Flaschentester

… schreibt über europäische Weine und verwandte Themen


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Château Rieussec, 2002, Premier Grand Cru classé, Sauternes

Es klingelt an der Tür: Oh nein, schon wieder die Zeugen Jehovas, Briefmarken verkaufende Schüler, oder – noch schlimmer – Vertreter eines Telekommunikationsunternehmens!? Nein, mein lieber Nachbar und guter Freund steht im Treppenhaus. In der rechten Hand einen 2002er Château Rieussec haltend. Ob wir ein Glas wollen? Ja, klar, aber sicher!

Da sind meine Degustationspartnerin und ich uns einig. Immer her mit dem Franzosen. Die Flasche ziert dasselbe Pfeil-Symbol, das auch auf dem im Herbst verkosteten Bordeaux-blanc zu finden war. Trotz Lafite-Logo war jener nicht gerade eine Offenbarung. Aber es handelte sich schliesslich auch um eine Billigabfüllung der Baron Philippe de Rothschild S.A.

Auf Anfang: Wir befinden uns in Frankreich, genauer in Fargues, nahe Sauternes. Und genau um letzteren handelt es sich auch. Und zwar nicht um irgendeinen, nein, wir haben hier einen Premier Grand Cru classé vor uns im Glas. Allein schon die Lage deutet auf einen edlen Tropfen hin. Liegt doch das Weingut nur einen Steinwurf von dem Sauternes-Produzenten – Château d’Yquem – entfernt.

Rieussec wurde 1984 von den Domaines Barons de Rothschild (Lafite) erworben. Damals umfasste der Betrieb 68 Hektar Rebfläche, welche bis heute auf 92 Hektar erweitert wurden. Die Böden bestehen aus Schotter und Kalkstein, angebaut werden Sauternes-typisch die Sorten Sémillon, Sauvignon und Muscadelle.

Château Rieussec

Wachsen da Reben die Wände hoch?

Die Qualität der Rieussecs kommt nicht von ungefähr. Seit der Übername durch die Rothschilds wurden unter der Leitung von Charles Chevallier auf  vielen Ebenen Verbesserungen angestrebt. Da wären: Der Neubau eines Weinlagers und damit einhergehende Verlängerung der Fassgärung, die Realisation eines neuen Gärkellers und vor allem die strengere Selektion des Traubenmaterials, um nur einige zu nennen. Zur Selektion: Auf der Website lese ich, dass man im Médoc normalerweise von einer Flasche pro Rebstock ausgeht. Beim Rieussec ist es ein Glas! Die Jahresproduktion liegt im Schnitt bei 6’000 Kisten, also unter 100’000 Flaschen.

Charles Chevallier über Château Rieussec:

Über den Jahrgang 2002 schreibt der Produzent: Die Wetterbedingungen waren zu Beginn des Weinjahrs nur mittelmäßig, wurden aber sehr gut, als die Traubenreife einsetzte. Die Monate Juli und August waren zwar insgesamt zu kühl gegenüber dem langjährigen Mittel, aber dafür war das Wetter im September herrlich und förderte die Entwicklung der Edelfäule: tagsüber trocken, heiß und sonnig, frisch in der Nacht. Die ersten edelfaulen Beeren konnten ab dem 12. September geerntet werden und die ersten Durchgänge verliefen bis 2. Oktober bei perfekten Wetterbedingungen. Mit weiteren Durchgängen musste bis zum 15. Oktober gewartet werden, als das Wetter wieder schön wurde und der Botrytis regelrecht explodierte. Der Most der Rebsorten Sauvignon und Muscadelle war sehr dicht, reich und fruchtig. Die letzten Beeren wurden am 5. November gelesen. (Quelle)

Der Rieussec besteht anteilsmässig aus 90% Sémillon, 7% Sauvignon und 3% Muscadelle. Im Glas scheint er in einem wunderschönen, warmen Bernsteinton. Optisch perfekt. Das Bouquet ist äusserst zurückhaltend. Wenigstens in unseren Schott-Zwiesel-Gläsern. Ich rieche vor allem Sprit, etwas Veilchen, eine zarte Honignote sowie leichte Zitrusanklänge. Fast bin ich ein wenig enttäuscht. Meine Nase hatte mehr erwartet. Ich nehme einen Schluck. Als Erstes fällt mir dieses unglaublich intensive Röstaroma auf, welches von Beginn an die geschmackliche Führung übernimmt. Der Sauternes hat wenig Frucht, wenn, dann etwas Quitte. Damit ist er das pure Gegenteil, des im Oktober jung verkosteten Château Doisy-Védrines. Der Rieussec ist mineralischer, holziger, mit einer kaum wahrnehmbaren Muskatnote und einer angenehmen – weil unaufdringlichen – Süsse. Kein Kleben oder Zupappen. Schön! Die Trinkreife wird je nach Anbieter bis 2060 angegeben. Da kann noch Einiges gehen. – Zurück ins Jetzt: Der Körper ist feingliedrig und weniger satt, als man annehmen würde, der Abgang raffiniert und mit viel Schmelz. Der Rieussec legt vom Bouquet bis zum Abgang eine ungeheure Eleganz an den Tag. Einzigartig macht ihn der weiter oben erwähnte, ganz eigene (Röst-)Charakter. Entweder man mag das, oder nicht. Ich gebe 18 Punkte.

@HJ: Schön, wenn man Freunde als Nachbarn hat!

Château Rieussec 2002Punkte: 18/20
Passt zu: kräftigem Käse (Roquefort, Gorgonzola), Desserts, Foie Gras, Terrinen
Preis: Fr. 29.-/37.5cl

 

Den 2002er gibt es in St. Gallen leider nicht zu kaufen. Überzeugend schmecken aber sicher auch die sehr schönen Jahrgänge 2005 und 2009.

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Riesling Spätlese, Bernkasteler Badstube, Markus Molitor, 2009

Spätestens seit ich dem Bründlmayer begegnet bin, reite ich auf der Riesling-Welle durch den Winter. Bekannt für die leckeren Weissweine ist traditionsgemäss natürlich Deutschland. Genau dort findet man ein beeindruckendes Beispiel eines Familienbetriebs: Markus Molitor bewirtschaftet an der Mosel bereits in achter Generation das gleichnamige Weingut.

Der ursprünglich drei Hektar grosse Betrieb umfasst heute 38 Hektar Rebfläche und ist das grösste Weingut an der Mittelmosel. Allein im tollen Jahr 2009 brachte Molitor 32 (!) verschiedene Rieslinge auf den Markt. Die Jahresproduktion liegt bei 200’000 bis 300’000 Flaschen. Darunter Qualitätsweine, Kabinetts, Spät- und Auslesen. Alles deutsche Qualitätsbezeichungen, welche vom Öchslegrad abhängen. Beim vorliegenden Riesling handelt es sich um eine Spätlese. Die Trauben wurden Ende November geerntet. Der Öchsle-Grad liegt laut Qualitäts-Definition irgendwo zwischen 85 und 91.

Blick von Bernkastel auf die Badstube

Bernkastel: Bick auf die Rebberge

Molitors Reben an der Bernkasteler Badstube umfassen 2,7 Hektar. Die Lagen erstrecken sich von der Mitte des Berges bis zum Wald. Die Reben stehen durchwegs auf Steillagen. Laut Winzer bestehen diese Weinberge aus Schiefer, welcher reich an Feinerde ist. Wasser wird also gut gespeichert. Das hat vor allem einen positiven Effekt: Die Rieslinge haben ein enormes Entwicklungspotenzial. Die maximale Trinkreife wird mit 2025 angegeben. Weinwisser datiert sogar auf 2040. Er ist also ein Langstreckenläufer, der Bernkasteler. Gut zu wissen.

Gespannt schenke ich ein. Ein erster Schluck ist – Verzeihung – enttäuschend. Irgendwie habe ich mehr erwartet. Nachdem die offene Flasche zwanzig weitere Minuten, gekühlt in einer einsamen Ecke verbracht hat, nehme ich einen zweiten Anlauf. Schon besser. Der Molitor bietet diese typische Riesling-Fruchtigkeit. In der Nase und im Mund. Allerdings lange nicht so überschwenglich, wie ich gehofft hatte. Grundsätzlich ist alles in Ordnung: Die Nase, der Körper, der Abgang, alles annehmbar. Mehr als sogar. – Es ist dieses Mineralische, das mich stört. Vielleicht weiss ich diese Qualität einfach nicht zu schätzen, aber meinen Geschmack trifft es nicht. Der Wein hat etwas Ernstes an sich. Schwierig zu beschreiben, so was. Vermutlich nennt man das lagentypisch, diese Reminiszenz an den Schiefer. Eigentlich ja eine wünschenswerte Eigenschaft beim Wein, wenn er das Terroir widerspiegelt. Trotzdem überzeugt er mich nicht vollends.

Bei Mövenpick findet man eine Score von 18/20, Weinwisser vergibt 17/20 Punkte. Ich finde beide zu euphorisch. Natürlich handelt es sich um einen schön gemachten, traditionellen Riesling eines grossen Hauses. Trotzdem haut er mich nicht aus den Socken. Es zuckt höchstens der kleine Zeh. Zugegeben, ich jammere auf hohem Niveau, denn dieser Molitor ist nichtsdestotrotz ein schöner Wein und durchaus empfehlenswert. Ich gebe 16 Punkte.

MolitorRieslingSpätleseBernkastelerBadstube

Punkte: 16/20
Passt zu: Apéro, Fisch, Meeresfrüchten, zart zubereitetem Schweinsfilet
Preis: Fr. 26.-

 

Markus Molitors Riesling gibt es hier zu kaufen.


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Flaschentester goes online

Obwohl ich laut Internet zur Generation der digital immigrants gehöre, erlaube ich mir hin und wieder, meine Zeit zu versurfen. Da mich Traubensäfte interessieren, Öffnungszeiten aber weniger, besuche ich regelmässig auch die Online-Shops der St. Galler Weinhandlungen. Manche mehr, manche weniger oft. Schliesslich sprechen mich nicht alle Netz-Auftritte gleich an. Warum nicht? Lest selbst.

Auch wenn ich immer wieder froh bin, dass es doch noch das eine oder andere Fachgeschäft gibt, in dem man freundlich, persönlich und kompetent bedient wird, durchforste ich auch gerne zu Hause per Browser die Shops um mich auf den nächsten Besuch in einer Weinhandlung vorzubereiten. Ich notiere mir Weine, die mich interessieren, entdecke Aktionen, lese gerne was über die produzierenden Winzer und Weingüter und träume von unerschwinglichen Rothschilds, welche ich mir wenigstens virtuell reinziehen kann. Ab und an bestelle ich auch schon mal was; vor allem dann, wenn ich genau weiss, was ich will.

Jeder Weinhändler, der etwas auf sich hält, ist auch online präsent. Ob der Kunde auch im Internet zur Zufriedenheit bedient wird, möchte ich heute feststellen. Dafür begebe ich mich in’s Testlabor, sprich: Mein Büro. Jede Webseite wird aufgrund von acht Kriterien (siehe unten) bewertet. Dabei stelle ich wohlverstanden nicht die Kompetenz der Händler in Frage. Nein, heute stehen für einmal nicht Traubensäfte, sondern Online-Shops im Mittelpunkt. Bei jedem Kriterium sind maximal zehn Punkte zu holen. Ausser beim Inhalt. Da unter diesem Begriff viele verschiedene Angaben subsumiert sind, können die Händler hier satte 23 Punkte holen. Insgesamt ist eine Gesamtpunktzahl von 83 Punkten möglich. Als Referenz muss der Aargauer Weinhändler und Bordeaux-Spezialist Gerstl herhalten. Immerhin hat dessen Seite einen Bronze-Award beim Best of Swiss Web 2012 gewonnen. Diese Bewertung kann ich absolut nachvollziehen. Gerstl’s Webseite gehört zu den besten der Schweizer Weinhändler.

Die Kriterien im Einzelnen:

  1. Aktualität: Enthält die Page Infos zu aktuellen Produkten, Aktionen, Degustationen etc. ?
  2. Orthographie: Kann ich mich auch ohne virtuellen Rotschift durch den Shop bewegen?
  3. Design: Spricht mich die Seite grafisch an?
  4. Übersichtlichkeit: Sind die Dinge da, wo sie hingehören?
  5. Navigation: Ist die Menu-Führung einleuchtend und intuitiv?
  6. Qualität der Suchfunktion: Finde ich, was ich suche?
  7. Bestellfunktion: Kann ich schnell und unkompliziert bestellen?
  8. Inhalt: Wie umfassend und aussagekräftig ist der Informationsgehalt (Jahrgang, Herkunft, Essenspaarung, usw.) ?

And the winner is…

Händler

Punktzahl

Stärken

Schwächen

Gerstl

81

Gesamter Auftritt

keine

Martel

76

Inhalt

Übersichtlichkeit

Delinat

74

Inhalt

Übersichtlichkeit

Romanin

73

Inhalt

Suchfunktion

Mövenpick

73

Übersichtlichkeit

Design

Coop

66

Suchfunktion

Übersichtlichkeit

Manor

65

Übersichtlichkeit

Navigation

Denner

64

Suchfunktion

Design

Globus

64

Aktualität

Suchfunktion

Caratello

58

Aktualität

Navigation, Design, Suchfunktion

Wy zum Turm

55

Aktualität

Design und Inhalt

Lanz

49

Persönliche Note

Aktualität, Sprache, Übersichtlichkeit, Suchfunktion

Gewonnen hat nach Punkten ganz klar Martel. Sein Auftritt ist frisch, aktuell und visuell sehr ansprechend. Der Zweitplatzierte – Delinat – liefert hingegen die umfassendsten Informationen. Da findet sich wirklich alles, was das Konsumentenherz begehrt: Infos zu den Winzern, Rebbergen, Degustationsnotizen, Essenspaarungen und sogar Angaben zum Restzuckergehalt der Weine. Auch Romanin ist inhaltlich auf Top-Level. Einzig die Aufmachung und die teils verwirrenden Angaben, zum Beispiel bei den Bordeaux, sind weniger schön. Da findet man einen Château Moulin du Cadet nicht unter seinem Namen, sondern als St.-Emilion Grand Cru Classé AOC 2004. Umgekehrt wäre logischer, bitte nachbessern.

Das Auswahlsystem von Coop.

Ein Auswahlsystem wird nicht nur von Coop benutzt.

Mit einer Ausnahme haben alle Online-Shops erfreulicherweise eine Gemeinsamkeit: Sie werden in der Regel laufend aktualisiert. Die Häufigkeit der Aktualisierungen ist jedoch sehr unterschiedlich. Ohne das buchhalterisch überprüft zu haben, glänzen hier meiner Meinung nach vor allem die Supermärkte. Das grösste Spektrum findet man hingegen beim Design. Caratellos Seite wirkt wie ein 90er-Jahre-Relikt, Lanz‘ Auftritt ähnelt einem Wühltisch und die Seiten von Wy zum Turm und Romanin sind schlicht altbacken und klobig in der Aufmachung. Vorbildlich hingegen ist Mövenpick, dessen Seite mir sehr gut gefällt. Grosse Unterschiede gibt’s aber auch bei den Angaben zu den einzelnen Weinen. Die Bio-Händler haben – wie erwähnt – beim Informationsgehalt eindeutig die Nase vorne. Ob man die Analyse-Daten jedes Weins wirklich braucht ist fraglich, spannend ist es aber allemal. Auch Caratello ist inhaltlich stark, die Discounter enttäuschen hingegen. Die Schlusslichter unter letzteren bilden Denner und Manor. Bei diesen findet man nur rudimentäre Angaben zu den Weinen. Bei den Suchfunktionen haben sich die meisten Händler für ein Auswahl- bzw. Reduktionssystem entschieden. So zum Beispiel auch Coop. Das funktioniert in der Regel ganz ordentlich und man kommt schnell an’s Ziel. Die eigentliche Suchfunktion ist bei vielen aber schlicht nicht zu gebrauchen. So auch nicht bei Globus und Mövenpick. Die Bandbreite der angezeigten Resultate ist einfach zu gross, um schnell was finden zu können.

Weinhändler und Kunde: Mehr und mehr auch digital verbunden? Na ja, je nachdem.

Weinhändler im Internet: Wird man auch online gut bedient? Na ja, je nachdem.

Der klare Verlierer des Tests ist der Auftritt von Lanz. Gerade weil man im Geschäft an der Hinterlauben 15 so nett bedient wird, schmerzt das Resultat von 49 Punkten umso mehr. Aber wie man es auch dreht und wendet: Dieser Web-Auftritt ist schlicht und einfach chaotisch, und zwar von A bis Z. Da nützt das beste Sortiment nichts. Schon beim Anblick der Startseite ist man total überfordert. Zu viele unnötige Informationen tummeln sich da amateurhaft zusammengestellt auf meinem Schirm. Beim ersten Zugriff ist mir nicht einmal klar, ob ich bei einer Weinhandlung, einem Catering-Service, einem YouTube-Ableger, oder einem privaten Blog gelandet bin. Ich finde die Idee, eine persönliche Note reinzubringen, grundsätzlich ja schön, hier ist es aber zu viel des Guten. Sprachlich (Orthographie/Stil) lässt der Shop stellenweise ebenfalls Einiges zu wünschen übrig. Zum Thema Aktualität nur so viel: Beim letzten Zugriff am 9. Dezember finde ich auf der Seite immer noch einen Werbebanner für die Basler Weinmesse, welche vor mehr als einem Monat, nämlich am 3. November, zu Ende ging. Selbst unter dem Menupunkt Events findet man nur ein Archiv, aber keine aktuellen, oder geplanten Anlässe. Auch inhaltlich gibt es Verbesserungsvorschläge: Anmerkungen zu Winzern, mit denen man in Zukunft – aus welchen Gründen auch immer – nicht mehr zusammenarbeiten möchte, interessieren mich als Konsumenten jedenfalls nicht. Diese wirken eher befremdend. Zudem ist für mich bei den wenigsten Weinen der Winzer, oder das Weingut ersichtlich. Schade, aber diese Info gehört einfach dazu, denn jedesmal das Bild der Flasche anzuklicken und den Namen des Weinguts anhand – eines zum Teil unleserlichen – Etiketts zu entziffern, ist nicht gerade prickelnd. Alles in allem hat die Seite durchaus Potenzial, müsste aber dringend von Grund auf überarbeitet und regelmässig aktualisiert werden. Weniger wäre mehr! Definitiv. Der Kunde würde es danken, der Umsatz eventuell auch.

Für alle, welche die Bewertung nachvollziehen wollen, empfehle ich einen Besuch der besprochenen Seiten und den Download der ausführlichen Tabelle mit Punktevergaben nach Kategorien.

Viel Spass beim Surfen!

Flaschentester


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Herbst-Special: Bordeaux für Anfänger, Teil III – Wer passt zu dir?

Asche auf mein Haupt: Bis meine Dilettanten-Karriere vor einigen Jahren begann,  dachte ich, Bordeaux sei eine Rebsorte und Wein sei halt Wein. Cola schmeckt ja schliesslich auch überall gleich. Nix da, denkste! Heute weiss ich es besser.

Böse Zungen behaupten ja, dass Robert Parker die Nivellierung des Geschmacks auch im Bordelais stark vorangetrieben hat. Gott sei Dank sind wir vom Bordelaiser Einheitswein aber glücklicherweise noch weit entfernt. Aber welcher Bordeaux passt zu mir? Es gibt schliesslich hunderte. Der Dilettant meint: Beginnen wir doch dort, wo es der Winzer tut – bei den Trauben.

Im Bordelais spielen folgende Rebsorten eine wichtige Rolle: Cabernet Sauvignon, Merlot und Cabernet Franc. Aber auch die Sorten Petit Verdot und Malbec werden kultiviert. Bis zum grossem Reblausbefall von 1890 wurde ausserdem noch fleissig die empfindlichere Sorte Carménère angebaut. Diese findet man heute aber hauptsächlich in Chile. Ist also nix für mich.

Bordeaux ist praktisch immer ein Verschnitt mehrerer Rebsorten. Der Franzose sagt dazu etwas wohlklingender Cuvée. Es gibt nur sehr wenige rote Bordeaux-Weine, welche ausschliesslich auf einer Rebsorte basieren.

Die Bordelaiser Weinbauern sind wahre Künstler der Kombination. Viele Châteaux schwören auf die Zweierkombo von Cabernet Franc und Merlot. Dies kann aber von Jahr zu Jahr variieren. Auch die prozentuale Zusammensetzung variiert stark. Ein 2009er Mouton-Rothschild ist zum Beispiel ein Cuvée aus Cabernet Sauvignon und Merlot, ein 2008er jedoch eine Dreierkombo. Da hat der Winzer zusätzlich noch etwas Cabernet Franc in den Tank gegeben. Viele Sorten = viel Geschmack? Tja, mal sehen.

Der Cabernet Sauvignon bildet praktisch immer die Basis des Bordeaux. Er bestimmt vor allem den Säuregehalt. Seine Tannine (= Gerbstoffe) bescheren dem Wein je nach Anteil ein mehr oder weniger grösseres Lagerpotenzial. Merlot macht den Bordeaux fruchtig und gibt ihm Fülle. Cabernet Franc ergänzt das Fruchtige des Merlots und ergänzt das Bouquet vor allem durch eine schöne Nase. Die Sorte Petit Verdot gibt in kleinen Mengen Würze.

Neben den Rebsorten spielen auch andere Faktoren eine grosse Rolle. In erster Linie das Terroir, also der Boden, auf dem die Reben stehen. Aber auch die Arbeit des Winzers bei der Vinifikation, die technischen Hilfsmittel, das Knowhow etc. spielen eine immense Rolle. Der Captain stellt treffend fest: Frankreichs Winzer arbeiten nicht nur mit hochmodernen Anlagen. Ich meine, Bordeaux scheint da eine löbliche Ausnahme zu sein. Es wird investiert und mächtig Dampf gemacht. Davon konnten wir uns bei einem Besuch auf Château Lynch-Bages letztes Jahr selbst überzeugen.

Hurra! Das Vertrauen ist wieder hergestellt. Wenigstens in dieses Château. Die neue Abfüllanlage auf Lynch-Bages.

Von alledem steht aber nix auf der Flasche. Ist auch nicht wichtig. Ausser wir wollen nen Bio-Wein. Wichtiger für uns Otto Normalverbraucher sind die Appellationen. Oft haben nämlich verschiedene Weine derselben Appellation auch geschmacklich einen gemeinsamen Nenner. Hat man also mal grob eine Idee, was einem schmeckt, lohnt es sich, Weinen einer Appellation treu zu bleiben:

Graves Rotweine von hier sind der Inbegriff des klassischen Bordeaux: schlank, elegant, harmonisch, frische Frucht, können oft auch schon jung getrunken werden (!)
Médoc Elegante, duftende Weine, zart, komplex, „Burgunder“ des Bordelais, grosse Lagerfähigkeit, lange Reifezeit
Pauillac Feste Struktur, tief, dicht, kräftig, enormes Lagerpotenzial
Entre-Deux-Mers Frisch, fruchtig, eher leicht, jung geniessen, begrenztes Lagerpotenzial; sehr schöne Weissweine
Saint-Émilion Sehr unterschiedliche Weine: von reif und weich (Süden), mineralisch mit fester Struktur (Hochplateau) bis fein und elegant (Nordwesten)
Sauternes/Barsac Süssweine, enormes Lagerpotenzial

Mein Fazit

  1. Praktisch alle roten Bordeaux-Weine basieren auf der Rebsorte Cabernet Sauvignon.
  2. Bordeaux = Cuvée
  3. Es gibt auch weisse Bordeaux. Typischerweise im Entre-Deux-Mers.
  4. Jede Appellation bringt ihre typischen Weine hervor.
  5. Saint-Émilion ist die vielfältigste Appellation.

Damit ihr bis zum nächsten Teil des Herbst-Specials nicht verdurstet, einige Bordeaux-Empfehlungen meinerseits. Verkostungsnotizen folgen später.

Château Rollan de By, Cru Bourgeois, Médoc, 2009, bei Coop, Fr. 26.10

Château Lilian Ladouys, Cru Bourgeois, Saint-Estèphe, 2009, bei Mövenpick, Fr. 27.-

Château Clos du Jaugueyron, Margaux, 2006, bei Gerstl, Fr. 20.-

Château Thieuley blanc, Entre-Deux-Mers, 2010, bei Martel, Fr. 12.80

Château Doisy-Védrines, Sauternes, 2009, bei Martel, Fr. 26.-/37,5 cl

 

Santé !

 

P.S. Ich find‘ ja, dass Cola überall anders schmeckt. Bei Fanta ist’s noch krasser. Ich sage, die beste gibt’s in den Niederlanden. Unabhängig vom Jahrgang…