Flaschentester

… schreibt über europäische Weine und verwandte Themen


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Die Schizophrenie der Medaille

Sie nennen sich Expovina, Parker oder Falstaff. Alle verkosten sie jährlich hunderte, ja tausende von Weinen. Und jeder prämiert was das Zeug hält. Egal ob Fachzeitschrift, Blogger oder Veranstalter. Wer blickt da noch durch? Seien wir ehrlich: Kein Schwein. Und das ist auch gut so. – Warum? Weil die inflationäre Vergabe von Prämierungen dazu führt, dass man sich wieder auf das Wesentliche konzentriert – den Geschmack.

Vor nicht einmal sieben Tagen erhebt sich die Stimme der Kritik. in Form der Sendung Kassensturz, lauthals gegen diverse verkostende Institutionen, Verlage und Weinexperten. Man sorgt sich öffentlich um das Wohl des Schweizer Konsumenten. Von faulen Marketingtricks und werbetechnischen Machenschaften ist die Rede. Der Beitrag deckt auf, dass Weindegustationen vielerorts gegen entsprechendes Entgeld pro getesteter Flasche durchgeführt werden. Zum Teil von einer Person, und ohne Blinddegustation, also im Wissen um den Preis und den Hersteller bei der Verkostung. Laut recherchierenden Journalisten ein unhaltbarer Zustand.

Was soll’s? Ist das ein neuer Hut?

Nein, mitnichten. Auf der SRF-Seite weist ein aufmerksamer Zuschauer in der Kommentarfunktion des entsprechenden Artikels explizit darauf hin, dass das Thema vom selben Sender bereits vor dreizehn Jahren aufgegriffen worden sei. Ausserdem wirbt heutzutage sowieso jeder Autohersteller mit Testresultaten irgenwelcher Magazine, jedes Hotel wird online bewertet und jeder Arzt von seinen Patienten eingestuft. Wir leben in einer Welt der omnipräsenten Kritik. Die Schizophrenie dabei liegt viel mehr im Grundproblem ihrer jeweiligen Aussagekraft.

Schliesslich möchte jeder immer und überall das beste Produkt, oder die beste Dienstleistung erhalten. Das führt dazu, dass wir alle förmlich nach Urteilen von Fachpersonen lechzen. Gleichzeitig ist uns scheinbar kaum bewusst, dass diese enorme Nachfrage in der Industrie wiederum zur Manipulation des verlangten Inhalts führt. Also entweder direkt, also durch den Produzenten bzw. Anbieter selbst, oder indirekt durch solche, die von diesen bezahlt werden. Warum sollte das beim Wein anders sein?

Medaillen

Gold so weit das Auge reicht: Parker, GPDVS, Expovina und Mundus Vini.

Ein millionenschwerer Wirtschaftszweig feiert sich selbst und seine Produkte. Es geht um Marketing und um Verkaufszahlen. Der Umstand, dass Lieschen Müller bei der Flut von Weinen heutzutage immer wieder mal unschlüssig vor den Regalen steht, und deshalb primär auf drei Dinge achtet, wird umsatzsteigernd ausgenutzt. Was zählt ist die Ästhetik der Etikette, der Preis und nicht zuletzt die am Flaschenhals befestigte Karton-Medaille irgendeiner Jury. Um das zu beweisen, muss man nur einmal bei einem der Grossverteiler seinen Blick über die Regale schweifen lassen. Da tümmeln sich Auszeichnungen und Punkte, so weit das Auge reicht.

Hand auf’s Herz: Jeder von uns schaut ab und zu auf die Punktevergaben eines Robert Parkers, bevor er sich den neusten Jahrgang an Bordeaux-Weinen oder einige Riojas in den Keller legt. Schliesslich will man nur das Beste für sein Geld. Du, ich, wir alle. Auch ich verkoste und vergebe Punkte. Weil ich dafür aber weder bezahlt noch sonstwie vergütet werde, bilde ich mir ein, unabhängig zu sein. Doch wer kann das heute schon guten Gewissens von sich behaupten? Kaum einer wagt es noch, Bewertungen unterhalb der 86-Punktegrenze zu vergeben. Denn entweder werden nur hochklassige, vorselektionierte Weine verkostet, oder die testenden Personen werden von der Industrie bezahlt, was wiederum unvermeidlich hohe Punktzahlen und eine Medaillenflut zur Folge hat. Gerechtfertig oder nicht, das nennt sich freie Marktwirtschaft. Und wer beisst schon in die Hand, die einem füttert?

So oder so werden die zahlreichen Fachstimmen auch in Zukunft nicht an Daseinsberechtigung einbüssen. Leute wie Philipp Schwander oder Chandra Kurt sind unbestritten kompetent und haben eine Meinung. Eine eigene wohlgemerkt. Ihre Urteile sollten jedoch immer in den entsprechenden Kontext gestellt werden: Für welches Klientel wird getestet, was ist ihre Motivation, wie gestaltet sich der Verkostungsprozess?

Oft gilt: Findet man seinen Tester, findet man seine Weine, Punkte hin, oder her. Dass es aber auch ohne geht, beweist ein Hugh Johnson eindrücklich. Der Engländer und sein Team ordnen Weingüter qualitativ ein. Deren Weine werden aber nicht bewertet, sondern lediglich beschrieben. So sind es in seiner jährlichen erscheinenden Aussgabe Empfehlungen und keine Zahlen, die es dem Leser ermöglichen, sich selber auf die spannende Spurensuche zu begeben. Und das macht bedeutend mehr Spass, als blindlings Testsieger zusammenzukaufen.

Falls die gegenwärtige Prämierungswut anhält, werden hoffentlich bald mehr Käuferinnen und Käufer den zahlreichen Auszeichnungen weniger Beachtung schenken. Die Zeichen dafür stehen gut. Schliesslich kann man heutzutage auch teure Sportwagen Probefahren, oder das neue Tablet im Geschäft um die Ecke selbst testen. Genauso verhält es sich mit Weinen. Diese werden unterdessen beinahe täglich und kostenlos vielerorts zur Degustation angeboten. Vorbei sind die Zeiten, zu denen man als Konsument keinen Zugang zu reifen und qualitativ hochwertigen Tropfen hatte, und sich auf irgendwelche Testergebnisse oder Medaillen verlassen musste. Unter diesen Umständen hoffe ich auf eine Rückkehr zum Wesentlichen – dem Vertrauen auf den eigenen Geschmack. Das braucht zwar etwas Mut und vor allem Zeit, es lohnt sich aber allemal. Prost.

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Ein Kommentar

Wir sind keine dummen Schafe – Essay

Ich trinke gerne Wein. Viele meiner Zeitgenossen ebenfalls. Manche von ihnen kennen sich aus, andere tun nur so. Die meisten aber trinken aus Spass. Und diesen haben sie unbewusst zu ihrer Doktrin erhoben. Emotional motiviert, nicht intellektuell. Und das ist auch gut so.

Viele Konsumenten sind froh um Beratung und fühlen sich ohne Einschätzungen von Parker, Gabriel und anderen verloren. Auch ich schaue gerne, welche Punktzahlen Weine von Fachpersonen bekommen. Ich bin so dreist, sogar selber welche zu vergeben, ohne vom Fach zu sein. Aber nicht jeder möchte sich mit Wein und seinen Themen näher auseinandersetzen. Viele möchten nur geniessen. Denn der Genuss steht beim Wein im Vordergrund. Dessen war ich mir bis vor kurzem ziemlich sicher. Horcht man aber den Leuten von der Presse, kommt diese Vorstellung heftig ins Wanken. Denn häufig wird der Genuss an Kompetenz gekoppelt. An fachliche wohlverstanden.  – Mich stört das. Da wird nämlich eine Diskussion geführt, die den Kunden ins Zentrum stellt und ihn gleichzeitig ausschliesst. Es geht um den Diskurs um die önologische Mündigkeit des Konsumenten, um die Vorstellung von Fachwissen als Voraussetzung für Genuss. Entschieden wird täglich am journalistischen Gerichtshof. Das Fussvolk darf schweigen.

Schaf2

Keine Lust, für dumm verkauft zu werden? Keine Sorge, anderen geht’s bestimmt auch so.

Als Kunde befinde ich mich mitten im Dilemma der heutigen Konsumgesellschaft: Meine Kauflust wird einem Überangebot frontal ausgesetzt. Dieses dekadente und darum absurde Problem lässt mich immer wieder total überfordert im Regen stehen. Deswegen bin ich manchmal auf Hilfe angewiesen. Ich schätze es von Zeit zu Zeit, wenn mir jemand bei der Entscheidungsfindung hilft, oder – wie häufig beim Wein – wenigstens eine Vorauswahl trifft. Und trotzdem nervt mich nichts mehr, als wenn Journalisten oder andere Fachleute durchblicken lassen, dass sich laut ihrer Wahrnehmung der gemeine Feld-, Wald- und Wiesenkonsument wie ein blindes Huhn durch die Weinlandschaft bewegt. Dass er unselbständig und ignorant ist, und unfähig, von Wein etwas zu verstehen. Er darf zwar kaufen und Weinpäpsten folgen, mehr aber darf er nicht.

Der Konsument als dummes Schaf in einer grossen Herde anderer dummer Schafe. Einer Herde die nicht weiss, wohin es geht und was sie will und die geführt werden will: Zur Religion, zum Produkt, zum guten Geschmack. So das Bild, welches die Presse immer und immer wieder zeichnet.

Ich bin kein Schaf!

Manchmal verfolge ich gerne, was Herr und Frau Fachmann zu sagen haben. Ob ich was von Wein verstehe ist dabei nicht relevant. Ob ich Freude daran habe aber schon. Schliesslich muss ich keinen Riesling von einem Chardonnay unterscheiden können, um festzustellen, ob mir ein Weisswein schmeckt. – Himmelherrgottnochmal, warum suggerieren einem dutzende Artikel und Blogs immer wieder, dass man ohne fundiertes Wissen nicht zur Weinsociety gehört, des Weines nicht würdig ist und sich genauso gut ne Cola genehmigen könnte, da man den Unterschied sowieso nicht schmeckt

Warum beharrt scheinbar jeder, der einen deutschen Satz fehlerfrei auf Papier kriegt, darauf, die absolute Wein-Wahrheit gefunden zu haben? Bio, oder nicht bio, lokal oder international, Burgunder, oder Bordeaux, klassisch oder modern, Parker oder Suckling? ICH entscheide SELBST! Und das jederzeit. Denn ich bin dazu durchaus in der Lage. So wie viele Wein-Konsumenten da draussen auch.

Wir leben nicht mehr in den 80ern. Die Zeiten in denen sich der Weinkosmos des Normalos auf Chianti und Chardonnay beschränkte sind vorbei. Und auch wenn ich Weine mag, von welchen mehr als 200’000 Flaschen jährlich abgefüllt werden, oder mir Traubensäfte schmecken, die in Kleinstmengen produziert werden, hat das weder mit Unwissenheit, Mainstream oder Beeinflussbarkeit zu tun, sondern mit Geschmack, mit Vorlieben, der Verfügbarkeit und – last, but not least – dem vorhandenen Budget. Selbst wenn 326’564 andere Europäer denselben Wein trinken wie ich, dann ist das halt so. Punkt. Die haben nämlich Geschmack. Guten Geschmack sogar. Und auch wenn es das Einzige ist, was sie haben, und wenn ihnen alles Weinwissen der Welt fehlen sollte, ist der Geschmack für sich alleine doch Rechtfertigung genug, Wein zu mögen und zu trinken. Auch ohne Lizenz zum Klugscheissen.

Wann geht das endlich in eure Köpfe rein? Ihr Journalisten, Missionare, Forenschreiber, Doofblogger und Weinkenner!

Hugh, ich habe gesprochen.

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