Flaschentester

… schreibt über europäische Weine und verwandte Themen


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Aglio e Oglio / Speicher – Ein Restaurantbericht

Auf der Suche nach französischen Tropfen, stosse ich plötzlich auf eine Oase im bordeauxlosen St. Galler Ödland. Keine zwanzig Minuten vom Stadtzentrum entfernt, liegt das Restaurant mit dem grössten Kleinflaschen-Weinkeller der Schweiz. Unglaublich, aber war. Das Aglio e Oglio entzog sich bislang meinem vinophilen Radar. Flaschentester geht in die Nachklausur. Jetzt.

Zugegeben: Nach dem Besuch der Website des Lokals, sitze ich etwas konsterniert vor dem Bildschirm. Die schier unglaubliche Zahl von 450 (!) Positionen des Weinkellers lässt in mir weihnachtliche Kindheitsgefühle hochkommen. Da ist so ziemlich alles vertreten, was Rang und Namen hat. Die beiden Schwerpunkte bilden italienische und französische Weine. Aber auch Spanier, deutsche Rieslinge, österreichische Flaschen jeglicher Couleur und einige wenige Posten aus Übersee sind vorhanden. Wenn man denn solche mag. Der Grund für meinen, sagen wir mal ambivalenten Gefühlsausbruch, liegt in der Tatsache, dass sich das Restaurant im selben Komplex, wie diverse Alterswohnungen befindet. Ich runzle die Stirn. Was erwartet einem? Mensa-Küche? Gedünstete Bohnen mit Kartoffelstock und Sauce? Hackbraten mit Fritten? Man weiss es nicht. Die Spannung steigt.

Ein Blick in die Karte klärt auf. Italienisch soll es sein: Carpaccio, Pasta, Filetto di manzo, Tiramisu und Pizza. – Ja, Pizza. Also doch ein Feld-, Wald- und Wiesenitaliener? Die Preise sprechen eine andere Sprache. Beispiel gefällig: Das Highlight bildet ein neungängiges Degustationsmenü mit passender Weinbegleitung. Kostenpunkt: Fr. 144.- pro Person.

Aglio e Olio Restaurant

Ein Blick in’s Aglio e Olio.

Das Abenteuer beginnt: Samstag Abend, Bahnhof St. Gallen. Punkt 19.32 Uhr sitzen meine Begleitung und ich in der Trogenerbahn Richtung Speicher. Im gleichen Abteil einige Teenager, zwei Rentner, und ein Student, der intensiv in einem Schulbuch versinkt. An der Haltestelle Schützengarten steigen wir aus. Es erwartet uns ein kurzer Spaziergang durch das spärlich beleuchtete Dörfchen Speicher. Der Weg zum Aglio e Oglio ist beschildert. Und tatsächlich, fünf Minuten später erreichen wir auch schon den Alterswohnsitz. Wir betreten das Gebäude. Im Foyer erkennt man zunächst eine Art Rezeption. Sie ist nicht besetzt. Einige Schritte später befinden wir uns bereits im Garderobenbereich der Restaurants. Der Eingang zum Lokal liegt rechts. Wir legen unsere Mäntel ab und werden sofort sehr freundlich mit unserem Nachnamen angesprochen und begrüsst. Man erwartet uns. Schön! Eine Gesellschaft von circa dreissig Personen ist ebenfalls anwesend.

Die Serviceangestellte führt uns zu einem Tisch, der in einem akustisch etwas ruhigeren Bereich liegt. Sehr aufmerksam. Das Interieur weiss zu gefallen. Modern, verspielt, freundlich und irgendwie festlich. Gleich neben dem eigentlichen Gastraum befinden sich eine Lounge für Freunde des Tabaks so wie eine Art Minibibliothek mit lauschigen Sitzen zum Verweilen. Der erste Eindruck ist sehr gut. Man fühlt sich willkommen. Alle im Vorfeld geäusserten Bedenken lösen sich sogleich in Luft auf. Erleichterung macht sich breit.

Aglio e Olio Showkeller

Der Showkeller im Restaurant.

Wir bestellen einen Apéritif. Herr König, der Restaurantleiter, wünscht uns persönlich einen guten Abend. Nach der Auswahl der Speisen und eines passenden Vorspeisen-Weins, wird ein Gruss aus der Küche serviert. Wir geniessen ein sehr gut abgeschmecktes Currysüppchen mit Hühnchensnack. Dazu einen 2007er Sancerre von Thomas Labaille. Auch die gereichten Brötchen gefallen. Der Service punktet bislang durch seine überaus sympathische und aufmerksame Art.

Die Qualität des kurze Zeit später aufgetischten Tatars und des Carpaccios, sucht seinesgleichen. Die Ausgangsprodukte sind hervorragend, zudem schön angerichtet und perfekt gewürzt. Ein fantastischer Einstieg in den Abend.

Aglio e Olio Weinkeller

Der eigentliche Weinkeller im Untergeschoss.

Uns interessert natürlich der Weinkeller. Der Restaurantleiter lässt es sich – trotz grosser Gesellschaft von nebenan – nicht nehmen uns erst den frei zugänglichen Showroom im Restaurant und etwas später den eigentlichen Keller zu zeigen. Sehr zuvorkommend und durchwegs professionell werden uns die beiden Räume präsentiert. Beide sind in schlichtem Holz gearbeitet. Es herrscht unglaubliche Ordnung. Die einzelnen Posten sind nach Nummern sortiert. Mittels eines Touchscreens bahnt sich das Personal den Weg zur richtigen Flasche. Der Gast findet den Katalog auch online. So können Weinliebhaber bereits zu Hause eine Vorselektion treffen. Das steigert die Vorfreude enorm. Wenigstens meine. Denn die Auswahl ist schlicht erschlagend. Aber auch Unentschiedenen steht Herr König kompetent zur Seite.

Im Showroom angekommen schlägt mein Bordeaux-Herz sprunghaft höher. Pétrus, Margaux, Haut Brion, Mouton-Rothschild, um nur einige zu nennen. Die Preise sind moderat. Neben den Prestige-Weinen findet man auch unzählige Tropfen, welche im bezahlbaren Bereich liegen, und ebenso Spass machen. Sehr schön! Wir entscheiden uns schliesslich für einen 2000er Château Belgrave.

Aglio e Olio Tisch

Haut-Médoc trifft auf Appenzell.

Zurück am Tisch erwartet uns der Hauptgang. Eine klassische Angelegenheit. Rindsfilet mit Gemüse und Kartoffeln. Je nachdem mit Kräuterbutter oder Portweinsauce. Waren wir eben schon von den Weinen beeidruckt, lässt uns die Qualität des Fleisches erneut in Begeisterungsstürmen ausbrechen. Das Filet ist unbeschreiblich gut. Ich kann mich nicht erinnern, jemals Fleisch, dieser Qualität, derart perfekt zubereitet, gegessen zu haben. Das Rind zerschmilzt förmlich auf der Zunge. Ein Traum. Ein Gedicht. Eine leider viel zu früh verklingende Symphonie aus Fleisch, Sauce und Bordeaux. Fantastisch.

Glückselig und mit einem Lächeln im Gesicht, lehnen wir uns zurück. Schliesslich bestellen wir dann doch noch eine Nachspeise: Einmal warmer Schokoladenkuchen mit Zwetschgen-Zimtsorbet und Früchten, einmal Kirschparfait mit Früchten und Joghurt-Minzsössli. Der Restaurantleiter empfiehlt dazu eine 2002er Auslese von J. J. Prüm (Wehlener Sonnenuhr?). Der Riesling erweist sich mit seinem Süss-Säurespiel als perfekter Kontrapunkt zu den liebevoll angerichteten Desserts. Kurz nachdem wir die Rechnung beglichen haben, überrascht uns der Service mit einem kleinen Schmankerl. Eine spontan gereichte Zitronen-Crème rundet den gelungenen Abend ab. Glücklich und zufrieden verlassen wir das Lokal und begeben uns Richtung Haltestelle.

Das Aglio e Oglio ist konzeptionell zwar in einen Alterswohnsitz integriert, zeigt sich dem Gast aber als eigenständiges Lokal der gehobenen Art. Die Küche ist durchwegs klassisch und auf hohem Niveau. Die Qualität des Fleisches ist – wie bereits erwähnt – sogar exorbitant. Der Service hält sich dezent im Hintergrund, ist sympathisch und kompetent. Die Preise entsprechen dem Gebotenen. Unsere drei Gänge samt Apéritif und Weinen summieren sich schlussendlich auf Fr. 255.- Kein Pappenstiel. Aber ihr Geld allemal Wert. Das Ambiente ist ansprechend, über die Ästhetik der vorhandenen, orangen Plexiglas-Sessel und der etwas klobigen Kerzenleuchter lässt sich laut meiner Begleitung streiten. Mir gefällt’s. Ob’s daran liegt, dass wir, nebst der grösseren Gruppe, die einzigen Gäste sind? Wohl eher nicht. Denn der Weinkeller sucht seinesgleichen. Da steckt Kompromisslosigkeit und sehr viel Herzblut dahinter. Wer Wein mag, muss dorthin. Da führt kein Weg vorbei. Ich bin begeistert und gebe 18/20 Punkte.

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Kurz angenippt: Settesoli, Syrah di Sicilia, IGT, 2012

Seit kurzem findet ihr unter der Rubrik kurz angenippt Weine, welche mir irgendwo über den Weg liefen, aber nicht genauer getestet werden konnten. Die Notizen sind kurz und knapp, die Punktevergaben eher als Anhaltspunkt, denn als absolutes Mass anzusehen. Die Weine werden daher auch nicht in den Charts gelistet.

Settesoli-Syrah


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Villa Cavarena – Ripasso 2010 by Allegrini

Der Name klingt wie derjenige eines italienischen Automobils aus den Achtzigern. Allegrini. Einer der Wagen, die schmuck ausschauen, ordentlich PS unter der Haube haben, vor allem bei schönem Wetter Spass machen und spätestens nach den ersten 1’000 Kilometern erste Verarbeitungsschwächen offenbaren. Solche Fahrzeuge wurden für ein junges Publikum designt. Bei Alexander von Essens Ripasso verhält es sich ganz ähnlich.

Manor haut momentan alle Weine seiner Selection zum Aktionspreis raus. Da mein Blog nach wie vor nicht fremdfinanziert wird, schlage auch ich zu und packe eine Flasche vom 2010er Villa Cavarena ein. Auf der Flasche steht by Allegrini. Ein weiteres Kaufargument. Schliesslich ist das norditalienische Weingut schon seit langem ein Garant für Spitzenerzeugnisse im Bereich Amarone und Ripasso. Sehr beliebt ist auch der reinsortige Corvina Veronese namens La Poja.

Valpolicella

Valpolicella: Blick auf das Tal der vielen Keller.

Der Betrieb liegt im Valpolicella, eine der namhaftesten Weinregionen Italiens. Die lateinische Ursprungsbezeichnung „val polis cellae“ – Tal der vielen Keller – weist bereits auf den traditionsreichen Hintergrund im lokalen Weinbau hin. Das Tal liegt im östlichen Venetien, zwischen Verona und Gardasee. Im Norden wird es durch die Monti Lessini, einem Hügelland, begrenzt. Insgesamt 6’000 Hektare Rebfläche werden bewirtschaftet.

Die Allegrinis sind hier seit Urzeiten ansässig. Bis ins 16. Jahrhundert lassen sich ihre Spuren zurückverfolgen. Noch heute führen Nachkommen – Franco und Marilisa Allegrini – den Betrieb. Der Ursprung des mehrere Weingüter umfassenden Unternehmens liegt im Fünftausendseelen-Dorf Fumane, nördlich von Verona. Eine der neueren Akquisitionen der Allegrinis ist die Villa Cavarena. Von hier stammt auch die Ripasso-Spezialabfüllung für die Von Essen Selection. Das 1998 erworbene Gut liegt in Mazzurega, nordwestlich von Fumane auf einer Höhe von 500 Metern über Meer und ist damit eines der am höchsten gelegenen im gesamten Valpolicella. Der Betrieb umfasst zwanzig Hektare. Angepflanzt werden Corvina Veronese, Corvinone, Rondinella und Oseleta. Die Reben stehen laut Produzent auf steinigen Kalkböden mit einer hohen Wasserdurchlässigkeit und einer sehr guten Exposition bezüglich Sonne und Wind.

Das alles macht Hoffnung. Schliesslich haben mich auch die letzten beiden Rotweine der selben Selection überzeugt. Erwartungsvoll öffne ich den Ripasso, – und prompt bricht mir der Korken ab. Ein böses Omen? Wir werden sehen. Ich schenke ein. Im Glas scheint der Rotwein in einem dichten Rubinrot mit schwarzem Kern. Man sieht gerade noch knapp durch. Basis des auf Amaronetrester vergorenen Rotweins sind übrigens die beiden autochthonen Sorten Corvina Veronese (70%) und Rondinella (30%). Der Wein duftet sehr intensiv. Ich rieche vor allem Beeren, Lakritze, eine undefinierbare, sprittige Note und etwas Holz. So weit so gut. Nach einem ersten Schluck bin ich erst einmal zufrieden. Der Ripasso ist süffig und macht von Anfang an keinen schlechten Eindruck. Der Abend ist noch jung. Das Essen steht auf dem Tisch. In Kombination mit den Speisen wird noch deutlicher wie süsslich, fast schon marmeladig der Wein ist. Nach dem Essen nehmen wir die angetrunkene Flasche mit in’s Wohnzimmer. Und mehr und mehr zeigt sich, was das Problem ist.

FiatFerrari

Wäre der Wein ein Automobil, würde ein Logo eines grossen italienischen Automobilherstellers die Flasche zieren. Fiat oder Alpha Romeo erscheinen vor dem geistigen Auge. Im ersten Moment macht er nämlich ordentlich Punkte. Durch die Flasche, den Namen und den Preis. Auch geschmacklich gibt der Valpolicella was her: Er ist süsslich, süffig und fruchtig. Ein Wein, den man für gut befindet. Nach einigen Kilometern, pardon, Schlucken, offenbart der Ripasso aber mehr und mehr seine Schwächen. Zum einen hat er keinen Charakter, er ist belanglos und nichtssagend. Der Blendeffekt hält nicht länger als ein Glas lang an. Spätestens dann vergeht einem allmählich das Nippen an diesem süsslichen Fruchtaufguss. Zum anderen bringt der Abgang meines Erachtens eine leichte, metallische Fehlnote. Es schmeckt nach rostigem Nagel. Nicht zuletzt lässt aber vor allem die Gesamtbalance zu wünschen übrig. Es ist zwar alles vorhanden – Säure, Frucht, Würze und Tannine spielen aber nicht in der selben Mannschaft. Schade. Das schlechte Vorzeichen hat sich manifestiert.

Der Vollständigkeit halber noch meine restlichen Notizen. Auf der Flasche steht 13.5% und auch das DOC-Label findet man. Im Glas ist der Italiener leicht ölig. Im Mund: Säure trotz reichlicher Süsse, durchaus trockene, herbe Eigenschaft, süffig, mittleres Gewicht. Ausserdem Teer, wenig Vegetabiles, etwas Gras, wenn überhaupt. Abgang: Säure verzieht sich, Nachhall beerig, sprittige Komponente wieder deutlich wahrnehmbar. Ende Degustationsnotiz.

Fazit: Was soll ich sagen? Ich versuch’s nochmals mit der Automobilindustrie: Auch wenn Fiat und Ferrari zum selben Konzern gehören, könnten die Unterschiede der verschiedenen Produktlinien nicht grösser sein. In etwa so verhält es sich bei Alexander von Essens Abfüllung. Auch wenn Allegrini draufsteht, ist keiner drin. Oder nur ein drittklassiger. Dieser Rotwein hat nichts mit dem klassischen Ripasso gemein. Es handelt sich vielmehr um einen dieser neuen Mode-Valpolicellas. Der Rotwein zielt klar auf eine junge, unerfahrene Kundschaft ab: Die Flasche schaut nett aus, der Wein ist auf Anhieb geniessbar, lullt einem mit seiner Süsse und Fruchtigkeit sofort ein und kann ohne Dekantieren, Temperieren oder sonstwelche Gadgets getrunken werden. Seine Charakterlosigkeit macht ihn zudem massentauglich. Eine Bewertung fällt mir schwer. Nach der Formel erster Eindruck + zweiter Eindruck geteilt durch zwei, komme ich deshalb heute unter’m Strich auf knappe 14 Punkte.

VillaCavarenaRipasso2010Punkte: 14/20
Passt zu: Fleisch (Rindsfilet, Osso Bucco, Braten)
Preis: momentan für Fr. 12.50 statt Fr. 16.90 / € 11.90

 

Den Ripasso by Allegrini gibt’s bei Manor oder VinoScout zu kaufen. Die deutlich teureren Wein-Ferraris aus dem Hause Allegrini findet man zum Beispiel in der Vinothek Brancaia.

P.S. Einen sehr lesenswerten Artikel zum Problem Ripasso gab’s 2009 in der Zeitschrift Merum.


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Kurz angenippt: Collalto – Prosecco di Conegliano

In der Rubrik kurz angenippt findet ihr Weine, welche mir irgendwo über den Weg liefen, aber nicht genauer getestet werden konnten. Die Notizen sind kurz und knapp, die Punktevergaben eher als Anhaltspunkt, denn als absolutes Mass anzusehen. Die Weine werden daher auch nicht in den Charts gelistet.

ProseccoCollalto


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Ab ins Kloster: Muri-Gries – Lagrein DOC 2011

Zwar gibt es den Weinbau nachweislich schon einige tausend Jahre länger als Klöster, trotzdem gehen viele bekannte Weinlagen direkt auf eine Klostergründung zurück. Auch heute findet man ab und an noch Flaschen, welche direkt aus einer Klosterkellerei stammen. So zum Beispiel im Südtirol. In der Hauptstadt der weitgehend autonomen Region befindet sich das Kloster Muri-Gries. Zwar lassen die dort ansässigen Geistlichen den Wein unterdessen von Fachleuten keltern, der Betrieb ist aber nach wie vor Teil der Klosteranlage und wird auch dementsprechend vermarktet.

Die Anlage besteht in ihrer Grundsubstanz seit dem Spätmittelalter. Die Augustiner Chorherren erhielten 1407 die damalige Burg vom Habsburger Herzog Leopold IV. gestiftet. Ihr ursprüngliches Kloster war aufgrund einer Überschwemmung durch den Eisack zerstört worden. In den folgenden Jahrhunderten wurde mehrfach an- und umgebaut. Mitte des 19. Jahrhunderts beschliesst der Kanton Aargau die Aufhebung aller Klöster. Die in Muri ansässigen Benediktiner sind gezwungen, sich eine neue Bleibe zu suchen. In Gries bei Bozen finden sie ein Zuhause. Mit dem Einzug der Schweizer Glaubensbrüder beginnt 1845 ein neuer Abschnitt in der Weinbaugeschichte des Klosters. Die Mönche nehmen ihre Ordensregel „ora et labora“ von nun an auch in den klösterlichen Weinbergen ernst.

Muri-Gries

Die Ländereien des Klosters sind beachtlich: Knapp 30 Hektar Weinbau, 52 Hektar Obstbau, ein Bergbauernhof in Kampidell bei Jenesien mit 145 Hektar Wiesen und Wald, so wie Viehzucht und Holzwirtschaft gehören heute zum landwirtschaftlichen Betrieb von Kloster Muri-Gries. Hinzu kommt die Klostergärtnerei mit dem gepflegten Klostergarten. Über Jahrhunderte hinweg sind die Mönche Selbstversorger, was die landwirtschaftlichen Produkte und Nahrungsmittel anbelangt. Auch der selbst gekelterte Wein deckt lange Zeit vorwiegend den eigenen Bedarf. Mit Beginn des 20. Jahrhunderts öffnet sich der Keller von Muri-Gries. Der Weinhandel mit den deutschsprachigen Nachbarn beginnt. Exportiert werden St. Magdalener und Malvasier, Lagrein, Kretzer (Rosè) und Ruländer. Heute ist Muri-Gries ein klassischer Rotwein-Betrieb mit 85% Rotweinen und 15% Weissweinen. Weit über 90% der Produktion werden als Qualitätsweine (DOC) in der 0,75-Literflasche verkauft.

Lagrein ist eine typisch autochthone Rebsorte des Südtirols. Die Reben für den Muri-Gries liegen in Bozen, 260 Meter über Meer. Es sind tiefgründige und sandige Schwemmböden mit Süd-Ausrichtung. Die Reben werden von Walter Bernard gepflegt, als Önologe zeichnet sich Christian Werth verantwortlich. – Die Weinkellereien des Klosters entsprechen so gar nicht dem romantischen Bild von alten Gemäuern und mittelalterlichen Anlagen. Im Gegenteil: Produziert wird auf aktuellem technischen Niveau. Die Temperatur-kontrollierte Vergärung erfolgt im Edelstahltank. Nach acht Tagen bei 29°C wird der Wein laut Produzent im grossen Holzfass (300 – 500l) während sechs Monaten ausgebaut.

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Für mich ist die Verkostung eine Südtirol-Premiere. Umso mehr bin gespannt, was mich erwartet. Ohne zu dekantieren, schenke ich gleich nach dem Entkorken ein. Der Wein ist farblich unglaublich dicht. Man sieht nicht durchs Glas. Meine Nase ist angesichts der neuen Geruchserfahrung etwas verwirrt. Das Bouquet ist mässig intensiv. Was rieche ich da? Pflaumen, ja. Kakao, Nelken? Im Mund nimmt der Rotwein viel Platz ein. Der Körper ist fett. Aber so was von. Er hat ordentlich Druck. – Irgendwie treffen sich da eine schwere Süsse, von beinahe überreifen Pflaumen, und eine würzige Leichtigkeit. Man kann diese zwei Ebenen deutlich voneinander unterscheiden: Der schwere Unterbau hebt sich von einem darüber schwebenden, pikanterem Spektrum ab. Ehrlich gesagt habe ich aufgrund des Jahrgangs, Herberes, vielleicht auch mehr Säure und intensivere Tannine erwartet. Fehlanzeige. Trotz seines jugendlichen Alters bringt der Rote schon die totale Trinkfreude. Auch der Holzausbau ist nicht zu dominant geraten. Der Abgang ist dann aber erstaunlich kurz. Dafür nimmt der darauf folgende Nachhall kathedrale Ausmasse an. Auch hier zeigt der Wein – einmal mehr – eine Eigenheit. Trinken kann man ihn übrigens auch sehr gut ohne passendes Essen. Einfach so, oder mit etwas Weissbrot.

Fazit: Wenn dieser Wein Südtiroler bzw. Bozener Terroir widerspiegelt, muss ich mich diesem besonderen Flecken Erde in Zukunft etwas mehr widmen. Der Wein macht definitiv Spass. Bietet er doch reichlich Abwechslung, jenseits der ausgetrampelten Rotweinpfade. Für einen fairen Preis kriegt man neben Qualität vor allem sehr sehr viel Charakter ins Glas. Da haben die Klosterkellereien ganze Arbeit geleistet. Daumen hoch. Ich gebe 18 Punkte.

MuriGriesLagrein2011

Punkte: 18/20
Passt zu: Pasta, deftigen Fleischgerichten (Braten, Gegrilltem, Wild)
Preis: momentan Fr. 16.5o statt 18.50 / € 8.60

Der Muri-Gries Lagrein 2011 ist bei Martel und Gerardo erhältlich.


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Elvio Cogno – Dolcetto d’Alba DOC 2010

Neulich durchstöbere ich wiedermal lässig meinen grossen Johnson. Halt mache ich bei den Seiten 296 und 297. Vor mir liegt das Piemont. Hugh meint, dass die Weine von Elvio Cogno durchaus einen Versuch wert seien. Vor allem der Dolcetto sei köstlich. Da trifft es sich doch ausgezeichnet, dass Martel seine alljährliche Tour des vins ausruft, und allerlei interessante Weine zu Aktionspreisen anbietet. Auch besagten Roten.

Es muss jetzt einfach mal gesagt werden: Martel hat mich bisher noch nie enttäuscht. Egal ob Italien, Österreich, Frankreich, oder weissdergucker welches Land. Jeder der hier getesteten Weine war sein Geld wert. Die meisten liegen im oberen Mittelfeld, oder gar an der Spitze der Charts. Deshalb bin ich um so mehr gespannt, was Elvio Cognos Dolcetto hergibt. Schliesslich handelt sich um einen relativ preiswerten Rotwein aus dem Piemont. Einer Gegend, welche eher für hochpreisige Barolos bekannt ist. Neben dem bereits hier vorgestellten Montegrilli, einem Weissen, einem Barbera d’Alba und einem Barabresco produziert natürlich auch Elvio Cogno solche.

Elvio CognoDas äusserst schmucke Weingut liegt auf einem Hügel namens Bricco Ravera, nahe Novello. Der modernisierte Weinkeller befiindet sich in einem Gebäude aus dem 18. Jahrhundert und ist ringsum von Reben umgeben. Insgesamt elf Hektar gehören zum Familienbetrieb. Die Anbaufläche für den Dolcetto nimmt dabei knapp einen Viertel ein. Immerhin 16’000 Flaschen werden davon jährlich abgefüllt. Die Trauben wachsen 380 Meter über Meer. Nach der Ernte wandern sie erst für je vier Monate in den Stahltank und ins Holzfass, und reifen anschliessend ein halbes Jahr in der Flasche, bevor der Wein auf den Markt kommt. Die vorliegende Abfüllung stammt von 2010, einem sehr guten Jahr für Piemonteser Weine.

Es ist Wochenende. Ein guter Bekannter bringt netterweise einen sehr spannenden Malanser Completer. Nach ein wenig Apéro-Gebäck und Smalltalk, setzen wir uns an den Tisch. Das Abendessen beginnt. Auf einen gemischten Salat folgt eine Lasagne alla casalinga. Den Dolcetto habe ich bereits schon zwei Stunden vorher entkorkt, jedoch nicht dekantiert. Ich schenke ein. Helles Rubinrot mit Violett-Tönen. Das Bouquet duftet nach Beeren und – Wein. Eine südlich anmutende Mischung aus reifen Beerenfrüchten, dezenten Gewürzen und süsslichen Akzenten strömt einem entgegen. Ein erster Schluck bestätigt die Nase: Reife, rote Beeren, Mandel und ein Hauch Vegetabiles. Der Wein ist samtig und süffig, der Körper von mittlerem Gewicht, fruchtig und einladend, der Abgang weich. Es ist ein sehr schöner Wein. Einer, von dem man gerne nachschenkt. Er hat Finesse und ist elegant. Eine fruchtige Leichtigkeit und ein charmantes Bouquet laden ein, mehr davon zu trinken. Die Flasche ist im Nu leer.

Fazit: Ihr ahnt es, Hugh Johnsons Einschätzung zum Dolcetto d’Alba von Elvio Cogno trifft ins Schwarze. Ich kann mich dieser nur anschliessen. Der fruchtbetonte Piemonteser schmeckt ohne Ende und eignet sich sehr gut als Begleiter von Pasta-Gerichten. Die Lasagne und der Dolcetto verstehen sich auf Anhieb. Der Wein hat zudem ein äusserst gutes Preis-Leistungsverhältnis. Im Vergleich zum Montegrilli aus selbem Haus, schneidet er insgesamt besser ab. Ich gebe 18 Punkte und freue mich schon auf die nächste Flasche von Winzer Cogno. Salute!

Dolcetto d'Alba

Punkte: 18/20
Passt zu: Lasagne, Pasta
Preis: momentan Fr. 15.00 statt 16.80 / € 9.90

Elvio Cognos Dolcetto d’Alba kann man bei Martel kaufen oder bei Ego-Vino bestellen.


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Rustikaler Italiener: San Michele a Torri – Chianti Colli Fiorentini DOCG 2010

Irgendwie tun mir die Italiener ja leid. – Die Leute, nicht die Weine. Da schaffen sie ihren selbstverliebten und machtsüchtigen Cavaliere ab, nur um ihn einige Zeit später wieder im Wahlkampf anzutreffen. Schuld daran sind ein politisches System und eine Parteienlandschaft, welche kaum noch jemand an der Basis versteht. Ganz ähnlich verhält es sich mit italienischen Weinen und ihren Deklarationen. Bestes Beispiel dafür: Der Chianti.

Das Klassifizierungen bei Weinen mitunter kompliziert sind, habe ich ja schon beim Thema Bordeaux aufzuzeigen versucht. Beim Chianti verhält es sich ganz ähnlich. Zum einen wird das Chianti genannte Gebiet – ähnlich dem Bordelais – nämlich in einzelne Anbauflächen aufgeteilt, zum anderen werden die dort produzierten Weine in ein Zertifikatssystem eingereiht, welches Gutes will, aber nicht immer einfach zu durchschauen ist.

Chianti Anbaugebiete

Die Anbauflächen des Chiantis liegen in der Toskana. Das Gebiet erstreckt sich von Pisa bis Montalcino. Neben dem meist hochwertigen Chianti Classico wird die Region heute offiziell in sieben Provenienzen* unterteilt:

  • Chianti Rufina (Pontassieve)
  • Chianti Colline Pisane (Pisa)
  • Chianti Montalbano (Carmignano)
  • Chianti Colli Fiorentini (Florenz)
  • Chianti Colli Senesi (Siena)
  • Chianti Aretini (Arezzo)
  • Chianti Montespertoli

Klassifiziert werden italienische Weine aufgrund der Qualitätsstufen vini da tavola, IGT (Indicazione Geografica Tipica), DOC (Denominazione di Origine Controllata) und DOCG (…e Garantita). Das DOC-System wurde Anfang der Sechzigerjahre in Anlehnung an das französische AC-System eingeführt, um qualitativ hochwertigere Weine von den gewöhnlichen „Tafelweinen“ abzugrenzen. Natürlich auch mit dem Ziel nachhaltige Qualitäten italienischer Weine zu produzieren. Wobei bis heute die beiden Labels vor allem für höchste Qualität in der Produktion stehen. Es ist unumstritten, dass die Toskana auch hervorragende Weine ohne Zertifikat hervorbringt. DOC und DOCG stehen nämlich nicht per se für Spitzenweine. Auch hier wird die Parallele zu Frankreich offensichtlich: Klassifizierungen sagen nur begrenzt etwas über die Qualität von Weinen aus. Auch in Italien. Bei DOC und DOCG-Produkten hat man aber wenigstens die Gewissheit um ordentliche Produktionsmethoden. So zum Beispiel auch bei Käse und Olivenöl, welche eines dieser Labels tragen.

Bei Weinen spezifiziert das DOC-Label unter anderem die zugelassenen Anbaugebiete, die Rebsorten, den Maximalertrag pro Hektar, den zulässigen Alkoholgehalt und vieles mehr. DOCG-Weine dürfen ausserdem nur vor Ort abgefüllt werden. Der Höchstbetrag pro Gebinde umfasst fünf Liter. Italien kennt insgesamt siebzig Weine, welche diesen Spezifikationen entsprechen. Darunter viele bekannte Namen wie Brunello di Montalcino, Amarone della Valpolicella oder Barbera d’Asti. Spitzenweine findet man – wie erwähnt – vor allem bei Flaschen mit dem Aufruck Chianti Classico. Grundsätzlich werden Chiantis immer aus Sangiovese-Trauben erzeugt. Oft sind sie reinsortig hergestellt, manchmal werden sie durch Beigabe von Trebbiano und Malvaisa jedoch auch früher trinkreif gemacht. Die Vorschrift, das Chianti auch einen gewissen Anteil weisser Trauben enthalten soll, wurde glücklicherweise überwunden. Auch die typischen Bastflaschen findet man heute nicht mehr flächendeckend. Schade eigentlich.

Erzeuger des getesteten Colli Fiorentinis und Besitzer der Fattoria San Michele ist Paolo Nocentini. Laut eigener Aussage verfolgt er ein Ideal: Den „guten alten“ traditionellen Chianti. Die Sangiovesestöcke lässt er dafür extra in einer Baumschule aus Reisern eines 80 Jahre alten eigenen Weinberges nachzüchten, weil er sicher ist, dass diese besser sind, als die modernen Klone. Entsprechend niedrig ist allerdings der Ertrag. – Aber nicht nur Sangiovese bildet das Material für diesen Chianti. Dazu gesellen sich noch 15 Prozent Canaiolo und fünf Prozent Colorino.

San Michele a Torri

San Michele a Torri in Scandicci nahe Florenz

Und tatsächlich, Nocentinis Chianti schmeckt durch und durch traditionell. Er ist sehr trocken, herb und besitzt eine deutliche Restsäure. Insgesamt wirkt er etwas hölzern, hat aber ausreichend Frucht. Der Wein ist lebhaft und tanninreich, bringt aber trotzdem eine schöne Samtigkeit – vor allem im Abgang. Das Bouquet ist sehr intensiv. Es erinnert ein wenig an Glühwein, Orangen, Gewürze, Beeren und diverse vegetabile Erdtöne. Die Farbe ist ein ausgeprägtes, fast glühendes Granatrot. Romanin meint, dass er zu Pasta passe. Das kann ich absolut nachvollziehen. Wobei mir der kürzlich vorgestellte Primitvo als Essenspaarung zu einer Bolognese weitaus mehr zusagte.

Fazit: Der San Michele a Torri ist ein klassischer, ländlicher Chianti. Zwar wird er nicht reinsortig aus Sangiovese-Trauben hergestellt, trotzdem hat man einen traditionellen, das Terroir widerspiegelnden, Rotwein im Glas. Wer fruchtig-frische Chiantis, oder Weine mag, ist mit diesem hier falsch bedient. Nocentinis Toskaner gehört zur ernsteren und für die längere Flaschenlagerung konzipierten Art. Mir persönlich ist der Bio-Wein zu trocken, zu hölzern und ein wenig zu aggressiv ausgefallen. Ich gebe deshalb 14 Punkte.

Fattoria San Michele a Torri Chianti

Punkte: 14/20
Passt zu: Pasta, mediterraner Fleischküche
Preis: Fr. 16.80

Den Chianti der Fattoria San Michele a Torri kann man hier kaufen.

 

 

 

 

 

* Zur Politik: Italien kennt sage und schreibe 169 (!) politische Gruppierungen. – Ok, Wein ist doch einfacher.