Flaschentester

… schreibt über europäische Weine und verwandte Themen


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Staatskellerei Zürich – Gamaret 2010

Helvetien sorgt für Aufruhr. Seit der Abstimmung vom 9. Februar ist nichts mehr wie es war. Lawinenartig wälzt sich eines der merkwürdigsten Ergebniße der direkten Demokratie durch alle erdenklichen europäischen Medien. Egal ob Print-, TV- oder Online-Magazine, alle berichten sie darüber: Die Maßeneinwanderungs-Initiative. Abwartend, wie die EU nun reagieren wird, herrscht innenpolitisch längst Chaos. Dahin ist die Heidiland-Idylle, mit einem Schlag weggefegt das Image des verschlafenen, aber stets neutralen Käse- und Kuhstaates. Flaschentester wird nachdenklich. Hat er doch anders abgestimmt. Daß die Schweiz auch beßer kann, zeigt er heute wenigstens in vinophiler Hinsicht. Sozusagen als digitaler Immigrant im grenzenlosen Netz. Als Gastautor auch auf einem Blog jenseits der Alpen. Für einmal etwas politisch, aber doch dem Genuß verpflichtet.

Staatskellerei Zürich 1

Die Kellereien in Rheinau (Quelle).

Die Schweiz ist bunt. Vier Landessprachen, und unzählige landestypische Eigenheiten widerspiegeln eine Gesellschaft, welche sich seit mehr als einer Dekade durch Toleranz und Konsens auszeichnet. Auch die Weinlandschaft zeugt von dieser Vielfalt. Meistens sind es nämlich Kleinstparzellen, welche im gesamten Land von über 30’000 Winzern bewirtschaftet werden. Jede Region hat ihre ureigene Weinbautradition und unzählige Kulturen verschiedenster Rebsorten. Im Tessin sind es vor allem Merlot und Chardonnay, in der Deutschschweiz Pinot Noir und Müller-Thurgau, im Westen zudem Chaßelas, welche angebaut werden. Neben diesen zentralen Sorten, gibt es hierzulande unzählige autochthone, also ursprüngliche Reben und auch einige Neuzüchtungen, welche zum Teil in Kleinstmengen verarbeitet werden. Gamaret ist eine davon. Vor etwas mehr als dreißig Jahren wurde die junge Sorte von der Eidgenößischen Forschungsanstalt für Pflanzenbau in Pully durch die Kreuzung von Gamay und Reichensteiner ins Leben gerufen. Gamaret wird vor allem im Kanton Waadt angebaut, ist zum Teil aber auch in der Zentralschweiz zu finden. Inzwischen werden sogar  in Deutschland Kleinstmengen kultiviert. So zum Beispiel in Württemberg.

Staatskellerei Zürich Kellermeister Werner Georges Kuster

Kellermeister Werner Georges Kuster (Quelle).

Wir schreiben den 9. März. Einen Monat nach dem niederschmetternden Wahlresultat werden die ersten Folgen sichtbar. Flaschentester spricht mit einem Bekannten, welcher an der Universität Zürich arbeitet. Es wird konkret: Erasmus ist – zumindest für die Schweiz – Geschichte und auch die Beteiligung am Forschungsprojekt Horizon 2020 steht auf dem Spiel. Und das ist erst der Anfang. – Warum reden wir hier also noch über Gamaret? Nun, so einer steht eben jetzt vor mir auf dem Tisch. Quasi als Trostwein in einer trostlosen Zeit. Denn den schicksalsschweren Sonntag muß man einfach mit einem entsprechenden Tropfen vom Tisch fegen. Auch einen Monat danach. Wenigstens für einen Abend lang.

Ich koche. Nicht nur innerlich. Es gibt Schweinefilet, Brat-Kartoffeln und Bohnen. Zwischendurch werfe ich nochmals einen Blick auf die Flasche: Jahrgang 2010, 13,5 Volumenprozent. – Ja, 2010 war die Welt noch in Ordnung. Wer hätte gedacht, daß vier Jahre später über fünfzig Prozent aller Schweizer der Initiative einer verkorksten Partei zustimmen? Klar, überfüllte Züge, verstopfte Straßen, steigende Mieten und Grundstückspreise, Zersiedelung, Lohndruck, Kriminalität, und Asylmißbrauch sind reale Probleme. Aber die sind doch nicht so zu lösen! Herrgottnochmal ! ! !

Staatskellerei Zürich Klosterkeller

Klosterkeller: 400 Jahre Tradition (Quelle).

Leicht genervt entferne ich die silberne Kapsel und entkorke. So heftig wie das Wahlresultat ist auch die Keule von Flasche. Burgund läßt grüßen. Drauf steht „Staatskellerei Zürich – Gamaret, Prestige Barrique„. Die Anfänge des Zürcher Produzenten liegen im späten 19. Jahrhundert. Ursprünglich sollte der Betrieb vor allem die ansäßigen Krankenhäuser und Anstalten mit Wein versorgen. Schließlich wurde auch da mal ein Glas getrunken. – Heute beliefern die Zürcher Kellereien freilich andere Märkte. Seit 1997 gehören sie zur Mövenpick Wein AG und sind gegenwärtig einer der größten regionalen Weinproduzenten. Der Betrieb kauft und verarbeitet Trauben von rund neunzig verschiedenen Quellen im ganzen Kanton. Das Sortiment umfaßt Rot-, Weiß- und Schaumweine. Auch Likör und alkoholfreie Traubensäfte werden im idyllischen Örtchen Rheinau produziert. Entgegen der gebräuchlichen Methode Gamaret mit Garanoir, Gamay oder Pinot Noir zu einer Assemblage zu vereinen, befindet sich in dieser Flasche eine sortenreine Abfüllung. Das hat seinen Preis. Zugegeben, der Wein ist nicht billig. Schließlich verlangt gerade Gamaret nach einer guten und damit auch intensiver zu bewirtschaftenden Reblage und vor allem nach einer strengen Selektion des Traubenmaterials. Das macht den Wein teurer. Mißachtet der Winzer diese zwei Umstände ergeben sich häufig krautige, ja sogar kratzende Weine. Und die kauft keiner.

Wir sitzen inzwischen am Tisch. Das Schweinefilet lächelt uns entgegen. Es wird angestoßen: Auf den Dialog! – Daß dieser bitter nötig ist, scheinen einige noch feststellen zu müßen. Ich für meinen Teil werde ruhiger und ruhiger. Der Gamaret entfaltet seine Wirkung. Dunkel und purpurrot liegt er im Glas. Das Bouquet voller schwarzer Beeren und Schokolade. Holz rundet das olfaktorische Spektrum ab. Im Mund schmecke ich Kirschen und Pflaumen. Seine Fruchtigkeit erinnert entfernt an einen jungen Blauburgunder. Der Wein ist füllig, der Abgang stimmt versöhnlich, der Nachhall verstummt angenehm langsam. Ein schönes Stück Schweiz habe ich da im Glas. So müßte sie sein. Individuell, versöhnlich, einladend und von einer inneren Stabilität getragen. Daran erinnert man sich gerne. Der Gamaret macht’s vor. Wenn Politik nur so einfach wäre. Ich gebe 18 Punkte.

Gamaret-Prestige-Barrique_Staatskellerei-ZuerichPunkte: 18/20
Paßt zu: Fleisch, deftigen Speisen, reichhaltigen Speisen
Preis: Fr. 28.- / € 19.50

 

Den Gamaret Prestige Barrique der Staatskellerei Zürich gibt’s bei Mövenpick/Schweiz bzw. Mövenpick/Deutschland zu kaufen.

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Gastbeitrag: Via al Castello, Barolo 2008

Für heute Abend haben sich einige Freunde zu Besuch angekündigt. Uns alle vereint die Liebe zur italienischen Küche. Denn die Kunst dieser Küche ist es, mit einigen wenigen Zutaten ein wunderbares Essen zu zaubern. Dazu braucht man natürlich den passenden Wein. Und da scheint kein anderer geeigneter zu sein, als ein Barolo aus dem südlichen Piemont, dem Paradies der italienischen Genüsse.

Es ist schwer in Italien Regionen nach ihrem Genussgrad zu unterscheiden. Denn die italienische Küche lebt von regionalen Produkten und der weitergegebenen Erfahrung des richtigen Einsatzes dieser. Wenn es im Piemont ein Produkt gibt, welches für diese Region steht, ist es der weiße Alba-Trüffel, eine der edelste aller Trüffelsorten. Ob im Risotto, auf einem Omelett oder zur Pasta, im Piemont gibt es zahlreiche typische Gerichte, in denen der besagte Trüffel zum Einsatz kommt. Aber ebenso ist der Landstrich reich an Weinen, die zu den Besten Italiens gehören. So zum Beispiel Barbera d’Asti, Barbaresco, Nebbiolo d’Alba oder eben Barolo.

Das Piemont (Quelle: http://www.faktorei.ch)

Das Piemont (Quelle: http://www.faktorei.ch)

Im Gegensatz zu anderen großen Rotweinen Italiens handelt es sich beim Barolo um keine Cuvée, das heißt, es werden nicht Weine aus verschiedenen Trauben verschnitten, sondern es entsteht ein sortenreiner Rotwein, gekeltert aus der Nebbiolo-Traube. Vergoren wird der Wein traditionell bis zu 24 Tage mit Schalenkontakt in großen Eichenfässern. Das sorgt für eine massive Konzentration der Aromen, allerdings auch für einen sehr hohen Tanningehalt. Das wiederum hat zur Folge, dass Barolo im Normalfall sehr lange haltbar ist und erst nach einer gewissen Flaschenreife getrunken werden kann. Denn mit der Lagerung werden die Tannine im Allgemeinen weicher. Heutzutage wird das Gärungsverfahren in den Eichenfässern oft verkürzt, damit der Wein schneller seine Trinkreife erlangt. Schliesslich möchte nicht jeder Konsument den Wein nach dem Kauf einlagern.

Eine Stunde, bevor meine Kochfreunde sich angekündigt haben, beginne ich bereits, die erste Flasche zu dekantieren. Zwar sind bei einem 08er bereits sechs Jahre ins Land gezogen, dennoch habe ich vor diesem Wein einen gewissen Respekt. Schliesslich  wird er sich uns allen gleich offenbaren. – Nachdem ich die letzten Einkäufe in die Küche gebracht habe, klingelt es an der Türe. Jetzt kann es losgehen. Da wir uns nicht zum ersten Mal treffen, sind die Aufgaben schnell verteilt. Zwiebeln und Gemüse schneiden, Fleisch würzen und anbraten. Das Einschenken bleibt mir überlassen. Und so beginnen wir, uns bereits beim Kochen mit einem Glas Wein auf den Abend einzustimmen. Und bei alledem fällt uns auf, wie gut der Barolo von Via al Castello schmeckt. Das Bouquet ist würzig-holzig, leicht fruchtig-kirschig. Der Wein ist reich an Aromen. Pfeffrig, würzig und pflaumig schmeckt er am Gaumen. Einer der Gäste erahnt gar dunkle Schokolade. Gleichzeitig ist der Barolo überaus voluminös und reich an Tanninen. Genau das Richtige in der Winterzeit und ein Traum zu Pasta an einer kräftigen Sauce. Ein weiterer Gast bemerkt, dass wir dem Wein vielleicht noch ein, zwei Jahre im Keller hätten geben können. Meiner Meinung nach ist er jetzt bereits schon sehr gut trinkbar und zu unserem Gericht absolut passend.

Am Ende des Abends sind wir uns alle einig: Es war ein gelungenes Treffen mit vorzüglichem Wein, hervorragender, selbstgemachter Pasta und guten Gesprächen mit alten Freunden. Das sollten wir auf jeden Fall wiederholen. Wir einigen uns darauf, dies nächsten Winter in die Tat umzusetzen. Alleine schon um zu testen, wie sich der Barolo bis dahin in den übrig gebliebenen Flaschen entwickeln wird, – ein Wein, der für uns zum Inbegriff des Barolos schlechthin geworden ist. Der Preis von € 12,99 bewegt sich ausserdem für einen Barolo absolut im bezahlbaren Rahmen. Wir sind zufrieden und vergeben 16 Punkte.

4311605484314Punkte: 16/20
Passt zu: Pasta mit herzhafter Sauce, Risotto, deftigen Fleischgerichten
Preis: € 12,99

 

Den 08er Barolo der Via al Castello gibt es im Weinhandel Schäpers/Deutschland und bei Edeka.

 

 

 

Über den Autor

Hans-Jürgen SchwarzerHans-Jürgen Schwarzer ist mit seinem Sinn und seiner Liebe zu gutem Wein und gutem Essen geradezu prädestiniert, darüber zu schreiben. Dies tut er auf dem Blog http://www.edelste-weine.de/. Wobei er sich selbst eher für einen Liebhaber guter Weine, denn als ultimativer Weinkenner, hält. Insgesamt kann man ihn als Freund der schönen Dinge im Leben bezeichnen. Neben seiner Liebe zu den leiblichen Genüssen, weicht er keiner Leckerei aus und hat ein besonderes Faible für alles, was die Musen den Künstlern eingeben. Hier besonders für die impressionistische Musik und die Malerei. Er ist ein großer Liebhaber des Komponisten Maurice Ravel und der Maler Vincent Van Gogh, Édouard Manet und auch einsamer Wölfe wie Max Beckmann.