesamt umfasst das Bordelais sage und schreibe fünfzig Appellationen und kann in fünf Regionen eingeteilt werden. Merke dir: Bei der Herkunft der Bordeaux kann man grob zwischen linkem und rechtem Ufer (der Gironde) und dem dazwischen liegenden Entre-Deux-Mers unterscheiden. Ne übersichtliche Karte samt Legende findest du weiter unten.

Unten findest du die Regionen des Bordelais. In Klammern sind einige wichtige Appellationen angegeben. Wirf in einem Gespräch mit diesen verbal wild um dich, und du bist garantiert ganz vorne mit dabei.

Médoc Das Médoc beginnt nördlich der Stadt Bordeaux und zieht sich entlang der Garonde bis zur Gabelung des Flusses (Médoc, Haut-Médoc, Pauillac, Margaux, Saint-Estèphe, Saint-Julien)
Graves Die Graves setzen die Linie des Médoc südlich der Stadt Bordeaux weiter, liegen also entsprechend entlang des südlichen Ufers der Garonne (Graves, Pessac-Léognan)
Entre-Deux-Mers Nomen est omen. Das Gebiet liegt zwischen den beiden Flüssen Garonne und Dordogne (Entre-Deux-Mers)
Libournais Das Libournais bezeichnet das Gebiet um die Stadt Libourne und liegt am rechten Ufer der Dordogne (Saint-Émilion, Pomerol)
Blayais und Bourgeais Blayais und Bourgeais liegen nordwestlich bzw. nördlich des Zusammenflusses von Dordogne und Garonne (Côtes de Blaye)

Blick vom Städtchen Saint-Émilion aus auf umliegende Reben.

Wir sind in Pauillac. Ein Teil der Reben des Châteaus Mouton-Rothschild. Typisch für das Médoc: Flaches Gelände so weit das Auge reicht.


Die typische Hügellandschaft des Entre-Deux-Mers. Hier zwischen Lestiac sur Garonne und Créon.


Magst du Karten? Bitteschön:

(Karte: Domenico-de-ga)

 

Falls du immer noch ratlos vor den Regalen stehst: Teil II kommt in Kürze…