Flaschentester

… schreibt über europäische Weine und verwandte Themen


Hinterlasse einen Kommentar

Kurz angenippt: Cantine Settesoli – Seligo Rosso Sicilia IGT 2012

Notizen

In der Nase Kirschen, Rosmarin und Vanille. Auch etwas Leder, ferner ein Hauch Gummi. Die Farbe ist Schwarzrot, aufhellend am Rand. Am Gaumen füllt der Wein angenehm, schöne Säureintegration, fast schon süsslich. Holz, Teer, Leder, sprittige Note bei zu kalter Temperatur merklich vorhanden und etwas störend. Ebenfalls ein vegetabiles Spektrum vorhanden: Waldboden (Pilze, Moos), nasser Erdboden. Insgesamt rund, fruchtig, versöhnlich. Mittelschwerer Körper, weiche Tannine und ein angenehmer Abgang, gefolgt von einem fruchtigen Nachhall. Das Dekantieren kann man sich schenken. Der Wein passt zu Schweinefilet und vor allem Pasta sehr gut. Allerdings sollte man die Flasche austrinken und nicht im Kühlschrank über Nacht stehen lassen. Der Süditaliener ist dafür nicht geeignet. Das Preis-Leistungsverhältnis ist sehr gut. Der Seligo Rosso ist ein unkomplizierter Italiener, eine gefällige, allgemein verträgliche Cuvée aus Shyraz und Cabernet Sauvignon. Vinifiziert wird der Rote in Sizilien, und zwar vom grössten italienischen Produzenten – Cantine Settesoli. Ich gebe 14- 15 Punkte.

Settesoli Seligo Rosso

Unter der Rubrik kurz angenippt findest du Weine, welche mir irgendwo über den Weg liefen, aber nicht genauer getestet werden konnten. Die Notizen sind kurz und knapp, die Punktevergaben eher als Anhaltspunkt, denn als absolutes Mass anzusehen. Die Weine werden daher auch nicht in den Charts gelistet.

Advertisements


Ein Kommentar

Château Segonzac – Heritage 2006

Cahuzac, Sarkozy, Dépardieu: Als ob Frankreich nicht schon an personellen Problemfällen gesättigt wäre, beschliessen gewisse prominente Weinkreise des Landes Anfang dieses Jahres einen Frontalangriff auf französischen Biowein. Daraufhin gönne ich mir – etwas nachdenklich – ein Glas eines 06ers aus dem Bordelais. So viel vorsätzliche Böswilligkeit will schliesslich erst einmal weggespült werden.

Auf Anfang: Scharf geschossen wird im Januar von zwei erklärten Bio-Opponenten: Den Weinkritikern Michel Bettane und Thierry Desseauve. Die beiden veröffentlichen im französischen Magazin Terre de Vins einen Artikel, in dem sie zum Schluss kommen, dass Biowein „insgesamt eine Utopie sei“. Es handle sich dabei sogar um organisierten Betrug, wenn sich hinter diesen Produkten die Begriffe „natürlich“ oder „authentisch“ verbergen würden. Diese und ähnliche Meinungen vertreten sie neben dem Artikel auch auf ihren Blogs. Hauptsache der französische Biowein wird schön gemächlich und in aller Öffentlichkeit in die Pfanne gehauen. Brisant an der Sache: Bettane und Desseauve sind in der französischen Weinszene keine Unbekannten, sondern die Herausgeber des überaus populären Weinführers Grand Guide des vins de France 2012. Also zwei Autoritäten ihres Fachs, gewissermassen die etwas kleiner geratenen Hugh Johnsons oder Robert Parkers von Frankreich.

Eine Reaktion auf die Vorwürfe lässt nicht lange auf sich warten. Alain Réaut, Leiter der französischen Vereinigung der Biowinzer, antwortet auf die schriftliche Kriegserklärung der beiden Meinungsmacher mit einem offenen Brief. Darin hält er in erster Linie fest, dass für Biowein ein rechtlicher Rahmen existiert. Bio ist weder Utopie, noch Täuschung oder Hokuspokus. So Réaut sinngemäss. Die Verwendung des Begriffs sei genauso an nationale und europäische Standards gebunden und werde genauso staatlich überwacht, wie die Kategorien AOC, AOP, IGP oder STG. Zudem kommen bei der Produktion französischer Bioweine einzig Schwefel, Kupfer und Kalk zum Einsatz. Herbizide, Kunstdünger und synthetische Pestizide würden nicht verwendet werden. So viel zum Begriff natürlich. Bio stehe in erster Linie für die Einhaltung von Produktionsnormen. Dass Bioweine grundsätzlich besser schmecken würden, als herkömmlich produzierte Weine, werde nicht behauptet und der Konsument folgerichtig auch nicht getäuscht.

FrankreichsProblemfälle

Frankreichs Unruhestifter: Gerard Dépardieu, Nicolas Sarkozy, Michel Bettane und Jérôme Cahuzac (v.l.n.r.)

Ironie der Geschichte: Just am 21. Februar veröffentlicht das Online-Portal Yoopress die Meldung, dass die bei französischen Weinen ermittelten Pestizidwerte besorgniserregend seien. Vor allem die Tatsache, dass neunzig Prozent aller getesteten Weine Pestizidrückstände aufweisen, hallt durch ganz Europa. Da hat sich eine ganze Industrie samt ihrer Verfechter für einmal wohl selber in den Fuss geschossen. Ich lehne mich – nicht ganz ohne Schadenfreude – zurück und trinke einen staatlich verifizierten und garantiert pestizidfreien Bio-Franzosen vom Rive Droite, welcher mir kürzlich von einem guten Bekannten als Präsent überreicht worden ist.

Glücklicherweise mehren sich den Unkenrufen von Bettane und Desseauve zum Trotz, auch rund um Bordeaux die Bio-Winzer: Bel-Air la Royère, Fonroque, Peyrou, Clos Plince, Moulin du Cadet, Gombaude-Guillot und Pontet-Canet sind nur einige der Châteaux, welche ohne künstliche Wundermittelchen qualitativ hochwertige Weine auf stetem Niveau produzieren. Auch in der bisher von Weintrinkern- und Journalisten eher stiefmütterlich behandelten Region Premières-côtes-de-blaye am nordöstlichen Ufer der Gironde werden Bioweine produziert. Zum Beispiel auf Château Segonzac. Das Gut liegt fünfzig Kilometer nördlich von Bordeaux, nahe des Städtchens Blaye. Gegründet bzw. gebaut wurde es bereits 1887 von einem ehemaligen Agrarminister Frankreichs – Jean Dupuy. Etwas mehr als hundert Jahre später übernahm schliesslich der Schweizer Jacques Marmet das Weingut. Heute leiten seine jüngste Tochter Charlotte Herter-Marmet und ihr Mann Thomas den Betrieb. Nach diversen Modernisierungen wurde der Betrieb schliesslich auf biologischen Anbau umgestellt. Die Gesamtfläche beträgt fünfzig Hektar, wovon siebzehn dazugepachtet werden. Neben zwei Weissweinen und einem Sekt, wird in unseren Breitengraden vor allem den Rotweinen des Guts je länger, je mehr Beachtung geschenkt. Auch der deutsche Weinblogger Dirk Würz stiess 2011 bei seiner Suche nach bezahlbaren Bordeaux auf eine Flasche der Marmets.

Vor mir steht heute ein 2006er Château Segonzac Heritage auf dem Tisch. Es handelt sich um einen Cru Bourgeois. Auf der Flasche steht Bordeaux Supérieur, ein Hinweis auf die Appellation. Der Wein hat 13.5 Volumenprozent. Gekeltert wurde er aus Cabernet Sauvignon und Merlot. Die Selektion ergab einen Ertrag von vierzig Hektolitern pro Hektar, die Trauben wurden teils maschinell, teils von Hand gelesen. Das für den Heritage verwendete Material variiert jedoch von Jahr zu Jahr. So ist zum Beispiel der 2007er ein sortenreiner Malbec, zwei Jahre später kam stattdessen Petit Verdot zum Einsatz. Ausgebaut wurde der 2006er während achtzehn Monaten in Barriquen von mittlerer Toastung.

Segonzac

Château Segonzac im Winter

Beim Einschenken sticht sofort das wunderschön dichte Dunkelviolett ins Auge. Man sieht nicht durchs Glas hindurch. Der Wein riecht gut. Vor allem der hohe Merlot-Anteil macht sich positiv bemerkbar. Dazu gesellt sich der Duft von Laub, Heu und Veilchen. Ich lasse dem Wein ein wenig Zeit. Schliesslich probiere ich. Am Gaumen identifiziere ich Lakritze, und Pflaume. Auch der wohl dosierte Barrique-Einsatz hinterlässt seine holzig-röstigen Noten. Der Wein schmeckt auf Anhieb sehr feingliedrig und elegant. Die jugendliche Frucht hat er sich trotz seiner sieben Jahre Reifezeit erhalten. Auch im Mund schmeichelt der Merlot. Die Säure ist zunächst noch etwas dominant, die Tannine sind ebenfalls deutlich vorhanden und noch etwas sperrig. Frucht und Würze halten sich ungefähr die Waage, wobei letztere leicht überwiegt. Pilz- und Laubnoten runden das Geschmacksspektrum ab. Trotz seiner hohen Adstringenz entbehrt der Bordeaux nicht einer gefährlichen Süffigkeit. Der Abgang ist fruchtig, sogar leicht süsslich. Der Wein zeigt hier Schmelz. Erstaunlicherweise viel mehr als am Gaumen.

Die Flasche steht einige Stunden im etwas kühleren Arbeitszimmer. Am späten Abend, schenke ich mir erneut ein Glas ein. Der Wein ist nun runder, weicher und intensiver. Säure und Tannine sind weit weniger aufdringlich als noch vor einigen Stunden. Der Franzose macht jetzt bedeutend mehr Spass. Einen Tag später dann das letzte Glas: Der Wein hat seinen Zenit erreicht und ist kurz davor ihn zu überschreiten. Trotzdem: Diese Flasche kann man definitiv über Nacht aufbewahren. Bei uns verbrachte sie die Nacht vakuumiert im Kühlschrank. Geschadet hat’s dem Wein nicht. Im Gegenteil, der Heritage bot uns am Folgetag eine Geschmacksfacette mehr. Wer hätte das gedacht?

Fazit: Der Rotwein aus dem Hause Segonzac zeigt, dass auch die Châteaux der Premières-côtes-de-blaye grosses Potenzial haben. Er überzeugt durch Ausgewogenheit und eine sehr feine Struktur. Es ist kein Wein, der protzt. Füllige Boliden muss man in anderen Appellationen suchen. Marmets Heritage ist ein Wein für Finessentrinker und Liebhaber leichterer Bordeaux. Ausserdem mag er Luft und eine entsprechend lange Vorlaufszeit. Mich hat er überzeugt. Ich gebe 17 Punkte.

 

Chateau-Segonzac

Punkte: 17/20
Passt zu: Fleischgerichten
Preis: Fr. 24.90

Weine des Château Segonzacs kriegt man bei Zweifel – Wy zum Turm oder videli.de


Hinterlasse einen Kommentar

Kopp von der Crone Visini – Vigoria Merlot 2010

Draussen wirbelt’s seit Tagen Schnee um die Häuser. Alkohol soll bekanntlich ja wärmen. Also wird’s wieder mal Zeit, eine Flasche zu entkorken. Mir ist nämlich kalt. Ein Schweizer soll es sein. Da ich auf Pinot Noirs oder westliche Weisse gerade keinen Bock habe, reise ich innerlich gen Süden und köpfe einen Tessiner Merlot.

Er stammt vom Gut Kopp von der Crone Visini. Mit der Betriebsgründung erfüllen sich eine promovierte Agronomin und ihr Mann 1994 den gemeinsamen Traum vom eigenen Reb- und Weinbau. Das Ehepaar zieht von Zürich ins Tessin. Ab 2002 arbeitet die verwitwete Anna Barbara von der Crone dann fortan mit dem befreundeten Winzer Paolo Visini zusammen. Vier Jahre später werden ihre beiden Betriebe unter einem Dach vereint. Die gemeinsame Cantina befindet sich südlich von Lugano, in Barbengo. Das Weingut hat mit seinen sieben Hektaren helvetische Durchschnittsgrösse. Die Reben liegen in Mendrisiotto, Luganese und Bellinzonese. Also im ganzen Tessin verstreut. Laut eigener Aussage legen Von der Crone und Visini grossen Wert auf einen möglichst schonenden Umgang mit der Natur und die Förderung der Biodiversität. Es ist ihre Überzeugung, „…dass sich eine nachhaltige Bewirtschaftung auch in der Qualität der Trauben niederschlägt.“ So erklärt sich auch der Umstand, dass die Winzergemeinschaft grosse Parzellenteile als Nützlingslebensraum bestehen bleiben lässt.

Barbengo

Auch in Barbengo soll’s manchmal schneien.

Insgesamt elf Weine werden von Anna Barbara und Paolo gekeltert. Darunter vier sortenreihe Merlots und drei auf Merlot und Cabernet Sauvignon basierende Cuvées. Beim Irto und beim Scala kommt zusätzlich Petit Verdot zum Einsatz. Beim Balin erweitert Arinarnoa den Wein um Fleisch, Säure und Würze. Aber auch vier sortenreine Weissweine und Weisswein-Cuvées (aus Viognier, Chardonnay, Kerner, Sauvignon blanc), Grappa und Likör werden auf dem Gut produziert. Viognier ist übrigens eine Rhone-typische Sorte, Kerner eine Kreuzung von Trollinger und Riesling und Arinarnoa eine Neuzüchtung aus Bordeaux. Für letztere standen Merlot und Petit Verdot Pate. Angesichts der Gesamtfläche der bewirtschafteten Reben ist das Sortenspektrum erstaunlich vielfältig. Möglich macht dies vor allem der Umstand, dass sich im Tessin die Bodenverhältnisse auf kleinem Raum sehr stark unterscheiden.

Kaum habe ich den Vigoria gekauft, setze ich mich vor meine Apfelkiste und surfe zu Hause neugierig ein wenig durch’s Netz. Google sagt mir, dass sich scheinbar zahlreiche St. Galler Händler auf die Weine dieses Guts eingeschworen haben. Neben Martel und Zweifel führen Lanz und Mövenpick ebenfalls Flaschen aus Barbengo in ihrem Sortiment. Auch Robert Parker bzw. einer seiner Verkoster lässt grüssen: Der Tinello vom selben Gut gehört laut David Schildknecht zu den besten Schweizern 2012. Schön.

Dekantiert habe ich den Wein nicht. Ich schenke ein. Der Wein scheint dunkelrot. Die Nase ist herrlich intensiv. Ein toller Merlot-Duft strömt einem entgegen. Man riecht sortentypisch vor allem Pflaume und Kirsche. Nachdem ich das Weinglas ein wenig schwenke, erreichen auch die schwereren Kräuternoten mein Riechorgan. Toll. Ich könnte stundenlang so weiter machen: Riechen – Schwenken – Riechen – Freuen. Schliesslich entscheide ich mich doch noch dafür, das Bouquet zu verlassen und einen ersten Schluck zu nehmen. Zum Glück! Denn das Wetter meinte es 2010 gut mit den Reben in Barbengo. Im Mund wirkt der Tessiner weich, vollmundig und fruchtig. Eine spannende, irgendwie enge, aber dennoch nicht unangenehme Säure verleiht ihm zudem Charakter. In der Regel kann man Merlot jung geniessen. So auch diesen. Die Tannine sind unaufdringlich. Die Frucht beherrscht das Geschehen. Als Essenspaarung zum Vigoria muss wieder mal Pasta mit Fleischsauce herhalten. Und auch an diesem Abend wird deutlich, wie Wein und Essen sich gegenseitig intensivieren können. Wunderbar. Ein Erlebnis!

Cantina_004

Vigoria 2010: Gährung im Stahltank, Ausbau in Eichenfässern.

Obwohl der Körper Saft hat, gar fleischig ist, erreicht der Vigoria nicht diesselbe Fülle wie Merlots aus südlicheren Gebieten. Das soll kein Vorwurf sein. S’ist halt einfach so. Der Wein schmeckt. Er hat was Eigenständiges, er hat Frucht, Würze und ein einladendes Bouquet. Auch der Abgang ist sehr angenehm, der Nachhall mehr würzig, als fruchtig. Trotzdem polarisiert der Tessiner. – Warum? Entweder man mag Schweizer Merlot, oder nicht. Ein Zwischendrin gibt’s nicht. Kein Solala, kein durchschnittlich, oder geht so. Auch im Casa Flaschentester bestätigt sich dieser Eindruck: Die Hälfte der agierenden Testerinnen und Tester ist dem Wein sehr zugeneigt, die andere würde ihn nicht nochmals kaufen. Ich für meinen Teil finde ihn toll. Punkt.

Fazit: Kopp von der Crone Vinsini’s Vigoria ist ein schöner Rotwein zu einem für Schweizer Massstäbe sehr anständigen Preis. Er kann jung getrunken werden; entweder für sich alleine, oder am besten zu klassischer Tomaten-Fleisch-Pasta und ähnlich deftigen Gerichten. Geschmacklich punktet er durch ein wunderbar duftendes Bouquet, die omnipräsente Merlot-Frucht, und einen eigenständigen, aber trotzdem geschmeidigen Charakter. Ich gebe 17 Punkte.

VigoriaMerlot2010

Punkte: 17/20
Passt zu: Pasta, Gegrilltem, Deftigem
Preis: Fr. 21.-

Den Tessiner Merlot kriegt man bei Martel. Auch Zweifel, Simone Lanz und Mövenpick führen Weine der Cantina Kopp von der Crone Visini.


2 Kommentare

Château de Cardaillan Graves AOC 2009

2009 war ein Spitzenjahr für Bordeaux. Da sind sich alle Autoritäten einig. In solchen Jahren werden die aufgrund strengerer Selektion sowieso schon guten Weine grosser Châteaux noch besser. Am meisten profitieren aber vor allem Weine weniger bekannte Produzenten mit geringerem Renommée. Und genauso einer ist der Château de Cardaillan.

Das Weingut liegt im Gebiet Graves, süd-südöstlich der Stadt Bordeaux. Das Château de Cardaillan gehört nicht zu den klassifizierten Betrieben der Appellation. Die Weine des Châteaus sind lediglich AOC-zertifiziert. Was zwar etwas über die Güte der Produktionskette aussagt, aber nicht über die Qualität des Produkts. Aber das Thema hatten wir ja schon mal bei einem anderen Wein. Zurück zum Text: Nach einem Bordeaux-Degustationsnachmittag bei Mövenpick, bin ich auf alles vorbereitet, komme, was wolle. Kurz vor 17.30 Uhr öffne ich die Flasche und schenke ein. Wie erwartet gibt sich der Wein noch verschlossen. Ich warte. Zweieinhalb Stunden später – pünktlich zum Abendessen – ist es dann so weit: Der De Cardaillan ist trinkbereit.

Die Trinktemperatur wird von Coop mit 16 – 18 Grad Celsius, die Genussreife bis maximal 2016 angegeben. Der Franzose wird zu gleichen Teilen aus Cabernet Sauvignon und Merlot vinifiziert. Er scheint in einem wunderschönen, dunklen Rubinrot mit violetten Reflexen und schwarzem Kern. Die Nase weckt Erwartungen. Das Boquet ist enorm beerig, ansprechend mit Kräutern und Lakritze ausgestattet, und unterstreicht die Herkunft des Weines auf eine feine, seidige Art. Es riecht nach Bordeaux. Schön. Beim letzten Wein war das leider anders.

Im Mund dann ebenfalls Würze und Frucht – Thymian, Waldpilze, Cassis, Holunder, dunkle Beeren, Fass, etwas Tabak. Der Wein ist gut balanciert, der Körper für einen Bordeaux eher leicht und frisch. Jugendliche Säure ist zwar vorhanden, aber nicht weiter störend. Noch ein, zwei Jahre und auch diese wird abnehmen. Die Tannine sind samtig eingebetet. Der Abgang bringt nochmals Erinnerungen an Wald und Vegetabiles, der Nachhall beendet das Rotweinerlebnis elegant und harmonisch. Bei alledem schwebt von Anfang bis Schluss die Herkunft geschmacklich eindeutig mit. Das gefällt mir.

Wie ich in einem anderen Artikel erwähnt habe, sind Rotweine aus den Graves oft der Inbegriff des klassischen Bordeaux. Sie sind schlank, elegant, harmonisch, bieten eine frische Fruchtigkeit und können oft auch schon jung getrunken werden. All diese Attribute treffen auch auf den Château de Cardaillan zu. Einzig die jugendliche Säure könnte etwas reduzierter rüberkommen. Ansonsten handelt es sich um einen recht ordentlichen, jungen Bordeaux, der aber unbedingt eine intensive Sauerstoffwäsche benötigt, bevor man ihn geniessen kann. Auch der Preis ist fair. Ich gebe 15 Punkte.

ChâteauDeCardaillan09

 

Punkte: 15/20
Passt zu: Kalbsgeschnetzeltem mit Wildreis an Balsamico-Reduktion
Preis: Fr. 13.90

Den Château de Cardaillan 2009 gibt’s im Coop Gallusmarkt, den 2010er online. Über den 2008er gab’s unlängst einen Artikel in der NZZ.


Hinterlasse einen Kommentar

Bordeaux für lau? Château Pey La Tour 2010

Bordeaux-Weine stellen relativ hohe Anforderungen an den Konsumenten. Die beliebten Franzosen sind meistens nicht gerade billig, man muss sie einige Jahre lagern und es gibt vom Essigwein bis zur überragenden Abfüllung eines Spitzenchâteaus so ziemlich jede Qualität aus jeder Appellation. Um was Ordentliches ins Glas zu kriegen, ist ein nicht zu unterschätzender zeitlicher und finanzieller Effort nötig. Und das nervt. Manchmal wenigstens.

Aufatmen: Es gibt auch Ausnahmen. So machen Weine wie der Château Macard Mut. Zeigt dieser doch auf, dass es auch preiswerte Bordelaiser Rotweine gibt, die schmecken und die man schon jung geniessen kann. Hoffnungsvoll mache ich mich auf die Suche nach vergleichbaren Tropfen gleicher Herkunft. Mein Streifzug beginnt im Coop Gallusmarkt. Dort entdecke ich in den Regalen einige tiefpreisige Bordeaux aus den schönen Jahrgängen 2009 und 2010. Kurzentschlossen greife ich zu einer Flasche Pey La Tour, einem Rotwein für etwas weniger als zehn Franken. Auf dem Hals steckt ein Kartonhütchen, darauf abgedruckt eine hübsche Silbemedaille. Scheinbar hat der Wein beim französischen Concours de Macon eine Auszeichnung erhalten. Mal sehen, ob diese auch etwas wert ist.

Zu Hause angekommen, dekantiere ich den jungen Wein eine Stunde vor dem Abendessen. Nachdem ich eingeschenkt habe, halte ich mein Riechorgan ins Glas. Die Nase ist relativ lahm: Etwas Vanille, reichlich Cassis und weitere dunkle Beeren duften einem entgegen. Der erste Eindruck lässt keinen Bordeaux vermuten. Es könnte genausogut ein Spanier im Glas sein. Im Mund gesellt sich zu Vanille und Beerenfrucht vor allem Würze. Der trockene Rotwein hat einen leichten, aber etwas ungestümen und holzigen Körper. Er wirkt unbalanciert. Jugendliche Säure ist zudem reichlich vorhanden, und auch die Bitterstoffe sind recht dominant. Der Abgang ist kurz, der Nachhall flüchtig. Trotz Einsatz Terroir-typischer Rebsorten (Merlot, Cabernet Sauvignon, Cabernet Franc und Petit Verdot) schmeckt der Franzose weder in Mund noch Nase nach Bordeaux. Schade, ich hatte mir etwas mehr erwartet. Auch für zehn Franken.

Aber auch Positives gibt es zu berichten: Zum Essen schmeckt er nämlich recht ordentlich, der Pey La Tour. Auf der Speisekarte stehen im Casa Flaschentester ein Filetsteak vom Rind an Morchelsauce, dazu Bratkartoffeln und Karotten. Das passt, – überraschend gut sogar.

Fazit: Wer auf der Suche nach einem preiswerten, aber ansprechenden Bordeaux ist, sollte eine andere Flasche wählen. Denn der Château Pey La Tour entspricht leider so gar nicht den Erwartungen an einen Rotwein aus diesen Breitengraden. Dieser Franzose ist kein Wein, der ohne passendes Gericht auskommt. Dafür schmeckt er zu charakterlos, zu 0815 und austauschbar für meinen Geschmack. Auch das unangenehme Mundgefühl (Säure, Bitterstoffe) disqualifiziert ihn als Wein für gemütliche Abende. Entschliesst man sich trotzdem, eine Flasche zu probieren, sollte man den Bordeaux frühzeitig dekantieren. Von meiner Seite gibt’s keine Medaille. Und wenn, höchstens eine lederne. So viel also zur Aussagekraft der französischen Prämierung. S’ist halt nicht überall Bordeaux drin, wo Bordeaux* draufsteht. Ich bin enttäuscht und gebe 12 Punkte.

ChateauPeyLaTour

 

Punkte: 12/20
Passt zu: Dunklem Fleisch an deftiger Sauce
Preis: Fr. 9.90

Den Château Pey La Tour 2010 kann man hier kaufen.

 

 

 

 

* Obwohl diese leicht bekleidete Dame beim Verkosten eines 2007ers da wohl anderer Meinung zu sein scheint: http://goo.gl/RMsY5

Ts, ts, Sachen gibt’s.


Hinterlasse einen Kommentar

Kurz angenippt: Alma Mora, Cabernet Sauvignon, 2008

Seit kurzem findet ihr unter der Rubrik kurz angenippt Weine, welche mir irgendwo über den Weg liefen, aber nicht genauer getestet werden konnten. Die Notizen sind kurz und knapp, die Punktevergaben eher als Anhaltspunkt, denn als absolutes Mass anzusehen. Die Weine werden daher auch nicht in den Charts gelistet.


Hinterlasse einen Kommentar

Château Tour de Mirambeau Rosé 2010

Der Valentinstag rückt näher. Auch dieses Jahr wird der Tag der Liebenden die Allgemeinheit in drei Gruppen spalten: Die einen interessiert er nicht, die anderen sehen ihn als Bestätigungsakt ihrer Beziehung und die letzten nehmen ihn zähneknirschend zur Kenntnis, weigern sich aber, einen verkommenen, weil von Händlern instrumentalisierten, Brauch zu würdigen. Ich seh’s pragmatisch. Als Anlass schön zu kochen und Wein zu trinken taugt er alleweil. Die Liebe blüht – hoffentlich – auch an anderen Tagen.

Ganz ehrlich: Ich kann mich nicht erinnern, wann und wo ich den letzten Rosé getrunken habe. Lang lang ist’s her. Irgendwie habe ich dieses Zwischending von Wein sowieso nie ganz ernst nehmen können. Mal schauen, ob sich das ändert. Ich bin guter Dinge. Schliesslich habe ich für mich persönlich den Februar zum Rosé-Monat erklärt. Alles angeschnallt, ein neues Special beginnt!

Herz

Die Weine mit der zarten Farbe sind stark im Kommen. Das sagt auch die Statistik. Und die lügt bekanntlich selten. In Deutschland ist nämlich bereits jede zehnte getrunkene Flasche ein Rosé. Vor einigen Jahren brachte es dieser gerade mal auf maximal zwei Prozent Marktanteil. Heute sind es fünfmal mehr. Meine erste Frage lautet daher nicht, kauft denn jemand überhaupt Rosé, sondern wie wird dieser hergestellt?

Ganz einfach, theoretisch zumindest: Man nimmt rote, seltener auch blaue Trauben. Diese werden zunächst erst einmal zermahlen (gemaischt). Nach ein paar Stunden wird ein Teil des Safts von der Maische getrennt. Das Verfahren wird auch Saignée genannt. Der Rosé entsteht quasi als Nebenprodukt von Rotwein. Die Weiterverarbeitung erfolgt wie bei Weissweinen. Das einfachere Mischen von Rot- mit Weissweinen ist übrigens bei der Rosé-Herstellung – in Europa – nicht zulässig. Diese Methode bleibt ausschliesslich Rosé-Schaumweinen vorbehalten. So, das wäre geklärt. Weiter im Text:

Mein Rosé-Special beginnt mit einem klangvollen Namen. Vor mir steht eine Flasche Château de Mirambeau. Erhältlich ist dieser bei Mövenpick. Eben dort hatte ich kürzlich die Qual der Wahl zwischen einer Flasche vom 2010er, oder einer 2011er. Wie hättest du entschieden? Genau, das dachte ich mir auch, und nahm den 2010er.

Das Château ist seit über 250 Jahren im Besitz der Familie Despagne. Auch die ersten Reben wurden in dieser Zeit auf den lokalen Stein- und Lehmböden bereits angebaut. Zu Beginn wurden zwanzig Hektare bewirtschaftet, heute sind es siebzig. Das Schloss liegt im Entre-Deux-Mers, zwischen den Flüssen Garonne und Dordogne. Geführt wird es von Thibault Despagne, als Kellermeister zeichnet sich Joe Elissalde verantwortlich. Der Alkoholgehalt des Rosés beträgt 12%. Vinifiziert wurde er aus Cabernet Sauvignon, also aus roten Trauben.

Beginnen wir mit der Farbe: Der Franzose zeigt sich in einem mittelkräftigen Rosa, beinahe schon lachsfarben. Schön schaut er aus. Das Bouquet bringt Zitrusfrüchte, Veilchen, Lavendel, Frühlingsblumen, Gras. Es richtig zudem vor allem nach schwarzen Beeren. Auch einen Hauch von Erdbeere, Honig, und reifer Melone kann ich erkennen. Streckenweise werden Erinnerungen an den überaus exotischen Thieuley wach. Im Mund vereinen sich alle Komponenten erneut zu einem komplexen, äusserst fruchtigen und erfrischenden Wein. Der Rosé hat etwas Provencales. Ständig schwingen diese feinen, aber überaus konzentrierten Kräuteressenzen mit. Der Körper ist leicht. Der relativ kurze Abgang bringt Zitrussäure und ist etwas herb.

Der Château de Mirambeau ist ein gelungener Rosé. Er ist frisch, er ist interessant, er schmeckt. Er passt zu Fisch, Thai-Curry, wie auch Kalbfleisch-Gerichten. Als Apéro bei sommerlichen Temperaturen macht er sicher ebenfalls eine gute Figur*. Bis dahin dauert’s aber noch einige Monde. Auf der Schattenseite stehen die ein wenig zu dominante Zitrussäure, so wie der leicht sperrige Abgang. Der Preis stimmt allerdings. Ich gebe 16 Punkte.

Château Tour de Mirambeau Rosé 2010

Punkte: 16/20
Passt zu: Fisch, Kalb, asiatischen Gerichten
Preis: momentan Fr. 13.80

Kaufen kann man den Rosé hier

*P.S. Für den optimalen Genuss empfiehlt sich eine Trinktemperatur von 9 – 13 Grad Celsius. Die Aussentemperaturen dürfen gerne auch über 25 Grad liegen.