Flaschentester

… schreibt über europäische Weine und verwandte Themen


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Ordnung muss sein! – Der VDP räumt auf

Seit dem Pferdefleisch-Skandal von neulich ist das Wort Deklaration wieder mal in aller Munde. Konsumentenschützer poltern, Fernsehmagazine prangern an und die Gemeinde der Detailhändler verspricht hoch und heilig, das gesamte Sortiment genau unter die Lupe zu nehmen. Wen wundert’s? Dieses tragikomische Spiel wiederholt sich alle paar Jahre. Etikettenschwindel ist halt nun mal so alt, wie die Etiketten selbst. Zwar hat’s im Wein kein Pferdefleisch, der Konsument ist auf klare Deklarationen aber angewiesen. Das muss sich auch der VDP gedacht haben. Schluss mit Durcheinander! Ab Jahrgang 2012 unterliegen alle Weine der zum Verband gehörigen Produzenten einer neuen, konsumentenfreundlicheren Klassifikation. Endlich. Darauf habe ich gewartet.

Die Gründe für eine Neuklassierung reichen bis ins Jahr 1971 zurück. Damals wurden auf einen Schlag alle deutschen Weinbergsflächen – unabhängig von ihrer Lage – als Qualitätsflächen definiert. Quasi die totale Nivellierung. Wenigstens begrifflich. Im gleichen Zug fasste man, ohne Rücksicht auf Qualität der Einzellagen, tausende Anbauflächen zusammen. Die Folgen kann man sich ausmalen: Von der selben Lage, die nun ja keine eindeutige mehr war, stammten fortan, unter gewissen Umständen, Fuselweine, oder auch hochwertige Erzeugnisse. Der Konsument steht einem undurchsichtigen Lagendschungel gegenüber. Danke auch. Die Einführung der sogenannten Grosslagen machte die ohnehin schon komplizierte Situation noch diffuser. Die neu geschaffenen Grosslagen waren und sind bis heute zum einen mit Einzellagen zu verwechseln, und andererseits so gross, dass sie sich über mehrere Ortschaften erstrecken. Auf der Strecke bleiben dabei natürlich unzählige hochwertige Einzellagen und damit der Terroircharakter. Den was hat eine Grosslage schon mit unzähligen, subsummierten und sehr unterschiedlichen Einzellagen zu tun? Nichts. Rein gar nichts.

Trotz diesen einschneidenden Änderungen bezüglich der Lagen, sind es eben paradoxerweise genau nicht diese, welche die Qualität der Weine definieren. Stattdessen muss der Zuckergehalt dafür herhalten. Toll, als ob dies das omnipotente Werkzeug zur Qualitätseinstufung von Wein wäre. Etwa nach dem Motto: Je mehr Zucker, desto besser der Wein. So ein Schwachsinn aber auch. Dies führte unter anderem dazu, dass es immer weniger hochwertige, trockene Weine, also solche mit einem geringen Restzuckergehalt gab. Stattdessen ermöglichten neue Methoden die Herstellung restsüsser Weine, die vorher nur auf natürlichem Weg entstanden sind. Der Markt wurde und wird mit vermeintlicher Qualität überschwemmt. Auch Prädikate, welche ursprünglich vor allem etwas über den Geschmack des Weins aussagten, wandelten sich im Laufe der Zeit vom Geschmacks- zum Qualitätsbegriff. So zum Beispiel die Kennzeichnung Spätlese.

Was will der VDP?

Der Verband Deutscher Prädikatsweingüter hat die Nase voll. Begriffe, welche nicht differenzieren, sondern ganz Unterschiedliches unter einen Hut bringen; Lagen, die nichts mehr über das eigentliche Terroir aussagen und eine Qualitätseinstufung anhand eines fragwürdigen Kriteriums: Da kommt doch kein Schwein mehr draus. Und wenn kein Schwein mehr draus kommt, ist das schlecht für deutschen Qualitätswein, schlecht für den Konsumenten und damit schlecht für den Umsatz. Also den VDP. Innerhalb der gesetzlichen Richtlinien führt der VDP mit Jahrgang 2012 eine neue Klassifizierung ein. Wie funktioniert’s?

Schauen wir uns erst das einfache Pyramidenmodell an:

LagenPyramideVDPJede der Stufen besitzt spezifische, vom VPD festgelegte Qualitätsmerkmale:

VDP Qualitätsstufen

Nochmals zum Mitschreiben: Es gibt vier Qualitätsstufen: Gutswein, Ortswein, Erste Lage und Grosse Lage. Die trockenen Weine sind auch als solche gekennzeichnet. Die fruchtsüssen Weine werden wie gehabt, ja nach Restzuckergehalt, als Kabinett, Spätlese usw. beschriftet. Wohlgemerkt gilt das nur für Weine der VDP-Mitglieder. Ob sich die restlichen Weinproduzenten Deutschlands längerfristig auch zu einem derart durchschaubaren Modell durchringen können, klärt die Zukunft. Bleibt zu hoffen, dass sich der Trend zu konsumentenfreundlicheren Deklarationen auch in anderen Ländern fortsetzt. Das auch Bordeaux, Chianti und Co. nicht immer einfach zu durchschauen sind, konnte man in diesem Blog bereits hier und hier nachlesen.

Für Freunde laufender Bilder noch ein Kurzfilm* zum Schluss. Selbes Thema, anderes Medium. Viel Spass!

*Die doofe Permanentwerbung für die Bürgerspital-Weine bitte einfach ausblenden.

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So much love for Deidesheim

Auf einer Radtour durchs schöne Vorarlberg werden wir letztes Jahr beinahe vom Blitz getroffen. Todesmutig trotzen wir den lokalen Naturgewalten und entdecken ein ursympathisches Lokal und seine Weine. – „Wie kommt er aber vom Vorarlberg nach Deidesheim in der Pfalz?“, wird sich mancher fragen. Etwa mit dem Radl? Nein, mit dem Gaumen liebe Freunde, mit dem Gaumen…

Die österreichische Nahtoderfahrung noch in jedem Nackenhaar spürend, verschlägt es uns in die nächst grössere Ortschaft. Total erschöpft und klatschnass machen wir in Feldkirch Halt. Nach langem hin und her ergattern wir eines der letzten freien Doppelzimmer in einem der Altstadthotels und machen uns auf die Suche nach etwas Essbarem. Dem verzweifelten Durchwühlen von ortsansässigen Mülltonnen nahe, werden wir zufällig auf ein Lokal aufmerksam. Es ist klein und relativ unscheinbar. Sein Name ist St’ill. Ein Glückstreffer, wie sich schon kurz darauf herausstellt.

Klein und fein gibt es sich, das Restaurant an der Ill. Vornehme Zurückhaltung findet man auch beim Personal. Freundlich werden uns zwei Plätze angeboten. Die Angestellten bringen’s im Schnitt auf geschätzte 30 Lenze. Jung und frisch wirkt auch die Philosophie des Restaurants. Sie gefällt uns auf Anhieb. Ich sag‘ nur saisonal, regional, Bio. Sehr schön! Selbst die Weinkarte nimmt darauf Rücksicht. Kein Wein wird mehr als 500 km nach Feldkirch gekarrt; sagt mir meine Erinnerung. – Dass diese nicht immer die zuverlässigste ist, erwähnte ich woanders schon. – Doch zurück zum Thema: Der Weinkeller bietet ausschliesslich Bio-Weine. Dem Personal fliegt unser Vertrauen – quasi von Minute Null an – entgegen, und wir entscheiden uns für ein mehrgängiges Abendessen mit passender Weinbegleitung.

Zum Essen nur soviel: Es ist fantastisch, was uns geboten wird. Geschmacklich, optisch und preislich. Auch die Weine schmecken uns ausgesprochen gut. Ich frage daher am Ende des Abends, ob man uns die zu den einzelnen Gängen gepaarten Traubensäfte nochmals nennen könne. Wir kriegen umgehend eine handschriftliche Liste. Toll! Vielen Dank. Eine Name steht zuoberst: Reichsrat von Buhl.

Deidesheim

Der Innenhof des Deidesheimer Weinguts in der Pfalz

Und zwar der 2010er Riesling Kabinett. Armand heisst er. Zu Hause angekommen, bestelle ich euphorisch sofort zwölf Flaschen davon im deutschen Deidesheim. Schliesslich entkommt man nicht jeden Tag den Launen der Natur. – Das war vor einem Jahr. Der Kabinett hat mich aber auch zu Hause nicht enttäuscht. Im Gegenteil. Der Riesling passt zum Beispiel hervorragend zu würzigen, asiatischen Gerichten. Ein paar Monate später – Verzollungskosten hin oder her – gönne ich mir zusätzlich noch eine Kiste des halbtrockenen 2011er Rieslings namens Julie. Auch dieser ist jeden Cent wert. – Verdammt, die aus der Pfalz haben das echt drauf mit dem Riesling. Es handelt sich zwar nur um einen günstigeren Gutswein, aber auch dieser schmeckt mir sehr gut. Import und Verfügbarkeit hin oder her, Von Buhl ist klasse! „Ich muss unbedingt mal die Weine der Grossen Gewächse checken“, denk ich mir und schenke nochmals ein Glas vom Julie ein.

Schade gibt’s die Weine nicht bei uns zu kaufen. Der UPS möchte ich echt nicht noch mehr Kohle nachwerfen müssen! Aber nächsten Sommer geht’s nach Deutschland in den Urlaub. Garantiert. Und dann werden wir seh’n, wie viele Kisten Riesling ich in den guten, alten Skoda reinkriege. Vier oder fünf müsten’s schon sein, mindestens…