Flaschentester

… schreibt über europäische Weine und verwandte Themen


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Schweizer Wein – quid facis?

Vor einigen Wochen veröffentlichte der Captain kurz nacheinander zwei Artikel, in denen er der Frage nach den Absatzproblemen von deutschen und österreichischen Weinen nachspürt. Warum trinken die Einwohner unserer beiden Nachbarländer immer weniger einheimischen Wein? So die Gretchenfrage. – Bei uns herrschen diametral andere Verhältnisse: Schweizer trinken Schweizer Wein, aber kein Schwein ausserhalb Helvetiens interessiert sich für unsere Erzeugnisse. Was läuft schief? Was muss man ändern? Ein Versuch aus Sicht eines Konsumenten.

Während Schweizer Uhren, Schokolade und Tennisspieler im Ausland durchaus für Lifestyle, Qualität und Höchstleistungen stehen, fristet der helvetische Wein ein Mauerblümchendasein in einer stillen Ecke, ganz zuhinterst auf dem europäischen Weinparkett. Schweizer Wein ist so etwas wie der Microsoft Zune unter den MP3-Playern. Nie davon gehört? Kein Wunder. Der hat sich international nämlich auch nie durchsetzen können.

Als Apple im Oktober 2001 die erste Generation des iPods vorstellt ist der Zug bereits abgefahren. Die kongeniale Symbiose aus Online-Store, portablen Abspielgerät und Festplattenersatz schlägt eine wie eine Bombe. Microsoft versucht fünf Jahre später mit einer Kopie nachzuziehen. Millionen von iPods wurden bereits verkauft. Apples Produkt ist unterdessen in der fünften Generation erhältlich, und auch die iPod-Ableger Mini, Nano und Shuffle erfreuen sich wachsender Beliebtheit. Microsoft möchte mitmischen und lanciert ebenfalls einen Online-Store. Parallel zur Lancierung der xBox wird die Internetwährung Microsoft Points eingeführt und sage und schreibe 500 Millionen US-Dollar in Werbung für ihren iPod-Klon gepumpt. Die Schlacht ist schon verloren, bevor sie begonnen hat. Alle Flatrates, Marketingbudgets und technischen Verbesserungen brachten schlussendlich nichts. Ende 2011 wird der Zune eingestampft.

CH-Wein

Währenddem Apple spätestens seit der Einführung des iMacs 1998 nicht nur mehr funktionierende Geräte, sondern ein Rumdumsorglospaket aus Technik, Emotionen, Lifestyle und Prestige verkauft, klebt an Microsoft bis heute der Makel des Büromaschinenherstellers. Da ändert auch kein Windows 8 samt gleichnamigen Smartphone etwas daran. Die Parallele zum Schweizer Wein ist offensichtlich: Man gibt sich zwar Mühe, hat aber noch nicht erkannt, dass sich nicht alles nur um das Produkt an sich dreht, sondern auch darum, was dieses beim Konsumenten auslöst. Italien verkauft Lebensfreude, Frankreich Genuss und Extravaganz und Spanien die Sonne im Glas. Und was verkaufen wir? Rote Flaschen mit Schweizerkreuzen darauf. Also bitte.

Was fehlt ist Begeisterung. Echte, reine Begeisterung. Für die Schweiz und die eigenen Winzer und deren Produkte. Sommeliers, Restaurants und Weinhandlungen, müssten den Ausländern Schweizer Weine vermehrt anpreisen. Auf Weinkarten, im Gespräch, auf Veranstaltungen und bei jeder sich bietenden Gelegenheit. Sie sollten ihn in höchsten Tönen loben, sofern er es verdient. – Und wir haben Einiges, was einen enthusiastischen Lobgesang verdient. Wen wir unserem Wein selbst schon derart kritisch gegenüberstehen, wie soll er dann im Ausland existieren?

Stattdessen laufen Bestrebungen, welche unsere Weine in guter, alter und reichlich verstaubter AlpenSchokoladeKäse-Manier international anzupreisen versuchen. Dabei wird ein völlig falsches Bild vermittelt. Schliesslich wird unser Wein weder hochalpin gekeltert, noch kann man ihn nur zu Käse-Fondue kredenzen. Welch‘ Degradierung! Schweizer Wein ist kein Kuhwein. Viele ausländische Weinkenner sehen Schweizer Wein bis heute als Kuriosum, sofern sie ihn überhaupt wahrnehmen. Ein Imagewandel muss daher schnellstens über die Bühne. Längerfristig können sämtliche Exportbestrebungen sonst auch gleich ad acta gelegt werden. Das spart Zeit, Geld und Nerven.

Vor allem das Image vom teuren Schweizer Wein gilt es zu widerlegen. Das geht aber nur, wenn auch im Ausland vernünftige Weine zu vernünftigen Preisen angeboten werden und nicht nur 100 Euro-Flaschen in deutschen Regalen stehen. Und das ist mgöglich. Schliesslich bezahlt man für einen Spitzen-Merlot vom Tessiner Erzeuger Tamborini auch nicht mehr, als für einen vergleichbaren Italiener oder Spanier. Gleichzeitig findet man vom selben Schweizer Produzenten auch anständige Qualitäten um die fünfzehn Euro. Mal ehrlich: Teuer ist anders. Und wir reden hier nicht von Aldi- und Lidlabfüllungen. Das ist eine andere Baustelle.

Eines der Hauptprobleme, mit welchem unser Exportwein zu kämpfen hat, ist die Schwierigkeit, in anhand seines Etiketts einzuordnen. Vor allem qualitativ. Ich sage daher: Falls möglich, weg von der Region, der Marke oder der Gemeinde, und hin zum Winzer. Namen sind wichtiger als Anbaugebiete. Vor allem dann, wenn ich wissen möchte, ob in der Flasche was Trinkbares dümpelt, oder nicht. Natürlich gehört das Anbaugebiet auf die Flasche, aber nicht – wie in der Schweiz oft üblich – als Haupterkennungsmerkmal. Einerseits hat das übersichtliche Alpenland nämlich schier unzählige Einzellagen, andererseits sind wohl unsere mikrogeographischen Verhältnisse nicht jedem ausländischen Weintrinker geläufig. Es gibt wohl kaum ein Weinland, welches auf derart kleiner Gesamtrebfläche, so viele Winzer und Rebsorten unterbringt, wie die Schweiz. Bestes Beispiel: Kopp von der Crone Visini. Sieben Hektar Gesamtfläche, fünf Lagen, neun Traubensorten, elf Weine, zwei Grappas, ein Likör. – So schaut’s aus in der Schweiz.

Und überhaupt: Mosel ist schliesslich auch nicht Mosel, Bordeaux nicht Bordeaux und Toskana nicht Toskana. Die Namen Diel, Château Petrus oder Antinori hat aber jeder schon einmal gehört, der sich mit Wein auch nur ein bisschen auseinandergesetzt hat. Vielleicht, mit viel Glück, trifft das in einigen Jahren auch auf Schweizer Winzertalente wie Gantenbein, Stucky oder Chappaz zu. Den mangelnden Quantitäten und der starken Konkurrenz aus den Weinhochburgen Europas kann der helvetische Wein nur mit Qualität und sattelfestem Image trotzen. Den Export könnte man nach dem Vorbild Frankreich organisieren: Gute Qualitäten ins Ausland, was übrig bleibt trinken wir zu Hause. Schliesslich exportiert die Schweiz gegenwärtig gerade mal ein Prozent der Gesamtproduktion. EIN PROZENT. Schweizer Wein muss beim Konsumenten eindeutige Bilder hervorrufen. Im Sinne einer Corporate Identity. So stolz wir auch auf unsere sprachliche, regionale, politische und nicht zuletzt landschaftliche Vielfalt sind: Vielfalt bringt uns beim Verkauf nicht weiter. Denn währenddem man jedes andere namhafte Produktionsland automatisch mit maximal drei bis vier Weinen bzw. Rebsorten oder Winzern in Verbindung bringt, ruft Schweizer Wein im Ausland leider keine klischeebereinigten Assoziationen hervor. Man denkt doch höchstens an Alphütten, Banken und überteuerte Skiferien.

Ein Fokussieren auf einige wenige, typische Sorten ist beim Export oder zumindest der Werbung angesagt: Chasselas, Blauburgunder und Merlot zum Beispiel. – Wahnsinn? Nein, Methode! Klar gibt’s von allen anderen bewirtschafteten Rebsorten ebenfalls fantastische Weine. Keine Frage. Aber es geht um’s grosse Ganze. Österreichischer Wein hat sich bei uns trotz Weinskandal durch die Arbeit junger Winzer und durch Zweigelt und Grünen Veltliner seine Stellung zurückerkämpft. Smart und hartnäckig. Und deshalb kaufen wir heute auch St. Laurent, Blaufränkisch oder zwischendurch mal einen Sekt von Bründlmayer. Eins führt zum anderen. Auch bei kleinen Produktionsmengen muss das möglich sein. Winzer, schliesst euch zusammen! Gründet Genossenschaften, selektiert streng, macht Spitzenweine, stampft salonfähige, frische Labels aus dem Boden und exportiert, was das Zeug hält.

Und bitte keine Swissness und weitere protektionistische Massnahmen des Staates mehr. Spätestens seit der werbewirksamen Logo-Reanimation unserer nationalen Fluggesellschaft durch einen Kanadier, braucht kein Mensch mehr eine rote Weinflasche mit einem Schweizer Kreuz darauf. Auch nicht im Ausland. Es soll schliesslich Wein und kein Souvenir verkauft werden. Man soll ihn in erster Linie trinken, und nicht als beliebiges Accessoire ins Wohnzimmer integrieren. Falsche Botschaft, falsches Bild = falsche Emotion. So einfach ist die Formel. Die Konsumenten wollen heute vor allem schick gestaltete Etiketten, klare Deklarationen und einen Hinweis auf die passende Essenspaarung. Darauf sollte man setzen. Und auf bezahlbare Qualität. Alles andere interessiert nicht. Schön ausschauen und gut schmecken muss es. Punkt. Auch Besprechungen und Kritiken von namhaften Vertretern der Journalistenzunft helfen von Zeit zu Zeit. Also nichts wie los, und Musterflaschen an die Schreibenden verteilt. Die sollen sich ruhig mal an einem Schluck Schweiz abarbeiten.

Wo wir schon bei Werbung sind: Erst kürzlich hat der Bund beschlossen, den Werbe-Etat für Schweizer Wein zu verdoppeln. Statt fünf stehen neu zehn Millionen Franken zu Verfügung. Davon sollen vier Millionen für Werbung im Export verwendet werden und sechs für das Inland. Ja, genau, mehr als die Hälfte für Werbung im Inland. Ungeachtet der Tatsache, dass die Schweizer – trotz leicht rückläufiger Zahlen – ihren eigenen Wein trinken bis die Lager leer sind. – Schilda lässt grüssen. Nicht die einheimischen Konsumenten müssen überzeugt werden, sondern die Touristen. Und da liegt der Schlüssel nicht bei grossflächigen Werbeplakaten, sondern bei der Gastronomie, der Tourismusbranche und den Händlern. Sie sind es schlussendlich, welche den Schweizer Wein anpreisen, oder nicht.

Und obwohl neben beliebiger Massenware herrlichste Tropfen produziert werden und unsere Winzer oft Eindrückliches leisten, obwohl die Qualitäten in den letzten zwei Dekaden stetig anstiegen, Innovationen sich mehren, stimmt mich die geringe Verbreitung und Akzeptanz im Ausland nachdenklich, und auch etwas traurig. Besserung ist nicht in Sicht. Gegenwärtig treffen nämlich immer noch langweilige Heidi-Kampagnen auf helvetisches Understatement und hoher finanzieller Aufwand auf wenig Ertrag. Bestes Beispiel: Die Weltausstellung 2010 in Shanghai. Schade.

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Kopp von der Crone Visini – Vigoria Merlot 2010

Draussen wirbelt’s seit Tagen Schnee um die Häuser. Alkohol soll bekanntlich ja wärmen. Also wird’s wieder mal Zeit, eine Flasche zu entkorken. Mir ist nämlich kalt. Ein Schweizer soll es sein. Da ich auf Pinot Noirs oder westliche Weisse gerade keinen Bock habe, reise ich innerlich gen Süden und köpfe einen Tessiner Merlot.

Er stammt vom Gut Kopp von der Crone Visini. Mit der Betriebsgründung erfüllen sich eine promovierte Agronomin und ihr Mann 1994 den gemeinsamen Traum vom eigenen Reb- und Weinbau. Das Ehepaar zieht von Zürich ins Tessin. Ab 2002 arbeitet die verwitwete Anna Barbara von der Crone dann fortan mit dem befreundeten Winzer Paolo Visini zusammen. Vier Jahre später werden ihre beiden Betriebe unter einem Dach vereint. Die gemeinsame Cantina befindet sich südlich von Lugano, in Barbengo. Das Weingut hat mit seinen sieben Hektaren helvetische Durchschnittsgrösse. Die Reben liegen in Mendrisiotto, Luganese und Bellinzonese. Also im ganzen Tessin verstreut. Laut eigener Aussage legen Von der Crone und Visini grossen Wert auf einen möglichst schonenden Umgang mit der Natur und die Förderung der Biodiversität. Es ist ihre Überzeugung, „…dass sich eine nachhaltige Bewirtschaftung auch in der Qualität der Trauben niederschlägt.“ So erklärt sich auch der Umstand, dass die Winzergemeinschaft grosse Parzellenteile als Nützlingslebensraum bestehen bleiben lässt.

Barbengo

Auch in Barbengo soll’s manchmal schneien.

Insgesamt elf Weine werden von Anna Barbara und Paolo gekeltert. Darunter vier sortenreihe Merlots und drei auf Merlot und Cabernet Sauvignon basierende Cuvées. Beim Irto und beim Scala kommt zusätzlich Petit Verdot zum Einsatz. Beim Balin erweitert Arinarnoa den Wein um Fleisch, Säure und Würze. Aber auch vier sortenreine Weissweine und Weisswein-Cuvées (aus Viognier, Chardonnay, Kerner, Sauvignon blanc), Grappa und Likör werden auf dem Gut produziert. Viognier ist übrigens eine Rhone-typische Sorte, Kerner eine Kreuzung von Trollinger und Riesling und Arinarnoa eine Neuzüchtung aus Bordeaux. Für letztere standen Merlot und Petit Verdot Pate. Angesichts der Gesamtfläche der bewirtschafteten Reben ist das Sortenspektrum erstaunlich vielfältig. Möglich macht dies vor allem der Umstand, dass sich im Tessin die Bodenverhältnisse auf kleinem Raum sehr stark unterscheiden.

Kaum habe ich den Vigoria gekauft, setze ich mich vor meine Apfelkiste und surfe zu Hause neugierig ein wenig durch’s Netz. Google sagt mir, dass sich scheinbar zahlreiche St. Galler Händler auf die Weine dieses Guts eingeschworen haben. Neben Martel und Zweifel führen Lanz und Mövenpick ebenfalls Flaschen aus Barbengo in ihrem Sortiment. Auch Robert Parker bzw. einer seiner Verkoster lässt grüssen: Der Tinello vom selben Gut gehört laut David Schildknecht zu den besten Schweizern 2012. Schön.

Dekantiert habe ich den Wein nicht. Ich schenke ein. Der Wein scheint dunkelrot. Die Nase ist herrlich intensiv. Ein toller Merlot-Duft strömt einem entgegen. Man riecht sortentypisch vor allem Pflaume und Kirsche. Nachdem ich das Weinglas ein wenig schwenke, erreichen auch die schwereren Kräuternoten mein Riechorgan. Toll. Ich könnte stundenlang so weiter machen: Riechen – Schwenken – Riechen – Freuen. Schliesslich entscheide ich mich doch noch dafür, das Bouquet zu verlassen und einen ersten Schluck zu nehmen. Zum Glück! Denn das Wetter meinte es 2010 gut mit den Reben in Barbengo. Im Mund wirkt der Tessiner weich, vollmundig und fruchtig. Eine spannende, irgendwie enge, aber dennoch nicht unangenehme Säure verleiht ihm zudem Charakter. In der Regel kann man Merlot jung geniessen. So auch diesen. Die Tannine sind unaufdringlich. Die Frucht beherrscht das Geschehen. Als Essenspaarung zum Vigoria muss wieder mal Pasta mit Fleischsauce herhalten. Und auch an diesem Abend wird deutlich, wie Wein und Essen sich gegenseitig intensivieren können. Wunderbar. Ein Erlebnis!

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Vigoria 2010: Gährung im Stahltank, Ausbau in Eichenfässern.

Obwohl der Körper Saft hat, gar fleischig ist, erreicht der Vigoria nicht diesselbe Fülle wie Merlots aus südlicheren Gebieten. Das soll kein Vorwurf sein. S’ist halt einfach so. Der Wein schmeckt. Er hat was Eigenständiges, er hat Frucht, Würze und ein einladendes Bouquet. Auch der Abgang ist sehr angenehm, der Nachhall mehr würzig, als fruchtig. Trotzdem polarisiert der Tessiner. – Warum? Entweder man mag Schweizer Merlot, oder nicht. Ein Zwischendrin gibt’s nicht. Kein Solala, kein durchschnittlich, oder geht so. Auch im Casa Flaschentester bestätigt sich dieser Eindruck: Die Hälfte der agierenden Testerinnen und Tester ist dem Wein sehr zugeneigt, die andere würde ihn nicht nochmals kaufen. Ich für meinen Teil finde ihn toll. Punkt.

Fazit: Kopp von der Crone Vinsini’s Vigoria ist ein schöner Rotwein zu einem für Schweizer Massstäbe sehr anständigen Preis. Er kann jung getrunken werden; entweder für sich alleine, oder am besten zu klassischer Tomaten-Fleisch-Pasta und ähnlich deftigen Gerichten. Geschmacklich punktet er durch ein wunderbar duftendes Bouquet, die omnipräsente Merlot-Frucht, und einen eigenständigen, aber trotzdem geschmeidigen Charakter. Ich gebe 17 Punkte.

VigoriaMerlot2010

Punkte: 17/20
Passt zu: Pasta, Gegrilltem, Deftigem
Preis: Fr. 21.-

Den Tessiner Merlot kriegt man bei Martel. Auch Zweifel, Simone Lanz und Mövenpick führen Weine der Cantina Kopp von der Crone Visini.


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Château de Cardaillan Graves AOC 2009

2009 war ein Spitzenjahr für Bordeaux. Da sind sich alle Autoritäten einig. In solchen Jahren werden die aufgrund strengerer Selektion sowieso schon guten Weine grosser Châteaux noch besser. Am meisten profitieren aber vor allem Weine weniger bekannte Produzenten mit geringerem Renommée. Und genauso einer ist der Château de Cardaillan.

Das Weingut liegt im Gebiet Graves, süd-südöstlich der Stadt Bordeaux. Das Château de Cardaillan gehört nicht zu den klassifizierten Betrieben der Appellation. Die Weine des Châteaus sind lediglich AOC-zertifiziert. Was zwar etwas über die Güte der Produktionskette aussagt, aber nicht über die Qualität des Produkts. Aber das Thema hatten wir ja schon mal bei einem anderen Wein. Zurück zum Text: Nach einem Bordeaux-Degustationsnachmittag bei Mövenpick, bin ich auf alles vorbereitet, komme, was wolle. Kurz vor 17.30 Uhr öffne ich die Flasche und schenke ein. Wie erwartet gibt sich der Wein noch verschlossen. Ich warte. Zweieinhalb Stunden später – pünktlich zum Abendessen – ist es dann so weit: Der De Cardaillan ist trinkbereit.

Die Trinktemperatur wird von Coop mit 16 – 18 Grad Celsius, die Genussreife bis maximal 2016 angegeben. Der Franzose wird zu gleichen Teilen aus Cabernet Sauvignon und Merlot vinifiziert. Er scheint in einem wunderschönen, dunklen Rubinrot mit violetten Reflexen und schwarzem Kern. Die Nase weckt Erwartungen. Das Boquet ist enorm beerig, ansprechend mit Kräutern und Lakritze ausgestattet, und unterstreicht die Herkunft des Weines auf eine feine, seidige Art. Es riecht nach Bordeaux. Schön. Beim letzten Wein war das leider anders.

Im Mund dann ebenfalls Würze und Frucht – Thymian, Waldpilze, Cassis, Holunder, dunkle Beeren, Fass, etwas Tabak. Der Wein ist gut balanciert, der Körper für einen Bordeaux eher leicht und frisch. Jugendliche Säure ist zwar vorhanden, aber nicht weiter störend. Noch ein, zwei Jahre und auch diese wird abnehmen. Die Tannine sind samtig eingebetet. Der Abgang bringt nochmals Erinnerungen an Wald und Vegetabiles, der Nachhall beendet das Rotweinerlebnis elegant und harmonisch. Bei alledem schwebt von Anfang bis Schluss die Herkunft geschmacklich eindeutig mit. Das gefällt mir.

Wie ich in einem anderen Artikel erwähnt habe, sind Rotweine aus den Graves oft der Inbegriff des klassischen Bordeaux. Sie sind schlank, elegant, harmonisch, bieten eine frische Fruchtigkeit und können oft auch schon jung getrunken werden. All diese Attribute treffen auch auf den Château de Cardaillan zu. Einzig die jugendliche Säure könnte etwas reduzierter rüberkommen. Ansonsten handelt es sich um einen recht ordentlichen, jungen Bordeaux, der aber unbedingt eine intensive Sauerstoffwäsche benötigt, bevor man ihn geniessen kann. Auch der Preis ist fair. Ich gebe 15 Punkte.

ChâteauDeCardaillan09

 

Punkte: 15/20
Passt zu: Kalbsgeschnetzeltem mit Wildreis an Balsamico-Reduktion
Preis: Fr. 13.90

Den Château de Cardaillan 2009 gibt’s im Coop Gallusmarkt, den 2010er online. Über den 2008er gab’s unlängst einen Artikel in der NZZ.


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Bordeaux für lau? Château Pey La Tour 2010

Bordeaux-Weine stellen relativ hohe Anforderungen an den Konsumenten. Die beliebten Franzosen sind meistens nicht gerade billig, man muss sie einige Jahre lagern und es gibt vom Essigwein bis zur überragenden Abfüllung eines Spitzenchâteaus so ziemlich jede Qualität aus jeder Appellation. Um was Ordentliches ins Glas zu kriegen, ist ein nicht zu unterschätzender zeitlicher und finanzieller Effort nötig. Und das nervt. Manchmal wenigstens.

Aufatmen: Es gibt auch Ausnahmen. So machen Weine wie der Château Macard Mut. Zeigt dieser doch auf, dass es auch preiswerte Bordelaiser Rotweine gibt, die schmecken und die man schon jung geniessen kann. Hoffnungsvoll mache ich mich auf die Suche nach vergleichbaren Tropfen gleicher Herkunft. Mein Streifzug beginnt im Coop Gallusmarkt. Dort entdecke ich in den Regalen einige tiefpreisige Bordeaux aus den schönen Jahrgängen 2009 und 2010. Kurzentschlossen greife ich zu einer Flasche Pey La Tour, einem Rotwein für etwas weniger als zehn Franken. Auf dem Hals steckt ein Kartonhütchen, darauf abgedruckt eine hübsche Silbemedaille. Scheinbar hat der Wein beim französischen Concours de Macon eine Auszeichnung erhalten. Mal sehen, ob diese auch etwas wert ist.

Zu Hause angekommen, dekantiere ich den jungen Wein eine Stunde vor dem Abendessen. Nachdem ich eingeschenkt habe, halte ich mein Riechorgan ins Glas. Die Nase ist relativ lahm: Etwas Vanille, reichlich Cassis und weitere dunkle Beeren duften einem entgegen. Der erste Eindruck lässt keinen Bordeaux vermuten. Es könnte genausogut ein Spanier im Glas sein. Im Mund gesellt sich zu Vanille und Beerenfrucht vor allem Würze. Der trockene Rotwein hat einen leichten, aber etwas ungestümen und holzigen Körper. Er wirkt unbalanciert. Jugendliche Säure ist zudem reichlich vorhanden, und auch die Bitterstoffe sind recht dominant. Der Abgang ist kurz, der Nachhall flüchtig. Trotz Einsatz Terroir-typischer Rebsorten (Merlot, Cabernet Sauvignon, Cabernet Franc und Petit Verdot) schmeckt der Franzose weder in Mund noch Nase nach Bordeaux. Schade, ich hatte mir etwas mehr erwartet. Auch für zehn Franken.

Aber auch Positives gibt es zu berichten: Zum Essen schmeckt er nämlich recht ordentlich, der Pey La Tour. Auf der Speisekarte stehen im Casa Flaschentester ein Filetsteak vom Rind an Morchelsauce, dazu Bratkartoffeln und Karotten. Das passt, – überraschend gut sogar.

Fazit: Wer auf der Suche nach einem preiswerten, aber ansprechenden Bordeaux ist, sollte eine andere Flasche wählen. Denn der Château Pey La Tour entspricht leider so gar nicht den Erwartungen an einen Rotwein aus diesen Breitengraden. Dieser Franzose ist kein Wein, der ohne passendes Gericht auskommt. Dafür schmeckt er zu charakterlos, zu 0815 und austauschbar für meinen Geschmack. Auch das unangenehme Mundgefühl (Säure, Bitterstoffe) disqualifiziert ihn als Wein für gemütliche Abende. Entschliesst man sich trotzdem, eine Flasche zu probieren, sollte man den Bordeaux frühzeitig dekantieren. Von meiner Seite gibt’s keine Medaille. Und wenn, höchstens eine lederne. So viel also zur Aussagekraft der französischen Prämierung. S’ist halt nicht überall Bordeaux drin, wo Bordeaux* draufsteht. Ich bin enttäuscht und gebe 12 Punkte.

ChateauPeyLaTour

 

Punkte: 12/20
Passt zu: Dunklem Fleisch an deftiger Sauce
Preis: Fr. 9.90

Den Château Pey La Tour 2010 kann man hier kaufen.

 

 

 

 

* Obwohl diese leicht bekleidete Dame beim Verkosten eines 2007ers da wohl anderer Meinung zu sein scheint: http://goo.gl/RMsY5

Ts, ts, Sachen gibt’s.


Ein Kommentar

Trau, schau, wem? – Ein Rückblick

Gefälschte Etiketten, Glycerin, Methanol, Zuckerwasser und andere Panschereien: Winzer und Weinhändler sorgen immer wieder mal für Schlagzeilen. Die Anzahl der bekannten Fälle ist zwar eher gering, die Auswirkungen zum Teil jedoch verheerend; im Einzelfall sogar tödlich. Trotzdem sind viele Ereignisse der Vergangenheit in Vergessenheit geraten. Vor allem junge Weintrinker kennen die Skandale – wenn überhaupt – nur noch vom Hörensagen. Höchste Zeit also, das Geschichtsbuch aufzuschlagen und in den Archiven der Presse zu wühlen.

SchweizWenn ich an Weinskandale denke, male ich mir die ungeheuerlichsten Geschichten aus. Solche bei denen der Konsument über’s Ohr gehauen wird. Solche bei denen Gangsterbosse viel Geld verdienen und solche bei denen die Gesundheit der vinophilen Gemeinde auf dem Spiel steht. – Nicht so bei uns. In Helvetien sind Wein-Skandale eher von harmloser Natur. Nur dem Blick war der letzte eine Schlagzeile wert. Dem Sommerloch sei Dank. Wir schreiben das Jahr 2010, in Shanghai findet die Weltausstellung statt. Auch die Schweiz ist mit einem Stand vertreten. Leider wird an diesem kein Schweizer Wein kredenzt, sondern spanischer. SPANISCHER!?, denken sicher einige. Auch einem SVP-Mitglied geht es so. Nationalrat Thomas Hurter findet das nämlich total daneben. Schliesslich zahlt der Bund der Schweizer Weinbranche für Werbeaktionen über eine Million Franken jährlich. Aber auch bei dieser Geschichte zeigt sich einmal mehr, dass der Schweizer Wein in einer selbstverschuldeten Krise steckt. Denn scheinbar waren den Zürcher und Walliser Weinhandlungen die „administrativen Hürden für den Transport von Wein nach China und auf das Expo-Gelände zu hoch“. Ich frage mich nur, was skandalöser ist: Spanischer Wein am Schweizer Stand, oder die Unfähigkeit des Bundes, Schweizer Wein zu organisieren … heiliger Kuhmist, haben wir Probleme!

DeutschlandAuch in deutschen Landen kennt man Negativ-Schlagzeilen über Weinpfuschereien. So werden im Jahr 1991 rund 2,75 Millionen Liter Rheinland-Pfälzischer Wein mit DDR-Wein gepanscht und als original DDR-Wein verkauft. – Zweites Beispiel: Vor etwas mehr als drei Jahren werden im Rheingau auf einem Weingut gleich 130’000 Liter Wein beschlagnahmt. Die Schlagzeile des Wiesbadener Kuriers lautet „Dreck und tote Fliegen am Weinfass: Rheingauer Winzer gestoppt“. Scheinbar wurde der Wein unter hygienisch desolaten Bedingungen gelagert. Dem Thema wird aber von der Boulevard-Presse keine weitere Beachtung geschenkt. Peer F. Holm weist in seinem Blog als einziger darauf hin, dass im Artikel des Wiesbadener Kuriers das Weingut und der Winzer nicht genannt werden. Dies ist umso verheerender, da somit jeder der umliegenden Weinbetriebe für den Skandal theoretisch in Frage kommt. Die Zeitschrift Weinwirtschaft nennt zwar den Namen des Winzers und dieser erscheint auch in deren Newsletter, lesen können das aber nur Abonnenten, und wer ist das schon? Die Folgen sind nicht bekannt.

cnVergleicht man die Schwere der Tat, so sind Deutschlands Weinskandale geradezu harmlose Jungenstreiche im Vergleich zu China. Dort werden unlängst fünf Weinkellereien des Panschens verdächtigt. Einige der geprüften Weine enthalten keinen (!) fermentiertem Traubensaft, sondern lediglich Zuckerwasser, Farb- und Geschmacksstoffe. Es handelt sich also nicht mal ansatzweise um Wein. Unglaublich, aber wahr: Die Flaschen werden den Konsumenten als bekannte Marken angepriesen, und sind alle entsprechend etikettiert. Daraufhin werden von den Behörden sechs Personen festgenommen und drei Weinkellereien geschlossen. Insgesamt werden mehr als 5’000 Kisten Wein beschlagnahmt. Eine der verantwortlichen Gesellschaften, Jiahua, verkaufte bis zum Zeitpunkt der Beschlagnahmung angeblich 2,4 Millionen dieser Flaschen jährlich. Weiter wurde festgestellt, dass die beigemengten Zusatzstoffe Kopfschmerzen, unregelmässigen Herzschlag und Krebs verursachen können. So skandalös das ist, die Nachricht hat eine lustige Wendung: Lokale Weinhersteller sagen nämlich, manche echte chinesische Weine seien so schlecht, dass sie nicht besser als die Fälschungen schmecken würden! Na dann, Prost.

FrankreichLetzte Woche lese ich im St. Galler Tagblatt:Im Weinland Frankreich kommt das Weintrinken aus der Mode. Der Pro-Kopf-Weinkonsum ist inzwischen annähernd dreimal geringer als im Jahr 1965.“ Kein Wunder, werden doch die guten Tropfen allesamt exportiert. Zudem kommen auch Frankreichs Winzer machmal vom rechten Weg ab. So werden zum Beispiel 1999 einige Bordeaux-Jahrgänge mit kleinen Mengen von Erdnussöl „verbessert“, um ihm den sauren Geschmack zu entziehen. Vermutlich wurden diese „Spitzenbordeaux“ nach China exportiert. Vielleicht dachte man sich im Bordelais, dass dort sowieso alles getrunken wird. – Ein weiterer Skandal: Ein Jahrzehnt später stehen zwölf Winzer und Weinhändler vor einem französischen Gericht. Der Vorwurf: Billig-Wein wurde als teurer Pinot-Noir deklariert und in die Staaten exportiert. Mehrere Millionen Euro wurden mit dem gefälschten Wein eingenommen. Interessante Nebennotiz: Nicht ein einziger US-Amerikanischer Konsument hatte sich beschwert.

ItalienIm Jahr meiner ersten, bewusst wahrgenommenen Fussballweltmeisterschaft wird im Austragungsland Italien einer der traurigsten Weinskandale der Geschichte aufgedeckt. Verschiedene Gründe bewegen einige Piemonteser Winzer 1986 zu kriminellen Machenschaften. Die Ausgangslage: In eben diesem Jahr ist der europäische Weinmarkt gesättigt. Der Export bricht ein. Italienische Winzer verdienen deshalb mehr Geld, in dem sie ihre Weine verspritten, also zu reinem Alkohol destillieren lassen. Immerhin 40% – 60% des ursprünglichen Marktpreises erhalten sie dafür noch von der EG. Besser als auf den eigenen Flaschen sitzen zu bleiben. Gleichzeitig senkt die italienische Regierung genau in diesem Zeitraum die Steuer für Methylakohol (Methanol). Da mit Methanol versetzter Wein bei der Destillationsvorgang mehr reinen Alkohol ergibt, entschliessen sich einige Winzer genau dies zu tun. Die Folge ist verheerend. 22 Personen sterben, ca. 100 erleiden schwere Gesundheitsschäden, allein elf davon erblinden. Selbst das Angeln im Fluss Piave wird verboten, da Händler den giftigen Wein in das fliessende Gewässer schütten, bevor die Polizei eintrifft.

Als ob das nicht genügen würde, wird fünf Jahre später schon der nächste Wein-Skandal aufgedeckt. 1992 werden in Oberitalien vier Millionen Liter Wein beschlagnahmt. Der Wein ist mit dem giftigen Schädlingsbekämpfungsmittel Methyl-Isothiocyanat versetzt. Scheinbar hat man immer noch nichts aus den Folgen des Methanol-Desasters von 1986 gelernt.

Im Jahr 2000 sind zwei von Italiens Exportschlagern betroffen: Chianti und Sassicaia. Für eine 85er Flasche von letzterem bezahlt man aktuell über 1’300 Franken (!). Beide wurden vor zwölf Jahren mit billigsten Weinen verschnitten und danach teuer verkauft. Der Skandal wurde aufgedeckt, weil einige Kenner – glücklicherweise – den Unterschied bemerkt hatten. Daraufhin werden 3’000 Flaschen Sassicaia und sage und schreibe 50’000 Hektoliter Chianti (= über 6 Millionen Flaschen!) beschlagnahmt. Drei beteiligte Personen wandern ins Gefängnis, gegen 215 Beteiligte laufen Ermittlungen.

2008 werden mehrere hundertausend Flaschen Brunello beschlagnahmt. Entgegen den Vorschriften wurden die Weine nicht ausschliesslich aus örtlichen Sangiovese-Trauben hergestellt, sondern mit Merlot und Cabernet Sauvignon aus Süditalien verschnitten. Dies vor allem, um die Weine für die Hauptabnehmer – wieder einmal die Amerikaner – lieblicher zu machen. Wir sprechen hier vom Risiko eines potenziellen Verlustes von 30 Millionen Euro Umsatz jährlich, alleine in den USA.

Nicht gesundheitsgefährdend, aber politisch inkorrekt: 2012 entdeckt ein aus den Staaten stammendes, jüdisches Pärchen auf seiner Italienreise Wein mit Etiketten, auf denen Hitler abgebildet ist. Die Weine heissen denn auch „Führerwein“ und „Der Kamerad“. Auch Mussolini hatte es schon auf das Etikett von Weinen gebracht. Und das nicht zu seiner Zeit.

SpanienAuch Spanien ist nicht immer ehrlich zu seinen Konsumenten. 2005 wird man in Deutschland stutzig, als man sich spanische Weine mit dem Aufdruck Gran Reserva etwas genauer ansieht. Eigentlich müssten der Wein mindestens fünf Jahre ausgebaut worden sein. Davon zwei Jahre im Holzfass, drei Jahre in der Flasche. Weil es sich aber um einen 98er Jahrgang handelt und der Korken ausschaut, wie man in gestern erst gerade hergestellt hätte, kann etwas nicht stimmen. Die Annahme erweist sich als richtig. Das Etikett ist gefälscht und der Wein wurde vom Produzenten mit Glycerin gestreckt. 100’000 Flaschen werden daraufhin aus dem Verkehr gezogen.

Zweiter Fall in Spanien: Einer von Robert Parkers Schreiberlingen soll von spanischen Winzern horrende Summen kassiert haben, um den von ihnen produzierten Weinen mehr Punkte zu geben. So zum Beispiel der 2010er Azumbre Verdejo aus der DO Rueda der Agricola Castellana. Der in Deutschland von Aldi Süd verkaufte Weisswein kriegt fette 90 Punkte und ist schon nach wenigen Tagen ausverkauft. Aldi führt übrigens den 11er Verdejo immer noch im Sortiment. Und der ist Parkers Leuten immerhin 89 Punkte wert. Trau, schau, wem?

ÖsterreichWenn ein Skandal bis heute regelmässig zitiert, oder zum Tischgespräch gemacht wird, ist es derjenige von 1985. Kein anderer hatte auf Verkauf und Export eine derart drastische und lang anhaltende negative Auswirkungen. Wie kam’s? Einige österreichische Produzenten wollten ihren Wein durch die Beigabe des Frostschutz-Alkohols Diaethylenglykol künstlich aufwerten. Durch anonyme Anzeigen wurde der Schneeball ins Rollen gebracht und entwickelte sich schnell zu einer unkontrollierbaren Lawine. Der Image-Schaden war enorm und hatte sogar Auswirkungen auf den Absatz von Weinen des Nachbarlandes Deutschland. Denn auch dort wurden Kontrollen durchgeführt und immerhin 27 Glykolfälle bekannt. In Deutschland beteuerte man aber stets, dass die Verseuchung der deutschen Produkte ausschliesslich durch den illegalen Verschnitt mit österreichischen Weinen zu Stande gekommen sei. Auch in Sekt und österreichischem Traubensaft entdeckte man teilweise bedenklich hohe Konzentrationen des Frostschutzmittels. Zu gesundheitlichem Schaden gekommen ist aber niemand. Interssanterweise war es die NZZ, welche die Auswirkungen bereits zum Zeitpunkt des Geschehens prophezeite:  „Was in Österreich vorgeht und wegen des Exports weltweit bis in die USA und nach Japan Aufsehen erregt hat, wird, so ist zu befürchten, auf Jahre und Jahrzehnte hinaus das Vertrauen in den Wein, in die Redlichkeit der Winzer und in die Glaubwürdigkeit der Weinhändler erschüttert haben.“ So kam es dann auch. Aus heutiger Sicht konnte den Österreichern aber nichts Besseres passieren. Die Qualität der Weine hat seither dramatisch zugelegt. Junge Winzer geben ihr Bestes, österreichischen Wein von hoher Qualität in die Welt hinauszutragen. Der Absatz ist seit 1990 um’s Fünffache gestiegen und die Weine unseres Nachbarn besitzen international wieder ein hervorragendes Image. Innerhalb Österreichs liegt der Marktanteil von österreichischem Wein bei unglaublichen 85%. Zum Vergleich: In der Schweiz liegt er gerade mal bei 37%. – Fast wünscht man sich einen ähnlichen Urknall für unsere Weinwirtschaft. Natürlich ohne wirtschaftliche Folgen, personelle Konsequenzen und gesundheitlich Geschädigte.

Alles gelesen? Sehr gut gemacht! Jetzt aber schnell das Gelesene vergessen und die nächste Flasche entkorken. Am besten einen Portugiesen. Die scheinen Skandal-resistenter zu sein. Die Ausnahme bestätigt halt einmal mehr die Regel. Zum Trost: Betroffen sind ja meistens soweieso nur Billigst-Weine oder Flaschen, welche im Handel für einen drei-, oder vierstelligen Betrag den Besitzer wechseln. Puh, da kann ich wieder ein wenig aufatmen. Beide Preisklassen liegen mir und diesem Blog nämlich fern.

Falls ihr aber gerade einen Italiener vor euch stehen habt: Augen zu und durch!

P.S. Mehr vertrauenswürdiges Material konnte ich in der kurzen Zeit leider nicht auftreiben. Portugal, Griechenland und Ungarn produzieren scheinbar sauberen Wein, oder sind so raffiniert, ihre Skandale nicht publik werden zu lassen.

Quellen: China: 1 / Deutschland: 1 2 / Frankreich: 1 / Italien: 1 2 3 4 5 / Schweiz: 1 / Spanien: 1 2 / Österreich: 1 2 / Allgemein: 1


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Herbst-Special: Bordeaux für Anfänger, Teil III – Wer passt zu dir?

Asche auf mein Haupt: Bis meine Dilettanten-Karriere vor einigen Jahren begann,  dachte ich, Bordeaux sei eine Rebsorte und Wein sei halt Wein. Cola schmeckt ja schliesslich auch überall gleich. Nix da, denkste! Heute weiss ich es besser.

Böse Zungen behaupten ja, dass Robert Parker die Nivellierung des Geschmacks auch im Bordelais stark vorangetrieben hat. Gott sei Dank sind wir vom Bordelaiser Einheitswein aber glücklicherweise noch weit entfernt. Aber welcher Bordeaux passt zu mir? Es gibt schliesslich hunderte. Der Dilettant meint: Beginnen wir doch dort, wo es der Winzer tut – bei den Trauben.

Im Bordelais spielen folgende Rebsorten eine wichtige Rolle: Cabernet Sauvignon, Merlot und Cabernet Franc. Aber auch die Sorten Petit Verdot und Malbec werden kultiviert. Bis zum grossem Reblausbefall von 1890 wurde ausserdem noch fleissig die empfindlichere Sorte Carménère angebaut. Diese findet man heute aber hauptsächlich in Chile. Ist also nix für mich.

Bordeaux ist praktisch immer ein Verschnitt mehrerer Rebsorten. Der Franzose sagt dazu etwas wohlklingender Cuvée. Es gibt nur sehr wenige rote Bordeaux-Weine, welche ausschliesslich auf einer Rebsorte basieren.

Die Bordelaiser Weinbauern sind wahre Künstler der Kombination. Viele Châteaux schwören auf die Zweierkombo von Cabernet Franc und Merlot. Dies kann aber von Jahr zu Jahr variieren. Auch die prozentuale Zusammensetzung variiert stark. Ein 2009er Mouton-Rothschild ist zum Beispiel ein Cuvée aus Cabernet Sauvignon und Merlot, ein 2008er jedoch eine Dreierkombo. Da hat der Winzer zusätzlich noch etwas Cabernet Franc in den Tank gegeben. Viele Sorten = viel Geschmack? Tja, mal sehen.

Der Cabernet Sauvignon bildet praktisch immer die Basis des Bordeaux. Er bestimmt vor allem den Säuregehalt. Seine Tannine (= Gerbstoffe) bescheren dem Wein je nach Anteil ein mehr oder weniger grösseres Lagerpotenzial. Merlot macht den Bordeaux fruchtig und gibt ihm Fülle. Cabernet Franc ergänzt das Fruchtige des Merlots und ergänzt das Bouquet vor allem durch eine schöne Nase. Die Sorte Petit Verdot gibt in kleinen Mengen Würze.

Neben den Rebsorten spielen auch andere Faktoren eine grosse Rolle. In erster Linie das Terroir, also der Boden, auf dem die Reben stehen. Aber auch die Arbeit des Winzers bei der Vinifikation, die technischen Hilfsmittel, das Knowhow etc. spielen eine immense Rolle. Der Captain stellt treffend fest: Frankreichs Winzer arbeiten nicht nur mit hochmodernen Anlagen. Ich meine, Bordeaux scheint da eine löbliche Ausnahme zu sein. Es wird investiert und mächtig Dampf gemacht. Davon konnten wir uns bei einem Besuch auf Château Lynch-Bages letztes Jahr selbst überzeugen.

Hurra! Das Vertrauen ist wieder hergestellt. Wenigstens in dieses Château. Die neue Abfüllanlage auf Lynch-Bages.

Von alledem steht aber nix auf der Flasche. Ist auch nicht wichtig. Ausser wir wollen nen Bio-Wein. Wichtiger für uns Otto Normalverbraucher sind die Appellationen. Oft haben nämlich verschiedene Weine derselben Appellation auch geschmacklich einen gemeinsamen Nenner. Hat man also mal grob eine Idee, was einem schmeckt, lohnt es sich, Weinen einer Appellation treu zu bleiben:

Graves Rotweine von hier sind der Inbegriff des klassischen Bordeaux: schlank, elegant, harmonisch, frische Frucht, können oft auch schon jung getrunken werden (!)
Médoc Elegante, duftende Weine, zart, komplex, „Burgunder“ des Bordelais, grosse Lagerfähigkeit, lange Reifezeit
Pauillac Feste Struktur, tief, dicht, kräftig, enormes Lagerpotenzial
Entre-Deux-Mers Frisch, fruchtig, eher leicht, jung geniessen, begrenztes Lagerpotenzial; sehr schöne Weissweine
Saint-Émilion Sehr unterschiedliche Weine: von reif und weich (Süden), mineralisch mit fester Struktur (Hochplateau) bis fein und elegant (Nordwesten)
Sauternes/Barsac Süssweine, enormes Lagerpotenzial

Mein Fazit

  1. Praktisch alle roten Bordeaux-Weine basieren auf der Rebsorte Cabernet Sauvignon.
  2. Bordeaux = Cuvée
  3. Es gibt auch weisse Bordeaux. Typischerweise im Entre-Deux-Mers.
  4. Jede Appellation bringt ihre typischen Weine hervor.
  5. Saint-Émilion ist die vielfältigste Appellation.

Damit ihr bis zum nächsten Teil des Herbst-Specials nicht verdurstet, einige Bordeaux-Empfehlungen meinerseits. Verkostungsnotizen folgen später.

Château Rollan de By, Cru Bourgeois, Médoc, 2009, bei Coop, Fr. 26.10

Château Lilian Ladouys, Cru Bourgeois, Saint-Estèphe, 2009, bei Mövenpick, Fr. 27.-

Château Clos du Jaugueyron, Margaux, 2006, bei Gerstl, Fr. 20.-

Château Thieuley blanc, Entre-Deux-Mers, 2010, bei Martel, Fr. 12.80

Château Doisy-Védrines, Sauternes, 2009, bei Martel, Fr. 26.-/37,5 cl

 

Santé !

 

P.S. Ich find‘ ja, dass Cola überall anders schmeckt. Bei Fanta ist’s noch krasser. Ich sage, die beste gibt’s in den Niederlanden. Unabhängig vom Jahrgang…