Flaschentester

… schreibt über europäische Weine und verwandte Themen


Ein Kommentar

Château Segonzac – Heritage 2006

Cahuzac, Sarkozy, Dépardieu: Als ob Frankreich nicht schon an personellen Problemfällen gesättigt wäre, beschliessen gewisse prominente Weinkreise des Landes Anfang dieses Jahres einen Frontalangriff auf französischen Biowein. Daraufhin gönne ich mir – etwas nachdenklich – ein Glas eines 06ers aus dem Bordelais. So viel vorsätzliche Böswilligkeit will schliesslich erst einmal weggespült werden.

Auf Anfang: Scharf geschossen wird im Januar von zwei erklärten Bio-Opponenten: Den Weinkritikern Michel Bettane und Thierry Desseauve. Die beiden veröffentlichen im französischen Magazin Terre de Vins einen Artikel, in dem sie zum Schluss kommen, dass Biowein „insgesamt eine Utopie sei“. Es handle sich dabei sogar um organisierten Betrug, wenn sich hinter diesen Produkten die Begriffe „natürlich“ oder „authentisch“ verbergen würden. Diese und ähnliche Meinungen vertreten sie neben dem Artikel auch auf ihren Blogs. Hauptsache der französische Biowein wird schön gemächlich und in aller Öffentlichkeit in die Pfanne gehauen. Brisant an der Sache: Bettane und Desseauve sind in der französischen Weinszene keine Unbekannten, sondern die Herausgeber des überaus populären Weinführers Grand Guide des vins de France 2012. Also zwei Autoritäten ihres Fachs, gewissermassen die etwas kleiner geratenen Hugh Johnsons oder Robert Parkers von Frankreich.

Eine Reaktion auf die Vorwürfe lässt nicht lange auf sich warten. Alain Réaut, Leiter der französischen Vereinigung der Biowinzer, antwortet auf die schriftliche Kriegserklärung der beiden Meinungsmacher mit einem offenen Brief. Darin hält er in erster Linie fest, dass für Biowein ein rechtlicher Rahmen existiert. Bio ist weder Utopie, noch Täuschung oder Hokuspokus. So Réaut sinngemäss. Die Verwendung des Begriffs sei genauso an nationale und europäische Standards gebunden und werde genauso staatlich überwacht, wie die Kategorien AOC, AOP, IGP oder STG. Zudem kommen bei der Produktion französischer Bioweine einzig Schwefel, Kupfer und Kalk zum Einsatz. Herbizide, Kunstdünger und synthetische Pestizide würden nicht verwendet werden. So viel zum Begriff natürlich. Bio stehe in erster Linie für die Einhaltung von Produktionsnormen. Dass Bioweine grundsätzlich besser schmecken würden, als herkömmlich produzierte Weine, werde nicht behauptet und der Konsument folgerichtig auch nicht getäuscht.

FrankreichsProblemfälle

Frankreichs Unruhestifter: Gerard Dépardieu, Nicolas Sarkozy, Michel Bettane und Jérôme Cahuzac (v.l.n.r.)

Ironie der Geschichte: Just am 21. Februar veröffentlicht das Online-Portal Yoopress die Meldung, dass die bei französischen Weinen ermittelten Pestizidwerte besorgniserregend seien. Vor allem die Tatsache, dass neunzig Prozent aller getesteten Weine Pestizidrückstände aufweisen, hallt durch ganz Europa. Da hat sich eine ganze Industrie samt ihrer Verfechter für einmal wohl selber in den Fuss geschossen. Ich lehne mich – nicht ganz ohne Schadenfreude – zurück und trinke einen staatlich verifizierten und garantiert pestizidfreien Bio-Franzosen vom Rive Droite, welcher mir kürzlich von einem guten Bekannten als Präsent überreicht worden ist.

Glücklicherweise mehren sich den Unkenrufen von Bettane und Desseauve zum Trotz, auch rund um Bordeaux die Bio-Winzer: Bel-Air la Royère, Fonroque, Peyrou, Clos Plince, Moulin du Cadet, Gombaude-Guillot und Pontet-Canet sind nur einige der Châteaux, welche ohne künstliche Wundermittelchen qualitativ hochwertige Weine auf stetem Niveau produzieren. Auch in der bisher von Weintrinkern- und Journalisten eher stiefmütterlich behandelten Region Premières-côtes-de-blaye am nordöstlichen Ufer der Gironde werden Bioweine produziert. Zum Beispiel auf Château Segonzac. Das Gut liegt fünfzig Kilometer nördlich von Bordeaux, nahe des Städtchens Blaye. Gegründet bzw. gebaut wurde es bereits 1887 von einem ehemaligen Agrarminister Frankreichs – Jean Dupuy. Etwas mehr als hundert Jahre später übernahm schliesslich der Schweizer Jacques Marmet das Weingut. Heute leiten seine jüngste Tochter Charlotte Herter-Marmet und ihr Mann Thomas den Betrieb. Nach diversen Modernisierungen wurde der Betrieb schliesslich auf biologischen Anbau umgestellt. Die Gesamtfläche beträgt fünfzig Hektar, wovon siebzehn dazugepachtet werden. Neben zwei Weissweinen und einem Sekt, wird in unseren Breitengraden vor allem den Rotweinen des Guts je länger, je mehr Beachtung geschenkt. Auch der deutsche Weinblogger Dirk Würz stiess 2011 bei seiner Suche nach bezahlbaren Bordeaux auf eine Flasche der Marmets.

Vor mir steht heute ein 2006er Château Segonzac Heritage auf dem Tisch. Es handelt sich um einen Cru Bourgeois. Auf der Flasche steht Bordeaux Supérieur, ein Hinweis auf die Appellation. Der Wein hat 13.5 Volumenprozent. Gekeltert wurde er aus Cabernet Sauvignon und Merlot. Die Selektion ergab einen Ertrag von vierzig Hektolitern pro Hektar, die Trauben wurden teils maschinell, teils von Hand gelesen. Das für den Heritage verwendete Material variiert jedoch von Jahr zu Jahr. So ist zum Beispiel der 2007er ein sortenreiner Malbec, zwei Jahre später kam stattdessen Petit Verdot zum Einsatz. Ausgebaut wurde der 2006er während achtzehn Monaten in Barriquen von mittlerer Toastung.

Segonzac

Château Segonzac im Winter

Beim Einschenken sticht sofort das wunderschön dichte Dunkelviolett ins Auge. Man sieht nicht durchs Glas hindurch. Der Wein riecht gut. Vor allem der hohe Merlot-Anteil macht sich positiv bemerkbar. Dazu gesellt sich der Duft von Laub, Heu und Veilchen. Ich lasse dem Wein ein wenig Zeit. Schliesslich probiere ich. Am Gaumen identifiziere ich Lakritze, und Pflaume. Auch der wohl dosierte Barrique-Einsatz hinterlässt seine holzig-röstigen Noten. Der Wein schmeckt auf Anhieb sehr feingliedrig und elegant. Die jugendliche Frucht hat er sich trotz seiner sieben Jahre Reifezeit erhalten. Auch im Mund schmeichelt der Merlot. Die Säure ist zunächst noch etwas dominant, die Tannine sind ebenfalls deutlich vorhanden und noch etwas sperrig. Frucht und Würze halten sich ungefähr die Waage, wobei letztere leicht überwiegt. Pilz- und Laubnoten runden das Geschmacksspektrum ab. Trotz seiner hohen Adstringenz entbehrt der Bordeaux nicht einer gefährlichen Süffigkeit. Der Abgang ist fruchtig, sogar leicht süsslich. Der Wein zeigt hier Schmelz. Erstaunlicherweise viel mehr als am Gaumen.

Die Flasche steht einige Stunden im etwas kühleren Arbeitszimmer. Am späten Abend, schenke ich mir erneut ein Glas ein. Der Wein ist nun runder, weicher und intensiver. Säure und Tannine sind weit weniger aufdringlich als noch vor einigen Stunden. Der Franzose macht jetzt bedeutend mehr Spass. Einen Tag später dann das letzte Glas: Der Wein hat seinen Zenit erreicht und ist kurz davor ihn zu überschreiten. Trotzdem: Diese Flasche kann man definitiv über Nacht aufbewahren. Bei uns verbrachte sie die Nacht vakuumiert im Kühlschrank. Geschadet hat’s dem Wein nicht. Im Gegenteil, der Heritage bot uns am Folgetag eine Geschmacksfacette mehr. Wer hätte das gedacht?

Fazit: Der Rotwein aus dem Hause Segonzac zeigt, dass auch die Châteaux der Premières-côtes-de-blaye grosses Potenzial haben. Er überzeugt durch Ausgewogenheit und eine sehr feine Struktur. Es ist kein Wein, der protzt. Füllige Boliden muss man in anderen Appellationen suchen. Marmets Heritage ist ein Wein für Finessentrinker und Liebhaber leichterer Bordeaux. Ausserdem mag er Luft und eine entsprechend lange Vorlaufszeit. Mich hat er überzeugt. Ich gebe 17 Punkte.

 

Chateau-Segonzac

Punkte: 17/20
Passt zu: Fleischgerichten
Preis: Fr. 24.90

Weine des Château Segonzacs kriegt man bei Zweifel – Wy zum Turm oder videli.de

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Rioja „Marqués de Riscal“ Reserva DOCa 2006

Weihnachten steht vor der Tür: Noch vier Wochen, bis das Christkind klingelt und die Geschenke unter’m Baum liegen. Wer es kaum erwarten kann und seine Fertigkeiten als Auspacker bereits im November trainieren möchte, kommt um den Marqués de Riscal nicht herum. Vier Hürden stehen nämlich zwischen Verpackung und Genuss: 1) Draht entfernen, 2) Kapsel abziehen, 3) Entkorken, und 4) Einschenken. – Das ist immerhin eine mehr, als bei den meisten Weinen mit Korkzapfen.

Riojas kommen verpackungsmässig sowieso oft speziell daher. Keine Ahnung warum. Vielleicht treffen sich ja irgendwo in einem zentralen Hinterhof alljährlich Riojas Winzer für eine Besprechung. Eine, bei der sie neue skurrile Flaschen- und Verpackungsdesigns entwerfen. Schliesslich grenzt es oft fast schon an Event-Drinking, was mir die Spanier da zumuten: Den Marqués de Riscal packen sie in Draht, dem Viña Imas Barón de Ley spendieren sie eine bullige Metalletikette, der mich bei meiner Entsorgungstour, vor dem Altglascontainer stehend, immer ein wenig ratlos macht; der Siglo hat sogar ein Jutemäntelchen und die Flasche des Faustinos ist in Krepppapier eingeschweisst, dass zusätzlich ebenfalls von Golddraht umwoben ist. Kauft man sich gar drei Flaschen des Faustinos, erhält man mancherorts das „Set“ in einer Kartontasche. Toll, danke auch für den zusätzlichen Müll! Zum Glück schmeckt der Inhalt nicht wie die Verpackung aussieht. Und das ist schliesslich alles, was zählt.

Rioja

Merry Christmas: Spanische Verpackungskünste 2012

So, genug gemeckert, zurück zum Wein: Der Marqués de Riscal ist ein Cuvée aus Tempranillo, Graciano und Mazuelo. Wobei laut Erzeuger die Tempranillo-Traube mindestens 85 Prozent am Gesamtgemisch ausmacht. Ähnlich wie beim Bordeaux, ist Rioja die allgemeine Bezeichnung für Wein eines gleichnamigen Weinanbaugebiets. Rioja basiert immer auf derselben Rebsorte, nämlich Tempranillo. Dabei werden die Rotweine nach Ausbau bzw. Reifegrad unterschieden:

Crianza: Zwei Jahre gereift, davon mindestens eines im Eichenfass

Reserva: Drei Jahre gereift, davon mindestens eines im Eichenfass

Gran Reserva: Mindestens zwei Jahre im Eichenfass, danach drei Jahre gelagert

Der Marqués de Riscal ist ein Reserva. Das Bouquet riecht unglaublich intensiv nach Fass. Es duftet holzig, erdig, stallig. Drei Attribute, weche ich auch schon beim Schnüffeln an einigen Bordeaux in der Nase hatte. Die Farbe ist ein dichtes Granatrot, mit leicht violettem Einschlag. Man sieht gerade noch so durch. Im Mund schmeckt der Rioja geradlinig. Es ist alles da: Ein Quäntchen Tannine, Frucht (Schwarze Beeren), Würze (Rosmarin), starker Körper, leichte Säure. Er schmeckt schön voll, aber nicht überladen. Der Abgang ist angenehm. – Bei uns gibt’s Rindsfilet mit dunkler Sauce, Rosmarinkartoffeln und Pilzen dazu. Das Abendessen wird vom Wein super ergänzt. Es passt einfach. Punkt.

Der Marqués de Riscal gefällt mir gut. Es handelt sich um einen sehr schönen Basisrioja eines überdurchschnittlichen Jahrgangs. Er schmeckt, hat sympathische Ecken und Kanten, und ist – last but not least – bezahlbar. Einzig an der Verpackung könnten sie noch arbeiten, Riojas Winzer im Hinterhof. Wer jedoch sowieso noch goldenen Draht für Adventsbasteleien braucht, sollte sofort zugreifen, bevor alle Spanier aufgrund der allgemein ausgebrochenen Weihnachtspanik ausverkauft sind. Ich bleibe gelassen und gebe 16 Punkte.

Salud !

Rioja Marqués de Riscal Reserva DOCa 2006

Punkte: 16/20
Passt zu: Fleisch, Würzigen Gerichten, Reifem Hartkäse
Preis: Fr. 18.45*

Den Rioja „Marqués de Riscal“ Reserva DOCa gibt es hier, hier und hier

* Bei Manor geht er momentan für Fr. 14.95 über die Ladentheke.