Flaschentester

… schreibt über europäische Weine und verwandte Themen


Ein Kommentar

Trau, schau, wem? – Ein Rückblick

Gefälschte Etiketten, Glycerin, Methanol, Zuckerwasser und andere Panschereien: Winzer und Weinhändler sorgen immer wieder mal für Schlagzeilen. Die Anzahl der bekannten Fälle ist zwar eher gering, die Auswirkungen zum Teil jedoch verheerend; im Einzelfall sogar tödlich. Trotzdem sind viele Ereignisse der Vergangenheit in Vergessenheit geraten. Vor allem junge Weintrinker kennen die Skandale – wenn überhaupt – nur noch vom Hörensagen. Höchste Zeit also, das Geschichtsbuch aufzuschlagen und in den Archiven der Presse zu wühlen.

SchweizWenn ich an Weinskandale denke, male ich mir die ungeheuerlichsten Geschichten aus. Solche bei denen der Konsument über’s Ohr gehauen wird. Solche bei denen Gangsterbosse viel Geld verdienen und solche bei denen die Gesundheit der vinophilen Gemeinde auf dem Spiel steht. – Nicht so bei uns. In Helvetien sind Wein-Skandale eher von harmloser Natur. Nur dem Blick war der letzte eine Schlagzeile wert. Dem Sommerloch sei Dank. Wir schreiben das Jahr 2010, in Shanghai findet die Weltausstellung statt. Auch die Schweiz ist mit einem Stand vertreten. Leider wird an diesem kein Schweizer Wein kredenzt, sondern spanischer. SPANISCHER!?, denken sicher einige. Auch einem SVP-Mitglied geht es so. Nationalrat Thomas Hurter findet das nämlich total daneben. Schliesslich zahlt der Bund der Schweizer Weinbranche für Werbeaktionen über eine Million Franken jährlich. Aber auch bei dieser Geschichte zeigt sich einmal mehr, dass der Schweizer Wein in einer selbstverschuldeten Krise steckt. Denn scheinbar waren den Zürcher und Walliser Weinhandlungen die „administrativen Hürden für den Transport von Wein nach China und auf das Expo-Gelände zu hoch“. Ich frage mich nur, was skandalöser ist: Spanischer Wein am Schweizer Stand, oder die Unfähigkeit des Bundes, Schweizer Wein zu organisieren … heiliger Kuhmist, haben wir Probleme!

DeutschlandAuch in deutschen Landen kennt man Negativ-Schlagzeilen über Weinpfuschereien. So werden im Jahr 1991 rund 2,75 Millionen Liter Rheinland-Pfälzischer Wein mit DDR-Wein gepanscht und als original DDR-Wein verkauft. – Zweites Beispiel: Vor etwas mehr als drei Jahren werden im Rheingau auf einem Weingut gleich 130’000 Liter Wein beschlagnahmt. Die Schlagzeile des Wiesbadener Kuriers lautet „Dreck und tote Fliegen am Weinfass: Rheingauer Winzer gestoppt“. Scheinbar wurde der Wein unter hygienisch desolaten Bedingungen gelagert. Dem Thema wird aber von der Boulevard-Presse keine weitere Beachtung geschenkt. Peer F. Holm weist in seinem Blog als einziger darauf hin, dass im Artikel des Wiesbadener Kuriers das Weingut und der Winzer nicht genannt werden. Dies ist umso verheerender, da somit jeder der umliegenden Weinbetriebe für den Skandal theoretisch in Frage kommt. Die Zeitschrift Weinwirtschaft nennt zwar den Namen des Winzers und dieser erscheint auch in deren Newsletter, lesen können das aber nur Abonnenten, und wer ist das schon? Die Folgen sind nicht bekannt.

cnVergleicht man die Schwere der Tat, so sind Deutschlands Weinskandale geradezu harmlose Jungenstreiche im Vergleich zu China. Dort werden unlängst fünf Weinkellereien des Panschens verdächtigt. Einige der geprüften Weine enthalten keinen (!) fermentiertem Traubensaft, sondern lediglich Zuckerwasser, Farb- und Geschmacksstoffe. Es handelt sich also nicht mal ansatzweise um Wein. Unglaublich, aber wahr: Die Flaschen werden den Konsumenten als bekannte Marken angepriesen, und sind alle entsprechend etikettiert. Daraufhin werden von den Behörden sechs Personen festgenommen und drei Weinkellereien geschlossen. Insgesamt werden mehr als 5’000 Kisten Wein beschlagnahmt. Eine der verantwortlichen Gesellschaften, Jiahua, verkaufte bis zum Zeitpunkt der Beschlagnahmung angeblich 2,4 Millionen dieser Flaschen jährlich. Weiter wurde festgestellt, dass die beigemengten Zusatzstoffe Kopfschmerzen, unregelmässigen Herzschlag und Krebs verursachen können. So skandalös das ist, die Nachricht hat eine lustige Wendung: Lokale Weinhersteller sagen nämlich, manche echte chinesische Weine seien so schlecht, dass sie nicht besser als die Fälschungen schmecken würden! Na dann, Prost.

FrankreichLetzte Woche lese ich im St. Galler Tagblatt:Im Weinland Frankreich kommt das Weintrinken aus der Mode. Der Pro-Kopf-Weinkonsum ist inzwischen annähernd dreimal geringer als im Jahr 1965.“ Kein Wunder, werden doch die guten Tropfen allesamt exportiert. Zudem kommen auch Frankreichs Winzer machmal vom rechten Weg ab. So werden zum Beispiel 1999 einige Bordeaux-Jahrgänge mit kleinen Mengen von Erdnussöl „verbessert“, um ihm den sauren Geschmack zu entziehen. Vermutlich wurden diese „Spitzenbordeaux“ nach China exportiert. Vielleicht dachte man sich im Bordelais, dass dort sowieso alles getrunken wird. – Ein weiterer Skandal: Ein Jahrzehnt später stehen zwölf Winzer und Weinhändler vor einem französischen Gericht. Der Vorwurf: Billig-Wein wurde als teurer Pinot-Noir deklariert und in die Staaten exportiert. Mehrere Millionen Euro wurden mit dem gefälschten Wein eingenommen. Interessante Nebennotiz: Nicht ein einziger US-Amerikanischer Konsument hatte sich beschwert.

ItalienIm Jahr meiner ersten, bewusst wahrgenommenen Fussballweltmeisterschaft wird im Austragungsland Italien einer der traurigsten Weinskandale der Geschichte aufgedeckt. Verschiedene Gründe bewegen einige Piemonteser Winzer 1986 zu kriminellen Machenschaften. Die Ausgangslage: In eben diesem Jahr ist der europäische Weinmarkt gesättigt. Der Export bricht ein. Italienische Winzer verdienen deshalb mehr Geld, in dem sie ihre Weine verspritten, also zu reinem Alkohol destillieren lassen. Immerhin 40% – 60% des ursprünglichen Marktpreises erhalten sie dafür noch von der EG. Besser als auf den eigenen Flaschen sitzen zu bleiben. Gleichzeitig senkt die italienische Regierung genau in diesem Zeitraum die Steuer für Methylakohol (Methanol). Da mit Methanol versetzter Wein bei der Destillationsvorgang mehr reinen Alkohol ergibt, entschliessen sich einige Winzer genau dies zu tun. Die Folge ist verheerend. 22 Personen sterben, ca. 100 erleiden schwere Gesundheitsschäden, allein elf davon erblinden. Selbst das Angeln im Fluss Piave wird verboten, da Händler den giftigen Wein in das fliessende Gewässer schütten, bevor die Polizei eintrifft.

Als ob das nicht genügen würde, wird fünf Jahre später schon der nächste Wein-Skandal aufgedeckt. 1992 werden in Oberitalien vier Millionen Liter Wein beschlagnahmt. Der Wein ist mit dem giftigen Schädlingsbekämpfungsmittel Methyl-Isothiocyanat versetzt. Scheinbar hat man immer noch nichts aus den Folgen des Methanol-Desasters von 1986 gelernt.

Im Jahr 2000 sind zwei von Italiens Exportschlagern betroffen: Chianti und Sassicaia. Für eine 85er Flasche von letzterem bezahlt man aktuell über 1’300 Franken (!). Beide wurden vor zwölf Jahren mit billigsten Weinen verschnitten und danach teuer verkauft. Der Skandal wurde aufgedeckt, weil einige Kenner – glücklicherweise – den Unterschied bemerkt hatten. Daraufhin werden 3’000 Flaschen Sassicaia und sage und schreibe 50’000 Hektoliter Chianti (= über 6 Millionen Flaschen!) beschlagnahmt. Drei beteiligte Personen wandern ins Gefängnis, gegen 215 Beteiligte laufen Ermittlungen.

2008 werden mehrere hundertausend Flaschen Brunello beschlagnahmt. Entgegen den Vorschriften wurden die Weine nicht ausschliesslich aus örtlichen Sangiovese-Trauben hergestellt, sondern mit Merlot und Cabernet Sauvignon aus Süditalien verschnitten. Dies vor allem, um die Weine für die Hauptabnehmer – wieder einmal die Amerikaner – lieblicher zu machen. Wir sprechen hier vom Risiko eines potenziellen Verlustes von 30 Millionen Euro Umsatz jährlich, alleine in den USA.

Nicht gesundheitsgefährdend, aber politisch inkorrekt: 2012 entdeckt ein aus den Staaten stammendes, jüdisches Pärchen auf seiner Italienreise Wein mit Etiketten, auf denen Hitler abgebildet ist. Die Weine heissen denn auch „Führerwein“ und „Der Kamerad“. Auch Mussolini hatte es schon auf das Etikett von Weinen gebracht. Und das nicht zu seiner Zeit.

SpanienAuch Spanien ist nicht immer ehrlich zu seinen Konsumenten. 2005 wird man in Deutschland stutzig, als man sich spanische Weine mit dem Aufdruck Gran Reserva etwas genauer ansieht. Eigentlich müssten der Wein mindestens fünf Jahre ausgebaut worden sein. Davon zwei Jahre im Holzfass, drei Jahre in der Flasche. Weil es sich aber um einen 98er Jahrgang handelt und der Korken ausschaut, wie man in gestern erst gerade hergestellt hätte, kann etwas nicht stimmen. Die Annahme erweist sich als richtig. Das Etikett ist gefälscht und der Wein wurde vom Produzenten mit Glycerin gestreckt. 100’000 Flaschen werden daraufhin aus dem Verkehr gezogen.

Zweiter Fall in Spanien: Einer von Robert Parkers Schreiberlingen soll von spanischen Winzern horrende Summen kassiert haben, um den von ihnen produzierten Weinen mehr Punkte zu geben. So zum Beispiel der 2010er Azumbre Verdejo aus der DO Rueda der Agricola Castellana. Der in Deutschland von Aldi Süd verkaufte Weisswein kriegt fette 90 Punkte und ist schon nach wenigen Tagen ausverkauft. Aldi führt übrigens den 11er Verdejo immer noch im Sortiment. Und der ist Parkers Leuten immerhin 89 Punkte wert. Trau, schau, wem?

ÖsterreichWenn ein Skandal bis heute regelmässig zitiert, oder zum Tischgespräch gemacht wird, ist es derjenige von 1985. Kein anderer hatte auf Verkauf und Export eine derart drastische und lang anhaltende negative Auswirkungen. Wie kam’s? Einige österreichische Produzenten wollten ihren Wein durch die Beigabe des Frostschutz-Alkohols Diaethylenglykol künstlich aufwerten. Durch anonyme Anzeigen wurde der Schneeball ins Rollen gebracht und entwickelte sich schnell zu einer unkontrollierbaren Lawine. Der Image-Schaden war enorm und hatte sogar Auswirkungen auf den Absatz von Weinen des Nachbarlandes Deutschland. Denn auch dort wurden Kontrollen durchgeführt und immerhin 27 Glykolfälle bekannt. In Deutschland beteuerte man aber stets, dass die Verseuchung der deutschen Produkte ausschliesslich durch den illegalen Verschnitt mit österreichischen Weinen zu Stande gekommen sei. Auch in Sekt und österreichischem Traubensaft entdeckte man teilweise bedenklich hohe Konzentrationen des Frostschutzmittels. Zu gesundheitlichem Schaden gekommen ist aber niemand. Interssanterweise war es die NZZ, welche die Auswirkungen bereits zum Zeitpunkt des Geschehens prophezeite:  „Was in Österreich vorgeht und wegen des Exports weltweit bis in die USA und nach Japan Aufsehen erregt hat, wird, so ist zu befürchten, auf Jahre und Jahrzehnte hinaus das Vertrauen in den Wein, in die Redlichkeit der Winzer und in die Glaubwürdigkeit der Weinhändler erschüttert haben.“ So kam es dann auch. Aus heutiger Sicht konnte den Österreichern aber nichts Besseres passieren. Die Qualität der Weine hat seither dramatisch zugelegt. Junge Winzer geben ihr Bestes, österreichischen Wein von hoher Qualität in die Welt hinauszutragen. Der Absatz ist seit 1990 um’s Fünffache gestiegen und die Weine unseres Nachbarn besitzen international wieder ein hervorragendes Image. Innerhalb Österreichs liegt der Marktanteil von österreichischem Wein bei unglaublichen 85%. Zum Vergleich: In der Schweiz liegt er gerade mal bei 37%. – Fast wünscht man sich einen ähnlichen Urknall für unsere Weinwirtschaft. Natürlich ohne wirtschaftliche Folgen, personelle Konsequenzen und gesundheitlich Geschädigte.

Alles gelesen? Sehr gut gemacht! Jetzt aber schnell das Gelesene vergessen und die nächste Flasche entkorken. Am besten einen Portugiesen. Die scheinen Skandal-resistenter zu sein. Die Ausnahme bestätigt halt einmal mehr die Regel. Zum Trost: Betroffen sind ja meistens soweieso nur Billigst-Weine oder Flaschen, welche im Handel für einen drei-, oder vierstelligen Betrag den Besitzer wechseln. Puh, da kann ich wieder ein wenig aufatmen. Beide Preisklassen liegen mir und diesem Blog nämlich fern.

Falls ihr aber gerade einen Italiener vor euch stehen habt: Augen zu und durch!

P.S. Mehr vertrauenswürdiges Material konnte ich in der kurzen Zeit leider nicht auftreiben. Portugal, Griechenland und Ungarn produzieren scheinbar sauberen Wein, oder sind so raffiniert, ihre Skandale nicht publik werden zu lassen.

Quellen: China: 1 / Deutschland: 1 2 / Frankreich: 1 / Italien: 1 2 3 4 5 / Schweiz: 1 / Spanien: 1 2 / Österreich: 1 2 / Allgemein: 1


Hinterlasse einen Kommentar

Video killed the journal star

Journalisten, Händler und Weinexperten entdecken mehr und mehr die Plattform YouTube als Sprachrohr. Gedruckte Artikel werden dadurch zwar nicht verdrängt, aber zumindest sinnvoll ergänzt. – Die vinophile Gemeinde freut’s. Schliesslich ist das Spektrum des Gebotenen bunt und vielfältig. Drei, meiner Meinung nach sehenswerte, deutschsprachige Kanäle möchte ich euch heute vorstellen.

Captain Cork

Captain Cork ist der Kanal des gleichnamigen Blogs. Der Captain und seine Mannen bringen täglich ein bis zwei Beiträge in Textform unters Volk. Die direkte, ungekünstelte Art des Blogs wird glücklicherweise auch in den Videobeiträgen fortgesetzt. Die Clips sind amateurhaft gedreht und geschnitten, haben aber gerade deswegen einen bestimmten Reiz. Sie setzen sich bewusst von anderen Produktionen ab. Auch thematisch knüpfen der Captain und seine Crew in den Videos an den Blog an: Es geht um Weinempfehlungen, Ratschläge und nicht zuletzt um Kritik an bestimmten Personen und suspekten Vorgängen in der Welt des Weins*. Ungeschlagen finde ich den Clip, in welchem sich der Captain monologartig mit Robert Parker auseinandersetzt. Ein echtes Highlight! Ihre direkte und raubeinige Art macht die Seeleute sowieso sympathisch. Ich wünsche deshalb auch in Zukunft Mast- und Schotbruch!

Mich interessiert Wein

Der Deutsche Sommelier und selbst ernannte Weinpunk, Marco Giovanni Zanetti, betreibt den Kanal seit einem Dreivierteljahr. Gerade mal fünf Clips sind verfügbar. Die Anzahl Views und Abonnenten sprechen aber für sich: Zanetti bedient scheinbar ein echtes Bedürfnis im Netz. Der Mann mit der gequetschten Stimme erinnert mit seinen Tattoos und The Clash-T-Shirts zwar eher an einen Wohnzimmerpunk, der sich in eine Weinhandlung verirrt hat, seine Beiträge haben aber durchaus einen hohen Unterhaltungswert. Die Clips handeln nämlich weniger von einzelnen Weinen, sondern bieten auch Informationen und Talks zu allgemeineren Themen. In der Aufmachung erinnern die Beiträge ein wenig an Sendungen lokaler Fernsehstationen. Auf alle Fälle sind die Videos sympathisch und mit viel Herzblut gemacht. Zielgruppe ist – wen wundert’s? – die jungen Weintrinker. Dazu passt auch die Sprache des Someliers und die kultige Totenkopftasse auf dem Tisch. Leider mindern Zanettis nervöse Art und die an den Tag gelegte Selbstverliebtheit die Beiträge zum Teil erheblich. Auch der Redeanteil seiner Gäste könnte grösser sein, hat er doch durchwegs Besuch von Leuten, die auch was zu sagen hätten. – Schade. Trotzdem, alles in allem ein beobachtungswerter Kanal.

TVino

…ist das Kind des scheinbar omnipräsenten deutschen Master Someliers Hendrik Thoma. Ein Mann, der durch sein Auftreten polarisiert: Selbstdarsteller und Verkäufer sind schliesslich nicht bei allen beliebt. Sein kommerziell ausgerichteter Kanal existiert seit nunmehr drei Jahren und wird unter anderem vom FC St. Pauli und einem Hamburger Hotel gesponsert. Unter dem Slogan „Besserer Wein für alle!“ vertreibt TVino auf seiner Homepage diverse, meistens preisgünstige Weine ordentlicher Qualität. Die Clips sind durchwegs auf hohem Niveau. Kein Wunder, steht doch ein ganzes Team hinter der Produktion. Finanzierter Hochglanz eben. Hat man sich aber darauf eingestellt, sind die Beiträge meistens unterhaltsam und sehenswert. Das liegt oft auch an der Auswahl der geladenen Gäste. Hier eine kleine Kostprobe:

*Wobei auch der Captain geschäftlich in den Weinhandel verstrickt und damit journalistisch nicht völlig unabhängig ist.


Hinterlasse einen Kommentar

Liebe Chandra

Du machst es mir nicht leicht. Ich anerkenne dein Fachwissen, deinen scheinbar unermüdlichen publizistischen Einsatz und nicht zuletzt deinen mutigen und konsequenten Entscheid, nicht nur über Wein zu schreiben, sondern auch selbst welchen zu produzieren. Deine Tage müssen 32 Stunden haben, dein Arbeitspensum unmenschlich sein – dafür zolle ich dir grössten Respekt. Leider streuben sich mir sämtliche Nackenhaare, sobald du thematisch in die kulturelle Kiste greifst; gar Filme oder Songs mit Weinen assoziierst.

Da du für die Schweizer Illustrierte schreibst, hast du bestimmt ein dickes Fell. Schön, dann kann ich auch direkt zur Sache kommen. Ich hätte da nämlich einige Vorschläge, wie deine Weinseller noch lesenswerter werden könnten. Immerhin besitze ich schon zwei Ausgaben davon. Je nachdem, ob du gedenkst, einige meiner Anregungen auf Papier umzusetzen, steht auch der Anschaffung einer dritten nichts im Weg. Liebe Chandra, folgende Punkte solltest du dir zu Herzen nehmen:

  • Über Weine schreibst du toll. Über deinen kulturellen Geschmack lässt sich aber nicht streiten. Er ist oft furchtbar. Studiere deshalb das abgebildete Diagramm genau und streiche alle Einträge mit weniger als fünf Punkten aus deinem Wortschatz, deinen Weinsellern und all deinen zukünftigen Texten: Chandra Kurt
  • Falls du es trotzdem nicht lassen kannst: Beschränke dich bei Vergleichen ausschliesslich auf herausragende Künstler und deren Kunstwerke. Wie du im Chandra-Diagramm erkennen kannst: Rondo Veneziano, der Eurovision Song Contest, die Bee Gees und Konsorten gehören nicht dazu.
  • Auch wenn du ein grosser Fan von Gossip Girl und Lady Gaga bist; diese dreimal in einem Weinseller (Ausgabe 11/12) zu erwähnen ist zu viel des Guten. Einmal wäre schon masslos übertrieben. Deshalb: Bitte seinlassen. Danke.
  • Vermeide bitte folgende Begriffe: Easy listening, Samschtig-Jass, Musikantenstadl, DRS1. Sie verstören gerade auch eine jüngere Zielgruppe. Und das möchtest du doch bestimmt nicht.
  • Jedem belanglosen Wässerchen stolze 16 Punkte zu geben, und den Wein dann doch nur als ausreichend für Partys und Apéro zu beschreiben ist irgendwie sinnfrei. – Klartext wäre schöner. Ich trinke nämlich auch auf Feten lieber guten Wein, als üblen Fusel.
  • Unter uns: Du schreibst ein wenig tendenziös über Schweizer Weine. So nobel deine Absicht auch ist, Schweizer Wein ist nicht per se besser als Wein anderer Herkunft. Noch weniger wenn man dabei deine journalistische Absicht auch durch ein Glas, gefüllt mit dunkelstem Port, erkennen kann. Um den Schweizer Wein aus der selbst verordneten Absatzkrise zu ziehen, braucht es andere Massnahmen. Deine Überbewertungen sind längerfristig kontraproduktiv für lokale Winzer, und schlussendlich auch für deine Weine.
  • Warum um Gotteswillen sind bei deinen Globus-, Spar- und Manorverkostungen immer auch teurere Flaschen über 40 Franken dabei? Ja, ja, Denner, Aldi & Co. haben keine so teuren Weine, bla bla bla. Das lasse ich nicht gelten. Darum meine brennendste Frage überhaupt: Hast du einen Deal mit big G, S und M? Gibt’s von denen ne extra Lohntüte? Falls ja, überweise mir bitte monatlich eine prozentuale Beteiligung und ich schweige für immer. Falls nein, setze den Weinseller-Weinen ein preisliches Limit. Ein 25-Frankenmaximum wäre sinnvoll. Alles andere macht keinen Spass. Ist doch sonnenklar, dass die teureren Weine meistens besser abschneiden.
  • Deine Weinseller sind für sich genommen schon Werbung genug. Vor allem für die darin genannten Discounter. Warum in aller Herrgottsnamen muss dein Verlag dann noch auf jeder dritten Seite vollflächig Werbung abdrucken? Wenn ich mir nervende Anzeigen anschauen möchte, kann ich mir am Bahnhof aus der blauen Zeitungsbox auch eine 20Minuten greifen. Und die ist im Gegensatz zu deinen Weinsellern ca. 32 Franken billiger.

 

So, das war’s von meiner Seite.

Liebe Grüsse

Dein Flaschentester

 

P.S. Deine neckische Frisur gefällt mir.

Chandra


2 Kommentare

Bründlmayer, Riesling Heiligenstein 2011

Eigentlich stand Fisch auf der Speisekarte. Für diesen Anlass sollte eine Flasche Riesling geköpft werden. Irgendwie kam es aber nicht dazu. – Bis ich mir eines Tages die Mühe machte, den Inhalt unseres Kühlschranks etwas genauer unter die Lupe zu nehmen. Fisch fand ich keinen, Riesling schon.

Ihren Beginn hat die kleine Weingeschichte allerdings woanders: In der Stadt-Filiale von Martel. Erst kürzlich bin ich auf dem Weg dorthin, im Begriff Wein zu kaufen. Auf meinem Wunschzettel stehen drei Dinge:

Es muss ein Weisser sein. Einer aus Österreich. Und zu Fischgerichten soll er passen. Ich formuliere mein Anliegen auch gegenüber der netten Verkäuferin. Scheinbar sogar verständlich. Sie empfiehlt mir den 2011er Riesling Heiligenstein. Ein junger Weisswein des Weinguts Bründlmayer. „Klingt gut. Und der passt wirklich zu Fisch?“ Sie nickt und meint: „Ja, sogar sehr gut.“ Ich überlege kurz und entscheide mich für eine Flasche des Österreichers. Nachdem 24 Franken den Besitzer gewechselt haben, verlasse ich das Geschäft mit einer Flasche Wein in meiner Umhängetasche. Sogar die Türe wird mir von der Verkäuferin per Knopfdruck automatisch geöffnet. Sehr zuvorkommend. Auch wenn ich heute mal ohne Kinderwagen unterwegs bin. Zu Hause angekommen, lege ich die Flasche sofort in den Kühlschrank.

Einige Wochen vergehen

Spätestens wenn sich in der Migros im Neumarkt die Kürbisse stappeln, weiss man, dass der Herbst begonnen hat. Denke ich mir so beim wöchentlichen Einkauf und lege einen Roten Knirps in den Korb.

Wieder zu Hause, beginne ich eine frische Kürbissuppe zuzubereiten. Haben wir noch einen passenden Wein? Kühlschrank auf. Unterstes Regal gecheckt. Zwei Rieslinge liegen bereit. Ein Deutscher und ein Österreicher. Ah genau, der Bründlmayer. Den hatte ich fast schon vergessen. Fisch gab’s nämlich nie in letzter Zeit. Also raus damit und auf die Flasche. Sie hat einen Drehverschluss. Ich schenke ein. Ein helles Gelb, fast schon Richtung Grünstich. Irgendwie edel schaut er aus. Der Riesling riecht unglaublich gut. Vor dem geistigen Auge erscheint ein Früchtekorb. Es riecht nach Pfirsich, Banane, Feige, Ananas, so was in der Richtung. Auf alle Fälle riecht es exotisch. Und wunderbar!

Brot, Wasser, Suppe, Wein – was will man mehr? Mir reichts völlig.

Ein erster Schluck bleibt keiner. Wow, geiler Wein! Noch ein Schluck, und noch einer. Leichter Sprudel, wunderschönes Süsse-Säurespiel, süffig ohne Ende. Mehr. Davon möchte ich mehr! Aber erst esse ich einen Löffel Kürbissuppe. Dazu einen Bissen vom Vollkornbrot. Wieder ein Schluck Riesling, nochmals Suppe, etwas Brot. Das könnte endlos so weitergehen. Passt super. Muss ich mir merken. Notiz: Riesling und Kürbis = Hammer!

Daumen hoch! Von meiner Seite gibt’s dafür 19 Punkte. Einer der leckersten Weissweine in letzter Zeit. Und ja, zu Fisch passt er sicher auch.

Punke: 19/20
Passt zu: Kürbissuppe, Fisch, Asiatischen Gerichten
Preis: Fr. 24.-/ € 17.90

Zu kaufen gibt’s den Bründlmayer bei Martel oder bei RotWeissRot

P.S. Wer meine Kürbissuppe nachkochen möchte, hier das Rezept:

Für 4 Personen:

  • Ein roter Knirps, geschält, entkernt, in kleine Stücke geschnitten
  • drei Kartoffeln, geschält, in kleine Stücke geschnitten
  • zwei kleine oder eine grosse Zwiebel, geschält, fein gehackt
  • eine Knoblauchzehe, gepresst
  • 1 EL Butter in einem hohen Topf erhitzen
  • Kürbis, Kartoffeln, Zwiebeln und Knoblauch in der Butter andünsten
  • ca. 1,2 l Gemüsebouillon, 1 dl Orangensaft und 1dl Weisswein dazugeben
  • alles 20 Minuten auf mittlerer Stufe köcheln lassen
  • Mit dem Stabmixer pürieren
  • 1/2 Tl Kurkuma, 1/2 Tl Salz, 1 Messerspitze Muskat, 1 Messerspitze Cayennepfeffer dazugeben
  • 10 Minuten weiterköcheln lassen
  • je nach Gusto nachwürzen
  • Suppe in kleinen Schüsseln anrichten und mit frischem Koriander oder Petersilie dekorieren