Flaschentester

… schreibt über europäische Weine und verwandte Themen


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Grand prix du vin suisse – 2013

Vor sechs Tagen fand zum vierten Mal der alljährliche Grand prix du vin suisse statt. Auch dieses Jahr wurden die besten Schweizer Produzenten von einer Fachjury in Bern ausgezeichnet.

Am Rahmenprogramm hat sich nicht viel verändert. Der Walliser Vorzeigemoderator Sven Epiney moderiert. Ausgetragen wird das Spektakel im Beisein von allerlei Cervelat-Prominenz auch dieses Jahr im Konzertsaal des Alten Casinos in Bern. Es ist eine Gala. Und was für eine. Die Eintrittspreise bewegen sich um die 160 Schweizer Franken. Vinum-Abonennten bezahlen vierzig weniger. Dafür wird einiges geboten. Die 72 Finalisten-Weine können verkosten werden. Smalltalk mit innovativen und preisgekrönten Winzern wird versprochen. Und natürlich werden die Gäste mit einem entsprechenden Viergang-Menü verwöhnt. Showeinlagen sollen den Abend kurzweiliger gestalten. Welche bekannten Persönlichkeiten dafür sorgen, bleibt nicht in Erfahrung zu bringen. Seis’s drum. Schön schweizerisch werden auch dieses Jahr die Medaillen gleichmässig auf die vier Sprachregionen des Landes verteilt.

ProVinsSieger2013

Die Winzer des Jahres 2013: Das Team um Madeleine Gay und Luc Sermier von Provins.

Im Detail: Zum Winzer des Jahres wird verdienterweise das Team Provins gekürt, welches zudem mit ihrem Grains de Malice, einer Süsswein-Cuvée aus Marsanne und Pinot Gris auch in der Sparte Weissweine mit Restzucker einen Preis abräumt. Ein schönes Beispiel dafür, dass sich Genossenschaftsarbeit lohnt. Eine Flasche Syrah und einige Weissweine der Walliser fanden leider erst kürzlich den Weg in Flaschentesters Stube.

Dieses Jahr neu ist die Sparte Prix Vinissimo für Rot- und Weissweine. Hier errangen die Tenuta Vitivinicola Roberto e Andrea Ferrari so wie Antoine und Cristophe Bétrisey jeweils den ersten Platz für ihre Weine, mit der höchsten absoluten Punktzahl. Badoux siegt beim Chasselas, der Aargauer Frick bei den Bio-Weinen. Den besten Riesling-Sylvaner vinifizierte 2012 Thomas Marugg, nicht zu verwechseln mit Daniel Marugg vom Weingut Bovel, ebenfalls aus Fläsch. Bei den weissen Assemblagen liegt die Domaine Chervet vorne, bei den Sortenreinen, der Waadtländer Humagne Rouge des Cave du Château de Glérolle. Auch beim Gamay hat natürlich ein Westschweizer Keller – der Cave du Vidomne – die Nase vorn. Die Azienda Agricola Cadenazzi macht bei den Merlots das Rennen. – Bei den Schaumweinen hat sich in der Deutschschweiz scheinbar Einiges getan. Mit dem Schaffhauser Weingut Stoll liegt überraschenderweise für einmal kein Westschweizer Produzent an der Spitze der Sprudelweinhersteller. Chapeau!

Im Überblick:

Sparte

Winzer/Genossenschaft

Siegerwein

Herkunft

Winzer des Jahres Team Provins Sion/VS
Prix Bio Weingut FIBL Fricker Gamay Reichensteiner 2010 Frick/AG
Prix Vinissimo Weissweine Antoine und Cristophe Bétrisey Petite Arvine Graine de Champion 2012 Chamoson/VS
Prix Vinissimo Rotwein Tenuta Vitivinicola Roberto e Andrea Ferrari Castanar Riserva 2007 Stabio/TI
Chasselas Henri Badoux SA Vins Petit Vignoble 2011 Aigle/VD
Müller-Thurgau Weingut Thomas Marugg Riesling-Sylvaner 2012 Fläsch/GR
Sortenreine Weissweine Antoine et Christophe Bétrisey Petite Arvine Graine de Champion 2012 St-Léonard/VS
Weisse Assemblagen Domaine Chervet Cuvée de l’Arzille 2011 Praz/FR
Rosé & Federweisse Domaine de la Grille Melrose 2012 Grandvaux/VD
Pinot Noir Weinbau Baur- Ammon Grand Cru de Pinot Noir 2009 Rafz/ZH
Gamay Cave du Vidomne Gamay de Chamoson 2012 St-Pierre-de-Clages/VS
Merlot Azienda Agricola Cadenazzi Punta Rossa 2010 Corteglia/TI
Andere sortenreine Rotweine Cave du Château de Glérolles SA Humagne Rouge Saint-Saphorin 2011 St-Saphorin/VD
Rote Assemblagen Tenuta Vitivinicola Roberto e Andrea Ferrari Castanar Riserva 2007 Stabio/TI
Weissweine, Rotweine und Rosé mit Restzucker Provins Valais Grains de Malice Maître de Chais 2010 Sion/VS
Schaumweine Weingut Stoll Schaumwein (ohne Jahrgang) Osterfingen SH
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Maître de Chais – Syrah 2008

Unter meinem Schreibtisch steht schon seit Monaten eine Flasche Syrah, die verkostet werden will. Sie stammt aus der Produktion einer Westschweizer Genossenschaft und haut mich zwei Stunden später ziemlich vom Hocker. – Hätte ich doch nur schon früher mal mein Büro entrümpelt.

ProvinsGründungsjahre

1920: Schweizer Wein in der Krise. Zehn Jahre später entsteht im Wallis die Genossenschaft Provins.

Der Rotwein wurde im Wallis produziert. Der zweisprachige Kanton beherbergt beinahe einen Drittel der Schweizer Weinbaufläche. Die äussersten Punkte reichen vom Ende des Genfer Sees bis nach Visp. Das Kernland erstreckt sich zwischen Martigny und Leuk über beinahe 120 Kilometer weit, entlang dem rechten Rhone-Ufer. Die meisten Rebstöcke liegen zwischen 450 und 800 Meter über Meer. Einzig die Weinberge von Visperterminen liegen auf 1’000 Metern. Von den insgesamt 23’000 Parzellen-Eigentümern sind gerade mal 20% als vollberufliche Weinbauern tätig. Viele Flächen werden verpachtet. Die besten Lagen im Unterwallis liegen auf niedrigster Höhe, auch Zone 1 genannt. Klimatisch überwiegt der Einfluss der Alpen. Im Wallis herrscht Kontinentalklima. Das heisst im Klartext: Kalte Winter, heisse Sommer. Der Herbst zeigt sich häufig mild und sonnig. Auf die Reifung wirkt sich vor allem der Föhnwind positiv aus. Insgesamt 59 (!) Rebsorten werden angebaut. Am prominentesten sind Chasselas, Pinot noir, Gamay und Sylvaner vertreten. Diese vier Sorten machen 75% der Gesamtfläche aus.

Viertausend Mitglieder, zehn Millionen Kilogramm Trauben Jahresertrag, 240 Hektare Reben, drei Annahmestellen, zwei Kellereien und eine Zentrale für Vinifizierung und Einkellerung. So lesen sich die eindrücklichen Eckdaten der Provins. Aufgrund einer Krise im Weinbusiness in den 1920ern, wurde die Walliser Genossenschaft 1930 aus der Taufe gehoben und mauserte sich in den letzten achtzig Jahren zum grössten Schweizer Weinproduzenten. Insgesamt 23% der kantonalen und 10% der nationalen Produktion entfallen auf die Provins mit Hauptsitz in Sion. Eindrücklich. Es erstaunt daher auch nicht, dass die Genossenschaft bzw. deren Weine schweizweit, regelmässig Auszeichnungen erhalten. Auch Chandra Kurts Collection gehört zur Provins.

Madeleine Gay

Madeleine Gay: Meisterin autochthoner Sorten.

Da die Genossenschaft die Trauben von mehreren tausend Winzern verarbeitet, sind entsprechende Teams am Start. Der Önologe Gérald Carrupt leitet eine Gruppe aus insgesamt fünf Önologen, einem Produktionschef und sieben Kellermeistern. Den Kontrapunkt zu Carrupt setzen die Önologin Madeleine Gay und ihre Mitarbeiter. Die ETS-Ingenieurin für Weinbau und Önologie arbeitete zunächst im önologischen Labor der Provins, bevor ihr Aufgabenbereich erweitert wurde. Gay ist seit Beginn ihrer Tätigkeit für die Provins Förderin alter, einheimischer Rebsorten. Bis heute berät sie Winzer bei der Neubepflanzung ihrer Rebparzellen. Sie war es auch, die zusätzliche Anreize durch die Einführung von Anbauverträgen schaffte. Die Meisterin der Vinifikation von autochthonen Sorten wurde 2008 am Grand prix du vin suisse für ihre Leistungen zur Winzerin des Jahres gekürt.

Auch der Syrah unter meinem Schreibtisch trägt ihre Handschrift. Maître de Chais, zu Deutsch Kellermeister, ist die Spitzenlinie der Genossenschaft. Die Weine dieses Labels stammen allesamt von Winzern, mit denen die Provins Anbauverträge abgeschlossen hat. Auf diesen Parzellen werden – laut Genossenschaft – sämtliche Parameter von Madeleine Gay und ihren Mitarbeitern kontrolliert.

Ganz ehrlich, von alledem weiss ich noch nichts, als ich die mittlerweile etwas staubige Flasche entkorke. Ich kann mich nur noch grau daran erinnern, dass ich den Wein – inspiriert durch einen anderen Walliser Syrah bei einem Bekannten – vor gefühlten zehn Jahren im Coop gekauft habe. Die Flasche lag lange Zeit im Keller. Irgendwann landete sie zwei Stockwerke weiter oben im Arbeitszimmer. Jetzt ist die Zeit reif. Und hoffentlich auch der Wein. Schliesslich wurde er 2008 abgefüllt. Dampf hat er laut Hersteller für zehn bis fünzehn Jahre. Ich bin ungeduldiger. Auf dem Etikett steht, dass er vor allem zu Lamm passe. Ich folge dem Vorschlag. Es gibt ein Nierstück an Rotweinsauce, Karotten und Bandnudeln. Den Wein habe ich bereits vor Kochbeginn geöffnet und ca. ein Glas für die Sauce verwendet. Es hat sich gelohnt! Gute Saucen brauchen guten Wein. Obwohl viele Hobbyköche immer noch billigsten Fusel als Grundlage für Saucen verwenden. Schade. Gut geht anders. Definitiv.

Weiter im Text: Die Flasche stelle ich nochmals für zehn Minuten in den Kühlschrank. Es ist angerichtet. Angenehm temperiert befindet sich der Syrah nun im Glas. Ich nehme eine Nase voll. Wunderbar! Diese äusserst intensiven Beerennoten. Zudem Teer, Holz, Vanille, Röstaromen. Herrlich! Schon das Bouquet löst bei mir Begeisterungsstürme aus. Die Spannung steigt. Der erste Schluck: Heiliger Kuhmist! Das ist einer der besten Schweizer Rotweine, die ich seit langem im Glas hatte. Aus Angst vor einer etwas vorschnellen Bewertung, setze ich das Glas sofort nochmals an. Fantastisch! Jetzt zum Essen: Unglaublich gut! Ich krieg‘ mich nicht mehr ein. – Nach all‘ der Euphorie bringe ich meine Gedanken zu Papier: Der Walliser scheint in einem sehr ansprechenden, edlen Dunkelrot. Im Mund wirkt er füllig, schwer und unglaublich weich. Die Balance aus Süsse-Säure, Frucht und Holz ist beinahe perfekt. Der Wein hat viel Schmelz im Abgang und einen Nachhall, der die Vanille- und Barrique-Aromen nochmals sehr schön zur Geltung bringt. Er ruft: Mehr! Trinkt Mehr! – Und das tun wir auch. Die Flasche ist erstaunlich schnell leer. Eine zweite haben wir leider nicht in Reserve.

Fazit: Der Walliser Rotwein müsste auch letzte Lokalwein-Skeptiker hinter’m Ofen hervorlocken. Schliesslich ist dieser Syrah das beste Beispiel für bezahlbaren, helvetischen Spitzenwein. Gay’s Abfüllung macht einfach nur Spass. Sie hat mich so eiskalt erwischt, dass ich es kaum erwarten kann, andere Weine der Kellermeister-Topserie zu probieren. Ich gebe 18 Punkte.

Maître de Chais Syrah 08

Punkte: 18/20
Passt zu: Lamm, Wild
Preis: Fr. 25.90

Den 2009er Syrah und andere Weine des Maître de Chais-Labels gibt’s bei Coop. Der hier besprochene 2008er ist bei Gazzar erhältlich.

P.S. Und wem’s immer noch zu teuer ist, soll die nächste 20%-Aktion von Coop abwarten. Denn die kommt bestimmt.