Flaschentester

… schreibt über europäische Weine und verwandte Themen


Ein Kommentar

Wir sind keine dummen Schafe – Essay

Ich trinke gerne Wein. Viele meiner Zeitgenossen ebenfalls. Manche von ihnen kennen sich aus, andere tun nur so. Die meisten aber trinken aus Spass. Und diesen haben sie unbewusst zu ihrer Doktrin erhoben. Emotional motiviert, nicht intellektuell. Und das ist auch gut so.

Viele Konsumenten sind froh um Beratung und fühlen sich ohne Einschätzungen von Parker, Gabriel und anderen verloren. Auch ich schaue gerne, welche Punktzahlen Weine von Fachpersonen bekommen. Ich bin so dreist, sogar selber welche zu vergeben, ohne vom Fach zu sein. Aber nicht jeder möchte sich mit Wein und seinen Themen näher auseinandersetzen. Viele möchten nur geniessen. Denn der Genuss steht beim Wein im Vordergrund. Dessen war ich mir bis vor kurzem ziemlich sicher. Horcht man aber den Leuten von der Presse, kommt diese Vorstellung heftig ins Wanken. Denn häufig wird der Genuss an Kompetenz gekoppelt. An fachliche wohlverstanden.  – Mich stört das. Da wird nämlich eine Diskussion geführt, die den Kunden ins Zentrum stellt und ihn gleichzeitig ausschliesst. Es geht um den Diskurs um die önologische Mündigkeit des Konsumenten, um die Vorstellung von Fachwissen als Voraussetzung für Genuss. Entschieden wird täglich am journalistischen Gerichtshof. Das Fussvolk darf schweigen.

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Keine Lust, für dumm verkauft zu werden? Keine Sorge, anderen geht’s bestimmt auch so.

Als Kunde befinde ich mich mitten im Dilemma der heutigen Konsumgesellschaft: Meine Kauflust wird einem Überangebot frontal ausgesetzt. Dieses dekadente und darum absurde Problem lässt mich immer wieder total überfordert im Regen stehen. Deswegen bin ich manchmal auf Hilfe angewiesen. Ich schätze es von Zeit zu Zeit, wenn mir jemand bei der Entscheidungsfindung hilft, oder – wie häufig beim Wein – wenigstens eine Vorauswahl trifft. Und trotzdem nervt mich nichts mehr, als wenn Journalisten oder andere Fachleute durchblicken lassen, dass sich laut ihrer Wahrnehmung der gemeine Feld-, Wald- und Wiesenkonsument wie ein blindes Huhn durch die Weinlandschaft bewegt. Dass er unselbständig und ignorant ist, und unfähig, von Wein etwas zu verstehen. Er darf zwar kaufen und Weinpäpsten folgen, mehr aber darf er nicht.

Der Konsument als dummes Schaf in einer grossen Herde anderer dummer Schafe. Einer Herde die nicht weiss, wohin es geht und was sie will und die geführt werden will: Zur Religion, zum Produkt, zum guten Geschmack. So das Bild, welches die Presse immer und immer wieder zeichnet.

Ich bin kein Schaf!

Manchmal verfolge ich gerne, was Herr und Frau Fachmann zu sagen haben. Ob ich was von Wein verstehe ist dabei nicht relevant. Ob ich Freude daran habe aber schon. Schliesslich muss ich keinen Riesling von einem Chardonnay unterscheiden können, um festzustellen, ob mir ein Weisswein schmeckt. – Himmelherrgottnochmal, warum suggerieren einem dutzende Artikel und Blogs immer wieder, dass man ohne fundiertes Wissen nicht zur Weinsociety gehört, des Weines nicht würdig ist und sich genauso gut ne Cola genehmigen könnte, da man den Unterschied sowieso nicht schmeckt

Warum beharrt scheinbar jeder, der einen deutschen Satz fehlerfrei auf Papier kriegt, darauf, die absolute Wein-Wahrheit gefunden zu haben? Bio, oder nicht bio, lokal oder international, Burgunder, oder Bordeaux, klassisch oder modern, Parker oder Suckling? ICH entscheide SELBST! Und das jederzeit. Denn ich bin dazu durchaus in der Lage. So wie viele Wein-Konsumenten da draussen auch.

Wir leben nicht mehr in den 80ern. Die Zeiten in denen sich der Weinkosmos des Normalos auf Chianti und Chardonnay beschränkte sind vorbei. Und auch wenn ich Weine mag, von welchen mehr als 200’000 Flaschen jährlich abgefüllt werden, oder mir Traubensäfte schmecken, die in Kleinstmengen produziert werden, hat das weder mit Unwissenheit, Mainstream oder Beeinflussbarkeit zu tun, sondern mit Geschmack, mit Vorlieben, der Verfügbarkeit und – last, but not least – dem vorhandenen Budget. Selbst wenn 326’564 andere Europäer denselben Wein trinken wie ich, dann ist das halt so. Punkt. Die haben nämlich Geschmack. Guten Geschmack sogar. Und auch wenn es das Einzige ist, was sie haben, und wenn ihnen alles Weinwissen der Welt fehlen sollte, ist der Geschmack für sich alleine doch Rechtfertigung genug, Wein zu mögen und zu trinken. Auch ohne Lizenz zum Klugscheissen.

Wann geht das endlich in eure Köpfe rein? Ihr Journalisten, Missionare, Forenschreiber, Doofblogger und Weinkenner!

Hugh, ich habe gesprochen.

Flaschentester


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Liebe Chandra

Du machst es mir nicht leicht. Ich anerkenne dein Fachwissen, deinen scheinbar unermüdlichen publizistischen Einsatz und nicht zuletzt deinen mutigen und konsequenten Entscheid, nicht nur über Wein zu schreiben, sondern auch selbst welchen zu produzieren. Deine Tage müssen 32 Stunden haben, dein Arbeitspensum unmenschlich sein – dafür zolle ich dir grössten Respekt. Leider streuben sich mir sämtliche Nackenhaare, sobald du thematisch in die kulturelle Kiste greifst; gar Filme oder Songs mit Weinen assoziierst.

Da du für die Schweizer Illustrierte schreibst, hast du bestimmt ein dickes Fell. Schön, dann kann ich auch direkt zur Sache kommen. Ich hätte da nämlich einige Vorschläge, wie deine Weinseller noch lesenswerter werden könnten. Immerhin besitze ich schon zwei Ausgaben davon. Je nachdem, ob du gedenkst, einige meiner Anregungen auf Papier umzusetzen, steht auch der Anschaffung einer dritten nichts im Weg. Liebe Chandra, folgende Punkte solltest du dir zu Herzen nehmen:

  • Über Weine schreibst du toll. Über deinen kulturellen Geschmack lässt sich aber nicht streiten. Er ist oft furchtbar. Studiere deshalb das abgebildete Diagramm genau und streiche alle Einträge mit weniger als fünf Punkten aus deinem Wortschatz, deinen Weinsellern und all deinen zukünftigen Texten: Chandra Kurt
  • Falls du es trotzdem nicht lassen kannst: Beschränke dich bei Vergleichen ausschliesslich auf herausragende Künstler und deren Kunstwerke. Wie du im Chandra-Diagramm erkennen kannst: Rondo Veneziano, der Eurovision Song Contest, die Bee Gees und Konsorten gehören nicht dazu.
  • Auch wenn du ein grosser Fan von Gossip Girl und Lady Gaga bist; diese dreimal in einem Weinseller (Ausgabe 11/12) zu erwähnen ist zu viel des Guten. Einmal wäre schon masslos übertrieben. Deshalb: Bitte seinlassen. Danke.
  • Vermeide bitte folgende Begriffe: Easy listening, Samschtig-Jass, Musikantenstadl, DRS1. Sie verstören gerade auch eine jüngere Zielgruppe. Und das möchtest du doch bestimmt nicht.
  • Jedem belanglosen Wässerchen stolze 16 Punkte zu geben, und den Wein dann doch nur als ausreichend für Partys und Apéro zu beschreiben ist irgendwie sinnfrei. – Klartext wäre schöner. Ich trinke nämlich auch auf Feten lieber guten Wein, als üblen Fusel.
  • Unter uns: Du schreibst ein wenig tendenziös über Schweizer Weine. So nobel deine Absicht auch ist, Schweizer Wein ist nicht per se besser als Wein anderer Herkunft. Noch weniger wenn man dabei deine journalistische Absicht auch durch ein Glas, gefüllt mit dunkelstem Port, erkennen kann. Um den Schweizer Wein aus der selbst verordneten Absatzkrise zu ziehen, braucht es andere Massnahmen. Deine Überbewertungen sind längerfristig kontraproduktiv für lokale Winzer, und schlussendlich auch für deine Weine.
  • Warum um Gotteswillen sind bei deinen Globus-, Spar- und Manorverkostungen immer auch teurere Flaschen über 40 Franken dabei? Ja, ja, Denner, Aldi & Co. haben keine so teuren Weine, bla bla bla. Das lasse ich nicht gelten. Darum meine brennendste Frage überhaupt: Hast du einen Deal mit big G, S und M? Gibt’s von denen ne extra Lohntüte? Falls ja, überweise mir bitte monatlich eine prozentuale Beteiligung und ich schweige für immer. Falls nein, setze den Weinseller-Weinen ein preisliches Limit. Ein 25-Frankenmaximum wäre sinnvoll. Alles andere macht keinen Spass. Ist doch sonnenklar, dass die teureren Weine meistens besser abschneiden.
  • Deine Weinseller sind für sich genommen schon Werbung genug. Vor allem für die darin genannten Discounter. Warum in aller Herrgottsnamen muss dein Verlag dann noch auf jeder dritten Seite vollflächig Werbung abdrucken? Wenn ich mir nervende Anzeigen anschauen möchte, kann ich mir am Bahnhof aus der blauen Zeitungsbox auch eine 20Minuten greifen. Und die ist im Gegensatz zu deinen Weinsellern ca. 32 Franken billiger.

 

So, das war’s von meiner Seite.

Liebe Grüsse

Dein Flaschentester

 

P.S. Deine neckische Frisur gefällt mir.

Chandra