Flaschentester

… schreibt über europäische Weine und verwandte Themen


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Cayas, Syrah du Valais AOC, Jean-René Germanier, Vétroz 2010

Türe auf, Fahrräder beiseite geschoben und ab in den Weinkeller. Was lugt denn da aus dem einen Regal? Ein kleines 37,5er-Fläschchen von Germanier. Ein Syrah. Cayas steht drauf. Ein Stück Wallis steckt drin. Genau richtig für eine kontrollierte Entschleunigung in den verdienten Feierabend.

Endlich bin ich zu Hause. Langsam und ziemlich müde steige ich die Treppen hoch in den zweiten Stock. In der Küche krame ich einen Korkenzieher aus einer der überfüllten Schubladen. Schliesslich erreiche ich Flaschentesters Zentrum der totalen Entspannung: Meinen urgemütlichen Chesterfield-Sessel. Schneeregen, überfülltes Bahnabteil und müde Beine: Ihr könnt‘ mich mal! Jetzt wird erstmal zurückgelehnt. Aber so was von. Jawohl.

Vor mir steht der Wein von Germanier. Ein Name, der hierzulande zu den festen Grössen in der Weinszene gehört. Beim nationalen Grand Prix du Vin Suisse und auch internationalen Prämierungen belegen die Weine des Wallisers nämlich alljährlich vordere Ränge und erhalten Bewertungen auch jenseits der 90-Punktegrenze. Der bereits 1896 gegründete Familienbetrieb gehört zu den wenigen Schweizer Produzenten, welche den Spagat zwischen Quantität und Qualität mit Bravour zu meistern scheinen. Für einmal handelt es sich also um einen Betrieb, der meinem hier bereits postulierten Senf voll entspricht. Schön.

Germaniers Flaschen sind neben dem gut sortierten Fachhandel auch bei Grossverteilern wie Manor oder Coop erhältlich. Und auch der Export ins übrige Europa, nach Asien, Nord- und Südamerika scheint zu funktionieren. Die Jahresproduktion läst sich sehen. Sie beträgt 600’000 Flaschen. Eine enorme Menge für einen helvetischen Betrieb. Möglich wird dieses Produktionsvolumen durch rund achtzig Hektar, bestückt mit Gutedel, Petite Arvine, Amigne, Chardonnay, Pinot Noir, Gamay, Syrah, Humagne Rouge, Cornalin, Cabernet Sauvignon und Diolinoir.

Germanier Reben

Vétroz: Blick auf Germaniers Reben.

Inhaber des Guts ist Jean-René Germanier, seines Zeichens Önloge, FDP-Politiker und Nationalrat seit 2003. Im Parlamentsjahr 2010/11 war er sogar Präsident desselben. Da scheint es nur logisch, dass eine andere Person den Betrieb führt. So kümmert sich sein Neffe, Gilles Besse-Germanier, seit einigen Jahren um den Familienbetrieb im beschaulichen Örtchen Vètroz. Auch er ist vom Fach, vom önologischen, nicht vom politischen, versteht sich.

Die Germaniers keltern eine breite Palette an Weinen. Beliebt sind neben den zahlreichen, einfacheren aber qualitativ ansprechenden Abfüllungen wie dem Amigne de Vétroz und den diversen Assemblages vor allem die Réserves.

In der warmen Stube angekommen, schenke ich mir also ein erstes Glas ein. Die Farbe ist kräftig und dunkel. Der Ton liegt irgendwo zwischen dunkelviolett und intensivstem Rot. Das Bouquet kann ich nicht anders, als betörend beschreiben. Es ist sehr intensiv. Dicht nebeneinander bahnen sich Kirsche und Cassis ihren Weg Richtung Nase. Eine Nuance herrlichster Vanille ergänzt das Spektrum. Typisch sind auch die vorhandenen Tertiärnoten: Leder, Pfeffer und Teer bzw. Röstaromen. Im Mund gefällt der Walliser erst einmal durch seine Ausgewogenheit. Im Unterschied zu den meisten Shyraz aus Übersee, zeichnet sich dieser hier durch seine Milde und eher zurückhaltende Fruchtsüsse aus. Dieser Wein strotzt nicht durch Opulenz, sondern lässt dem Trinkenden Zeit, seine Vielschichtigkeit und Finesse zu entdecken und somit auch zu geniessen. Das sind typische Attribute für einen ausgezeichneten Schweizer Syrah. So muss er sein. So mag ich ihn. Dennoch wird er durch ein, zwei Jährchen Flaschenreife bestimmt noch einmal zulegen. Säure und Tannine sind im jetzigen Stadium zwar sehr gut eingebunden, lassen die Gesamtperformance aber noch etwas wild und jugendlich erscheinen. Dies tut dem Genuss jedoch keinen Abbruch.

Der Cayas der Germaniers ist ein waschechter Walliser erster Güte. Wer sich abseits der international ausgetrampelten Shyraz-Pfade auf ein helvetisches Gewächs einlassen möchte, ist mit diesem Rotwein sehr gut beraten. Der Preis ist zwar relativ hoch, aber allemal gerechtfertigt. Der Wein wird im Handel übrigens auch als Kleinflaschenformat angeboten. So oder so mundet der Cayas ausserordentlich. Ich gebe 18 Punkte.

CayasPunkte: 18/20
Passt zu: Wild, Gebratenes, Pizza (!?)
Preis: Fr. 41.- / € 42.50

Fr. 20.90 für das Kleinflaschenformat

Den Cayas von Germanier gibt’s bei Manor, Landolt oder Nobis/Deutschland.

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Direkte Vinokratie

Das Stimmvolk des Kantons St. Gallen hat insgesamt 14 National- und Ständerate in Bern installiert. Deren politische Profile sind hinlänglich bekannt, ihre alkoholischen Präferenzen jedoch nicht. – Zeit, das zu ändern. Schiesslich will man wissen, wer einem in der Hauptstadt önologisch vertritt!

Faul, wie ich bin, schicke ich jedem der Rätinnen und Räte dieselbe E-Mail:

Sehr geehrte(r) Herr/Frau X

Ich betreibe einen Wein-Blog (www.flaschentester.com), in dessen Artikeln ich – auf die ein oder andere Art – immer wieder mal mehr oder weniger um’s Thema St. Gallen kreise. Aus diesem Grund würde ich Sie bitten, mir Ihren Lieblingswein zu nennen. Am liebsten detailliert mit Angabe des Weinguts und des Jahrgangs. Was auch immer Ihre Präferenz ist, sei’s Rot-, Weiss-, Süss- oder Schaumwein, mich interessiert’s. Trinken Sie lieber Spirituosen, Bier, oder grundsätzlich keinen Alkohol? Auch diese Information hilft mir. Das Resultat der Umfrage wird innerhalb eines kurzen Blog-Eintrags veröffentlicht werden. Auch ihre St. Galler National- und Ständeratskollegen erhalten diese E-Mail.

So oder so freue ich mich auf eine kurze Rückmeldung.

Vielen Dank für Ihre Bemühungen

Ihr Flaschentester

Da die Räte Tag für Tag bestimmt ein enormes Arbeitspensum zu bewältigen haben, lasse ich einige Zeit verstreichen. Nach rund zwei Monaten checke ich meine Mailbox und ziehe Bilanz. Stichtag ist der zweite Februar. Bis zu diesem haben gerade mal vier der 14 Politikerinnen und Politiker geantwortet. Alle anderen bleiben stimmlos. Das entspricht einer Beteiligung von 28.6 %. Ein schwaches Resultat, ich hatte mir mehr erhofft.

Gemeldet haben sich diese:

Hildegard Fässler (SP)

Hildegard Fässler (SP)

Lucrezia Meier-Schatz

Lucrezia Meier-Schatz (CVP)

Lukas Reimann

Lukas Reimann (SVP)

Markus Ritter

Markus Ritter (CVP)

Antwort bekomme ich nur von Nationalräten. Die Ständeräte melden sich erst gar nicht zu Wort. Karin Keller-Sutter lässt ihre Mailbox antworten: „Ich bin vom Montag, 26. November bis und mit Freitag, 14. Dezember 2012 in der Session der eidg. Räte und deshalb nur eingeschränkt erreichbar.“ Auch der ansonsten wortgewandte Paul Rechtsteiner schweigt. Schade, dann eben nicht.

Am schnellsten reagiert Hildegard Fässler. Sie mag Rotwein aus der Toscana oder einen Primitivo. Bei Weissweinen setzt sie auf Lokalkolorit: Die gebürtige Thurgauerin mag Riesling-Silvaner aus der Gegend.

Diplomatisch langweilig und nichtssagend gibt sich der frischgebackene Präsident des Schweizerischen Bauernverbands. Hier der Originalwortlaut: „Im Kanton St. Gallen haben wir ausgezeichnete Weine. In den vergangenen Jahren konnten wir Uns mit verschiedenen Sorten, ob weiss oder rot, in einem Spitzensegment positionieren. Wir dürfen uns auch Internationalen Vergleichen stellen. Darauf können wir sehr stolz sein.“ Ein Werbespot für die Ostschweizer Winzer. Oh mein Gott, ich schlaf gleich ein. Die Frage war nicht, wo sich St. Galler Wein positionieren kann, sondern was die ganz persönlichen Präferenzen sind. Schliesslich gibt es himmelweite Unterschiede zwischen Rheintaler „Beerliweinen“ und ernst zu nehmenden Tropfen, wie dem von Lukas Reimann vorgeschlagenen Blauburgunder vom Ochsentorkel in Thal. Auch wenn ich politisch aus ner diametral entgegengesetzen Ecke komme, attestiere ich Herr Reimann Geschmack. Der Thaler Tante Hedy zeigt, dass es auch regionale Rotweine auf ordentlichem Niveau gibt. Dass vom SVP-Nationalrat kein Italiener, oder Franzose vorgeschlagen wird, erstaunt mich hingegen nicht.

Am differenziertesten gibt sich die CVP-Abgeordnete: Lucrezia Meier-Schatz zählt gleich eine ganze Palette ihrer Lieblingstropfen auf. Vielen Dank. – Schöne Randnotiz: Alle Weine bringt sie in Verbindung mit Stationen ihres Lebens. Die CVP-Frau gibt sich weltoffen und niveauvoll, die Eigenwerbung bleibt also auch hier nicht aussen vor. Wenigstens ist sie subtiler und nicht so plump, wie diejenige ihres Parteikollegen. Zum Wein: Die von Meier-Schatz angegebenen Flaschen findet man nicht bei Denner & Co. Es sind ausschliesslich Tropfen, welche im spezialisierten Fachhandel, oder direkt ab Weingut bezogen werden können. Preislich befinden sich die Weine im teureren Segment, denn Frau Meier-Schatz mag Folgendes:

  • einen guten Barbera d’Asti (Superiore Nizza) Riserva della Famiglia 2004 vom Weingut Azienda Vinicola Coppo in Castelnuovo Calcea. Den gibt’s hier
  • einen Chardonnay vom Philip Togni Vineyard, St.Helena, Napa Valley, Kalifornien
  • einen Chasselas Effervescent AOC
  • L’Espiègle, Chasselas Efferverscent, AOC Neuchâtel 2010 vom Weinkeller der Familie Engel in St. Blaise

Schön, dass wenigstens einige Politikerinnen und Politiker sich die Zeit genommen haben zu antworten. Leider bleiben die Vertreter der Grünen, Grünliberalen wie auch der FDP ohne önologisches Profil. Mal schauen, ob in nächster Zeit noch Mails in der Flaschentester-Box eintrudeln. Politik hin oder her, spannend war die Aktion allemal. Prost.