Flaschentester

… schreibt über europäische Weine und verwandte Themen


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Staatskellerei Zürich – Gamaret 2010

Helvetien sorgt für Aufruhr. Seit der Abstimmung vom 9. Februar ist nichts mehr wie es war. Lawinenartig wälzt sich eines der merkwürdigsten Ergebniße der direkten Demokratie durch alle erdenklichen europäischen Medien. Egal ob Print-, TV- oder Online-Magazine, alle berichten sie darüber: Die Maßeneinwanderungs-Initiative. Abwartend, wie die EU nun reagieren wird, herrscht innenpolitisch längst Chaos. Dahin ist die Heidiland-Idylle, mit einem Schlag weggefegt das Image des verschlafenen, aber stets neutralen Käse- und Kuhstaates. Flaschentester wird nachdenklich. Hat er doch anders abgestimmt. Daß die Schweiz auch beßer kann, zeigt er heute wenigstens in vinophiler Hinsicht. Sozusagen als digitaler Immigrant im grenzenlosen Netz. Als Gastautor auch auf einem Blog jenseits der Alpen. Für einmal etwas politisch, aber doch dem Genuß verpflichtet.

Staatskellerei Zürich 1

Die Kellereien in Rheinau (Quelle).

Die Schweiz ist bunt. Vier Landessprachen, und unzählige landestypische Eigenheiten widerspiegeln eine Gesellschaft, welche sich seit mehr als einer Dekade durch Toleranz und Konsens auszeichnet. Auch die Weinlandschaft zeugt von dieser Vielfalt. Meistens sind es nämlich Kleinstparzellen, welche im gesamten Land von über 30’000 Winzern bewirtschaftet werden. Jede Region hat ihre ureigene Weinbautradition und unzählige Kulturen verschiedenster Rebsorten. Im Tessin sind es vor allem Merlot und Chardonnay, in der Deutschschweiz Pinot Noir und Müller-Thurgau, im Westen zudem Chaßelas, welche angebaut werden. Neben diesen zentralen Sorten, gibt es hierzulande unzählige autochthone, also ursprüngliche Reben und auch einige Neuzüchtungen, welche zum Teil in Kleinstmengen verarbeitet werden. Gamaret ist eine davon. Vor etwas mehr als dreißig Jahren wurde die junge Sorte von der Eidgenößischen Forschungsanstalt für Pflanzenbau in Pully durch die Kreuzung von Gamay und Reichensteiner ins Leben gerufen. Gamaret wird vor allem im Kanton Waadt angebaut, ist zum Teil aber auch in der Zentralschweiz zu finden. Inzwischen werden sogar  in Deutschland Kleinstmengen kultiviert. So zum Beispiel in Württemberg.

Staatskellerei Zürich Kellermeister Werner Georges Kuster

Kellermeister Werner Georges Kuster (Quelle).

Wir schreiben den 9. März. Einen Monat nach dem niederschmetternden Wahlresultat werden die ersten Folgen sichtbar. Flaschentester spricht mit einem Bekannten, welcher an der Universität Zürich arbeitet. Es wird konkret: Erasmus ist – zumindest für die Schweiz – Geschichte und auch die Beteiligung am Forschungsprojekt Horizon 2020 steht auf dem Spiel. Und das ist erst der Anfang. – Warum reden wir hier also noch über Gamaret? Nun, so einer steht eben jetzt vor mir auf dem Tisch. Quasi als Trostwein in einer trostlosen Zeit. Denn den schicksalsschweren Sonntag muß man einfach mit einem entsprechenden Tropfen vom Tisch fegen. Auch einen Monat danach. Wenigstens für einen Abend lang.

Ich koche. Nicht nur innerlich. Es gibt Schweinefilet, Brat-Kartoffeln und Bohnen. Zwischendurch werfe ich nochmals einen Blick auf die Flasche: Jahrgang 2010, 13,5 Volumenprozent. – Ja, 2010 war die Welt noch in Ordnung. Wer hätte gedacht, daß vier Jahre später über fünfzig Prozent aller Schweizer der Initiative einer verkorksten Partei zustimmen? Klar, überfüllte Züge, verstopfte Straßen, steigende Mieten und Grundstückspreise, Zersiedelung, Lohndruck, Kriminalität, und Asylmißbrauch sind reale Probleme. Aber die sind doch nicht so zu lösen! Herrgottnochmal ! ! !

Staatskellerei Zürich Klosterkeller

Klosterkeller: 400 Jahre Tradition (Quelle).

Leicht genervt entferne ich die silberne Kapsel und entkorke. So heftig wie das Wahlresultat ist auch die Keule von Flasche. Burgund läßt grüßen. Drauf steht „Staatskellerei Zürich – Gamaret, Prestige Barrique„. Die Anfänge des Zürcher Produzenten liegen im späten 19. Jahrhundert. Ursprünglich sollte der Betrieb vor allem die ansäßigen Krankenhäuser und Anstalten mit Wein versorgen. Schließlich wurde auch da mal ein Glas getrunken. – Heute beliefern die Zürcher Kellereien freilich andere Märkte. Seit 1997 gehören sie zur Mövenpick Wein AG und sind gegenwärtig einer der größten regionalen Weinproduzenten. Der Betrieb kauft und verarbeitet Trauben von rund neunzig verschiedenen Quellen im ganzen Kanton. Das Sortiment umfaßt Rot-, Weiß- und Schaumweine. Auch Likör und alkoholfreie Traubensäfte werden im idyllischen Örtchen Rheinau produziert. Entgegen der gebräuchlichen Methode Gamaret mit Garanoir, Gamay oder Pinot Noir zu einer Assemblage zu vereinen, befindet sich in dieser Flasche eine sortenreine Abfüllung. Das hat seinen Preis. Zugegeben, der Wein ist nicht billig. Schließlich verlangt gerade Gamaret nach einer guten und damit auch intensiver zu bewirtschaftenden Reblage und vor allem nach einer strengen Selektion des Traubenmaterials. Das macht den Wein teurer. Mißachtet der Winzer diese zwei Umstände ergeben sich häufig krautige, ja sogar kratzende Weine. Und die kauft keiner.

Wir sitzen inzwischen am Tisch. Das Schweinefilet lächelt uns entgegen. Es wird angestoßen: Auf den Dialog! – Daß dieser bitter nötig ist, scheinen einige noch feststellen zu müßen. Ich für meinen Teil werde ruhiger und ruhiger. Der Gamaret entfaltet seine Wirkung. Dunkel und purpurrot liegt er im Glas. Das Bouquet voller schwarzer Beeren und Schokolade. Holz rundet das olfaktorische Spektrum ab. Im Mund schmecke ich Kirschen und Pflaumen. Seine Fruchtigkeit erinnert entfernt an einen jungen Blauburgunder. Der Wein ist füllig, der Abgang stimmt versöhnlich, der Nachhall verstummt angenehm langsam. Ein schönes Stück Schweiz habe ich da im Glas. So müßte sie sein. Individuell, versöhnlich, einladend und von einer inneren Stabilität getragen. Daran erinnert man sich gerne. Der Gamaret macht’s vor. Wenn Politik nur so einfach wäre. Ich gebe 18 Punkte.

Gamaret-Prestige-Barrique_Staatskellerei-ZuerichPunkte: 18/20
Paßt zu: Fleisch, deftigen Speisen, reichhaltigen Speisen
Preis: Fr. 28.- / € 19.50

 

Den Gamaret Prestige Barrique der Staatskellerei Zürich gibt’s bei Mövenpick/Schweiz bzw. Mövenpick/Deutschland zu kaufen.


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Kurz angenippt: Dos Lagos – Aragonez 2010

Seit kurzem findet ihr unter der Rubrik kurz angenippt Weine, welche mir irgendwo über den Weg liefen, aber nicht genauer getestet werden konnten. Die Notizen sind kurz und knapp, die Punktevergaben eher als Anhaltspunkt, denn als absolutes Mass anzusehen. Die Weine werden daher auch nicht in den Charts gelistet.

Farbe

  • Schwarz-Violetter-Farbton
  • Durchblicken kaum möglich

Nase

  • Cassis, Leder, Lakritze, Teer, dunkle Schokolade

Gaumen

  • leicht adstringierend
  • sehr weich
  • Kräutrige Obertöne dominieren einen etwas schwächlichen, aber dennoch fruchtbetonten Körper
  • Holzeinsatz beinahe störend
  • Abgang von mittlerer Länge, deutliche Säure im Nachhall

Bewertung

  • portugiesischer Bio-Alltagswein, der schmeckt, 15 Punkte

Bezugsquelle

http://www.amiata.ch

DosLagos


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Kurz angenippt: Montezovo, Amarone della Valpolicella DOC, 2010

Seit kurzem findet ihr unter der Rubrik kurz angenippt Weine, welche mir irgendwo über den Weg liefen, aber nicht genauer getestet werden konnten. Die Notizen sind kurz und knapp, die Punktevergaben eher als Anhaltspunkt, denn als absolutes Mass anzusehen. Die Weine werden daher auch nicht in den Charts gelistet.

Farbe

  • Purpur

Nase

  • verhaltenes Bouquet, wenig einladend

Gaumen

  • (zu) wenig Gewicht
  • total unausgewogen: Würze, Säure und Frucht spielen nicht zusammen
  • kantig, sperrig, grün, dominante Säure
  • nicht Amaronetypisch, wirkt kühl
  • kaum vorhandene Frucht
  • extrem kurzer Abgang

Bewertung

  • maximal 12 Punkte, insgesamt sehr enttäuschend

Bezugsquelle

http://www.denner.ch

Montezovo Amarone 2010


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Cayas, Syrah du Valais AOC, Jean-René Germanier, Vétroz 2010

Türe auf, Fahrräder beiseite geschoben und ab in den Weinkeller. Was lugt denn da aus dem einen Regal? Ein kleines 37,5er-Fläschchen von Germanier. Ein Syrah. Cayas steht drauf. Ein Stück Wallis steckt drin. Genau richtig für eine kontrollierte Entschleunigung in den verdienten Feierabend.

Endlich bin ich zu Hause. Langsam und ziemlich müde steige ich die Treppen hoch in den zweiten Stock. In der Küche krame ich einen Korkenzieher aus einer der überfüllten Schubladen. Schliesslich erreiche ich Flaschentesters Zentrum der totalen Entspannung: Meinen urgemütlichen Chesterfield-Sessel. Schneeregen, überfülltes Bahnabteil und müde Beine: Ihr könnt‘ mich mal! Jetzt wird erstmal zurückgelehnt. Aber so was von. Jawohl.

Vor mir steht der Wein von Germanier. Ein Name, der hierzulande zu den festen Grössen in der Weinszene gehört. Beim nationalen Grand Prix du Vin Suisse und auch internationalen Prämierungen belegen die Weine des Wallisers nämlich alljährlich vordere Ränge und erhalten Bewertungen auch jenseits der 90-Punktegrenze. Der bereits 1896 gegründete Familienbetrieb gehört zu den wenigen Schweizer Produzenten, welche den Spagat zwischen Quantität und Qualität mit Bravour zu meistern scheinen. Für einmal handelt es sich also um einen Betrieb, der meinem hier bereits postulierten Senf voll entspricht. Schön.

Germaniers Flaschen sind neben dem gut sortierten Fachhandel auch bei Grossverteilern wie Manor oder Coop erhältlich. Und auch der Export ins übrige Europa, nach Asien, Nord- und Südamerika scheint zu funktionieren. Die Jahresproduktion läst sich sehen. Sie beträgt 600’000 Flaschen. Eine enorme Menge für einen helvetischen Betrieb. Möglich wird dieses Produktionsvolumen durch rund achtzig Hektar, bestückt mit Gutedel, Petite Arvine, Amigne, Chardonnay, Pinot Noir, Gamay, Syrah, Humagne Rouge, Cornalin, Cabernet Sauvignon und Diolinoir.

Germanier Reben

Vétroz: Blick auf Germaniers Reben.

Inhaber des Guts ist Jean-René Germanier, seines Zeichens Önloge, FDP-Politiker und Nationalrat seit 2003. Im Parlamentsjahr 2010/11 war er sogar Präsident desselben. Da scheint es nur logisch, dass eine andere Person den Betrieb führt. So kümmert sich sein Neffe, Gilles Besse-Germanier, seit einigen Jahren um den Familienbetrieb im beschaulichen Örtchen Vètroz. Auch er ist vom Fach, vom önologischen, nicht vom politischen, versteht sich.

Die Germaniers keltern eine breite Palette an Weinen. Beliebt sind neben den zahlreichen, einfacheren aber qualitativ ansprechenden Abfüllungen wie dem Amigne de Vétroz und den diversen Assemblages vor allem die Réserves.

In der warmen Stube angekommen, schenke ich mir also ein erstes Glas ein. Die Farbe ist kräftig und dunkel. Der Ton liegt irgendwo zwischen dunkelviolett und intensivstem Rot. Das Bouquet kann ich nicht anders, als betörend beschreiben. Es ist sehr intensiv. Dicht nebeneinander bahnen sich Kirsche und Cassis ihren Weg Richtung Nase. Eine Nuance herrlichster Vanille ergänzt das Spektrum. Typisch sind auch die vorhandenen Tertiärnoten: Leder, Pfeffer und Teer bzw. Röstaromen. Im Mund gefällt der Walliser erst einmal durch seine Ausgewogenheit. Im Unterschied zu den meisten Shyraz aus Übersee, zeichnet sich dieser hier durch seine Milde und eher zurückhaltende Fruchtsüsse aus. Dieser Wein strotzt nicht durch Opulenz, sondern lässt dem Trinkenden Zeit, seine Vielschichtigkeit und Finesse zu entdecken und somit auch zu geniessen. Das sind typische Attribute für einen ausgezeichneten Schweizer Syrah. So muss er sein. So mag ich ihn. Dennoch wird er durch ein, zwei Jährchen Flaschenreife bestimmt noch einmal zulegen. Säure und Tannine sind im jetzigen Stadium zwar sehr gut eingebunden, lassen die Gesamtperformance aber noch etwas wild und jugendlich erscheinen. Dies tut dem Genuss jedoch keinen Abbruch.

Der Cayas der Germaniers ist ein waschechter Walliser erster Güte. Wer sich abseits der international ausgetrampelten Shyraz-Pfade auf ein helvetisches Gewächs einlassen möchte, ist mit diesem Rotwein sehr gut beraten. Der Preis ist zwar relativ hoch, aber allemal gerechtfertigt. Der Wein wird im Handel übrigens auch als Kleinflaschenformat angeboten. So oder so mundet der Cayas ausserordentlich. Ich gebe 18 Punkte.

CayasPunkte: 18/20
Passt zu: Wild, Gebratenes, Pizza (!?)
Preis: Fr. 41.- / € 42.50

Fr. 20.90 für das Kleinflaschenformat

Den Cayas von Germanier gibt’s bei Manor, Landolt oder Nobis/Deutschland.


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Kurz angenippt: Château du Rocher, Grand Cru, Saint-Émilion, 2010

Seit kurzem findet ihr unter der Rubrik kurz angenippt Weine, welche mir irgendwo über den Weg liefen, aber nicht genauer getestet werden konnten. Die Notizen sind kurz und knapp, die Punktevergaben eher als Anhaltspunkt, denn als absolutes Mass anzusehen. Die Weine werden daher auch nicht in den Charts gelistet.

Ch‰teau Du Rocher St Emiliion Grand Cru AOC


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Henri Badoux – Aigle „Les Murailles“ 2011, Chablais AOC

Egal ob Manor, Mövenpick, Zanolari oder Coop – eine Flasche gehört scheinbar zur Grundausstattung jeder halbwegs gut sortierten helvetischen Weinhandlung. S’ist eine grüne aus dem Waadtland. Darin ein Chasselas aus der Appellation Chablais. Unverkennbar nicht zuletzt durch die kleine, neckische Eidechse auf dem Etikett.

Der Kanton Waadt ist mit seinen knapp 4’000 Hektaren Rebfläche das zweitgrösste Weinbaugebiet der Schweiz. Aufgrund der klimatischen Unterschiede wird das Waadtland heute in drei Zonen eingeteilt: Nördlichöstlich des Genfersees liegt Chablais mit so bedeutenden Appellationen bzw. Ortschaften wie Aigle oder Yvorne. Zwischen Lausanne und Montreux, am Ostufer des Sees liegt Lavaux, dessen Weinbergterassen seit 2007 zum UNESCO-Welterbe gehören.

Dazu gehört zum Beispiel die in der Deutschschweiz sehr bekannte Appellation Saint Saphorin. Hier gibt es unzählige, steilwandige Felsterassen mit Weingärten mit bis zu zwanzig Stockwerken, welche zum Teil bereits im 12. Jahrhundert von Zisterziensern mühseelig aufgebaut wurden. Die nebeneinander liegenden Lagen Dézaley und Calamin besitzen sogar Grand-Cru-Status. Die dritte Zone trägt den Namen La Côte. Dieser grösste Bereich, nordwestlich des Genfersees, liefert 40% der Waadtländer Weine. Bekannt sind unter anderem die Appellationen Aubonne, Féchy oder Mont-Sur-Rolle.

Château_d'Aigle

Château d’Aigle: Wahrzeichen und Weinmuseum.

Angebaut wird vor allem Chasselas, auch Gutedel genannt. Die Waadtländer sprechen von der Perlan. Gemeint ist immer dieselbe Traube. Das Waadtland ist bekannt für seine Weissweine. Die roten Sorten machen gerade mal einen Viertel der Gesamtfläche aus. Hauptsächlich Pinot Noir und Gamay entfallen auf diese. Zum Teil werden auch Syrah, Gamaret und andere Trauben bewirtschaftet. Das Genferseegebiet besitzt insgesamt 28 Weine mit geschützter Ursprungsbezeichnung, die in sechs Weinbaugebieten (AOC) gedeihen, von denen jedes seine topografischen und klimatischen Besonderheiten besitzt. Aufgrund seiner Grösse, aber auch der Vielfalt der Böden, des Klimas und der Lagen, ist das Genferseegebiet zweifellos das vielfältigste Weinbaugebiet der Schweiz.

Die von mir gekaufte Flasche ist ein typisches Produkt aus der Gegend. Der Chasselas mit dem Namen „Les Murailles“ stammt aus der Produktion der Henri Badoux SA in Aigle. Die Firma wird 1908 vom gleichnamigen Westschweizer gegründet. Das Familienunternehmen setzt sich bereits in jungen Jahren mit dem Namen Aigle in Verbindung mit dem berühmten Weinberg „Les Murailles“ durch. Drei Jahrzenhnte später übernimmt Badoux‘ Sohn Emile die Geschäfte, welche damals vor allem aus einer bescheidenen Weinhandlung bestehen. Die Erbschaft wird durch ihn zu einem – für Schweizer Verhältnisse – riesigen Weingut von über fünfzig Hektaren in den Appellationen Aigle, Yvorne, Ollon und Saint-Saphorin ausgebaut. Als Pionier führt er im Waadtland den dort noch kaum verbreiteten Blauburgunder ein. Mit der Vergrösserung des Betriebs wächst auch der gute Ruf des Unternehmens. Nicht nur in der Schweiz sind die Weine der Badoux SA beliebt, sondern vor allem auch in Deutschland und den Vereinigten Staaten. In den 90er Jahren übernimmt mit Olivier Badoux das Familienunternehmen in dritter Generation. 2008 wir die Geschäftsleitung an Kurt Egli abgegeben. Als Önologe zeichnet sich Daniel Dufaux verantwortlich, Jean-Pierre Luthi ist für den Weinbau zuständig. Der Betrieb verfügt über moderne Kellereien und arbeitet schon seit zehn Jahren nach den Standards der integrierten Produktion.

Das Gebiet Chablais am nordöstlichen Genfersee

Das Gebiet Chablais am nordöstlichen Genfersee.

Zum Wein: Ich schenke ein. Hoppla, beinahe habe ich das Gefühl einen Grünen Veltliner im Glas zu haben! Farblich überzeugt der Chasselas. Das schöne Hellgelb ist mit grünen Reflexen durchzogen. Die Nase ist ebenfalls sehr ansprechend. Es riecht nach Lindenblüten und erinnert durch reichlich mineralische Akzente wie Schiefer oder Kreide an manchen Riesling, den ich schon getrunken habe. Im Mund dann die totale Überraschung: Der Weisswein hat ganz leichten Sprudel, ist ungemein würzig, fast schon pfeffrig scharf. Auch hier findet man Ähnlichkeiten zum Grünen Veltliner. In mir erweckt der Wein sofort ein Instant-Kindheitsgefühl. Er erinnert mich an die alljährliche Beerenlese im heimischen Garten. Den Geschmack von frischen Stachelbeeren habe ich seither verinnerlicht. Dieser Wein schmeckt eindeutig danach. Der Abgang ist von mittlerer Länge, sehr trocken und bringt das Säurespiel nochmals deutlich zur Geltung. Als Essenspaarung versuchen wir’s zuerst mit frischem, grünem Rheintaler Spargel an hausgemachter Zitronen-Thymianmayonnaise. Diese Kombination erweist sich eher als suboptimal. Einen Tag später versuchen wir’s mit einer Auswahl halbharter und harter, reifer Käsesorten. Auch diese Paarung empfinde ich persönlich als problematisch. Der Wein hat enorm Druck und Eigengeschmack. Da wird nicht ergänzt, sondern platt gemacht. Ein sanft gegarter Fisch wird wohl am besten dazu passen. Der Waadtländer braucht Platz. So viel ist klar.

Der hier verkostete Johanniter hatte ganz ähnliche Probleme. Auch jener schmeckte an sich sehr gut, war aber schwierig mit Speisen zu kombinieren. Zum Thema Chasselas: Wie gross hier das Spektrum ist, beweist der kürzlich vorgestellte Domaine Martheray, ein Féchy der geschmacklich diametral anders gelagert ist als der „Les Murailles“. Obwohl aus derselben Sorte hergestellt, ist er feiner gegliedert und von der angenehm zurückhaltenden Sorte, besitzt keine derart dominante Schärfe, ist einfach(er) zu kombinieren und nur halb so teuer wie die Badoux-Abfüllung.

Fazit: Obwohl an jeder Ecke eine Echsen-Flasche der Henri Badoux-Kellereien steht, habe ich ein wenig Mühe mit der qualitativen Einordung dieses Westschweizer Traditionsprodukts. Auf der Habenseite steht ein unverfälschter, schön produzierter Weisswein mit regionstypischen Eigenschaften, dem gegenüber stört der hohe Preis, sowie die Schärfe und Würze des Weins, die bestimmt nicht jedermanns Sache ist. Hinzu kommt die eher schwierige Kombinierbarkeit mit allerlei Speisen. Mein Gaumen kann dem anscheinenden Marketing-Hype nicht ganz folgen. Wer jedoch würzig-intensive Weissweine mag, sollte zugreifen. Ich gebe 14 Punkte.

Aigle Les MuraillesPunkte: 14/20
Passt zu: Salzwasser-Fisch mit wenig Eigengeschmack, sehr milden Käsesorten
Preis: ab Fr. 17.- / € 21.80

Den „Les Murailles“ gibt’s zum Beispiel bei Manor, Zweifel, Mövenpick und Coop. Bei Zanolari momentan sogar zum Aktionspreis von Fr. 17.-


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Villa Cavarena – Ripasso 2010 by Allegrini

Der Name klingt wie derjenige eines italienischen Automobils aus den Achtzigern. Allegrini. Einer der Wagen, die schmuck ausschauen, ordentlich PS unter der Haube haben, vor allem bei schönem Wetter Spass machen und spätestens nach den ersten 1’000 Kilometern erste Verarbeitungsschwächen offenbaren. Solche Fahrzeuge wurden für ein junges Publikum designt. Bei Alexander von Essens Ripasso verhält es sich ganz ähnlich.

Manor haut momentan alle Weine seiner Selection zum Aktionspreis raus. Da mein Blog nach wie vor nicht fremdfinanziert wird, schlage auch ich zu und packe eine Flasche vom 2010er Villa Cavarena ein. Auf der Flasche steht by Allegrini. Ein weiteres Kaufargument. Schliesslich ist das norditalienische Weingut schon seit langem ein Garant für Spitzenerzeugnisse im Bereich Amarone und Ripasso. Sehr beliebt ist auch der reinsortige Corvina Veronese namens La Poja.

Valpolicella

Valpolicella: Blick auf das Tal der vielen Keller.

Der Betrieb liegt im Valpolicella, eine der namhaftesten Weinregionen Italiens. Die lateinische Ursprungsbezeichnung „val polis cellae“ – Tal der vielen Keller – weist bereits auf den traditionsreichen Hintergrund im lokalen Weinbau hin. Das Tal liegt im östlichen Venetien, zwischen Verona und Gardasee. Im Norden wird es durch die Monti Lessini, einem Hügelland, begrenzt. Insgesamt 6’000 Hektare Rebfläche werden bewirtschaftet.

Die Allegrinis sind hier seit Urzeiten ansässig. Bis ins 16. Jahrhundert lassen sich ihre Spuren zurückverfolgen. Noch heute führen Nachkommen – Franco und Marilisa Allegrini – den Betrieb. Der Ursprung des mehrere Weingüter umfassenden Unternehmens liegt im Fünftausendseelen-Dorf Fumane, nördlich von Verona. Eine der neueren Akquisitionen der Allegrinis ist die Villa Cavarena. Von hier stammt auch die Ripasso-Spezialabfüllung für die Von Essen Selection. Das 1998 erworbene Gut liegt in Mazzurega, nordwestlich von Fumane auf einer Höhe von 500 Metern über Meer und ist damit eines der am höchsten gelegenen im gesamten Valpolicella. Der Betrieb umfasst zwanzig Hektare. Angepflanzt werden Corvina Veronese, Corvinone, Rondinella und Oseleta. Die Reben stehen laut Produzent auf steinigen Kalkböden mit einer hohen Wasserdurchlässigkeit und einer sehr guten Exposition bezüglich Sonne und Wind.

Das alles macht Hoffnung. Schliesslich haben mich auch die letzten beiden Rotweine der selben Selection überzeugt. Erwartungsvoll öffne ich den Ripasso, – und prompt bricht mir der Korken ab. Ein böses Omen? Wir werden sehen. Ich schenke ein. Im Glas scheint der Rotwein in einem dichten Rubinrot mit schwarzem Kern. Man sieht gerade noch knapp durch. Basis des auf Amaronetrester vergorenen Rotweins sind übrigens die beiden autochthonen Sorten Corvina Veronese (70%) und Rondinella (30%). Der Wein duftet sehr intensiv. Ich rieche vor allem Beeren, Lakritze, eine undefinierbare, sprittige Note und etwas Holz. So weit so gut. Nach einem ersten Schluck bin ich erst einmal zufrieden. Der Ripasso ist süffig und macht von Anfang an keinen schlechten Eindruck. Der Abend ist noch jung. Das Essen steht auf dem Tisch. In Kombination mit den Speisen wird noch deutlicher wie süsslich, fast schon marmeladig der Wein ist. Nach dem Essen nehmen wir die angetrunkene Flasche mit in’s Wohnzimmer. Und mehr und mehr zeigt sich, was das Problem ist.

FiatFerrari

Wäre der Wein ein Automobil, würde ein Logo eines grossen italienischen Automobilherstellers die Flasche zieren. Fiat oder Alpha Romeo erscheinen vor dem geistigen Auge. Im ersten Moment macht er nämlich ordentlich Punkte. Durch die Flasche, den Namen und den Preis. Auch geschmacklich gibt der Valpolicella was her: Er ist süsslich, süffig und fruchtig. Ein Wein, den man für gut befindet. Nach einigen Kilometern, pardon, Schlucken, offenbart der Ripasso aber mehr und mehr seine Schwächen. Zum einen hat er keinen Charakter, er ist belanglos und nichtssagend. Der Blendeffekt hält nicht länger als ein Glas lang an. Spätestens dann vergeht einem allmählich das Nippen an diesem süsslichen Fruchtaufguss. Zum anderen bringt der Abgang meines Erachtens eine leichte, metallische Fehlnote. Es schmeckt nach rostigem Nagel. Nicht zuletzt lässt aber vor allem die Gesamtbalance zu wünschen übrig. Es ist zwar alles vorhanden – Säure, Frucht, Würze und Tannine spielen aber nicht in der selben Mannschaft. Schade. Das schlechte Vorzeichen hat sich manifestiert.

Der Vollständigkeit halber noch meine restlichen Notizen. Auf der Flasche steht 13.5% und auch das DOC-Label findet man. Im Glas ist der Italiener leicht ölig. Im Mund: Säure trotz reichlicher Süsse, durchaus trockene, herbe Eigenschaft, süffig, mittleres Gewicht. Ausserdem Teer, wenig Vegetabiles, etwas Gras, wenn überhaupt. Abgang: Säure verzieht sich, Nachhall beerig, sprittige Komponente wieder deutlich wahrnehmbar. Ende Degustationsnotiz.

Fazit: Was soll ich sagen? Ich versuch’s nochmals mit der Automobilindustrie: Auch wenn Fiat und Ferrari zum selben Konzern gehören, könnten die Unterschiede der verschiedenen Produktlinien nicht grösser sein. In etwa so verhält es sich bei Alexander von Essens Abfüllung. Auch wenn Allegrini draufsteht, ist keiner drin. Oder nur ein drittklassiger. Dieser Rotwein hat nichts mit dem klassischen Ripasso gemein. Es handelt sich vielmehr um einen dieser neuen Mode-Valpolicellas. Der Rotwein zielt klar auf eine junge, unerfahrene Kundschaft ab: Die Flasche schaut nett aus, der Wein ist auf Anhieb geniessbar, lullt einem mit seiner Süsse und Fruchtigkeit sofort ein und kann ohne Dekantieren, Temperieren oder sonstwelche Gadgets getrunken werden. Seine Charakterlosigkeit macht ihn zudem massentauglich. Eine Bewertung fällt mir schwer. Nach der Formel erster Eindruck + zweiter Eindruck geteilt durch zwei, komme ich deshalb heute unter’m Strich auf knappe 14 Punkte.

VillaCavarenaRipasso2010Punkte: 14/20
Passt zu: Fleisch (Rindsfilet, Osso Bucco, Braten)
Preis: momentan für Fr. 12.50 statt Fr. 16.90 / € 11.90

 

Den Ripasso by Allegrini gibt’s bei Manor oder VinoScout zu kaufen. Die deutlich teureren Wein-Ferraris aus dem Hause Allegrini findet man zum Beispiel in der Vinothek Brancaia.

P.S. Einen sehr lesenswerten Artikel zum Problem Ripasso gab’s 2009 in der Zeitschrift Merum.


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Kopp von der Crone Visini – Vigoria Merlot 2010

Draussen wirbelt’s seit Tagen Schnee um die Häuser. Alkohol soll bekanntlich ja wärmen. Also wird’s wieder mal Zeit, eine Flasche zu entkorken. Mir ist nämlich kalt. Ein Schweizer soll es sein. Da ich auf Pinot Noirs oder westliche Weisse gerade keinen Bock habe, reise ich innerlich gen Süden und köpfe einen Tessiner Merlot.

Er stammt vom Gut Kopp von der Crone Visini. Mit der Betriebsgründung erfüllen sich eine promovierte Agronomin und ihr Mann 1994 den gemeinsamen Traum vom eigenen Reb- und Weinbau. Das Ehepaar zieht von Zürich ins Tessin. Ab 2002 arbeitet die verwitwete Anna Barbara von der Crone dann fortan mit dem befreundeten Winzer Paolo Visini zusammen. Vier Jahre später werden ihre beiden Betriebe unter einem Dach vereint. Die gemeinsame Cantina befindet sich südlich von Lugano, in Barbengo. Das Weingut hat mit seinen sieben Hektaren helvetische Durchschnittsgrösse. Die Reben liegen in Mendrisiotto, Luganese und Bellinzonese. Also im ganzen Tessin verstreut. Laut eigener Aussage legen Von der Crone und Visini grossen Wert auf einen möglichst schonenden Umgang mit der Natur und die Förderung der Biodiversität. Es ist ihre Überzeugung, „…dass sich eine nachhaltige Bewirtschaftung auch in der Qualität der Trauben niederschlägt.“ So erklärt sich auch der Umstand, dass die Winzergemeinschaft grosse Parzellenteile als Nützlingslebensraum bestehen bleiben lässt.

Barbengo

Auch in Barbengo soll’s manchmal schneien.

Insgesamt elf Weine werden von Anna Barbara und Paolo gekeltert. Darunter vier sortenreihe Merlots und drei auf Merlot und Cabernet Sauvignon basierende Cuvées. Beim Irto und beim Scala kommt zusätzlich Petit Verdot zum Einsatz. Beim Balin erweitert Arinarnoa den Wein um Fleisch, Säure und Würze. Aber auch vier sortenreine Weissweine und Weisswein-Cuvées (aus Viognier, Chardonnay, Kerner, Sauvignon blanc), Grappa und Likör werden auf dem Gut produziert. Viognier ist übrigens eine Rhone-typische Sorte, Kerner eine Kreuzung von Trollinger und Riesling und Arinarnoa eine Neuzüchtung aus Bordeaux. Für letztere standen Merlot und Petit Verdot Pate. Angesichts der Gesamtfläche der bewirtschafteten Reben ist das Sortenspektrum erstaunlich vielfältig. Möglich macht dies vor allem der Umstand, dass sich im Tessin die Bodenverhältnisse auf kleinem Raum sehr stark unterscheiden.

Kaum habe ich den Vigoria gekauft, setze ich mich vor meine Apfelkiste und surfe zu Hause neugierig ein wenig durch’s Netz. Google sagt mir, dass sich scheinbar zahlreiche St. Galler Händler auf die Weine dieses Guts eingeschworen haben. Neben Martel und Zweifel führen Lanz und Mövenpick ebenfalls Flaschen aus Barbengo in ihrem Sortiment. Auch Robert Parker bzw. einer seiner Verkoster lässt grüssen: Der Tinello vom selben Gut gehört laut David Schildknecht zu den besten Schweizern 2012. Schön.

Dekantiert habe ich den Wein nicht. Ich schenke ein. Der Wein scheint dunkelrot. Die Nase ist herrlich intensiv. Ein toller Merlot-Duft strömt einem entgegen. Man riecht sortentypisch vor allem Pflaume und Kirsche. Nachdem ich das Weinglas ein wenig schwenke, erreichen auch die schwereren Kräuternoten mein Riechorgan. Toll. Ich könnte stundenlang so weiter machen: Riechen – Schwenken – Riechen – Freuen. Schliesslich entscheide ich mich doch noch dafür, das Bouquet zu verlassen und einen ersten Schluck zu nehmen. Zum Glück! Denn das Wetter meinte es 2010 gut mit den Reben in Barbengo. Im Mund wirkt der Tessiner weich, vollmundig und fruchtig. Eine spannende, irgendwie enge, aber dennoch nicht unangenehme Säure verleiht ihm zudem Charakter. In der Regel kann man Merlot jung geniessen. So auch diesen. Die Tannine sind unaufdringlich. Die Frucht beherrscht das Geschehen. Als Essenspaarung zum Vigoria muss wieder mal Pasta mit Fleischsauce herhalten. Und auch an diesem Abend wird deutlich, wie Wein und Essen sich gegenseitig intensivieren können. Wunderbar. Ein Erlebnis!

Cantina_004

Vigoria 2010: Gährung im Stahltank, Ausbau in Eichenfässern.

Obwohl der Körper Saft hat, gar fleischig ist, erreicht der Vigoria nicht diesselbe Fülle wie Merlots aus südlicheren Gebieten. Das soll kein Vorwurf sein. S’ist halt einfach so. Der Wein schmeckt. Er hat was Eigenständiges, er hat Frucht, Würze und ein einladendes Bouquet. Auch der Abgang ist sehr angenehm, der Nachhall mehr würzig, als fruchtig. Trotzdem polarisiert der Tessiner. – Warum? Entweder man mag Schweizer Merlot, oder nicht. Ein Zwischendrin gibt’s nicht. Kein Solala, kein durchschnittlich, oder geht so. Auch im Casa Flaschentester bestätigt sich dieser Eindruck: Die Hälfte der agierenden Testerinnen und Tester ist dem Wein sehr zugeneigt, die andere würde ihn nicht nochmals kaufen. Ich für meinen Teil finde ihn toll. Punkt.

Fazit: Kopp von der Crone Vinsini’s Vigoria ist ein schöner Rotwein zu einem für Schweizer Massstäbe sehr anständigen Preis. Er kann jung getrunken werden; entweder für sich alleine, oder am besten zu klassischer Tomaten-Fleisch-Pasta und ähnlich deftigen Gerichten. Geschmacklich punktet er durch ein wunderbar duftendes Bouquet, die omnipräsente Merlot-Frucht, und einen eigenständigen, aber trotzdem geschmeidigen Charakter. Ich gebe 17 Punkte.

VigoriaMerlot2010

Punkte: 17/20
Passt zu: Pasta, Gegrilltem, Deftigem
Preis: Fr. 21.-

Den Tessiner Merlot kriegt man bei Martel. Auch Zweifel, Simone Lanz und Mövenpick führen Weine der Cantina Kopp von der Crone Visini.


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Elvio Cogno – Dolcetto d’Alba DOC 2010

Neulich durchstöbere ich wiedermal lässig meinen grossen Johnson. Halt mache ich bei den Seiten 296 und 297. Vor mir liegt das Piemont. Hugh meint, dass die Weine von Elvio Cogno durchaus einen Versuch wert seien. Vor allem der Dolcetto sei köstlich. Da trifft es sich doch ausgezeichnet, dass Martel seine alljährliche Tour des vins ausruft, und allerlei interessante Weine zu Aktionspreisen anbietet. Auch besagten Roten.

Es muss jetzt einfach mal gesagt werden: Martel hat mich bisher noch nie enttäuscht. Egal ob Italien, Österreich, Frankreich, oder weissdergucker welches Land. Jeder der hier getesteten Weine war sein Geld wert. Die meisten liegen im oberen Mittelfeld, oder gar an der Spitze der Charts. Deshalb bin ich um so mehr gespannt, was Elvio Cognos Dolcetto hergibt. Schliesslich handelt sich um einen relativ preiswerten Rotwein aus dem Piemont. Einer Gegend, welche eher für hochpreisige Barolos bekannt ist. Neben dem bereits hier vorgestellten Montegrilli, einem Weissen, einem Barbera d’Alba und einem Barabresco produziert natürlich auch Elvio Cogno solche.

Elvio CognoDas äusserst schmucke Weingut liegt auf einem Hügel namens Bricco Ravera, nahe Novello. Der modernisierte Weinkeller befiindet sich in einem Gebäude aus dem 18. Jahrhundert und ist ringsum von Reben umgeben. Insgesamt elf Hektar gehören zum Familienbetrieb. Die Anbaufläche für den Dolcetto nimmt dabei knapp einen Viertel ein. Immerhin 16’000 Flaschen werden davon jährlich abgefüllt. Die Trauben wachsen 380 Meter über Meer. Nach der Ernte wandern sie erst für je vier Monate in den Stahltank und ins Holzfass, und reifen anschliessend ein halbes Jahr in der Flasche, bevor der Wein auf den Markt kommt. Die vorliegende Abfüllung stammt von 2010, einem sehr guten Jahr für Piemonteser Weine.

Es ist Wochenende. Ein guter Bekannter bringt netterweise einen sehr spannenden Malanser Completer. Nach ein wenig Apéro-Gebäck und Smalltalk, setzen wir uns an den Tisch. Das Abendessen beginnt. Auf einen gemischten Salat folgt eine Lasagne alla casalinga. Den Dolcetto habe ich bereits schon zwei Stunden vorher entkorkt, jedoch nicht dekantiert. Ich schenke ein. Helles Rubinrot mit Violett-Tönen. Das Bouquet duftet nach Beeren und – Wein. Eine südlich anmutende Mischung aus reifen Beerenfrüchten, dezenten Gewürzen und süsslichen Akzenten strömt einem entgegen. Ein erster Schluck bestätigt die Nase: Reife, rote Beeren, Mandel und ein Hauch Vegetabiles. Der Wein ist samtig und süffig, der Körper von mittlerem Gewicht, fruchtig und einladend, der Abgang weich. Es ist ein sehr schöner Wein. Einer, von dem man gerne nachschenkt. Er hat Finesse und ist elegant. Eine fruchtige Leichtigkeit und ein charmantes Bouquet laden ein, mehr davon zu trinken. Die Flasche ist im Nu leer.

Fazit: Ihr ahnt es, Hugh Johnsons Einschätzung zum Dolcetto d’Alba von Elvio Cogno trifft ins Schwarze. Ich kann mich dieser nur anschliessen. Der fruchtbetonte Piemonteser schmeckt ohne Ende und eignet sich sehr gut als Begleiter von Pasta-Gerichten. Die Lasagne und der Dolcetto verstehen sich auf Anhieb. Der Wein hat zudem ein äusserst gutes Preis-Leistungsverhältnis. Im Vergleich zum Montegrilli aus selbem Haus, schneidet er insgesamt besser ab. Ich gebe 18 Punkte und freue mich schon auf die nächste Flasche von Winzer Cogno. Salute!

Dolcetto d'Alba

Punkte: 18/20
Passt zu: Lasagne, Pasta
Preis: momentan Fr. 15.00 statt 16.80 / € 9.90

Elvio Cognos Dolcetto d’Alba kann man bei Martel kaufen oder bei Ego-Vino bestellen.


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La Grande Chapelle blanc – Antoine Moueix 2010

Bordeaux = alte Welt. Diese Formel bewahrheitet sich nicht zuletzt dadurch, dass nach wie vor circa siebzig Prozent aller dort produzierten Weine durch sogenannte Négociants vermarktet und verkauft werden. Also wie seit Urzeiten durch Händler, die entweder ein Vorkaufsrecht auf Weine von (Spitzen-)Châteaux besitzen, oder Weine verschiedener Herkunft erstehen, diese dann verschneiden, abfüllen und unter eigenem Namen vermarkten. Der Grande Chapelle gehört zu letzterer Gattung. Die Flasche ziert ein grosser Name: Moueix. Zeit für ein kurzes Familienportrait.

Antoine Moueix ist schon lange tot. Der Geschäftsmann kam ursprünglich aus Corrèze. 1905 gründete er in Saint-Émilion das Maison Antoine Moueix. Fünf Generationen folgten ihm und führen seine Tätigkeit als Négociant bis in die Gegenwart fort. So besitzt ein Teil seiner Abkömmlinge heute verschiedene Rebberge in Pomerol und Saint-Émilion. Jean-Michel und François Moueix gehören die Güter Clos Beauregard, Clos Toulifaut, Château Rochebrune, Clos Belle Rose. Die Kinder seines Ururenkels sind Besitzer von Châteaux Taillefer, Fontmarty, Tauzinat L’Hermitage und Le Grand Treuil.

Antoine Moueix

Négociant Antoine Moueix

Jean Pierre Moueix gründete 1937 ein Négocianthaus am Quai du Priourat in Libourne. Seine Investitionen in Weingüter der Region in den früher 50er Jahren brachte der Familie Moueix mehr und mehr Einfluss auf den französischen Weinmarkt. Nicht zuletzt als Folge davon, stieg die Reputation von Weinen aus dem Pomerol. Antoine Moueix, ein Onkel von Jean Pierre Moueix, erstand 1947 Château La Tour du Pin Figeac. Es folgten weitere Käufe: Château Magdelaine 1952, die Châteaux Trotanoy, Lagrange und La Fleur-Pétrus 1953, und die schrittweise Teilhaberschaft an Château Pétrus ab 1961, gefolgt von Château Latour 1962. Schritt für Schritt wurde das Moueix-Imperium erweitert. Château Hosanna, Providence und Château Belair folgten. Auch vor kalifornischen Ankäufen schreckte man nicht zurück. So erwarb die Familie schon bald das im Napa Valley gelegene Weingut Dominus Estate.

Jean-Pierre Moueix trat 1978 von den Geschäften zurück und starb 2003. Anfang der 90er wurde sein Sohn – Christian Moueix – Präsident des Familien-Imperiums, währenddem Jean-Pierres Grossenkel – Edouard Moueix – seit 2003 für den Verkauf zuständig ist.

Die vor mir stehende Flasche trägt denn auch in grossen Lettern den Namen des Gründervaters. Wie das bei Négociant-Weinen so ist, erfährt der Kunde leider recht wenig über die Herkunft des Traubenmaterial. Klar, Bordeaux steht drauf und auch ein AC-Label ist zu finden. Lediglich die beiden verwendeten Traubensorten stehen auf dem Etikett: Sauvignon blanc und Sémillion – wer hätte das gedacht. Auf der Webseite des Herstellers erfahre ich wenigstens, dass das die Trauben aus dem Entre-Deux-Mers bezogen werden. Na wenigstens das wird deklariert.

Gekauft habe ich den Weisswein übrigens aus einer Laune heraus im Manor. Reviews von Bordeaux blancs hatten wir ja schon einige auf diesem Blog: Thieuley, Pierrail und Bonnet. So weit ich mich erinnern kann. Moueix’s Bordeaux blanc kostet gerade mal Sieben Franken Fünfundneunzig. – Ja, ja, ich geb’s ja zu: Mich reizt nach wie vor der Gedanke, mal was Ordentliches, eine Art Knallbonbon für weniger als zehn Franken zu entdecken. – Schauen wir mal.

Farblich zeigt sich der Grande Chapelle in einem leicht blassen Quittengelb. Ein Hauch Grün scheint ebenfalls mit. Ich halte meine Riechorgan ins Glas. Hm, das Bouquet ist bescheiden. Es duftet zurückhaltend nach Frühlingsblumenfeldern, Veilchen und Zitrusfrüchten. Ich bin gespannt, was jetzt kommt. Hoffentlich ist’s nicht wie beim Bonnet. Der roch ähnlich verhalten, was sich im Mund dann leider fortsetzte. Moueix’s Abfüllung gefällt mir auf Anhieb besser. Der Weisswein besitzt eine Lieblichkeit, welche mit einer schönen, frischen Zitrussäure gepaart ist. Der Körper ist auf angenehme Art und Weise fruchtig-säuerlich, der Abgang von mittlerer Länge, der Nachhall schön weich und zart. Der Wein hat etwas Weiches, Feminines. Er wirkt leicht süsslich. Kaum wahrnehmbar, aber gerade so, dass er sich als preiswerter Apéro- und Saufwein prädestiniert. Was mir fehlt, ist Tiefe, Intensität, Ausdruck, Charakter, oder wie man das immer nennen mag. Im Vergleich zu einem Thieuley oder einem Pierrail ist er langweilig und eindimensional. Überzeugend wirken jedoch seine Ausgewogenheit, seine Lieblichkeit und natürlich der Preis. Ich gebe 14 Punkte.

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Punkte: 14/20
Passt zu: Apéros, gegrilltem Salzwasserfisch, Meeresfrüchten
Preis: Fr. 7.95

Den La Grande Chapelle 2010 kann man hier kaufen.