Flaschentester

… schreibt über europäische Weine und verwandte Themen


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Torre alle Tolfe, Chianti Colli Senesi, DOCG, 2011

Flaschentesters Fuss braucht Physiotherapie. Gott sei Dank, denn auf dem Weg in den Nordosten der Stadt, mache ich Halt bei Amiata. Da war ich schliesslich noch nie. Zehn Minuten später und um drei Flaschen reicher, trete ich wieder in die Pedale meines E-Bikes. Fuss hin oder her, geköpft wird heute ein Italiener. Quasi als alternativmedizinische Massnahme. Mal schauen, was meine Krankenkasse dazu meint.

Die Existenz von Amiata unterstreicht einmal mehr den bereits länger wachsenden Trend zu mehr Biowein. Schliesslich bietet der St. Galler Händler nur solchen an. Das Geschäft mit der wohl hübschesten Thekenhüterin aller lokalen Weinhandlungen ist klein, sehr klein sogar. Vorne findet man den Kassenbereich, rechts einige Regale mit den angebotenen Flaschen, in der Mitte einen langen Tisch mit allerlei Büchern, CD’s und anderem Krimskrams. That’s it. Sympathisch ist das allemal.

Da stehe ich nun im Laden, zücke meine Notizen und frage nach den entsprechenden Weinen. Wie üblich habe ich zu Hause – online – eine Vorauswahl getroffen. Das Angebot ist übersichtlich und gut selektioniert. Leider ist das Ladensortiment aber nicht deckungsgleich mit demjenigen des Online-Shops. Was soll’s. Es sind zum Teil nicht unerhebliche Kleinigkeiten. Vor allem einzelne Jahrgänge und Aktionspreise differieren. Eigentlich wollte ich ja was von Wittmann eintüten, aber im heimischen Kühlschrank warten schon ungeduldig Van Volxem, Von Buhl und Sauer auf eine Verkostung. Also lasse ich mir stattdessen einen Portugiesen, einen Südfranzosen und einen Chianti des Weinguts Torre alle Tolfe einpacken. Besitzer des Letzteren ist Marco Castelli, für die eigentliche Weinproduktion zeichnet sich Sergio LoJacono verantwortlich. Die Jahresproduktion beträgt nicht einmal 40’000 Flaschen. Der Betrieb liegt in Siena. Gerade mal zwei Rotweine, ein Olivenöl und ein Grappa werden hier biodynamisch erzeugt. Gleichzeitig werden auch Ferienhäuser und Apartments an Touristen vermietet. So weit, so klar.

Sergio LoJacono

Sergio LoJacono hat gut lachen: Sein Chianti schmeckt.

Einige Tage vergehen und eines Abends steht wieder einmal die alles entscheidende Frage im Raum: Kochen oder bestellen? Ein Anruf und dreissig Minuten Wartezeit später, steht der Kurier vor der Türe. Den Chianti habe ich kurz nach dem Telefonat mit dem Pizzaladen dekantiert. Nach dem letzten, sagen wir mal Chianti-Erlebnis, bin ich gespannt, fast etwas nervös. Bio-Wein aus Italien, kann das was werden?! Ehrlich gesagt erwarte ich nicht allzu viel.

Einige Momente später: Herrlich, wie der Wein duftet. Ganz Sangiovese, wirbeln Cassis, Pflaume und Veilchen empor. Es riecht süsslich, Erinnerungen an Eingemachtes werden wach. Auch Holz, etwas Lakritze und Rosmarin lassen sich ausmachen. Die Farbe gefällt. Der Wein sprudelt rubinrot aus dem Dekanter. Nach einem ersten Schluck wird klar, dass sich der Weg zu Amiata gelohnt hat. Der Wein überzeugt durch seine fruchtige, durchaus üppige Art. Er wirkt aber keineswegs überladen, sondern stets kontrolliert. Sein Körper ist von mittlerem Gewicht. Sehr schön ist diese tolle Fruchtsäure und die zarten Tannine. Beide fügen sich perfekt in das Gesamtspektrum ein. Nach erneutem Verkosten erkenne ich vegetabile Noten und einen äusserst wohl dosierten Holzeinsatz. Der Abgang bringt Würze und nochmals etwas Marmelade, der Nachhall gefällt ohne Wenn und Aber. Toll!

Auch die Essenspaarung harmoniert. Dieser Chianti passt sehr gut zu meiner Salamipizza. Seine Dichte hält bestimmt auch würzigeren Pasta-Gerichten stand. Der Rotwein ist trinkanimierend, klar und unkompliziert und doch nicht von dieser belanglosen Süffigkeit, welche viele einfachere italienische und spanische Tischweine mit sich bringen. Marco Castelli hat definitiv ganze Arbeit geleistet. Bravo! Der Colli Senesi schmeckt mir ausserordentlich gut, das Preis-Leistungsverhältnis ist fantastisch. Ich gebe verdiente 18 Punkte.

torre_alletolfe

Punkte: 18/20
Passt zu: Pasta, Pizza
Preis: Fr. 14.50 / € 9.85

Den Chianti Colli Senesi 2011 von Torre alle Tolfe gibt’s bei Amiata oder Belvini/Deutschland.

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Château Segonzac – Heritage 2006

Cahuzac, Sarkozy, Dépardieu: Als ob Frankreich nicht schon an personellen Problemfällen gesättigt wäre, beschliessen gewisse prominente Weinkreise des Landes Anfang dieses Jahres einen Frontalangriff auf französischen Biowein. Daraufhin gönne ich mir – etwas nachdenklich – ein Glas eines 06ers aus dem Bordelais. So viel vorsätzliche Böswilligkeit will schliesslich erst einmal weggespült werden.

Auf Anfang: Scharf geschossen wird im Januar von zwei erklärten Bio-Opponenten: Den Weinkritikern Michel Bettane und Thierry Desseauve. Die beiden veröffentlichen im französischen Magazin Terre de Vins einen Artikel, in dem sie zum Schluss kommen, dass Biowein „insgesamt eine Utopie sei“. Es handle sich dabei sogar um organisierten Betrug, wenn sich hinter diesen Produkten die Begriffe „natürlich“ oder „authentisch“ verbergen würden. Diese und ähnliche Meinungen vertreten sie neben dem Artikel auch auf ihren Blogs. Hauptsache der französische Biowein wird schön gemächlich und in aller Öffentlichkeit in die Pfanne gehauen. Brisant an der Sache: Bettane und Desseauve sind in der französischen Weinszene keine Unbekannten, sondern die Herausgeber des überaus populären Weinführers Grand Guide des vins de France 2012. Also zwei Autoritäten ihres Fachs, gewissermassen die etwas kleiner geratenen Hugh Johnsons oder Robert Parkers von Frankreich.

Eine Reaktion auf die Vorwürfe lässt nicht lange auf sich warten. Alain Réaut, Leiter der französischen Vereinigung der Biowinzer, antwortet auf die schriftliche Kriegserklärung der beiden Meinungsmacher mit einem offenen Brief. Darin hält er in erster Linie fest, dass für Biowein ein rechtlicher Rahmen existiert. Bio ist weder Utopie, noch Täuschung oder Hokuspokus. So Réaut sinngemäss. Die Verwendung des Begriffs sei genauso an nationale und europäische Standards gebunden und werde genauso staatlich überwacht, wie die Kategorien AOC, AOP, IGP oder STG. Zudem kommen bei der Produktion französischer Bioweine einzig Schwefel, Kupfer und Kalk zum Einsatz. Herbizide, Kunstdünger und synthetische Pestizide würden nicht verwendet werden. So viel zum Begriff natürlich. Bio stehe in erster Linie für die Einhaltung von Produktionsnormen. Dass Bioweine grundsätzlich besser schmecken würden, als herkömmlich produzierte Weine, werde nicht behauptet und der Konsument folgerichtig auch nicht getäuscht.

FrankreichsProblemfälle

Frankreichs Unruhestifter: Gerard Dépardieu, Nicolas Sarkozy, Michel Bettane und Jérôme Cahuzac (v.l.n.r.)

Ironie der Geschichte: Just am 21. Februar veröffentlicht das Online-Portal Yoopress die Meldung, dass die bei französischen Weinen ermittelten Pestizidwerte besorgniserregend seien. Vor allem die Tatsache, dass neunzig Prozent aller getesteten Weine Pestizidrückstände aufweisen, hallt durch ganz Europa. Da hat sich eine ganze Industrie samt ihrer Verfechter für einmal wohl selber in den Fuss geschossen. Ich lehne mich – nicht ganz ohne Schadenfreude – zurück und trinke einen staatlich verifizierten und garantiert pestizidfreien Bio-Franzosen vom Rive Droite, welcher mir kürzlich von einem guten Bekannten als Präsent überreicht worden ist.

Glücklicherweise mehren sich den Unkenrufen von Bettane und Desseauve zum Trotz, auch rund um Bordeaux die Bio-Winzer: Bel-Air la Royère, Fonroque, Peyrou, Clos Plince, Moulin du Cadet, Gombaude-Guillot und Pontet-Canet sind nur einige der Châteaux, welche ohne künstliche Wundermittelchen qualitativ hochwertige Weine auf stetem Niveau produzieren. Auch in der bisher von Weintrinkern- und Journalisten eher stiefmütterlich behandelten Region Premières-côtes-de-blaye am nordöstlichen Ufer der Gironde werden Bioweine produziert. Zum Beispiel auf Château Segonzac. Das Gut liegt fünfzig Kilometer nördlich von Bordeaux, nahe des Städtchens Blaye. Gegründet bzw. gebaut wurde es bereits 1887 von einem ehemaligen Agrarminister Frankreichs – Jean Dupuy. Etwas mehr als hundert Jahre später übernahm schliesslich der Schweizer Jacques Marmet das Weingut. Heute leiten seine jüngste Tochter Charlotte Herter-Marmet und ihr Mann Thomas den Betrieb. Nach diversen Modernisierungen wurde der Betrieb schliesslich auf biologischen Anbau umgestellt. Die Gesamtfläche beträgt fünfzig Hektar, wovon siebzehn dazugepachtet werden. Neben zwei Weissweinen und einem Sekt, wird in unseren Breitengraden vor allem den Rotweinen des Guts je länger, je mehr Beachtung geschenkt. Auch der deutsche Weinblogger Dirk Würz stiess 2011 bei seiner Suche nach bezahlbaren Bordeaux auf eine Flasche der Marmets.

Vor mir steht heute ein 2006er Château Segonzac Heritage auf dem Tisch. Es handelt sich um einen Cru Bourgeois. Auf der Flasche steht Bordeaux Supérieur, ein Hinweis auf die Appellation. Der Wein hat 13.5 Volumenprozent. Gekeltert wurde er aus Cabernet Sauvignon und Merlot. Die Selektion ergab einen Ertrag von vierzig Hektolitern pro Hektar, die Trauben wurden teils maschinell, teils von Hand gelesen. Das für den Heritage verwendete Material variiert jedoch von Jahr zu Jahr. So ist zum Beispiel der 2007er ein sortenreiner Malbec, zwei Jahre später kam stattdessen Petit Verdot zum Einsatz. Ausgebaut wurde der 2006er während achtzehn Monaten in Barriquen von mittlerer Toastung.

Segonzac

Château Segonzac im Winter

Beim Einschenken sticht sofort das wunderschön dichte Dunkelviolett ins Auge. Man sieht nicht durchs Glas hindurch. Der Wein riecht gut. Vor allem der hohe Merlot-Anteil macht sich positiv bemerkbar. Dazu gesellt sich der Duft von Laub, Heu und Veilchen. Ich lasse dem Wein ein wenig Zeit. Schliesslich probiere ich. Am Gaumen identifiziere ich Lakritze, und Pflaume. Auch der wohl dosierte Barrique-Einsatz hinterlässt seine holzig-röstigen Noten. Der Wein schmeckt auf Anhieb sehr feingliedrig und elegant. Die jugendliche Frucht hat er sich trotz seiner sieben Jahre Reifezeit erhalten. Auch im Mund schmeichelt der Merlot. Die Säure ist zunächst noch etwas dominant, die Tannine sind ebenfalls deutlich vorhanden und noch etwas sperrig. Frucht und Würze halten sich ungefähr die Waage, wobei letztere leicht überwiegt. Pilz- und Laubnoten runden das Geschmacksspektrum ab. Trotz seiner hohen Adstringenz entbehrt der Bordeaux nicht einer gefährlichen Süffigkeit. Der Abgang ist fruchtig, sogar leicht süsslich. Der Wein zeigt hier Schmelz. Erstaunlicherweise viel mehr als am Gaumen.

Die Flasche steht einige Stunden im etwas kühleren Arbeitszimmer. Am späten Abend, schenke ich mir erneut ein Glas ein. Der Wein ist nun runder, weicher und intensiver. Säure und Tannine sind weit weniger aufdringlich als noch vor einigen Stunden. Der Franzose macht jetzt bedeutend mehr Spass. Einen Tag später dann das letzte Glas: Der Wein hat seinen Zenit erreicht und ist kurz davor ihn zu überschreiten. Trotzdem: Diese Flasche kann man definitiv über Nacht aufbewahren. Bei uns verbrachte sie die Nacht vakuumiert im Kühlschrank. Geschadet hat’s dem Wein nicht. Im Gegenteil, der Heritage bot uns am Folgetag eine Geschmacksfacette mehr. Wer hätte das gedacht?

Fazit: Der Rotwein aus dem Hause Segonzac zeigt, dass auch die Châteaux der Premières-côtes-de-blaye grosses Potenzial haben. Er überzeugt durch Ausgewogenheit und eine sehr feine Struktur. Es ist kein Wein, der protzt. Füllige Boliden muss man in anderen Appellationen suchen. Marmets Heritage ist ein Wein für Finessentrinker und Liebhaber leichterer Bordeaux. Ausserdem mag er Luft und eine entsprechend lange Vorlaufszeit. Mich hat er überzeugt. Ich gebe 17 Punkte.

 

Chateau-Segonzac

Punkte: 17/20
Passt zu: Fleischgerichten
Preis: Fr. 24.90

Weine des Château Segonzacs kriegt man bei Zweifel – Wy zum Turm oder videli.de


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Kopp von der Crone Visini – Vigoria Merlot 2010

Draussen wirbelt’s seit Tagen Schnee um die Häuser. Alkohol soll bekanntlich ja wärmen. Also wird’s wieder mal Zeit, eine Flasche zu entkorken. Mir ist nämlich kalt. Ein Schweizer soll es sein. Da ich auf Pinot Noirs oder westliche Weisse gerade keinen Bock habe, reise ich innerlich gen Süden und köpfe einen Tessiner Merlot.

Er stammt vom Gut Kopp von der Crone Visini. Mit der Betriebsgründung erfüllen sich eine promovierte Agronomin und ihr Mann 1994 den gemeinsamen Traum vom eigenen Reb- und Weinbau. Das Ehepaar zieht von Zürich ins Tessin. Ab 2002 arbeitet die verwitwete Anna Barbara von der Crone dann fortan mit dem befreundeten Winzer Paolo Visini zusammen. Vier Jahre später werden ihre beiden Betriebe unter einem Dach vereint. Die gemeinsame Cantina befindet sich südlich von Lugano, in Barbengo. Das Weingut hat mit seinen sieben Hektaren helvetische Durchschnittsgrösse. Die Reben liegen in Mendrisiotto, Luganese und Bellinzonese. Also im ganzen Tessin verstreut. Laut eigener Aussage legen Von der Crone und Visini grossen Wert auf einen möglichst schonenden Umgang mit der Natur und die Förderung der Biodiversität. Es ist ihre Überzeugung, „…dass sich eine nachhaltige Bewirtschaftung auch in der Qualität der Trauben niederschlägt.“ So erklärt sich auch der Umstand, dass die Winzergemeinschaft grosse Parzellenteile als Nützlingslebensraum bestehen bleiben lässt.

Barbengo

Auch in Barbengo soll’s manchmal schneien.

Insgesamt elf Weine werden von Anna Barbara und Paolo gekeltert. Darunter vier sortenreihe Merlots und drei auf Merlot und Cabernet Sauvignon basierende Cuvées. Beim Irto und beim Scala kommt zusätzlich Petit Verdot zum Einsatz. Beim Balin erweitert Arinarnoa den Wein um Fleisch, Säure und Würze. Aber auch vier sortenreine Weissweine und Weisswein-Cuvées (aus Viognier, Chardonnay, Kerner, Sauvignon blanc), Grappa und Likör werden auf dem Gut produziert. Viognier ist übrigens eine Rhone-typische Sorte, Kerner eine Kreuzung von Trollinger und Riesling und Arinarnoa eine Neuzüchtung aus Bordeaux. Für letztere standen Merlot und Petit Verdot Pate. Angesichts der Gesamtfläche der bewirtschafteten Reben ist das Sortenspektrum erstaunlich vielfältig. Möglich macht dies vor allem der Umstand, dass sich im Tessin die Bodenverhältnisse auf kleinem Raum sehr stark unterscheiden.

Kaum habe ich den Vigoria gekauft, setze ich mich vor meine Apfelkiste und surfe zu Hause neugierig ein wenig durch’s Netz. Google sagt mir, dass sich scheinbar zahlreiche St. Galler Händler auf die Weine dieses Guts eingeschworen haben. Neben Martel und Zweifel führen Lanz und Mövenpick ebenfalls Flaschen aus Barbengo in ihrem Sortiment. Auch Robert Parker bzw. einer seiner Verkoster lässt grüssen: Der Tinello vom selben Gut gehört laut David Schildknecht zu den besten Schweizern 2012. Schön.

Dekantiert habe ich den Wein nicht. Ich schenke ein. Der Wein scheint dunkelrot. Die Nase ist herrlich intensiv. Ein toller Merlot-Duft strömt einem entgegen. Man riecht sortentypisch vor allem Pflaume und Kirsche. Nachdem ich das Weinglas ein wenig schwenke, erreichen auch die schwereren Kräuternoten mein Riechorgan. Toll. Ich könnte stundenlang so weiter machen: Riechen – Schwenken – Riechen – Freuen. Schliesslich entscheide ich mich doch noch dafür, das Bouquet zu verlassen und einen ersten Schluck zu nehmen. Zum Glück! Denn das Wetter meinte es 2010 gut mit den Reben in Barbengo. Im Mund wirkt der Tessiner weich, vollmundig und fruchtig. Eine spannende, irgendwie enge, aber dennoch nicht unangenehme Säure verleiht ihm zudem Charakter. In der Regel kann man Merlot jung geniessen. So auch diesen. Die Tannine sind unaufdringlich. Die Frucht beherrscht das Geschehen. Als Essenspaarung zum Vigoria muss wieder mal Pasta mit Fleischsauce herhalten. Und auch an diesem Abend wird deutlich, wie Wein und Essen sich gegenseitig intensivieren können. Wunderbar. Ein Erlebnis!

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Vigoria 2010: Gährung im Stahltank, Ausbau in Eichenfässern.

Obwohl der Körper Saft hat, gar fleischig ist, erreicht der Vigoria nicht diesselbe Fülle wie Merlots aus südlicheren Gebieten. Das soll kein Vorwurf sein. S’ist halt einfach so. Der Wein schmeckt. Er hat was Eigenständiges, er hat Frucht, Würze und ein einladendes Bouquet. Auch der Abgang ist sehr angenehm, der Nachhall mehr würzig, als fruchtig. Trotzdem polarisiert der Tessiner. – Warum? Entweder man mag Schweizer Merlot, oder nicht. Ein Zwischendrin gibt’s nicht. Kein Solala, kein durchschnittlich, oder geht so. Auch im Casa Flaschentester bestätigt sich dieser Eindruck: Die Hälfte der agierenden Testerinnen und Tester ist dem Wein sehr zugeneigt, die andere würde ihn nicht nochmals kaufen. Ich für meinen Teil finde ihn toll. Punkt.

Fazit: Kopp von der Crone Vinsini’s Vigoria ist ein schöner Rotwein zu einem für Schweizer Massstäbe sehr anständigen Preis. Er kann jung getrunken werden; entweder für sich alleine, oder am besten zu klassischer Tomaten-Fleisch-Pasta und ähnlich deftigen Gerichten. Geschmacklich punktet er durch ein wunderbar duftendes Bouquet, die omnipräsente Merlot-Frucht, und einen eigenständigen, aber trotzdem geschmeidigen Charakter. Ich gebe 17 Punkte.

VigoriaMerlot2010

Punkte: 17/20
Passt zu: Pasta, Gegrilltem, Deftigem
Preis: Fr. 21.-

Den Tessiner Merlot kriegt man bei Martel. Auch Zweifel, Simone Lanz und Mövenpick führen Weine der Cantina Kopp von der Crone Visini.


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Frohe Ostern: Biokult Zweigelt Rosé 2011

Etwas uninspiriert kaufe ich neulich einen Rosé. Ein Grüner Veltliner desselben Labels hat mich schon lange als einfacher Saufwein überzeugt. Der Rosé soll’s jetzt auch tun. Nach der Verkostung sitze ich wieder mal vor einem leeren Blatt digitalen Papiers. Ein Artikel will geschrieben werden. Meine Recherchen beginnen. Nicht lange, und ich bin um eine Erkenntnis reicher: Bio ist Bio, und Coop ist Delinat. – Hä? Und was hat das eigentlich alles mit Ostern zu tun? Gemach, gemach.

Gehörst du auch zu den Konsumenten, die Wein aufgrund des Etiketts aussuchen? Dann sind dir die Weine des Biokult-Labels bestimmt schon aufgefallen. Die hübschen Flaschen gehören zu Coop’s Naturaplan-Linie. Es sind relativ preiswerte Weine. Und es steht fett Bio drauf. In den Regalen des Grossverteilers findet man einen Zweigelt, den erwähnten Grünen Veltliner und den hier getesteten Rosé. Ausser Bio haben sie vor allem eins gemeinsam: Den Preis. Jede Flasche kostet exakt genau gleich viel. Nämlich elf Franken und fünfzig Rappen. Strategie? Subvention? Wahnsinn? Man weiss es nicht.

WeinEi

Schatz ich hab‘ ein Ei gefunden: So schön kann Ostern sein.

Erzeugt wird der Biokult-Rosé auf dem Weingut der Michlits. Dieses befindet sich im beschaulichen Pamhagen. Also in Niederösterreich. Es handelt sich übrigens um den grössten Biowein-Betrieb Österreichs. Die umtriebige Familie produziert in erster Linie die bei uns recht beliebten Meinklang-Weine. Das Traubenmaterial für die Biokult-Abfüllungen stammt jedoch von Bio-Winzern aus der Gegend. Biokult ist ein Gemeinschaftsprojekt unter dem Hut des gleichnamigen Labels. Der Michlitsbetrieb ist für die Vinifizierung zuständig. – Meinklang-Produkte kriegt man in unseren Breitengraden bei Delinat, Biokult bei Coop. Beides ist Bio, beides stammt vom gleichen Gut. Na ja, das eine voll und ganz, das andere, was die Weinbereitung betrifft. Anderes Geschäft, gleiche Baustelle, gewissermassen. So viel also zum Eingangstext.

Zurück zum Thema: Für den Rosé muss die Nationaltraube unserer Nachbarn – Blauer Zweigelt – herhalten. Der Ertrag wird mit sechzig hl/ha angegeben. Für diese Preisklasse also eine Ernte im üblichen Rahmen.

Die Vinifizierung des Rosés erfolgt traditionell. Die Reifung erfolgt während sieben Monaten im Stahltank. Aber Werner Michlit hat auch eierförmige Tanks. Jawohl, eierförmig. Hab‘ ich doch noch die Kurve zu Ostern gekriegt. Ha! – Der Winzer ist davon überzeugt, dass die Natur mit dem Beton-Ei eine ideale Form für die Reifung gefunden hat. Die speziellen Tanks nach französischem Vorbild, sollen eine reiche Aromenentfaltung und höchstmögliche, natürliche Stabilität bzw. Balance aller Komponenten gewährleisten.

Nun, auch ohne Ei-Einsatz ist in Niederösterreich ein ordentlicher Rosé herangereift. Im Glas scheint er in einem sehr ausgeprägten Granatrot. Das Bouquet duftet intensiv nach Pfirsich. Jawohl Pfirsich! Und nicht Zweigelt-Kirsche, wie in der Degu-Notiz auf dem Etikett steht. Spontan erinnert mich der Duft, und auch der Geschmack, an jugendliche Erfahrungen mit Pesca Frizz. Im Mund schmettert der Biokult-Wein einem ebenfalls intensivste Frucht entgegen. Sehr angenehm beim ersten Schluck, etwas langweilig bei den folgenden. Ausser Pfirsich, leichter Süsse und Frischegefühl kommt nämlich nicht mehr viel nach. Der Körper ist leicht, der Abgang kurz, der Wein süffig. Punkt. Aus. Ende.

Fazit: Der Biokult-Rosé erreicht leider bei weitem nicht die Geschmacksdichte eines Tour de Mirambeaus oder einer von Daniel Lloses Abfüllungen. Trotzdem weiss er durch seine direkte, schlichte und ungekünstelte Art zu gefallen. Ein Land-Rosé, sozusagen. Bei uns gibt’s einen Fitnessteller mit paniertem Kalbsschnitzel dazu. Diese Kombination geht ganz ordentlich über die Bühne. Als Apérowein, für Bowlen oder zu frischen, frühlingshaften und leichten Gerichten passt der Biokult-Rosé bestimmt auch ganz gut. Der Preis ist attraktiv. Die Pfirsichfrucht ebenfalls. Ich gebe 14 Punkte.

BiokultRosé

Punkte: 14/20
Passt zu: Fitnesstellern, leichten Gerichten, Apéros, Bowlenattacken
Preis: Fr. 11.50

Der Biokult-Rosé steht bei Coop in den Regalen. Die Meinklang-Weine der Michlits gibt’s bei Delinat oder www.probiowein.de 


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Brathendl-Wein: Preisinger Basic 2009

Liebes Tagebuch, unser Ausflug von neulich hat sich gelohnt. Einmal mehr durften wir österreichische Gastfreundschaft hautnah erleben. Neben hervorragenden Speisen, zeigte sich wieder mal, dass es unglaublich fein gearbeitete österreichische Weine gibt, welche von uns jungen Kehlen noch entdeckt werden wollen. So einer war der 011er Zweigelt von Claus Preisinger. – Notiz an mich: Begib‘ dich zu Hause unverzüglich auf die Suche nach den schlichten Flaschen des jungen Winzers aus dem Burgenland!

Einige Wochen später: Mit Fahrrad und Hoffnung ausgestattet, durchstöbere ich lokale Weinhandlungen. Fündig werde ich im Globus. Da finden sich einige von Claus‘ Flaschen in den Regalen. Der 011er Zweigelt leider noch nicht. Der kommt die Tage. – Warten? Ne, kommt nicht in die Tüte. Um die Zeit zu überbrücken, pack‘ ich schon mal drei Flaschen vom Basic auf meinen Drahtesel.

Preisinger Weingut

Claus Preisingers Weingut – Eine Augenweide

An gewöhnlichen Wochentagen wird bei Flaschentesters meistens bodenständig gekocht. So auch neulich. Es ist Mittwochmittag. Nach einem kurzen Frühlingsversuch, entschliesst sich das Wetter heute doch lieber nochmals vorzuführen, was Schnee ist. Draussen ist es nass, kalt und grau. Aus der Küche strömt bereits ein herrlicher Duft in die restlichen Räume. Es riecht fantastisch! Schnell noch rasch in den Keller und ne Flasche Roten raufgeholt. Es gibt Brathendl.

Hühnchen, Kartoffeln und Salat stehen auf dem Tisch. Der Wein ist einigermassen temperiert. Ich schenke ein. Toll, dieses Dunkel-Violett. Ehrlich, schon die Farbe begeistert. Freudig nehme ich eine Nase voll: Sehr gefälliges Bouquet. Ich rieche intensivste Pflaume, etwas Kirsche, einen Kräutermix aus Rosmarin und Lavendel, Sprit, Leder und Holz. Im Mund dann sanfte Tannine, leicht beerig-marmeladiger und dennoch würziger Körper, toll integrierte Säure, geringe Adstringenz, ein relativ kurzer Abgang, und zum Schluss ein fruchtig-würziger Nachhall. Der Basic schmeckt auf Anhieb. Er ist durch und durch unkompliziert und hat trotzdem Charakter. Eben ein saftig-trinkiger Alltagswein, der bestimmt zu vielen ländlichen Gerichten passt. Auch ohne Essen, kann man ihn gut geniessen. Zur Produktion so viel: Die Trauben (90% Zweigelt, 10% St.Laurent) für den Basic stammen – laut Winzer – übrigens aus jeweils perfekt entsprechenden Lagen und Weingärten im Westen und Osten des Neusiedler Sees. Gelesen wurde in der ersten Septemberwoche. Die Vorselektion erfolgte im Weingarten, im Weingut wurde dann nachsortiert. Es folgte eine Spontangärung im Tank, mit anschliessendem Ausbau in Eichenfässern auf eigener Hefe, für den Zeitraum von zehn Monaten.

Fazit: Der österreichische Rotwein vom Neusiedlersee zeigt, dass es auch im unteren Preissegment tolle Bio-Weine gibt. An den 2011er Zweigelt aus dem selbem Haus kommt er meiner Meinung nach nicht ran. Trotzdem gehört Preisingers Basic zu den erfreulichsten Alltags-Roten, welche ich in letzter Zeit im Glas hatte. Toll! Ich gebe verdiente 16 Punkte.

Preisinger Basic

Punkte: 16/20
Passt zu: Bodenständiger Küche
Preis: Aktionspreis Fr. 10.00 statt 16.80 / € 7.29

Claus Preisingers Weine gibt’s im Globus und bei Pfanner & Gutmann

 


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Rustikaler Italiener: San Michele a Torri – Chianti Colli Fiorentini DOCG 2010

Irgendwie tun mir die Italiener ja leid. – Die Leute, nicht die Weine. Da schaffen sie ihren selbstverliebten und machtsüchtigen Cavaliere ab, nur um ihn einige Zeit später wieder im Wahlkampf anzutreffen. Schuld daran sind ein politisches System und eine Parteienlandschaft, welche kaum noch jemand an der Basis versteht. Ganz ähnlich verhält es sich mit italienischen Weinen und ihren Deklarationen. Bestes Beispiel dafür: Der Chianti.

Das Klassifizierungen bei Weinen mitunter kompliziert sind, habe ich ja schon beim Thema Bordeaux aufzuzeigen versucht. Beim Chianti verhält es sich ganz ähnlich. Zum einen wird das Chianti genannte Gebiet – ähnlich dem Bordelais – nämlich in einzelne Anbauflächen aufgeteilt, zum anderen werden die dort produzierten Weine in ein Zertifikatssystem eingereiht, welches Gutes will, aber nicht immer einfach zu durchschauen ist.

Chianti Anbaugebiete

Die Anbauflächen des Chiantis liegen in der Toskana. Das Gebiet erstreckt sich von Pisa bis Montalcino. Neben dem meist hochwertigen Chianti Classico wird die Region heute offiziell in sieben Provenienzen* unterteilt:

  • Chianti Rufina (Pontassieve)
  • Chianti Colline Pisane (Pisa)
  • Chianti Montalbano (Carmignano)
  • Chianti Colli Fiorentini (Florenz)
  • Chianti Colli Senesi (Siena)
  • Chianti Aretini (Arezzo)
  • Chianti Montespertoli

Klassifiziert werden italienische Weine aufgrund der Qualitätsstufen vini da tavola, IGT (Indicazione Geografica Tipica), DOC (Denominazione di Origine Controllata) und DOCG (…e Garantita). Das DOC-System wurde Anfang der Sechzigerjahre in Anlehnung an das französische AC-System eingeführt, um qualitativ hochwertigere Weine von den gewöhnlichen „Tafelweinen“ abzugrenzen. Natürlich auch mit dem Ziel nachhaltige Qualitäten italienischer Weine zu produzieren. Wobei bis heute die beiden Labels vor allem für höchste Qualität in der Produktion stehen. Es ist unumstritten, dass die Toskana auch hervorragende Weine ohne Zertifikat hervorbringt. DOC und DOCG stehen nämlich nicht per se für Spitzenweine. Auch hier wird die Parallele zu Frankreich offensichtlich: Klassifizierungen sagen nur begrenzt etwas über die Qualität von Weinen aus. Auch in Italien. Bei DOC und DOCG-Produkten hat man aber wenigstens die Gewissheit um ordentliche Produktionsmethoden. So zum Beispiel auch bei Käse und Olivenöl, welche eines dieser Labels tragen.

Bei Weinen spezifiziert das DOC-Label unter anderem die zugelassenen Anbaugebiete, die Rebsorten, den Maximalertrag pro Hektar, den zulässigen Alkoholgehalt und vieles mehr. DOCG-Weine dürfen ausserdem nur vor Ort abgefüllt werden. Der Höchstbetrag pro Gebinde umfasst fünf Liter. Italien kennt insgesamt siebzig Weine, welche diesen Spezifikationen entsprechen. Darunter viele bekannte Namen wie Brunello di Montalcino, Amarone della Valpolicella oder Barbera d’Asti. Spitzenweine findet man – wie erwähnt – vor allem bei Flaschen mit dem Aufruck Chianti Classico. Grundsätzlich werden Chiantis immer aus Sangiovese-Trauben erzeugt. Oft sind sie reinsortig hergestellt, manchmal werden sie durch Beigabe von Trebbiano und Malvaisa jedoch auch früher trinkreif gemacht. Die Vorschrift, das Chianti auch einen gewissen Anteil weisser Trauben enthalten soll, wurde glücklicherweise überwunden. Auch die typischen Bastflaschen findet man heute nicht mehr flächendeckend. Schade eigentlich.

Erzeuger des getesteten Colli Fiorentinis und Besitzer der Fattoria San Michele ist Paolo Nocentini. Laut eigener Aussage verfolgt er ein Ideal: Den „guten alten“ traditionellen Chianti. Die Sangiovesestöcke lässt er dafür extra in einer Baumschule aus Reisern eines 80 Jahre alten eigenen Weinberges nachzüchten, weil er sicher ist, dass diese besser sind, als die modernen Klone. Entsprechend niedrig ist allerdings der Ertrag. – Aber nicht nur Sangiovese bildet das Material für diesen Chianti. Dazu gesellen sich noch 15 Prozent Canaiolo und fünf Prozent Colorino.

San Michele a Torri

San Michele a Torri in Scandicci nahe Florenz

Und tatsächlich, Nocentinis Chianti schmeckt durch und durch traditionell. Er ist sehr trocken, herb und besitzt eine deutliche Restsäure. Insgesamt wirkt er etwas hölzern, hat aber ausreichend Frucht. Der Wein ist lebhaft und tanninreich, bringt aber trotzdem eine schöne Samtigkeit – vor allem im Abgang. Das Bouquet ist sehr intensiv. Es erinnert ein wenig an Glühwein, Orangen, Gewürze, Beeren und diverse vegetabile Erdtöne. Die Farbe ist ein ausgeprägtes, fast glühendes Granatrot. Romanin meint, dass er zu Pasta passe. Das kann ich absolut nachvollziehen. Wobei mir der kürzlich vorgestellte Primitvo als Essenspaarung zu einer Bolognese weitaus mehr zusagte.

Fazit: Der San Michele a Torri ist ein klassischer, ländlicher Chianti. Zwar wird er nicht reinsortig aus Sangiovese-Trauben hergestellt, trotzdem hat man einen traditionellen, das Terroir widerspiegelnden, Rotwein im Glas. Wer fruchtig-frische Chiantis, oder Weine mag, ist mit diesem hier falsch bedient. Nocentinis Toskaner gehört zur ernsteren und für die längere Flaschenlagerung konzipierten Art. Mir persönlich ist der Bio-Wein zu trocken, zu hölzern und ein wenig zu aggressiv ausgefallen. Ich gebe deshalb 14 Punkte.

Fattoria San Michele a Torri Chianti

Punkte: 14/20
Passt zu: Pasta, mediterraner Fleischküche
Preis: Fr. 16.80

Den Chianti der Fattoria San Michele a Torri kann man hier kaufen.

 

 

 

 

 

* Zur Politik: Italien kennt sage und schreibe 169 (!) politische Gruppierungen. – Ok, Wein ist doch einfacher.


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St’ill / Feldkirch – Ein Restaurantbericht

Nur ein Katzensprung von St. Gallen entfernt, liegen ein Restaurant, ein Weinkeller und ein Städtchen, die eine Reise wert sind. Also, flux gepackt und los geht’s! – Laut TomTom erreichen wir unser Ziel in 32 Minuten. Gerade genug Zeit, um in Heinos Neue reinzuhören und die letzten verkosteten österreichischen Weine nochmals Revue passieren zu lassen.

Kaum ist das Fanta4-Cover verklungen, erreichen wir Feldkirch, das kleine Städtchen an der Ill. Reserviert haben wir von zu Hause aus in einem der zwei Best Western Hotels vor Ort. Ein Fehler, wie sich schon kurz nach dem Betreten des Hauses herausstellt. Das Hotel bietet keine Parkplätze, die Zimmer keine Badewanne. Es erwarten uns durchgelegene Matratzen und eine Zimmerheizung, welche allerhöchstens als Attrappe in einem Hollywoodstreifen durchgehen würde. Heizen tut sie jedenfalls nicht.

Egal, uns kann nichts erschüttern. Wir legen das Gepäck ab und erkunden kurz die hübsche Altstadt mit ihren vielen tollen Bars. Dann machen wir uns auf den Weg ins St’ill. Wir haben reserviert. Pünktlich um 19.30 Uhr Ortszeit betreten wir das Restaurant. Es ist voll. Einzig unsere zwei Plätze sind noch frei. Das St’ill bietet Platz für insgesamt ca. vierzig Gäste: Dreissig oben im eigentlichen Lokal, etwa zehn weitere finden in einem gemütlichen Gewölbe, just neben dem Weinkeller Platz. Auch draussen im Garten kann man, entsprechende Aussentemperaturen vorausgesetzt, gemütlich speisen und verweilen.

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Die Karte wird uns gereicht. Währenddem wir das aktuelle Angebot überfliegen, entscheiden wir uns schon mal für den von Hausgeist Denis Djulic vorgeschlagenen Apéritif, einen mit Thymiansirup angereicherten Crémant.

Die Karte ist übersichtlich. Man kann zwischen vier verschiedenen Menüs wählen: Fishtales, A Rind the world, Innere Werte und Veg me up before you gogo. Lustig und sinnreich zugleich sind sie, die Namensgebungen. Wir wählen – entgegen vorgeschlagenen Kompositionen – das dreigängige Überraschungsmenü einschliesslich Weinbegleitung. Überrascht werden wir tatsächlich. Nach einem kleinen Gruss aus der Küche, folgt quasi ein Querschnitt der vier bereits erwähnten Menüs. Wohlgemerkt: Wir erhalten nie denselben Gang. Jedem von uns wird jeweils etwas anderes aufgetischt. Auch die Weine sind individuell darauf abgestimmt. Folgende Gerichte finden den Weg zu uns:

Gebeiztes Bachsaiblingsfilet, Koriander-Bratkartoffel-Salat & Ingwer-Aioli

Buchweizen-Crèperöllchen, Ziegenfrischkäsefülle, Randencarpaccio & Nüsslesalat

Bachforellenfilet, geschmorter Chinakohl, Shitake-Stirfry & Süsskartoffel-Chips

Niedertemperaturgegarte Kalbsnuss im Cidrejus, Kalbsbries, Petersilwurzelpürée & Haselnuss-Gremolata

Maroni-Créme Brülée & eingelegte Vanille-Zwergorangen

Safran-Dörrmarillen-Mousse, Mandelbiskuit & Rosen-Joghurt-Sauce

In der Küche steht Djulics Partnerin, die talentierte Quereinsteigerin und Autodidaktin Denise Amann. Verkocht werden von ihr ausschliesslich Produkte aus biologischer Landwirtschaft. Auch bei den Weinen wird diese Linie konsequent weiterverfolgt. Zur Qualität: Eins vorweg, alles schmeckt. Es gibt keine totalen Durchhänger, oder gar Enttäuschungen. Die Nase vorn haben eindeutig die Fischgerichte, gefolgt von den Desserts. Der vegetarische Gang, wie auch die Kalbsnuss sind handwerklich zwar absolut in Ordnung, für unseren Geschmack aber etwas zu langweilig und uninspiriert geraten. Die Präsentation der Gänge ist hingegen stets gelungen. Auch die Güte und Frische der Produkte gefallen ausserordentlich. Da ist man im St’ill offensichtlich kompromisslos. Bravo!

Auch Djulic scheint seine Passion gefunden zu haben – zum Glück für den Gast. Leidenschaftlich und mit ansteckender Freude an der Materie, wählt er die zu Amanns Kreationen passenden Weine aus. Den Schalk im Nacken, lässt Djulic einem erst ein wenig Rätseln, bevor er jeweils das Geheimnis um die kredenzten Tropfen lüftet. So macht Wein Spass! Am Ende eines genussvollen Abends bitten wir ihn, uns die zu den einzelnen Gängen gepaarten Weine aufzuschreiben und erhalten umgehend folgende, handgeschriebene Liste:

  • Welschriesling Selektion, Andreas Weber, Weinviertel
  • Grüner Silvaner, Weingut Wittmann, Rheinhessen
  • Zweigelt, Claus Preisinger, Neusiedlersee
  • Pinot vom Berg, Birgit Braunstein, Neusiedlersee-Hügelland
  • Graf, Frizzante „Cuvée Katharina“
  • Grand Cardinal 2008, Prädikatsweingut Weiss, Burgenland

Das Highlight ist eindeutig der Zweigelt von Preisinger. Ein Spitzenwein: Schöne Farbe, beeriges Bouquet, rund, vollmundig, fruchtig, mit einer tollen Balance aller Komponenten und einem schmelzigen Abgang. So wenigstens meine geistigen Notizen. Am Spannendsten ist unser Schlummertrunk: Ein Cuvée der Familie Weiss. Nicht unbedingt ein Wein für alle Tage, interessant ist er aber allemal. Wird dieser doch aus vier (!) Traubensorten verschnitten: Cabernet Sauvignon, Zweigelt, Shiraz und Merlot. Eine wahre Wundertüte an Geschmäckern. Ich habe selten einen so vielschichtigen Rotwein getrunken.

Zurück zum St’ill: Preislich liegt ein Abendessen für zwei Personen, samt Apéritif und Weinbegleitung, irgendwo zwischen 110 und 150 Euro. Für das Gebotene ein fairer Preis. Obwohl die Speisen bei unserem letzten Besuch im Sommer vor zwei Jahren raffinierter und wagemutiger zubereitet und kombiniert worden waren, ist das St’ill auch 2013 nach wie vor einen Besuch wert. Unbedingt sogar! Aufgrund der Vollauslastung kommt manchmal ein Hauch von Hektik auf. Dennoch ist das Servicepersonal zuvorkommend, sympathisch und äusserst aufmerksam. Die Speisen überzeugen im grossen Ganzen, Einiges ist gar herausragend. Die Zutaten werden ansprechend zubereitet und mit Liebe zum Detail angerichtet, die Weine treffsicher ausgewählt und dem Gast enthusiastisch präsentiert. Es überrascht deshalb nicht, dass zwei grosse Namen auf das kleine, aber feine Restaurant aufmerksam geworden sind: Gault Millau gab dem St’ill erst kürzlich vierzehn von zwanzig Punkten. Von Falstaff wurde das Lokal vergangenes Jahr mit einer von maximal vier Gabeln ausgezeichnet. Von meiner Seite gibt’s 17 Punkte und im nächsten Jahr ein Wiedersehen im St’ill. Versprochen.