Flaschentester

… schreibt über europäische Weine und verwandte Themen


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Kurz angenippt: Montezovo, Amarone della Valpolicella DOC, 2010

Seit kurzem findet ihr unter der Rubrik kurz angenippt Weine, welche mir irgendwo über den Weg liefen, aber nicht genauer getestet werden konnten. Die Notizen sind kurz und knapp, die Punktevergaben eher als Anhaltspunkt, denn als absolutes Mass anzusehen. Die Weine werden daher auch nicht in den Charts gelistet.

Farbe

  • Purpur

Nase

  • verhaltenes Bouquet, wenig einladend

Gaumen

  • (zu) wenig Gewicht
  • total unausgewogen: Würze, Säure und Frucht spielen nicht zusammen
  • kantig, sperrig, grün, dominante Säure
  • nicht Amaronetypisch, wirkt kühl
  • kaum vorhandene Frucht
  • extrem kurzer Abgang

Bewertung

  • maximal 12 Punkte, insgesamt sehr enttäuschend

Bezugsquelle

http://www.denner.ch

Montezovo Amarone 2010

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Torre alle Tolfe, Chianti Colli Senesi, DOCG, 2011

Flaschentesters Fuss braucht Physiotherapie. Gott sei Dank, denn auf dem Weg in den Nordosten der Stadt, mache ich Halt bei Amiata. Da war ich schliesslich noch nie. Zehn Minuten später und um drei Flaschen reicher, trete ich wieder in die Pedale meines E-Bikes. Fuss hin oder her, geköpft wird heute ein Italiener. Quasi als alternativmedizinische Massnahme. Mal schauen, was meine Krankenkasse dazu meint.

Die Existenz von Amiata unterstreicht einmal mehr den bereits länger wachsenden Trend zu mehr Biowein. Schliesslich bietet der St. Galler Händler nur solchen an. Das Geschäft mit der wohl hübschesten Thekenhüterin aller lokalen Weinhandlungen ist klein, sehr klein sogar. Vorne findet man den Kassenbereich, rechts einige Regale mit den angebotenen Flaschen, in der Mitte einen langen Tisch mit allerlei Büchern, CD’s und anderem Krimskrams. That’s it. Sympathisch ist das allemal.

Da stehe ich nun im Laden, zücke meine Notizen und frage nach den entsprechenden Weinen. Wie üblich habe ich zu Hause – online – eine Vorauswahl getroffen. Das Angebot ist übersichtlich und gut selektioniert. Leider ist das Ladensortiment aber nicht deckungsgleich mit demjenigen des Online-Shops. Was soll’s. Es sind zum Teil nicht unerhebliche Kleinigkeiten. Vor allem einzelne Jahrgänge und Aktionspreise differieren. Eigentlich wollte ich ja was von Wittmann eintüten, aber im heimischen Kühlschrank warten schon ungeduldig Van Volxem, Von Buhl und Sauer auf eine Verkostung. Also lasse ich mir stattdessen einen Portugiesen, einen Südfranzosen und einen Chianti des Weinguts Torre alle Tolfe einpacken. Besitzer des Letzteren ist Marco Castelli, für die eigentliche Weinproduktion zeichnet sich Sergio LoJacono verantwortlich. Die Jahresproduktion beträgt nicht einmal 40’000 Flaschen. Der Betrieb liegt in Siena. Gerade mal zwei Rotweine, ein Olivenöl und ein Grappa werden hier biodynamisch erzeugt. Gleichzeitig werden auch Ferienhäuser und Apartments an Touristen vermietet. So weit, so klar.

Sergio LoJacono

Sergio LoJacono hat gut lachen: Sein Chianti schmeckt.

Einige Tage vergehen und eines Abends steht wieder einmal die alles entscheidende Frage im Raum: Kochen oder bestellen? Ein Anruf und dreissig Minuten Wartezeit später, steht der Kurier vor der Türe. Den Chianti habe ich kurz nach dem Telefonat mit dem Pizzaladen dekantiert. Nach dem letzten, sagen wir mal Chianti-Erlebnis, bin ich gespannt, fast etwas nervös. Bio-Wein aus Italien, kann das was werden?! Ehrlich gesagt erwarte ich nicht allzu viel.

Einige Momente später: Herrlich, wie der Wein duftet. Ganz Sangiovese, wirbeln Cassis, Pflaume und Veilchen empor. Es riecht süsslich, Erinnerungen an Eingemachtes werden wach. Auch Holz, etwas Lakritze und Rosmarin lassen sich ausmachen. Die Farbe gefällt. Der Wein sprudelt rubinrot aus dem Dekanter. Nach einem ersten Schluck wird klar, dass sich der Weg zu Amiata gelohnt hat. Der Wein überzeugt durch seine fruchtige, durchaus üppige Art. Er wirkt aber keineswegs überladen, sondern stets kontrolliert. Sein Körper ist von mittlerem Gewicht. Sehr schön ist diese tolle Fruchtsäure und die zarten Tannine. Beide fügen sich perfekt in das Gesamtspektrum ein. Nach erneutem Verkosten erkenne ich vegetabile Noten und einen äusserst wohl dosierten Holzeinsatz. Der Abgang bringt Würze und nochmals etwas Marmelade, der Nachhall gefällt ohne Wenn und Aber. Toll!

Auch die Essenspaarung harmoniert. Dieser Chianti passt sehr gut zu meiner Salamipizza. Seine Dichte hält bestimmt auch würzigeren Pasta-Gerichten stand. Der Rotwein ist trinkanimierend, klar und unkompliziert und doch nicht von dieser belanglosen Süffigkeit, welche viele einfachere italienische und spanische Tischweine mit sich bringen. Marco Castelli hat definitiv ganze Arbeit geleistet. Bravo! Der Colli Senesi schmeckt mir ausserordentlich gut, das Preis-Leistungsverhältnis ist fantastisch. Ich gebe verdiente 18 Punkte.

torre_alletolfe

Punkte: 18/20
Passt zu: Pasta, Pizza
Preis: Fr. 14.50 / € 9.85

Den Chianti Colli Senesi 2011 von Torre alle Tolfe gibt’s bei Amiata oder Belvini/Deutschland.


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Cayas, Syrah du Valais AOC, Jean-René Germanier, Vétroz 2010

Türe auf, Fahrräder beiseite geschoben und ab in den Weinkeller. Was lugt denn da aus dem einen Regal? Ein kleines 37,5er-Fläschchen von Germanier. Ein Syrah. Cayas steht drauf. Ein Stück Wallis steckt drin. Genau richtig für eine kontrollierte Entschleunigung in den verdienten Feierabend.

Endlich bin ich zu Hause. Langsam und ziemlich müde steige ich die Treppen hoch in den zweiten Stock. In der Küche krame ich einen Korkenzieher aus einer der überfüllten Schubladen. Schliesslich erreiche ich Flaschentesters Zentrum der totalen Entspannung: Meinen urgemütlichen Chesterfield-Sessel. Schneeregen, überfülltes Bahnabteil und müde Beine: Ihr könnt‘ mich mal! Jetzt wird erstmal zurückgelehnt. Aber so was von. Jawohl.

Vor mir steht der Wein von Germanier. Ein Name, der hierzulande zu den festen Grössen in der Weinszene gehört. Beim nationalen Grand Prix du Vin Suisse und auch internationalen Prämierungen belegen die Weine des Wallisers nämlich alljährlich vordere Ränge und erhalten Bewertungen auch jenseits der 90-Punktegrenze. Der bereits 1896 gegründete Familienbetrieb gehört zu den wenigen Schweizer Produzenten, welche den Spagat zwischen Quantität und Qualität mit Bravour zu meistern scheinen. Für einmal handelt es sich also um einen Betrieb, der meinem hier bereits postulierten Senf voll entspricht. Schön.

Germaniers Flaschen sind neben dem gut sortierten Fachhandel auch bei Grossverteilern wie Manor oder Coop erhältlich. Und auch der Export ins übrige Europa, nach Asien, Nord- und Südamerika scheint zu funktionieren. Die Jahresproduktion läst sich sehen. Sie beträgt 600’000 Flaschen. Eine enorme Menge für einen helvetischen Betrieb. Möglich wird dieses Produktionsvolumen durch rund achtzig Hektar, bestückt mit Gutedel, Petite Arvine, Amigne, Chardonnay, Pinot Noir, Gamay, Syrah, Humagne Rouge, Cornalin, Cabernet Sauvignon und Diolinoir.

Germanier Reben

Vétroz: Blick auf Germaniers Reben.

Inhaber des Guts ist Jean-René Germanier, seines Zeichens Önloge, FDP-Politiker und Nationalrat seit 2003. Im Parlamentsjahr 2010/11 war er sogar Präsident desselben. Da scheint es nur logisch, dass eine andere Person den Betrieb führt. So kümmert sich sein Neffe, Gilles Besse-Germanier, seit einigen Jahren um den Familienbetrieb im beschaulichen Örtchen Vètroz. Auch er ist vom Fach, vom önologischen, nicht vom politischen, versteht sich.

Die Germaniers keltern eine breite Palette an Weinen. Beliebt sind neben den zahlreichen, einfacheren aber qualitativ ansprechenden Abfüllungen wie dem Amigne de Vétroz und den diversen Assemblages vor allem die Réserves.

In der warmen Stube angekommen, schenke ich mir also ein erstes Glas ein. Die Farbe ist kräftig und dunkel. Der Ton liegt irgendwo zwischen dunkelviolett und intensivstem Rot. Das Bouquet kann ich nicht anders, als betörend beschreiben. Es ist sehr intensiv. Dicht nebeneinander bahnen sich Kirsche und Cassis ihren Weg Richtung Nase. Eine Nuance herrlichster Vanille ergänzt das Spektrum. Typisch sind auch die vorhandenen Tertiärnoten: Leder, Pfeffer und Teer bzw. Röstaromen. Im Mund gefällt der Walliser erst einmal durch seine Ausgewogenheit. Im Unterschied zu den meisten Shyraz aus Übersee, zeichnet sich dieser hier durch seine Milde und eher zurückhaltende Fruchtsüsse aus. Dieser Wein strotzt nicht durch Opulenz, sondern lässt dem Trinkenden Zeit, seine Vielschichtigkeit und Finesse zu entdecken und somit auch zu geniessen. Das sind typische Attribute für einen ausgezeichneten Schweizer Syrah. So muss er sein. So mag ich ihn. Dennoch wird er durch ein, zwei Jährchen Flaschenreife bestimmt noch einmal zulegen. Säure und Tannine sind im jetzigen Stadium zwar sehr gut eingebunden, lassen die Gesamtperformance aber noch etwas wild und jugendlich erscheinen. Dies tut dem Genuss jedoch keinen Abbruch.

Der Cayas der Germaniers ist ein waschechter Walliser erster Güte. Wer sich abseits der international ausgetrampelten Shyraz-Pfade auf ein helvetisches Gewächs einlassen möchte, ist mit diesem Rotwein sehr gut beraten. Der Preis ist zwar relativ hoch, aber allemal gerechtfertigt. Der Wein wird im Handel übrigens auch als Kleinflaschenformat angeboten. So oder so mundet der Cayas ausserordentlich. Ich gebe 18 Punkte.

CayasPunkte: 18/20
Passt zu: Wild, Gebratenes, Pizza (!?)
Preis: Fr. 41.- / € 42.50

Fr. 20.90 für das Kleinflaschenformat

Den Cayas von Germanier gibt’s bei Manor, Landolt oder Nobis/Deutschland.


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Kurz angenippt: Silvia Imparato, Core di Montevetrano, 2011

Seit kurzem findet ihr unter der Rubrik kurz angenippt Weine, welche mir irgendwo über den Weg liefen, aber nicht genauer getestet werden konnten. Die Notizen sind kurz und knapp, die Punktevergaben eher als Anhaltspunkt, denn als absolutes Mass anzusehen. Die Weine werden daher auch nicht in den Charts gelistet.

Imparato Core


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Zanolari – Flüssige Sonne Riserva 2009

Was haben das Tirol, Tibet und die Antarktis gemeinsam? Genau, – sie wurden oder werden immer wieder mal von irgendwelchen Staaten beansprucht. Freilich mit unterschiedlichen Resultaten. Das ist bekannt. – Ähnlich erging es dem Veltlin, auch Valtellina genannt. Ein Tal, welches für Nebbiolo-Weine steht. Einer davon trägt den sinnlichen Namen Flüssige Sonne. Und der landete unlängst in Flaschentesters Glas. Zanolari sei Dank.

Ehrlich gesagt, war ich im ersten Moment etwas ratlos. Wohin gehört das Veltlin? Schweiz? Italien? Österreich? Geographie war noch nie meine Stärke. Die Zeit ist reif, ein Buch aufzuschlagen, und mir Basiswissen draufzuschaffen:

Die Geschichte des heutigen Veltlins beginnt mehr oder weniger mit der Bündner Herrschaft, welche im 16. Jahrhundert die drei Talschaften Chiavenna, Veltlin und Bormio für sich beanspruchte. Schliesslich mischten sich die Habsburger ein. Dies mit dem Resultat, dass das Veltlin zwischenzeitlich an Spanien ging, bevor die Habsburger erneut die Herrschaft über das Tal erlangten. Nach langem hin und her wurde das Gebiet schliesslich Italien zugesprochen. Denn die Schweiz war leider nicht gewillt, das Veltlin als Kanton anzuerkennen. Aus heutiger Sicht vermutlich ein Fehler, den auch viele Bündner lange bis ins 20. Jahrhundert bedauerten. Sei’s drum. Wir lassen die Geschichte Geschichte sein und kümmern uns um den Wein. Den der schmeckt auch unabhängig von irgendwelchen historischen Kamellen oder neu gezogenen Grenzen ganz hervorragend. So viel vorweg.

Valtellina

Die Flüssige Sonne wird aus Trauben von terrassierten Hängen bei Sondrio gekeltert.

Am Flaschenhals ist ein Büchlein befestigt. Wir folgen seinem Rat und lassen den Wein eine Stunde lang offen stehen. Er soll das ausgedehnte Bad im Sauerstoff geniessen. Sechzig Minuten später klingelt mein Smartphone. Die Zeit ist um, und auf dem Tisch steht pro Person ein Teller. Darauf je ein Rindsfilet an Rotweinsauce, Bratkartoffeln und Gemüse. Es ist einer dieser Abende, an denen wieder einmal alles passt. Wir setzen uns und sind gespannt, wie sich der Veltliner schlägt. Nicht etwa, dass wir viel erwarten würden. Veltliner hatten schliesslich bereits Generationen vor uns nicht den besten Ruf. Die Flüssige Sonne wird uns hoffentlich gleich eines Besseren belehren.

Schon beim Einschenken macht der Rotwein Spass. Leicht transparent, aber dennoch in einem herrlichen Granatrot, stürzt er ins Glas und bildet eine herrliche Schaumkrone. Endlich probieren wir. Und, mein Gott! Was ein toller Wein! Er besitzt Leichtigkeit, eine wunderbare Balance aus Säure, Holz und Tanninen. – Ausgebaut wurde der sortenreine Nebbiolo übrigens während zwei Jahren in kleinen, gebrauchten Barriques aus französischer Eiche. – Scheinbar hat’s was gebracht. Der Veltliner schmeckt nämlich äusserst angenehm, edel, sanft und dabei doch intensiv. Eins ist klar: Würze, und nicht Frucht definiert diesen Tropfen. Konstant schwingt nämlich eine wunderbar würzige Note mit. Unmittelbar werden Erinnerungen an Süssholz wach. Der Abgang ist raffiniert, der Nachhall ebenfalls ganz fantastisch. Auch das Entwicklungspotenzial ist nicht ohne. Zanolari spricht von einer möglichen Genussreife bis 2020. Gut zu wissen. Man kann also unbeschwert einige Flaschen in den Keller legen und warten bis sie Staub angesetzt haben. Ich für meinen Teil kann wohl kaum die Geduld dafür aufbringen. Zu gut und zu verführerisch ist sie, die Flüssige Sonne. Sie muss ins Glas. Unbedingt und bald schon wieder. Spätestens, wenn die Nächte länger und die Tage kürzer werden. Ich gebe 19/20 Punkte.

FlüssigeSonneRiserva09

Punkte: 19/20
Passt zu: Klassischer Fleischküche
Preis: Momentan Fr. 27.50 statt 33.-

Die Flüssige Sonne Riserva gibt’s bei Zanolari.


Ein Kommentar

Coop – Weinmesse Basel 2013

Es ist Herbst. Die alljährlich wiederkehrenden Messen öffnen pünktlich ihre Tore. Flaschentester und sein Team möchten dem Rummel der Schweizer Messe für Landwirtschaft und Ernährung – besser bekannt als OLMA – um jeden Preis hinter sich lassen. Flink suchen sie das Weite. Dank ausgefahrener Ellbogen erreichen sie trotz zahlreicher, in St. Gallen ankommender Besuchermassen den Zug Richtung Nordwestschweiz. Ziel: Die etwas ruhigere Coop Weinmesse im Restaurant Schützenhaus in Basel.

Coop Weinmessen

Coop’s Weinmesse: Ein Wanderzirkus durch die Schweiz.

Zwei Stunden und sechzehn Minuten später erreichen wir die Schweizer Pharma-Metropole. Ich freue mich, den TGV verlassen zu können. Nur mit etwas Glück, ergatterten wir in Zürich die letzten zwei Sitzplätze. Eng ist er, der französische Hochgeschwindigkeitszug. Da nützt auch der seitlich angebrachte Schriftzug wenig: TGV Geschwindigkeits-Weltrekord 574,8 km/h. Nun gut. Das gebuchte Hotel stimmt versöhnlich. Es liegt zentral, das Personal ist freundlich, der Preis stimmt und das Interieur wirkt, trotz der alten Bausubstanz von 1899, zeitgemäss. Wir checken ein.

Coop Weinmesse 2013 Eingang

Wo geht’s hier zu den Ritterspielen, pardon, der Weinmesse?

Um 13.30 Uhr stehen wir an der Haltestelle Centralbahnplatz. Die Sonne scheint. Trotzdem ist es eiskalt. Gefühlte fünf Grad Celsius. Neben uns stehen Fastfood-essend und Cola-schlürfend, der Kälte zum Trotz, ein paar Jugendliche. Ein Gedanke drängt sich auf: Mit leerem Magen ist nicht gut degustieren. Vor allem nicht die unglaubliche Zahl von dreihundert Weinen, welche uns in Kürze erwarten. Da kann man noch so schlürfen und ausspucken. Der durch die Mundschleimhaut absorbierte Alkohol lässt keinen noch so trainierten Degusteur nüchtern. Kurz entschlossen machen wir also Halt bei der nächsten Kebap-Bude. Einen Döner später fahren wir gestärkt und guter Dinge mit dem 3er Tram Richtung Schützenhaus. Im Eingangsbereich erwarten uns zwei Empfangsdamen: „Einladung, oder Supercard?“ Ich krame letzteres aus meinem Portemonnaie. Wer beides nicht sein Eigen nennt, zahlt faire zwanzig Franken Eintritt. Umgehend erhält man ein Hochglanzprogrammheft und ein Degustationsglas in die Hand gedrückt. Die Mäntel bleiben draussen. Wir betreten gespannt das weisse Zelt.

Alles macht einen aufgeräumten Eindruck. Dem Besucher bieten sich über zwanzig verschiedene Stände in etwas steriler Zeltatmosphäre. Jeder Tisch bietet einen geographischen bzw. thematischen Schwerpunkt. Einschenken muss man nicht selber. Das anwesende Personal ist durchwegs sympathisch, hilfsbereit und vom Fach. Sehr angenehm. Lediglich die angebotenen Brotstückchen scheinen vom Vortag zu sein. Schade. Im Raum stehen strategisch verteilt Wasserspender. Abfalleimer und Hinweisschilder zum Auffinden der Toiletten sucht man jedoch leider vergeblich.

Zum eigentlichen Highlight, den Weinen: Den Einstieg in den Degustationszirkel bilden Schweizer Weissweine, natürlich gefolgt von solchen jenseits der helvetischen Grenzen. Weiter findet man Schweizer Rotweine, Österreicher, Südfranzosen, solche aus Bordeaux und Italiener. Ab Stand Zwölf folgen erst Vertreter des diesjährigen Gastlandes Portugal, dann Spanier, Weine aus Übersee, Produkte des Gastproduzenten Domaines Barons de Rothschild, gefolgt von hier sogenannten Boutique-Weinen höherer Preisklassen, einer Auswahl an Süssweinen und zu guter letzt vor allem französischen Raritäten (Mouton Rothschild, Lafite etc.), welche jedoch nicht degustiert werden können, sondern lediglich für den direkten Verkauf gedacht sind.

Coop Weinmesse 2013 Besucher 2

Coop’s Durchschnittspublikum: Ü40, als Pärchen oder im Rudel unterwegs, massiv fachsimpelnd.

Kurz gesagt: Coop bietet dem Vinophilen die volle Breitseite. Es stehen über 300 Weine perfekt temperiert in den Startlöchern. Zu meinem Erstaunen werden jedoch überwiegend Weine angeboten, welche bei Coop-Filialen nicht erhältlich sind. So findet man geschätzte 250 Exklusiv-Angebote auf der Coop-Weinmesse. Exklusiv bedeutet nur hier erhältlich. Klingt unlogisch, ist es irgendwie auch. Vor allem bei dieser Gewichtung. Dafür gibt es ab einer Bestellung von zwölf oder mehr Flaschen zwanzig Prozent Rabatt. Na ja. Ich hätte lieber mehr Weine aus dem Coop-Sortiment gesehen. Deshalb entscheide ich mich dafür, hier ausschliesslich die in den Filialen erhältlichen zu besprechen.

Los geht’s. Stand Eins. Hier gefällt uns auf Anhieb die sehr spezielle Cuvée der Domaine la Capitaine. Diese hinterlässt beinahe so komplexe Eindrücke wie der hier bereits besprochene Johanniter. Der am selben Stand anzutreffende Zürcher Staatsschreiberwein, ebenfalls eine Cuvée, macht vor allem als Apérowein eine gute Figur. Überzeugend sind aber vor allem die Weissweine Walliser Provenienz. Allen voran die beiden Abfüllungen des Labels Maître de Chais. Da wären ein überaus fruchtiger Heida, und ein etwas weniger überzeugender, aber immer noch sehr schöner Petite Arvine der selben Genossenschaft. Mit dem Humagne Blanche Bibacchus schwenken wir einen Weisswein, der förmlich nach Raclette zu lechzen scheint. Herausragend auch der Amigne de Vétroz von J. R. Germanier. Eine Honigbombe erster Sahne. Süffig ohne Ende. Dicht, ausgewogen, füllig sind Attribute, die einstimmig genannt werden.

Auf Bitten hin, schenkt uns eine sehr freundliche Dame einen deutschen Weissburgunder, genauer eine Spätlese, ein. Sie stammt von der Badener Spitzenlage Auggener Schäf. Ein fruchtbetonter Weisswein. Ein Elsasser Riesling, sein Wachauer Pendant so wie ein Riesling Smaragd – ebenfalls aus der Wachau -, wissen zwar ebenfalls zu gefallen, sind aber leider nicht in Coop-Filialen erhältlich. Also gleich wieder vergessen. Danke.

Zu den Rotweinen: Die deutschschweizer Blauburgunder sind insgesamt nicht der Rede wert und entsprechen dem Erwarteten. Guter Durchschnitt, nicht mehr. Auch der Walliser Cornalin fällt etwas ab. Erfreulich sind hingegen der ebenfalls aus dem Wallis stammende Humagne Rouge, so wie der Tessiner Merlot Rubro Valsangiacomo.

Coop Weinmesse 2013 Besucher 3

Die Kronleuchter machen beinahe vergessen, dass man sich in einem Zelt befindet.

Bei den Österreichern schmeckt Scheiblhofer’s Cabernet Sauvignon herausragend. Johann Schwarz’s Modewein Schwarz Rot enttäuscht hingegen. Ein Zweigelt vom im Burgenland ansässigen Winzer Moser, schmeckt durchschnittlich. Der Preis entspricht mit über zwanzig Franken ebenfalls nicht dem Gebotenen. Preisingers Pannobile zaubert uns dann hingegen ein Lächeln ins Gesicht. Leider sind auch die österreichischen Weine Exklusiv-Angebote der Messe. Schade. Einmal mehr. Gerade bei den Österreichern könnte Coop sein Sortiment gerne erweitern.

Mit dem Weinglas in der einen und einem Spuckbecher in der anderen, schlendern wir nach Südfrankreich. Pardon, zum nächsten Stand. Nebenbemerkung: Nachdem ich vor kurzem bei Mövenpick einer leider nur allzu enttäuschenden Südfrankreich-Degustation beiwohnte, erwarte ich hier so gut wie nichts.

Aaah, wie kann man sich irren! Gott sei Dank. Wir verkosten vier Weine. Und so viel vorweg: Keiner enttäuscht uns! Selbst der äusserst preiswerte Corbières Grande Réserve des Châteaus Pech-Latt überzeugt auf seine minimalistische Weise. Komplexer zeigen sich der Gigondas Terra Amata, der Terre d’Argile Domainde de la Janasse und mein Favorit: Der Gigondas von E. Guigal. Ein Südfranzose mit Druck. Rund, gehaltvoll, ausgewogen und ziemlich fett. Toll! Meine Vorurteile sind wiederlegt. Degustationsnotizen folgen in diesem Blog. Versprochen.

Bei den Bordeaux überrascht uns vor allem der im Programm als Tipp deklarierte Château de Pressac. Ein 2010er aus St. Emilion. Ein Toller Bordeaux unter dreissig Franken. Und du ahnst es, natürlich ist auch dieser nicht in Coop-Filialien erhältlich. Mist. Verdammter!

Châteaux Rollan de By, Sociando-Mallet und den Chasse-Spleen gibt’s hingegen in grösseren Coops (ist das der korrekte Plural?) deiner Wahl. Der Sociando befindet sich zwar offensichtlich noch vor seiner eigentlichen Trinkreife, macht aber bereits mächtig Spass. Da verkneif‘ ich mir dann auch mal das Ausspucken. Meine Degustationspartnerin meint sowieso, sie spucke nie aus. Der Wein sei dafür viel zu schade. Tja, irgendwie kann ich ihr Argument ja nachvollziehen. Gerade bei Weinen solcher Qualität.

Zurück zum Thema: Auch der Rollan de By und vor allem der Chasse-Spleen überzeugen bereits jetzt. Fragezeichen hinterlässt vor allem der 2010er Phélan Ségur. Er scheint noch ein paar Jährchen reifen zu müssen. Dominante Tannine und ordentlich Säure machen es äusserst schwierig, abzuschätzen, wie er sich in Zukunft entwickeln wird. Parker gibt ihm 90/100, Gabriel 18/20 Punkte. Wir verlassen uns darauf.

Coop Weinmesse 2013 Werkzeug

Flaschentester’s Werkzeug: Glas, Spuckbecher, Messeplan und Kugelschreiber.

Einige Schritte entfernt liegt Stand Zehn und damit Italien. Süditalien mit seinen Primitivos und Salice Salentinos lassen wir aussen vor. Langsam geht uns nämlich ein wenig die Puste aus. Über sechzig Weine fanden schon den Weg in unsere Gläser. Da kann man die einfacheren Tischweine schon grosszügig übergehen.

Ähnlich wie die roten Südfranzosen bei Mövenpick, enttäuschten im September bei Martel/St. Gallen auch viele der degustierten italienischen Rotweine. Umso gespannter bin ich auf die Auswahl von Coop. Empfehlen kann ich den 2006er Langhe DOC Bricco Manzoni Rocche dei Manzoni. Auch einem der günstigsten, dem Naturaplan Bio Chianti kann man Einiges abgewinnen. Eine Überraschung zu dem Preis. Schön auch der Brunello di Montalcino DOCG Tenuta di Sesta so wie der Toscana IGT Lucente. Als letzten Südeuropäer verkosten wir den Amarone von Zeni. Auch dieser bietet ein sehr ordentliches Preis-Leistungsverhältnis.

Bei den portugiesischen und spanischen Weinen müssen wir leider passen. Beinahe sämtliche Flaschen sind Exklusivangebote, und somit ebenfalls ausschliesslich auf der Messe erhältlich bzw. zu bestellen. Ähnlich verhält es sich mit Weinen der Domaines Barons de Rothschild. Auch die Stände mit den Überseeweinen übergehen wir. Schliesslich hat Flaschentester Prinzipien.

Das Ende der Degustation bilden Süssweine. Ein Klassiker, der ungarische Tokaji, schmeckt wie erwartet überzeugend. Sehr erfreulich mundet uns auch der dunkelrote Recioto aus dem Valpolicella. Bestimmt eine schöne Sache. Zum Beispiel zu Beeren-Parfaits und fruchtigen Sorbets. Auch weihnachtliche Süssspeisen kommen als Essenspaarung für den italienischen Süsswein in Frage. In Mangel dessen beschränken wir uns auf trockenes Brot. Bäh! – Es gibt Besseres.

Nächste Probe: Laut Sommelier überzeugt der Muscat de Beaumes-de-Venise vor allem weibliche Messebesucherinnen. Eine Aussage, die wir einhellig nachvollziehen können. Dieser letzte von uns verkostete Tropfen ist leicht, frisch und blumig. Ein schöner Kontrast zu den doch enorm viel körperreicheren Süssweinen à la Rieussec und Konsorten an Stand 21.

So, fertig degustiert.

Etwas erschlagen erreichen wir das Hotel. Das war doch ne Menge Holz, Verzeihung, Wein für einen Tag. Ich trink‘ jetzt erstmal ein Glas Wasser und werte meine Notizen aus. Trommelwirbel und Ta-ta-ta-taaaa – hier ist Flaschentesters Zusammenstellung für Freundinnen und Freunde der Supercard:

Bezeichnung

Farbe

Jahrgang

Herkunft

Punkte

Preis

Gigondas AOC E. Guigal rot 2010 Frankreich

18-19

27.00

Ch. Chasse-Spleen Moulis en Médoc AOC rot 2010 Frankreich

18

39.90

Ch. Sociando-Mallet Haut Médoc AOC rot 2010 Frankreich

18

61.00

Tokaji Aszu 5 Puttonyos Disznokö Süsswein 2007 Ungarn

18

37.00

Ticino DOC Merlot Rubro Valsangiacomo rot 2009 Schweiz

18

39.00

Valais AOC Petite Arvine Maître de Chais weiss 2011 Schweiz

17-18

18.80

Amarone della Valpolicella DOC Vigne Alte Fratelli Zeni rot 2010 Italien

17-18

32.50

Valais AOC Amigne de Vétroz J. R. Germanier weiss 2012 Schweiz

17-18

19.00

Valais AOC Heida Maître de Chais weiss 2011 Schweiz

17

19.10

Ch. Rollan de By Médoc AOC rot 2010 Frankreich

17

29.90

Coop Naturaplan Bio Corbières AOC Grande Réserve Château Pech-Latt rot 2012 Frankreich

17

10.90

Coop Naturaplan Bio Gigondas AOC Terra Amata rot 2012 Frankreich

17

14.90

Recioto della Valpolicella DOC Classico Fratelli Zeni Süsswein 2011 Italien

17

15.50

Langhe DOC Bricco Manzoni Rocche dei Manzoni rot 2006 Italien

17

32.50

Toscana IGT Lucente rot 2010 Italien

17

31.00

Coop Naturaplan Bio Chianti Classico DOCG Concadoro rot 2011 Italien

16

12.50

Muscat de Beaumes-de-Venise AOC Fenouillet Süsswein 2012 Frankreich

16

15.90

Coop Naturaplan Bio Cuvée Noble Blanc La Côte Domaine la Capitaine weiss 2012 Schweiz

15-16

19.90

Zürich AOC Staatsschreiberwein Cuvée Blanc Prestige weiss 2012 Schweiz

15

14.50

Valais AOC Humagne Blanche Bibachhus weiss 2012 Schweiz

15

15.90

Valais AOC Cornalin Maître de Chais rot 2010 Schweiz

15

21.50

Weisser Burgunder Spätlese Winzerkeller Auggener Schäf weiss 2012 Deutschland

15

10.90


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Kurz angenippt: Château du Rocher, Grand Cru, Saint-Émilion, 2010

Seit kurzem findet ihr unter der Rubrik kurz angenippt Weine, welche mir irgendwo über den Weg liefen, aber nicht genauer getestet werden konnten. Die Notizen sind kurz und knapp, die Punktevergaben eher als Anhaltspunkt, denn als absolutes Mass anzusehen. Die Weine werden daher auch nicht in den Charts gelistet.

Ch‰teau Du Rocher St Emiliion Grand Cru AOC