Flaschentester

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Henri Badoux – Aigle „Les Murailles“ 2011, Chablais AOC

Egal ob Manor, Mövenpick, Zanolari oder Coop – eine Flasche gehört scheinbar zur Grundausstattung jeder halbwegs gut sortierten helvetischen Weinhandlung. S’ist eine grüne aus dem Waadtland. Darin ein Chasselas aus der Appellation Chablais. Unverkennbar nicht zuletzt durch die kleine, neckische Eidechse auf dem Etikett.

Der Kanton Waadt ist mit seinen knapp 4’000 Hektaren Rebfläche das zweitgrösste Weinbaugebiet der Schweiz. Aufgrund der klimatischen Unterschiede wird das Waadtland heute in drei Zonen eingeteilt: Nördlichöstlich des Genfersees liegt Chablais mit so bedeutenden Appellationen bzw. Ortschaften wie Aigle oder Yvorne. Zwischen Lausanne und Montreux, am Ostufer des Sees liegt Lavaux, dessen Weinbergterassen seit 2007 zum UNESCO-Welterbe gehören.

Dazu gehört zum Beispiel die in der Deutschschweiz sehr bekannte Appellation Saint Saphorin. Hier gibt es unzählige, steilwandige Felsterassen mit Weingärten mit bis zu zwanzig Stockwerken, welche zum Teil bereits im 12. Jahrhundert von Zisterziensern mühseelig aufgebaut wurden. Die nebeneinander liegenden Lagen Dézaley und Calamin besitzen sogar Grand-Cru-Status. Die dritte Zone trägt den Namen La Côte. Dieser grösste Bereich, nordwestlich des Genfersees, liefert 40% der Waadtländer Weine. Bekannt sind unter anderem die Appellationen Aubonne, Féchy oder Mont-Sur-Rolle.

Château_d'Aigle

Château d’Aigle: Wahrzeichen und Weinmuseum.

Angebaut wird vor allem Chasselas, auch Gutedel genannt. Die Waadtländer sprechen von der Perlan. Gemeint ist immer dieselbe Traube. Das Waadtland ist bekannt für seine Weissweine. Die roten Sorten machen gerade mal einen Viertel der Gesamtfläche aus. Hauptsächlich Pinot Noir und Gamay entfallen auf diese. Zum Teil werden auch Syrah, Gamaret und andere Trauben bewirtschaftet. Das Genferseegebiet besitzt insgesamt 28 Weine mit geschützter Ursprungsbezeichnung, die in sechs Weinbaugebieten (AOC) gedeihen, von denen jedes seine topografischen und klimatischen Besonderheiten besitzt. Aufgrund seiner Grösse, aber auch der Vielfalt der Böden, des Klimas und der Lagen, ist das Genferseegebiet zweifellos das vielfältigste Weinbaugebiet der Schweiz.

Die von mir gekaufte Flasche ist ein typisches Produkt aus der Gegend. Der Chasselas mit dem Namen „Les Murailles“ stammt aus der Produktion der Henri Badoux SA in Aigle. Die Firma wird 1908 vom gleichnamigen Westschweizer gegründet. Das Familienunternehmen setzt sich bereits in jungen Jahren mit dem Namen Aigle in Verbindung mit dem berühmten Weinberg „Les Murailles“ durch. Drei Jahrzenhnte später übernimmt Badoux‘ Sohn Emile die Geschäfte, welche damals vor allem aus einer bescheidenen Weinhandlung bestehen. Die Erbschaft wird durch ihn zu einem – für Schweizer Verhältnisse – riesigen Weingut von über fünfzig Hektaren in den Appellationen Aigle, Yvorne, Ollon und Saint-Saphorin ausgebaut. Als Pionier führt er im Waadtland den dort noch kaum verbreiteten Blauburgunder ein. Mit der Vergrösserung des Betriebs wächst auch der gute Ruf des Unternehmens. Nicht nur in der Schweiz sind die Weine der Badoux SA beliebt, sondern vor allem auch in Deutschland und den Vereinigten Staaten. In den 90er Jahren übernimmt mit Olivier Badoux das Familienunternehmen in dritter Generation. 2008 wir die Geschäftsleitung an Kurt Egli abgegeben. Als Önologe zeichnet sich Daniel Dufaux verantwortlich, Jean-Pierre Luthi ist für den Weinbau zuständig. Der Betrieb verfügt über moderne Kellereien und arbeitet schon seit zehn Jahren nach den Standards der integrierten Produktion.

Das Gebiet Chablais am nordöstlichen Genfersee

Das Gebiet Chablais am nordöstlichen Genfersee.

Zum Wein: Ich schenke ein. Hoppla, beinahe habe ich das Gefühl einen Grünen Veltliner im Glas zu haben! Farblich überzeugt der Chasselas. Das schöne Hellgelb ist mit grünen Reflexen durchzogen. Die Nase ist ebenfalls sehr ansprechend. Es riecht nach Lindenblüten und erinnert durch reichlich mineralische Akzente wie Schiefer oder Kreide an manchen Riesling, den ich schon getrunken habe. Im Mund dann die totale Überraschung: Der Weisswein hat ganz leichten Sprudel, ist ungemein würzig, fast schon pfeffrig scharf. Auch hier findet man Ähnlichkeiten zum Grünen Veltliner. In mir erweckt der Wein sofort ein Instant-Kindheitsgefühl. Er erinnert mich an die alljährliche Beerenlese im heimischen Garten. Den Geschmack von frischen Stachelbeeren habe ich seither verinnerlicht. Dieser Wein schmeckt eindeutig danach. Der Abgang ist von mittlerer Länge, sehr trocken und bringt das Säurespiel nochmals deutlich zur Geltung. Als Essenspaarung versuchen wir’s zuerst mit frischem, grünem Rheintaler Spargel an hausgemachter Zitronen-Thymianmayonnaise. Diese Kombination erweist sich eher als suboptimal. Einen Tag später versuchen wir’s mit einer Auswahl halbharter und harter, reifer Käsesorten. Auch diese Paarung empfinde ich persönlich als problematisch. Der Wein hat enorm Druck und Eigengeschmack. Da wird nicht ergänzt, sondern platt gemacht. Ein sanft gegarter Fisch wird wohl am besten dazu passen. Der Waadtländer braucht Platz. So viel ist klar.

Der hier verkostete Johanniter hatte ganz ähnliche Probleme. Auch jener schmeckte an sich sehr gut, war aber schwierig mit Speisen zu kombinieren. Zum Thema Chasselas: Wie gross hier das Spektrum ist, beweist der kürzlich vorgestellte Domaine Martheray, ein Féchy der geschmacklich diametral anders gelagert ist als der „Les Murailles“. Obwohl aus derselben Sorte hergestellt, ist er feiner gegliedert und von der angenehm zurückhaltenden Sorte, besitzt keine derart dominante Schärfe, ist einfach(er) zu kombinieren und nur halb so teuer wie die Badoux-Abfüllung.

Fazit: Obwohl an jeder Ecke eine Echsen-Flasche der Henri Badoux-Kellereien steht, habe ich ein wenig Mühe mit der qualitativen Einordung dieses Westschweizer Traditionsprodukts. Auf der Habenseite steht ein unverfälschter, schön produzierter Weisswein mit regionstypischen Eigenschaften, dem gegenüber stört der hohe Preis, sowie die Schärfe und Würze des Weins, die bestimmt nicht jedermanns Sache ist. Hinzu kommt die eher schwierige Kombinierbarkeit mit allerlei Speisen. Mein Gaumen kann dem anscheinenden Marketing-Hype nicht ganz folgen. Wer jedoch würzig-intensive Weissweine mag, sollte zugreifen. Ich gebe 14 Punkte.

Aigle Les MuraillesPunkte: 14/20
Passt zu: Salzwasser-Fisch mit wenig Eigengeschmack, sehr milden Käsesorten
Preis: ab Fr. 17.- / € 21.80

Den „Les Murailles“ gibt’s zum Beispiel bei Manor, Zweifel, Mövenpick und Coop. Bei Zanolari momentan sogar zum Aktionspreis von Fr. 17.-

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Domaine La Capitaine Johanniter 2011

Nach der Erkenntnis, dass ich die diesjährigen Spitzenweine des Grand Prix du Vin Suisse nirgends in der Stadt auftreiben kann, entscheide ich mich einen Weisswein zu kaufen, der letztes Jahr das Siegerpodest in der Kategorie Bio-Wein erklommen hat. Die Rede ist vom Westschweizer Johanniter aus der Domaine La Capitaine.

Aufmerksam werde ich auf den Johanniter in der blauen Flasche, als ich lese, dass er am GPDVS bereits dreimal in Folge zum besten Bio-Wein der Schweiz gekürt worden ist. Dabei stammt der vegan erzeugte Wein aus einer Region, welche vor allem für Chasselas bekannt ist. Trotzdem wagte der Waadtländer Winzer Reynald Parmelin das Experiment mit der seltenen Rebsorte. Beim Johanniter handelt es sich um eine relativ junge Züchtung aus dem Jahr 1968. Um eine höhere Resistenz gegenüber Pilzkrankheiten zu erreichen, wurden damals Riesling, Ruländer, Gutedel und Seyve-Villard gekreuzt. Mit Erfolg, so viel steht fest.

Die Nase erinnert ein wenig an einen leichten, nicht allzu süssen Dessertwein: Pfirsich, Ananas, weisser Pfeffer, Erde, reife Früchte. Nach einem ersten Schluck bin ich relativ perplex. Wie soll man das beschreiben? Der erste Eindruck ist etwas süsslich, lieblich. Gleichzeitig vermischen sich unglaublich viele verschiedene Facetten. Eine farbenfrohe Palette an Geschmäckern breitet sich im Mund aus. Es scheint als ob eine erste blumige Dimension durch eine zweite, komplexere abgelöst wird, bevor sich dann – quasi zum Finale – eine fruchtige Süsse ausbreitet. Es ist ein wahrer Bazar an Geschmäckern. Pfirsich, Honig, Holunder, Grapefruit, Würze und Stein (so stelle ich mir Stein jedenfalls vor) kann ich schmecken. Bestimmt ist das Spektrum noch grösser, mein ungeschulter Gaumen streicht an dieser Stelle aber die Segel. Tschuldigung.

Curry

Das Curry war super, die Kombination mit dem Wein leider nicht.

Er ist ein spannender Wein, der Johanniter. Einzig die Essenspaarung bereitet mir etwas Kopfschmerzen. Zu Käse passt er sehr gut, dann wird’s aber schon schwieriger. Delinat schlägt Grilladen und asiatisch angehauchte Gerichte vor. Bei uns gab’s indisches Lammcurry. Dazu passt der Waadtländer nicht*. Der Kulturclash scheint zu gross. Genfersee und Neu Delhi liegen eindeutig zu weit auseinander. Das mit den Grilladen kann ich mir hingegen bildlich vorstellen. Leider konnte ich diese Paarung nicht ausprobieren. Schliesslich war der Samichlaus letzte Woche unterwegs, im Normalfall ein untrügerisches Zeichen dafür, dass die Grill-Saison definitiv vorbei ist.

Mir macht der Bio-Wein Spass. Der Preis für die geschmackliche Wundertüte beträgt 22 Franken und ist durchaus angemessen. Wer Lust auf einen komplexen, nicht alltäglichen Schweizer mit ganz eigenem Charakter hat, sollte zugreifen. Mir gefällt er jedenfalls.

Johanniter

Punkte: 17/20
Passt zu: Käse, Grilladen (?)
Preis: Fr. 22.-

 

Den Domaine La Capitaine Johanniter 2011 gibt es hier zu kaufen.

 

 

 

* P.S. Ein Riesling wäre definitiv die bessere Wahl gewesen.