Flaschentester

… schreibt über europäische Weine und verwandte Themen


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Kurz angenippt: Wein einer Nacht – Wein Berneck

Seit kurzem findet ihr unter der Rubrik kurz angenippt Weine, welche mir irgendwo über den Weg liefen, aber nicht genauer getestet werden konnten. Die Notizen sind kurz und knapp, die Punktevergaben eher als Anhaltspunkt, denn als absolutes Mass anzusehen. Die Weine werden daher auch nicht in den Charts gelistet.


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Maître de Chais – Syrah 2008

Unter meinem Schreibtisch steht schon seit Monaten eine Flasche Syrah, die verkostet werden will. Sie stammt aus der Produktion einer Westschweizer Genossenschaft und haut mich zwei Stunden später ziemlich vom Hocker. – Hätte ich doch nur schon früher mal mein Büro entrümpelt.

ProvinsGründungsjahre

1920: Schweizer Wein in der Krise. Zehn Jahre später entsteht im Wallis die Genossenschaft Provins.

Der Rotwein wurde im Wallis produziert. Der zweisprachige Kanton beherbergt beinahe einen Drittel der Schweizer Weinbaufläche. Die äussersten Punkte reichen vom Ende des Genfer Sees bis nach Visp. Das Kernland erstreckt sich zwischen Martigny und Leuk über beinahe 120 Kilometer weit, entlang dem rechten Rhone-Ufer. Die meisten Rebstöcke liegen zwischen 450 und 800 Meter über Meer. Einzig die Weinberge von Visperterminen liegen auf 1’000 Metern. Von den insgesamt 23’000 Parzellen-Eigentümern sind gerade mal 20% als vollberufliche Weinbauern tätig. Viele Flächen werden verpachtet. Die besten Lagen im Unterwallis liegen auf niedrigster Höhe, auch Zone 1 genannt. Klimatisch überwiegt der Einfluss der Alpen. Im Wallis herrscht Kontinentalklima. Das heisst im Klartext: Kalte Winter, heisse Sommer. Der Herbst zeigt sich häufig mild und sonnig. Auf die Reifung wirkt sich vor allem der Föhnwind positiv aus. Insgesamt 59 (!) Rebsorten werden angebaut. Am prominentesten sind Chasselas, Pinot noir, Gamay und Sylvaner vertreten. Diese vier Sorten machen 75% der Gesamtfläche aus.

Viertausend Mitglieder, zehn Millionen Kilogramm Trauben Jahresertrag, 240 Hektare Reben, drei Annahmestellen, zwei Kellereien und eine Zentrale für Vinifizierung und Einkellerung. So lesen sich die eindrücklichen Eckdaten der Provins. Aufgrund einer Krise im Weinbusiness in den 1920ern, wurde die Walliser Genossenschaft 1930 aus der Taufe gehoben und mauserte sich in den letzten achtzig Jahren zum grössten Schweizer Weinproduzenten. Insgesamt 23% der kantonalen und 10% der nationalen Produktion entfallen auf die Provins mit Hauptsitz in Sion. Eindrücklich. Es erstaunt daher auch nicht, dass die Genossenschaft bzw. deren Weine schweizweit, regelmässig Auszeichnungen erhalten. Auch Chandra Kurts Collection gehört zur Provins.

Madeleine Gay

Madeleine Gay: Meisterin autochthoner Sorten.

Da die Genossenschaft die Trauben von mehreren tausend Winzern verarbeitet, sind entsprechende Teams am Start. Der Önologe Gérald Carrupt leitet eine Gruppe aus insgesamt fünf Önologen, einem Produktionschef und sieben Kellermeistern. Den Kontrapunkt zu Carrupt setzen die Önologin Madeleine Gay und ihre Mitarbeiter. Die ETS-Ingenieurin für Weinbau und Önologie arbeitete zunächst im önologischen Labor der Provins, bevor ihr Aufgabenbereich erweitert wurde. Gay ist seit Beginn ihrer Tätigkeit für die Provins Förderin alter, einheimischer Rebsorten. Bis heute berät sie Winzer bei der Neubepflanzung ihrer Rebparzellen. Sie war es auch, die zusätzliche Anreize durch die Einführung von Anbauverträgen schaffte. Die Meisterin der Vinifikation von autochthonen Sorten wurde 2008 am Grand prix du vin suisse für ihre Leistungen zur Winzerin des Jahres gekürt.

Auch der Syrah unter meinem Schreibtisch trägt ihre Handschrift. Maître de Chais, zu Deutsch Kellermeister, ist die Spitzenlinie der Genossenschaft. Die Weine dieses Labels stammen allesamt von Winzern, mit denen die Provins Anbauverträge abgeschlossen hat. Auf diesen Parzellen werden – laut Genossenschaft – sämtliche Parameter von Madeleine Gay und ihren Mitarbeitern kontrolliert.

Ganz ehrlich, von alledem weiss ich noch nichts, als ich die mittlerweile etwas staubige Flasche entkorke. Ich kann mich nur noch grau daran erinnern, dass ich den Wein – inspiriert durch einen anderen Walliser Syrah bei einem Bekannten – vor gefühlten zehn Jahren im Coop gekauft habe. Die Flasche lag lange Zeit im Keller. Irgendwann landete sie zwei Stockwerke weiter oben im Arbeitszimmer. Jetzt ist die Zeit reif. Und hoffentlich auch der Wein. Schliesslich wurde er 2008 abgefüllt. Dampf hat er laut Hersteller für zehn bis fünzehn Jahre. Ich bin ungeduldiger. Auf dem Etikett steht, dass er vor allem zu Lamm passe. Ich folge dem Vorschlag. Es gibt ein Nierstück an Rotweinsauce, Karotten und Bandnudeln. Den Wein habe ich bereits vor Kochbeginn geöffnet und ca. ein Glas für die Sauce verwendet. Es hat sich gelohnt! Gute Saucen brauchen guten Wein. Obwohl viele Hobbyköche immer noch billigsten Fusel als Grundlage für Saucen verwenden. Schade. Gut geht anders. Definitiv.

Weiter im Text: Die Flasche stelle ich nochmals für zehn Minuten in den Kühlschrank. Es ist angerichtet. Angenehm temperiert befindet sich der Syrah nun im Glas. Ich nehme eine Nase voll. Wunderbar! Diese äusserst intensiven Beerennoten. Zudem Teer, Holz, Vanille, Röstaromen. Herrlich! Schon das Bouquet löst bei mir Begeisterungsstürme aus. Die Spannung steigt. Der erste Schluck: Heiliger Kuhmist! Das ist einer der besten Schweizer Rotweine, die ich seit langem im Glas hatte. Aus Angst vor einer etwas vorschnellen Bewertung, setze ich das Glas sofort nochmals an. Fantastisch! Jetzt zum Essen: Unglaublich gut! Ich krieg‘ mich nicht mehr ein. – Nach all‘ der Euphorie bringe ich meine Gedanken zu Papier: Der Walliser scheint in einem sehr ansprechenden, edlen Dunkelrot. Im Mund wirkt er füllig, schwer und unglaublich weich. Die Balance aus Süsse-Säure, Frucht und Holz ist beinahe perfekt. Der Wein hat viel Schmelz im Abgang und einen Nachhall, der die Vanille- und Barrique-Aromen nochmals sehr schön zur Geltung bringt. Er ruft: Mehr! Trinkt Mehr! – Und das tun wir auch. Die Flasche ist erstaunlich schnell leer. Eine zweite haben wir leider nicht in Reserve.

Fazit: Der Walliser Rotwein müsste auch letzte Lokalwein-Skeptiker hinter’m Ofen hervorlocken. Schliesslich ist dieser Syrah das beste Beispiel für bezahlbaren, helvetischen Spitzenwein. Gay’s Abfüllung macht einfach nur Spass. Sie hat mich so eiskalt erwischt, dass ich es kaum erwarten kann, andere Weine der Kellermeister-Topserie zu probieren. Ich gebe 18 Punkte.

Maître de Chais Syrah 08

Punkte: 18/20
Passt zu: Lamm, Wild
Preis: Fr. 25.90

Den 2009er Syrah und andere Weine des Maître de Chais-Labels gibt’s bei Coop. Der hier besprochene 2008er ist bei Gazzar erhältlich.

P.S. Und wem’s immer noch zu teuer ist, soll die nächste 20%-Aktion von Coop abwarten. Denn die kommt bestimmt.


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Brathendl-Wein: Preisinger Basic 2009

Liebes Tagebuch, unser Ausflug von neulich hat sich gelohnt. Einmal mehr durften wir österreichische Gastfreundschaft hautnah erleben. Neben hervorragenden Speisen, zeigte sich wieder mal, dass es unglaublich fein gearbeitete österreichische Weine gibt, welche von uns jungen Kehlen noch entdeckt werden wollen. So einer war der 011er Zweigelt von Claus Preisinger. – Notiz an mich: Begib‘ dich zu Hause unverzüglich auf die Suche nach den schlichten Flaschen des jungen Winzers aus dem Burgenland!

Einige Wochen später: Mit Fahrrad und Hoffnung ausgestattet, durchstöbere ich lokale Weinhandlungen. Fündig werde ich im Globus. Da finden sich einige von Claus‘ Flaschen in den Regalen. Der 011er Zweigelt leider noch nicht. Der kommt die Tage. – Warten? Ne, kommt nicht in die Tüte. Um die Zeit zu überbrücken, pack‘ ich schon mal drei Flaschen vom Basic auf meinen Drahtesel.

Preisinger Weingut

Claus Preisingers Weingut – Eine Augenweide

An gewöhnlichen Wochentagen wird bei Flaschentesters meistens bodenständig gekocht. So auch neulich. Es ist Mittwochmittag. Nach einem kurzen Frühlingsversuch, entschliesst sich das Wetter heute doch lieber nochmals vorzuführen, was Schnee ist. Draussen ist es nass, kalt und grau. Aus der Küche strömt bereits ein herrlicher Duft in die restlichen Räume. Es riecht fantastisch! Schnell noch rasch in den Keller und ne Flasche Roten raufgeholt. Es gibt Brathendl.

Hühnchen, Kartoffeln und Salat stehen auf dem Tisch. Der Wein ist einigermassen temperiert. Ich schenke ein. Toll, dieses Dunkel-Violett. Ehrlich, schon die Farbe begeistert. Freudig nehme ich eine Nase voll: Sehr gefälliges Bouquet. Ich rieche intensivste Pflaume, etwas Kirsche, einen Kräutermix aus Rosmarin und Lavendel, Sprit, Leder und Holz. Im Mund dann sanfte Tannine, leicht beerig-marmeladiger und dennoch würziger Körper, toll integrierte Säure, geringe Adstringenz, ein relativ kurzer Abgang, und zum Schluss ein fruchtig-würziger Nachhall. Der Basic schmeckt auf Anhieb. Er ist durch und durch unkompliziert und hat trotzdem Charakter. Eben ein saftig-trinkiger Alltagswein, der bestimmt zu vielen ländlichen Gerichten passt. Auch ohne Essen, kann man ihn gut geniessen. Zur Produktion so viel: Die Trauben (90% Zweigelt, 10% St.Laurent) für den Basic stammen – laut Winzer – übrigens aus jeweils perfekt entsprechenden Lagen und Weingärten im Westen und Osten des Neusiedler Sees. Gelesen wurde in der ersten Septemberwoche. Die Vorselektion erfolgte im Weingarten, im Weingut wurde dann nachsortiert. Es folgte eine Spontangärung im Tank, mit anschliessendem Ausbau in Eichenfässern auf eigener Hefe, für den Zeitraum von zehn Monaten.

Fazit: Der österreichische Rotwein vom Neusiedlersee zeigt, dass es auch im unteren Preissegment tolle Bio-Weine gibt. An den 2011er Zweigelt aus dem selbem Haus kommt er meiner Meinung nach nicht ran. Trotzdem gehört Preisingers Basic zu den erfreulichsten Alltags-Roten, welche ich in letzter Zeit im Glas hatte. Toll! Ich gebe verdiente 16 Punkte.

Preisinger Basic

Punkte: 16/20
Passt zu: Bodenständiger Küche
Preis: Aktionspreis Fr. 10.00 statt 16.80 / € 7.29

Claus Preisingers Weine gibt’s im Globus und bei Pfanner & Gutmann

 


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Château de Cardaillan Graves AOC 2009

2009 war ein Spitzenjahr für Bordeaux. Da sind sich alle Autoritäten einig. In solchen Jahren werden die aufgrund strengerer Selektion sowieso schon guten Weine grosser Châteaux noch besser. Am meisten profitieren aber vor allem Weine weniger bekannte Produzenten mit geringerem Renommée. Und genauso einer ist der Château de Cardaillan.

Das Weingut liegt im Gebiet Graves, süd-südöstlich der Stadt Bordeaux. Das Château de Cardaillan gehört nicht zu den klassifizierten Betrieben der Appellation. Die Weine des Châteaus sind lediglich AOC-zertifiziert. Was zwar etwas über die Güte der Produktionskette aussagt, aber nicht über die Qualität des Produkts. Aber das Thema hatten wir ja schon mal bei einem anderen Wein. Zurück zum Text: Nach einem Bordeaux-Degustationsnachmittag bei Mövenpick, bin ich auf alles vorbereitet, komme, was wolle. Kurz vor 17.30 Uhr öffne ich die Flasche und schenke ein. Wie erwartet gibt sich der Wein noch verschlossen. Ich warte. Zweieinhalb Stunden später – pünktlich zum Abendessen – ist es dann so weit: Der De Cardaillan ist trinkbereit.

Die Trinktemperatur wird von Coop mit 16 – 18 Grad Celsius, die Genussreife bis maximal 2016 angegeben. Der Franzose wird zu gleichen Teilen aus Cabernet Sauvignon und Merlot vinifiziert. Er scheint in einem wunderschönen, dunklen Rubinrot mit violetten Reflexen und schwarzem Kern. Die Nase weckt Erwartungen. Das Boquet ist enorm beerig, ansprechend mit Kräutern und Lakritze ausgestattet, und unterstreicht die Herkunft des Weines auf eine feine, seidige Art. Es riecht nach Bordeaux. Schön. Beim letzten Wein war das leider anders.

Im Mund dann ebenfalls Würze und Frucht – Thymian, Waldpilze, Cassis, Holunder, dunkle Beeren, Fass, etwas Tabak. Der Wein ist gut balanciert, der Körper für einen Bordeaux eher leicht und frisch. Jugendliche Säure ist zwar vorhanden, aber nicht weiter störend. Noch ein, zwei Jahre und auch diese wird abnehmen. Die Tannine sind samtig eingebetet. Der Abgang bringt nochmals Erinnerungen an Wald und Vegetabiles, der Nachhall beendet das Rotweinerlebnis elegant und harmonisch. Bei alledem schwebt von Anfang bis Schluss die Herkunft geschmacklich eindeutig mit. Das gefällt mir.

Wie ich in einem anderen Artikel erwähnt habe, sind Rotweine aus den Graves oft der Inbegriff des klassischen Bordeaux. Sie sind schlank, elegant, harmonisch, bieten eine frische Fruchtigkeit und können oft auch schon jung getrunken werden. All diese Attribute treffen auch auf den Château de Cardaillan zu. Einzig die jugendliche Säure könnte etwas reduzierter rüberkommen. Ansonsten handelt es sich um einen recht ordentlichen, jungen Bordeaux, der aber unbedingt eine intensive Sauerstoffwäsche benötigt, bevor man ihn geniessen kann. Auch der Preis ist fair. Ich gebe 15 Punkte.

ChâteauDeCardaillan09

 

Punkte: 15/20
Passt zu: Kalbsgeschnetzeltem mit Wildreis an Balsamico-Reduktion
Preis: Fr. 13.90

Den Château de Cardaillan 2009 gibt’s im Coop Gallusmarkt, den 2010er online. Über den 2008er gab’s unlängst einen Artikel in der NZZ.


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Kurz angenippt: Kerschbaum, Blaufränkisch Hochäcker, 2009

Seit kurzem findet ihr unter der Rubrik kurz angenippt Weine, welche mir irgendwo über den Weg liefen, aber nicht genauer getestet werden konnten. Die Notizen sind kurz und knapp, die Punktevergaben eher als Anhaltspunkt, denn als absolutes Mass anzusehen. Die Weine werden daher auch nicht in den Charts gelistet.


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Primitivo, Selezionato per Grands Vins Globus 2009

Kampf dem Januarloch: Teil IV – In der Flimmerkiste läuft endlich mal was Gescheites. Lilyhammer heisst die neue Serie. In dieser tritt Steven Van Zandt, seines Zeichens Gitarrist der E-Street Band, erneut – nach seinem Schauspiel-Debut bei den Sopranos – als Klischee-Mafioso in Erscheinung. Diesmal sogar in der Hauptrolle. Schauplatz ist die ehemalige Olympiastadt Lillehammer. Alles dreht sich also um einen Italiener im Schnee. Das gefällt mir. Nach der Fondue-Exkursion vom letzten Mal, gibt’s darum heute auch eine Bolognese, dazu einen Primitivo. Irgendwie muss man schliesslich auch im verschneiten Jänner ab und zu für etwas südeuropäisches Flair sorgen.

Wir nähern uns langsam aber stetig dem Ende des Monats. Trotzdem bleibe ich auch heute meiner Budgetlinie treu und mache mich auf die Suche nach einem vernünftigen Wein unter zehn Franken. Fündig werde ich im Globus. An einem Donnerstag – es ist Abendverkauf – zwänge ich mich in den kleinen Weinkeller. Da treffe ich auf einen freundlichen Verkäufer und vier weitere Kunden. Es wird eng. Meine Augen schweifen über die Regale. Fast greife ich mir eine Flasche vom herrlichen Quercegobbe. Ein paar Regale weiter finde ich einen Rieussec. Ich meine es war ein 2005er. Ein herrlicher Jahrgang. Die Versuchung ist bei beiden gross.

Zuunterst in den Regalen stehen die billigsten Flaschen. Wie könnte es auch anders sein. Im Regal mit den Italienern sehe ich einen Salice Salentino und eben den Primitivo. Beide kosten gleich viel. Ich entscheide mich für letzteren.

Lilyhammer

Steven van Zandt: Ein Gitarrist spielt Mafia.

Die Flasche fällt auf: Das Design der Etikette erinnert mich ein wenig an die Hefte meiner Grundschulzeit und der Korken ist mit Wachs versiegelt. Sehr speziell. Der Wein ist nur bei Globus erhältlich. Beim vorliegenden Primitivo handelt es sich nämlich um eine Sonderselektion der Brüder Zanolari bzw. ihres Vertriebs Plozza Vini. Die Zanolaris sind eigentlich bekannt für ihre Weine aus dem Veltlin. Der Primitivo stammt aber aus Apulien, also Süditalien. Es handelt sich um einen 2009er. Übrigens ein sehr guter Jahrgang.

Die Bolognese köchelt schon seit zwei Stunden vor sich hin, die Pasta ist ebenfalls fertig.  Der Primitivo, übrigens ein Synonym für Zinfandel, steht bereit. Dekantiert habe ich ihn nicht. Ich schenke ein. Das Essen kann beginnen. Währenddem Steven Van Zandt alias Frank Tagliano in Schneeschuhen über den Schirm stapft, halte ich mein Riechorgan ins Glas: Es riecht erstmal würzig und auch fruchtig. Ich erkenne Paprika, Nelke, Anis, Pfeffer und Sprit, Johannisbeeren und einen fast schon aufdringlichen Barrique-Ton.

Was kann man von einem Neunfrankenneunzig-Wein erwarten, frage ich mich. Nach dem ersten Schluck ist klar: Ziemlich viel.

Ähnlich wie beim Molino, werde ich auch vom Primitivo positiv überrascht. Der Rotwein schmeckt auf Anhieb. Der Italiener ist durchaus vielschichtig. Der Körper hat Saft und ist elegant. Er wirkt nicht hart, nicht sauer, nicht trocken. Es ist ein zarter, feiner und fruchtiger Wein, der zugleich würzige Komponenten integriert. Der Abgang ist ebenfalls sehr interessant. Weich, harmonisch und lange sind hier die passenden Attribute. Der Wein ist zudem süffig und verleidet nicht. Nach einem Teller Pasta trinke ich noch zwei weitere Gläser. Das könnte den ganzen Abend so weiter gehen, das mit dem Trinken. Aber am nächsten Tag muss ich früh raus. Darum wandert die halbvolle Flasche auch in den Kühlschrank. Schade.

Der Primitivo der Brüder Zanolari ist ein grundsolider Wert. Für Fr. 9.90 kriegt man wirklich einen mehr als ordentlichen Wein ins Glas. Wer auf der Suche nach einem Italiener zu Pasta, Pizza oder italienischen Fleischgerichten ist, aber nicht zu viel Bares auf die Theke legen möchte, sollte zugreifen. Ich gebe verdiente 16 Punkte.

Primitivo, Selezionato per Grands Vins Globus 2009

Punkte: 16/20
Passt zu: Pasta, Pizza, Osso bucco
Preis: Fr. 9.90

Kaufen kann man den Primitivo hier


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Kurz angenippt: Tres de Azul y Garanza 2009

Seit kurzem findet ihr unter der Rubrik kurz angenippt Weine, welche mir irgendwo über den Weg liefen, aber nicht genauer getestet werden konnten. Die Notizen sind kurz und knapp, die Punktevergaben eher als Anhaltspunkt, denn als absolutes Mass anzusehen. Die Weine werden daher auch nicht in den Charts gelistet.


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Vinha da Malhada 2009

Rückblick: Wir schreiben den ersten Dezember 2012. Der Schnee wurde gestern zu Matsch und über Nacht dann zu Eis. Trotzdem entscheide ich mich für die Nordost-Route. Und das, obwohl ich für die ungeheure Strecke von 403 Metern Luftlinie kurzfristig keinen Hundeschlitten auftreiben konnte. Warm eingepackt und etwas widerwillig mache ich mich auf den Weg zu Romanin. Versprochen ist schliesslich versprochen.

Nach fünf Minuten Fussmarsch erreiche ich mein Ziel, die Bogenstrasse 7b. Es hat etwas von einer Weihnachtsgeschichte. Schliesslich ist einzig hinter Romanins Türen Licht im dunklen Hinterhof zu erkennen. Ich trete ein. Zugegeben, etwas erschrocken bin ich schon, als ich inmitten des Weinlagers stehe: Kartons und Kisten türmen sich bis zur Decke. Es ist leicht chaotisch und unaufgeräumt und inmitten der Weinflaschen und Pakete sind zwei Angestellte emsig am werkeln. Wahrscheinlich bereiten sie tonnenweise Päckli für den Versand vor – denke ich mir. Schliesslich ist bald Weihnachten.

Romanin

„Doch, doch, sie sind hier schon richtig.“

Ich packe meinen Zettel aus und frage nach zwei Flaschen. Einem sehr schönen Sekt-Getränk und dem Vinha da Malhhada. Die eine Lady führt mich zu einem weiteren, etwas kleineren Raum. Hier wirkt alles ordentlich. Es ist der eigentliche Geschäftsraum. Alle Weine sind feinsäuberlich ausgestellt, die Regale mit Landesnamen gekennzeichnet und die Flaschen mit einem zusätzlichen Etikett jeweils genauer beschrieben. Die Verkäuferin holt mir die zwei Flaschen aus einem Nebenraum, wir plaudern währenddem ein wenig. Sie betont, dass auf telefonische Anfrage das Geschäft auch an anderen Tagen geöffnet werde. Meistens sei sowieso jemand da, meint sie*.

Noch fünf Stunden bis zum Weltuntergang: Der Malhada steht bereit. Er stammt von der Quinta do Motalto. Diese liegt in einem kleinen Nest namens Olival. Gerade mal 5’800 Seelen zählt das Dorf, welches süd-südöstlich von Porto liegt. Der Cuvée wird dort aus vier verschiedenen Traubensorten vegan hergestellt: Tinta Roriz, Baga, Touriga Nacional und Alicante Bouchet. Tinta Roriz ist ein Synonym für Tempranillo. Laut Romanins Webseite soll der portugiesische Rotwein leicht und süffig sein. Die Spannung steigt.

Als Essenspaarung entscheiden sich meine Degustationspartnerin und ich für ein kurzgebratenes Lammnierstück, frittierte Auberginen mit Rosmarin-Wurzelgemüse und Weissbrot. Dekantiert wartet der Portugiese 90 Minuten brav in der Karaffe. Dann schenke ich ein. Im Glas zeigt er sich schwarzrot. Die Nase ist durchaus angenehm und vielseitig, will heissen: Cassis, Pflaume, Leder, Stall, Nelke, Rosmarin. Das mit der Süffigkeit kann ich bedingt nachvollziehen. Im Mund ist der Wein erstmal kantig und rau. Positiv ausgedrückt, hat er Charakter. Schluckt man ihn schnell, verlässt er den Gaumen mit einer pflaumigen – süffigen – Süsse. Lässt man sich hingegen Zeit, ist die Säure für meine Eichung hart an der Grenze, für viele ist sie bestimmt einfach zu dominant. Die Frucht hat arg um ihre Position zu kämpfen. Wie bei Romanin beschrieben ist er tatsächlich sehr trocken und leicht. Der Abgang ist von mittlerer Länge.

Der Vinha da Malhada ist ein rudimentärer Traubensaft. Ein einfacher Tischwein für einfache Gerichte. Er macht es mir nicht leicht mit der Bewertung. Würde ich mir diesen Rotwein nochmals kaufen? Nein, wohl eher nicht. Der letzte Portugiese hat mir weitaus besser geschmeckt. Für den Naturwein hat sich der Weg durch die Schneelandschaft aber nur mässig gelohnt. Er ist einfach zu kantig und zu sperrig. Ausser man bechert ihn in schnellen Zügen. Momentan bin ich aber eher gemächlich unterwegs. Ich gebe darum 13 Punkte.

VinhaDaMalhada2009

Punkte: 13/20
Passt zu: Lamm, herzhaften vegetarischen Gerichten, Oliven und Weissbrot
Preis: Fr. 12.50

*P.S. Romanin hat jeweils nur am ersten Samstag des Monats geöffnet.


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Riesling Spätlese, Bernkasteler Badstube, Markus Molitor, 2009

Spätestens seit ich dem Bründlmayer begegnet bin, reite ich auf der Riesling-Welle durch den Winter. Bekannt für die leckeren Weissweine ist traditionsgemäss natürlich Deutschland. Genau dort findet man ein beeindruckendes Beispiel eines Familienbetriebs: Markus Molitor bewirtschaftet an der Mosel bereits in achter Generation das gleichnamige Weingut.

Der ursprünglich drei Hektar grosse Betrieb umfasst heute 38 Hektar Rebfläche und ist das grösste Weingut an der Mittelmosel. Allein im tollen Jahr 2009 brachte Molitor 32 (!) verschiedene Rieslinge auf den Markt. Die Jahresproduktion liegt bei 200’000 bis 300’000 Flaschen. Darunter Qualitätsweine, Kabinetts, Spät- und Auslesen. Alles deutsche Qualitätsbezeichungen, welche vom Öchslegrad abhängen. Beim vorliegenden Riesling handelt es sich um eine Spätlese. Die Trauben wurden Ende November geerntet. Der Öchsle-Grad liegt laut Qualitäts-Definition irgendwo zwischen 85 und 91.

Blick von Bernkastel auf die Badstube

Bernkastel: Bick auf die Rebberge

Molitors Reben an der Bernkasteler Badstube umfassen 2,7 Hektar. Die Lagen erstrecken sich von der Mitte des Berges bis zum Wald. Die Reben stehen durchwegs auf Steillagen. Laut Winzer bestehen diese Weinberge aus Schiefer, welcher reich an Feinerde ist. Wasser wird also gut gespeichert. Das hat vor allem einen positiven Effekt: Die Rieslinge haben ein enormes Entwicklungspotenzial. Die maximale Trinkreife wird mit 2025 angegeben. Weinwisser datiert sogar auf 2040. Er ist also ein Langstreckenläufer, der Bernkasteler. Gut zu wissen.

Gespannt schenke ich ein. Ein erster Schluck ist – Verzeihung – enttäuschend. Irgendwie habe ich mehr erwartet. Nachdem die offene Flasche zwanzig weitere Minuten, gekühlt in einer einsamen Ecke verbracht hat, nehme ich einen zweiten Anlauf. Schon besser. Der Molitor bietet diese typische Riesling-Fruchtigkeit. In der Nase und im Mund. Allerdings lange nicht so überschwenglich, wie ich gehofft hatte. Grundsätzlich ist alles in Ordnung: Die Nase, der Körper, der Abgang, alles annehmbar. Mehr als sogar. – Es ist dieses Mineralische, das mich stört. Vielleicht weiss ich diese Qualität einfach nicht zu schätzen, aber meinen Geschmack trifft es nicht. Der Wein hat etwas Ernstes an sich. Schwierig zu beschreiben, so was. Vermutlich nennt man das lagentypisch, diese Reminiszenz an den Schiefer. Eigentlich ja eine wünschenswerte Eigenschaft beim Wein, wenn er das Terroir widerspiegelt. Trotzdem überzeugt er mich nicht vollends.

Bei Mövenpick findet man eine Score von 18/20, Weinwisser vergibt 17/20 Punkte. Ich finde beide zu euphorisch. Natürlich handelt es sich um einen schön gemachten, traditionellen Riesling eines grossen Hauses. Trotzdem haut er mich nicht aus den Socken. Es zuckt höchstens der kleine Zeh. Zugegeben, ich jammere auf hohem Niveau, denn dieser Molitor ist nichtsdestotrotz ein schöner Wein und durchaus empfehlenswert. Ich gebe 16 Punkte.

MolitorRieslingSpätleseBernkastelerBadstube

Punkte: 16/20
Passt zu: Apéro, Fisch, Meeresfrüchten, zart zubereitetem Schweinsfilet
Preis: Fr. 26.-

 

Markus Molitors Riesling gibt es hier zu kaufen.


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Trau, schau, wem? – Ein Rückblick

Gefälschte Etiketten, Glycerin, Methanol, Zuckerwasser und andere Panschereien: Winzer und Weinhändler sorgen immer wieder mal für Schlagzeilen. Die Anzahl der bekannten Fälle ist zwar eher gering, die Auswirkungen zum Teil jedoch verheerend; im Einzelfall sogar tödlich. Trotzdem sind viele Ereignisse der Vergangenheit in Vergessenheit geraten. Vor allem junge Weintrinker kennen die Skandale – wenn überhaupt – nur noch vom Hörensagen. Höchste Zeit also, das Geschichtsbuch aufzuschlagen und in den Archiven der Presse zu wühlen.

SchweizWenn ich an Weinskandale denke, male ich mir die ungeheuerlichsten Geschichten aus. Solche bei denen der Konsument über’s Ohr gehauen wird. Solche bei denen Gangsterbosse viel Geld verdienen und solche bei denen die Gesundheit der vinophilen Gemeinde auf dem Spiel steht. – Nicht so bei uns. In Helvetien sind Wein-Skandale eher von harmloser Natur. Nur dem Blick war der letzte eine Schlagzeile wert. Dem Sommerloch sei Dank. Wir schreiben das Jahr 2010, in Shanghai findet die Weltausstellung statt. Auch die Schweiz ist mit einem Stand vertreten. Leider wird an diesem kein Schweizer Wein kredenzt, sondern spanischer. SPANISCHER!?, denken sicher einige. Auch einem SVP-Mitglied geht es so. Nationalrat Thomas Hurter findet das nämlich total daneben. Schliesslich zahlt der Bund der Schweizer Weinbranche für Werbeaktionen über eine Million Franken jährlich. Aber auch bei dieser Geschichte zeigt sich einmal mehr, dass der Schweizer Wein in einer selbstverschuldeten Krise steckt. Denn scheinbar waren den Zürcher und Walliser Weinhandlungen die „administrativen Hürden für den Transport von Wein nach China und auf das Expo-Gelände zu hoch“. Ich frage mich nur, was skandalöser ist: Spanischer Wein am Schweizer Stand, oder die Unfähigkeit des Bundes, Schweizer Wein zu organisieren … heiliger Kuhmist, haben wir Probleme!

DeutschlandAuch in deutschen Landen kennt man Negativ-Schlagzeilen über Weinpfuschereien. So werden im Jahr 1991 rund 2,75 Millionen Liter Rheinland-Pfälzischer Wein mit DDR-Wein gepanscht und als original DDR-Wein verkauft. – Zweites Beispiel: Vor etwas mehr als drei Jahren werden im Rheingau auf einem Weingut gleich 130’000 Liter Wein beschlagnahmt. Die Schlagzeile des Wiesbadener Kuriers lautet „Dreck und tote Fliegen am Weinfass: Rheingauer Winzer gestoppt“. Scheinbar wurde der Wein unter hygienisch desolaten Bedingungen gelagert. Dem Thema wird aber von der Boulevard-Presse keine weitere Beachtung geschenkt. Peer F. Holm weist in seinem Blog als einziger darauf hin, dass im Artikel des Wiesbadener Kuriers das Weingut und der Winzer nicht genannt werden. Dies ist umso verheerender, da somit jeder der umliegenden Weinbetriebe für den Skandal theoretisch in Frage kommt. Die Zeitschrift Weinwirtschaft nennt zwar den Namen des Winzers und dieser erscheint auch in deren Newsletter, lesen können das aber nur Abonnenten, und wer ist das schon? Die Folgen sind nicht bekannt.

cnVergleicht man die Schwere der Tat, so sind Deutschlands Weinskandale geradezu harmlose Jungenstreiche im Vergleich zu China. Dort werden unlängst fünf Weinkellereien des Panschens verdächtigt. Einige der geprüften Weine enthalten keinen (!) fermentiertem Traubensaft, sondern lediglich Zuckerwasser, Farb- und Geschmacksstoffe. Es handelt sich also nicht mal ansatzweise um Wein. Unglaublich, aber wahr: Die Flaschen werden den Konsumenten als bekannte Marken angepriesen, und sind alle entsprechend etikettiert. Daraufhin werden von den Behörden sechs Personen festgenommen und drei Weinkellereien geschlossen. Insgesamt werden mehr als 5’000 Kisten Wein beschlagnahmt. Eine der verantwortlichen Gesellschaften, Jiahua, verkaufte bis zum Zeitpunkt der Beschlagnahmung angeblich 2,4 Millionen dieser Flaschen jährlich. Weiter wurde festgestellt, dass die beigemengten Zusatzstoffe Kopfschmerzen, unregelmässigen Herzschlag und Krebs verursachen können. So skandalös das ist, die Nachricht hat eine lustige Wendung: Lokale Weinhersteller sagen nämlich, manche echte chinesische Weine seien so schlecht, dass sie nicht besser als die Fälschungen schmecken würden! Na dann, Prost.

FrankreichLetzte Woche lese ich im St. Galler Tagblatt:Im Weinland Frankreich kommt das Weintrinken aus der Mode. Der Pro-Kopf-Weinkonsum ist inzwischen annähernd dreimal geringer als im Jahr 1965.“ Kein Wunder, werden doch die guten Tropfen allesamt exportiert. Zudem kommen auch Frankreichs Winzer machmal vom rechten Weg ab. So werden zum Beispiel 1999 einige Bordeaux-Jahrgänge mit kleinen Mengen von Erdnussöl „verbessert“, um ihm den sauren Geschmack zu entziehen. Vermutlich wurden diese „Spitzenbordeaux“ nach China exportiert. Vielleicht dachte man sich im Bordelais, dass dort sowieso alles getrunken wird. – Ein weiterer Skandal: Ein Jahrzehnt später stehen zwölf Winzer und Weinhändler vor einem französischen Gericht. Der Vorwurf: Billig-Wein wurde als teurer Pinot-Noir deklariert und in die Staaten exportiert. Mehrere Millionen Euro wurden mit dem gefälschten Wein eingenommen. Interessante Nebennotiz: Nicht ein einziger US-Amerikanischer Konsument hatte sich beschwert.

ItalienIm Jahr meiner ersten, bewusst wahrgenommenen Fussballweltmeisterschaft wird im Austragungsland Italien einer der traurigsten Weinskandale der Geschichte aufgedeckt. Verschiedene Gründe bewegen einige Piemonteser Winzer 1986 zu kriminellen Machenschaften. Die Ausgangslage: In eben diesem Jahr ist der europäische Weinmarkt gesättigt. Der Export bricht ein. Italienische Winzer verdienen deshalb mehr Geld, in dem sie ihre Weine verspritten, also zu reinem Alkohol destillieren lassen. Immerhin 40% – 60% des ursprünglichen Marktpreises erhalten sie dafür noch von der EG. Besser als auf den eigenen Flaschen sitzen zu bleiben. Gleichzeitig senkt die italienische Regierung genau in diesem Zeitraum die Steuer für Methylakohol (Methanol). Da mit Methanol versetzter Wein bei der Destillationsvorgang mehr reinen Alkohol ergibt, entschliessen sich einige Winzer genau dies zu tun. Die Folge ist verheerend. 22 Personen sterben, ca. 100 erleiden schwere Gesundheitsschäden, allein elf davon erblinden. Selbst das Angeln im Fluss Piave wird verboten, da Händler den giftigen Wein in das fliessende Gewässer schütten, bevor die Polizei eintrifft.

Als ob das nicht genügen würde, wird fünf Jahre später schon der nächste Wein-Skandal aufgedeckt. 1992 werden in Oberitalien vier Millionen Liter Wein beschlagnahmt. Der Wein ist mit dem giftigen Schädlingsbekämpfungsmittel Methyl-Isothiocyanat versetzt. Scheinbar hat man immer noch nichts aus den Folgen des Methanol-Desasters von 1986 gelernt.

Im Jahr 2000 sind zwei von Italiens Exportschlagern betroffen: Chianti und Sassicaia. Für eine 85er Flasche von letzterem bezahlt man aktuell über 1’300 Franken (!). Beide wurden vor zwölf Jahren mit billigsten Weinen verschnitten und danach teuer verkauft. Der Skandal wurde aufgedeckt, weil einige Kenner – glücklicherweise – den Unterschied bemerkt hatten. Daraufhin werden 3’000 Flaschen Sassicaia und sage und schreibe 50’000 Hektoliter Chianti (= über 6 Millionen Flaschen!) beschlagnahmt. Drei beteiligte Personen wandern ins Gefängnis, gegen 215 Beteiligte laufen Ermittlungen.

2008 werden mehrere hundertausend Flaschen Brunello beschlagnahmt. Entgegen den Vorschriften wurden die Weine nicht ausschliesslich aus örtlichen Sangiovese-Trauben hergestellt, sondern mit Merlot und Cabernet Sauvignon aus Süditalien verschnitten. Dies vor allem, um die Weine für die Hauptabnehmer – wieder einmal die Amerikaner – lieblicher zu machen. Wir sprechen hier vom Risiko eines potenziellen Verlustes von 30 Millionen Euro Umsatz jährlich, alleine in den USA.

Nicht gesundheitsgefährdend, aber politisch inkorrekt: 2012 entdeckt ein aus den Staaten stammendes, jüdisches Pärchen auf seiner Italienreise Wein mit Etiketten, auf denen Hitler abgebildet ist. Die Weine heissen denn auch „Führerwein“ und „Der Kamerad“. Auch Mussolini hatte es schon auf das Etikett von Weinen gebracht. Und das nicht zu seiner Zeit.

SpanienAuch Spanien ist nicht immer ehrlich zu seinen Konsumenten. 2005 wird man in Deutschland stutzig, als man sich spanische Weine mit dem Aufdruck Gran Reserva etwas genauer ansieht. Eigentlich müssten der Wein mindestens fünf Jahre ausgebaut worden sein. Davon zwei Jahre im Holzfass, drei Jahre in der Flasche. Weil es sich aber um einen 98er Jahrgang handelt und der Korken ausschaut, wie man in gestern erst gerade hergestellt hätte, kann etwas nicht stimmen. Die Annahme erweist sich als richtig. Das Etikett ist gefälscht und der Wein wurde vom Produzenten mit Glycerin gestreckt. 100’000 Flaschen werden daraufhin aus dem Verkehr gezogen.

Zweiter Fall in Spanien: Einer von Robert Parkers Schreiberlingen soll von spanischen Winzern horrende Summen kassiert haben, um den von ihnen produzierten Weinen mehr Punkte zu geben. So zum Beispiel der 2010er Azumbre Verdejo aus der DO Rueda der Agricola Castellana. Der in Deutschland von Aldi Süd verkaufte Weisswein kriegt fette 90 Punkte und ist schon nach wenigen Tagen ausverkauft. Aldi führt übrigens den 11er Verdejo immer noch im Sortiment. Und der ist Parkers Leuten immerhin 89 Punkte wert. Trau, schau, wem?

ÖsterreichWenn ein Skandal bis heute regelmässig zitiert, oder zum Tischgespräch gemacht wird, ist es derjenige von 1985. Kein anderer hatte auf Verkauf und Export eine derart drastische und lang anhaltende negative Auswirkungen. Wie kam’s? Einige österreichische Produzenten wollten ihren Wein durch die Beigabe des Frostschutz-Alkohols Diaethylenglykol künstlich aufwerten. Durch anonyme Anzeigen wurde der Schneeball ins Rollen gebracht und entwickelte sich schnell zu einer unkontrollierbaren Lawine. Der Image-Schaden war enorm und hatte sogar Auswirkungen auf den Absatz von Weinen des Nachbarlandes Deutschland. Denn auch dort wurden Kontrollen durchgeführt und immerhin 27 Glykolfälle bekannt. In Deutschland beteuerte man aber stets, dass die Verseuchung der deutschen Produkte ausschliesslich durch den illegalen Verschnitt mit österreichischen Weinen zu Stande gekommen sei. Auch in Sekt und österreichischem Traubensaft entdeckte man teilweise bedenklich hohe Konzentrationen des Frostschutzmittels. Zu gesundheitlichem Schaden gekommen ist aber niemand. Interssanterweise war es die NZZ, welche die Auswirkungen bereits zum Zeitpunkt des Geschehens prophezeite:  „Was in Österreich vorgeht und wegen des Exports weltweit bis in die USA und nach Japan Aufsehen erregt hat, wird, so ist zu befürchten, auf Jahre und Jahrzehnte hinaus das Vertrauen in den Wein, in die Redlichkeit der Winzer und in die Glaubwürdigkeit der Weinhändler erschüttert haben.“ So kam es dann auch. Aus heutiger Sicht konnte den Österreichern aber nichts Besseres passieren. Die Qualität der Weine hat seither dramatisch zugelegt. Junge Winzer geben ihr Bestes, österreichischen Wein von hoher Qualität in die Welt hinauszutragen. Der Absatz ist seit 1990 um’s Fünffache gestiegen und die Weine unseres Nachbarn besitzen international wieder ein hervorragendes Image. Innerhalb Österreichs liegt der Marktanteil von österreichischem Wein bei unglaublichen 85%. Zum Vergleich: In der Schweiz liegt er gerade mal bei 37%. – Fast wünscht man sich einen ähnlichen Urknall für unsere Weinwirtschaft. Natürlich ohne wirtschaftliche Folgen, personelle Konsequenzen und gesundheitlich Geschädigte.

Alles gelesen? Sehr gut gemacht! Jetzt aber schnell das Gelesene vergessen und die nächste Flasche entkorken. Am besten einen Portugiesen. Die scheinen Skandal-resistenter zu sein. Die Ausnahme bestätigt halt einmal mehr die Regel. Zum Trost: Betroffen sind ja meistens soweieso nur Billigst-Weine oder Flaschen, welche im Handel für einen drei-, oder vierstelligen Betrag den Besitzer wechseln. Puh, da kann ich wieder ein wenig aufatmen. Beide Preisklassen liegen mir und diesem Blog nämlich fern.

Falls ihr aber gerade einen Italiener vor euch stehen habt: Augen zu und durch!

P.S. Mehr vertrauenswürdiges Material konnte ich in der kurzen Zeit leider nicht auftreiben. Portugal, Griechenland und Ungarn produzieren scheinbar sauberen Wein, oder sind so raffiniert, ihre Skandale nicht publik werden zu lassen.

Quellen: China: 1 / Deutschland: 1 2 / Frankreich: 1 / Italien: 1 2 3 4 5 / Schweiz: 1 / Spanien: 1 2 / Österreich: 1 2 / Allgemein: 1