Flaschentester

… schreibt über europäische Weine und verwandte Themen


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Féchy Domaine du Martheray 2011

Käse und Wein gehören irgendwie zusammen. Da trifft es sich gut, dass es in unserem Land an beidem nicht mangelt. Ich entscheide mich wieder mal für ein Nationalgericht: Der Rechaud wird aufgebaut, der Caquelon abgestaubt und der Féchy kaltgestellt. Es gibt Fondue, baby!

Draussen liegt Schnee, es ist kalt und ziemlich dunkel. Die ideale Stimmung also um ein Fondue vorzubereiten. Der Käse schmilzt allmählich vor sich hin, das Brot wartet in Würfelform brav im Körbchen auf seinen Einsatz. Im Kühlschrank liegt ungeduldig ein Féchy im untersten Fach.

Féchy ist eine Ortschaft im Kanton Waadt. Die Ortschaft ist das Synonym für Vaudoiser Weisswein schlechthin. Und zwar vor allem für Chasselas, wiederum ein anderer Begriff für Gutedel. Manche kennen ihn auch als Fendant. So etwa in der Türkei, wo die Rebe vor allem als Tafeltraube angebaut wird.

Patron der Domaine du Martheray ist Philippe Schenk, als Winzer fungiert auf seinem Gut seit 25 Jahren Samuel Brocard. Das Weingut umfasst 16 Hektar und konzentriert sich ausschliesslich auf Weissweine. Die Familie Schenk ist im Schweizer Weinhandel kein unbeschriebenes Blatt. Die 1893 gegründete Aktiengesellschaft mit Sitz in Rolle macht jährlich einen Umsatz von mehreren hundert Millionen Schweizer Franken. Ausserdem liesst sich die Familiengeschichte wie ein Krimi.

DomaineDuMartherey

Die Domaine du Martherey in Féchy. Im Hintergrund der Genfersee.

Aufmerksam geworden bin ich auf den Féchy übrigens im Coop. Ich war wieder mal auf der Suche nach prämierten Weinen und der Waadtländer ist eben genauso einer. Beim Grand prix du vins suisse bekam er 2012 eine Goldmedaille. Ein Argument, das mich zum Kauf bewegt. Die Flasche schaut übrigens so gar nicht nach Weisswein aus. Würde nicht Féchy draufstehen, würde ich auf einen Rotwein tippen.

Ich öffne den Drehverschluss und schenke ein: Er scheint in einem blassen Gelb. Aus dem Glas duftet es herrlich fruchtig. Nach Pfirsich und nach Rosen, auch Honig und Schiefer schwingen mit. Es riecht jung, frisch und mineralisch. Im Mund überrascht der Chasselas durch einen sehr fein strukturierten Körper. Von etwas billigeren Fendants bin ich mir Kräftigeres, Kernigeres gewohnt. Dieser hier ist eine schöne Ausnahme. Er wirkt nicht so aufdringlich und plump, sondern bringt das Frühlingsbouqet auch im Gaumen zur Geltung. Der Weisswein hat eine dezente Süsse. Die Säure ist im Verhältnis dazu ausgezeichnet balanciert. Der Körper ist von mittlerem Gewicht, der Abgang schön lange. Er unterstreicht nochmals die Süffigkeit des Weins. Zum Fondue passt der Wein sehr gut, wird aber sicher von rezenteren Käsesorten geschmacklich platt gemacht.

Einen Tag später: Es gibt Zürigeschnetzeltes im Casa Flaschentester. Vom Féchy ist noch was übrig. Und da kommt die Überraschung des Tages: Diese Kombination gefällt mir sogar noch besser, als die mit dem flüssigen Käse.

Insgesamt kann ich absolut nachvollziehen, warum die Juroren dem Waadtländer Weisswein eine Medaille um den Flaschenhals gehängt haben. Der getestete Féchy ist ein fein strukturierter Weisswein, der sich durch seine Vielschichtigkeit angenehm von der Masse abhebt und schlicht geschmacklich überzeugt. Zu dem Preis sowieso. Ich gebe 17 Punkte.

Féchy Domaine Martheray

Punkte: 17/20
Passt zu: Zürigeschnetzeltem, Fondue, Raclette
Preis: Fr. 12.50

Kaufen kann man den Féchy hier

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Ein Kommentar

Wir sind keine dummen Schafe – Essay

Ich trinke gerne Wein. Viele meiner Zeitgenossen ebenfalls. Manche von ihnen kennen sich aus, andere tun nur so. Die meisten aber trinken aus Spass. Und diesen haben sie unbewusst zu ihrer Doktrin erhoben. Emotional motiviert, nicht intellektuell. Und das ist auch gut so.

Viele Konsumenten sind froh um Beratung und fühlen sich ohne Einschätzungen von Parker, Gabriel und anderen verloren. Auch ich schaue gerne, welche Punktzahlen Weine von Fachpersonen bekommen. Ich bin so dreist, sogar selber welche zu vergeben, ohne vom Fach zu sein. Aber nicht jeder möchte sich mit Wein und seinen Themen näher auseinandersetzen. Viele möchten nur geniessen. Denn der Genuss steht beim Wein im Vordergrund. Dessen war ich mir bis vor kurzem ziemlich sicher. Horcht man aber den Leuten von der Presse, kommt diese Vorstellung heftig ins Wanken. Denn häufig wird der Genuss an Kompetenz gekoppelt. An fachliche wohlverstanden.  – Mich stört das. Da wird nämlich eine Diskussion geführt, die den Kunden ins Zentrum stellt und ihn gleichzeitig ausschliesst. Es geht um den Diskurs um die önologische Mündigkeit des Konsumenten, um die Vorstellung von Fachwissen als Voraussetzung für Genuss. Entschieden wird täglich am journalistischen Gerichtshof. Das Fussvolk darf schweigen.

Schaf2

Keine Lust, für dumm verkauft zu werden? Keine Sorge, anderen geht’s bestimmt auch so.

Als Kunde befinde ich mich mitten im Dilemma der heutigen Konsumgesellschaft: Meine Kauflust wird einem Überangebot frontal ausgesetzt. Dieses dekadente und darum absurde Problem lässt mich immer wieder total überfordert im Regen stehen. Deswegen bin ich manchmal auf Hilfe angewiesen. Ich schätze es von Zeit zu Zeit, wenn mir jemand bei der Entscheidungsfindung hilft, oder – wie häufig beim Wein – wenigstens eine Vorauswahl trifft. Und trotzdem nervt mich nichts mehr, als wenn Journalisten oder andere Fachleute durchblicken lassen, dass sich laut ihrer Wahrnehmung der gemeine Feld-, Wald- und Wiesenkonsument wie ein blindes Huhn durch die Weinlandschaft bewegt. Dass er unselbständig und ignorant ist, und unfähig, von Wein etwas zu verstehen. Er darf zwar kaufen und Weinpäpsten folgen, mehr aber darf er nicht.

Der Konsument als dummes Schaf in einer grossen Herde anderer dummer Schafe. Einer Herde die nicht weiss, wohin es geht und was sie will und die geführt werden will: Zur Religion, zum Produkt, zum guten Geschmack. So das Bild, welches die Presse immer und immer wieder zeichnet.

Ich bin kein Schaf!

Manchmal verfolge ich gerne, was Herr und Frau Fachmann zu sagen haben. Ob ich was von Wein verstehe ist dabei nicht relevant. Ob ich Freude daran habe aber schon. Schliesslich muss ich keinen Riesling von einem Chardonnay unterscheiden können, um festzustellen, ob mir ein Weisswein schmeckt. – Himmelherrgottnochmal, warum suggerieren einem dutzende Artikel und Blogs immer wieder, dass man ohne fundiertes Wissen nicht zur Weinsociety gehört, des Weines nicht würdig ist und sich genauso gut ne Cola genehmigen könnte, da man den Unterschied sowieso nicht schmeckt

Warum beharrt scheinbar jeder, der einen deutschen Satz fehlerfrei auf Papier kriegt, darauf, die absolute Wein-Wahrheit gefunden zu haben? Bio, oder nicht bio, lokal oder international, Burgunder, oder Bordeaux, klassisch oder modern, Parker oder Suckling? ICH entscheide SELBST! Und das jederzeit. Denn ich bin dazu durchaus in der Lage. So wie viele Wein-Konsumenten da draussen auch.

Wir leben nicht mehr in den 80ern. Die Zeiten in denen sich der Weinkosmos des Normalos auf Chianti und Chardonnay beschränkte sind vorbei. Und auch wenn ich Weine mag, von welchen mehr als 200’000 Flaschen jährlich abgefüllt werden, oder mir Traubensäfte schmecken, die in Kleinstmengen produziert werden, hat das weder mit Unwissenheit, Mainstream oder Beeinflussbarkeit zu tun, sondern mit Geschmack, mit Vorlieben, der Verfügbarkeit und – last, but not least – dem vorhandenen Budget. Selbst wenn 326’564 andere Europäer denselben Wein trinken wie ich, dann ist das halt so. Punkt. Die haben nämlich Geschmack. Guten Geschmack sogar. Und auch wenn es das Einzige ist, was sie haben, und wenn ihnen alles Weinwissen der Welt fehlen sollte, ist der Geschmack für sich alleine doch Rechtfertigung genug, Wein zu mögen und zu trinken. Auch ohne Lizenz zum Klugscheissen.

Wann geht das endlich in eure Köpfe rein? Ihr Journalisten, Missionare, Forenschreiber, Doofblogger und Weinkenner!

Hugh, ich habe gesprochen.

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