Flaschentester

… schreibt über europäische Weine und verwandte Themen


Hinterlasse einen Kommentar

Staatskellerei Zürich – Gamaret 2010

Helvetien sorgt für Aufruhr. Seit der Abstimmung vom 9. Februar ist nichts mehr wie es war. Lawinenartig wälzt sich eines der merkwürdigsten Ergebniße der direkten Demokratie durch alle erdenklichen europäischen Medien. Egal ob Print-, TV- oder Online-Magazine, alle berichten sie darüber: Die Maßeneinwanderungs-Initiative. Abwartend, wie die EU nun reagieren wird, herrscht innenpolitisch längst Chaos. Dahin ist die Heidiland-Idylle, mit einem Schlag weggefegt das Image des verschlafenen, aber stets neutralen Käse- und Kuhstaates. Flaschentester wird nachdenklich. Hat er doch anders abgestimmt. Daß die Schweiz auch beßer kann, zeigt er heute wenigstens in vinophiler Hinsicht. Sozusagen als digitaler Immigrant im grenzenlosen Netz. Als Gastautor auch auf einem Blog jenseits der Alpen. Für einmal etwas politisch, aber doch dem Genuß verpflichtet.

Staatskellerei Zürich 1

Die Kellereien in Rheinau (Quelle).

Die Schweiz ist bunt. Vier Landessprachen, und unzählige landestypische Eigenheiten widerspiegeln eine Gesellschaft, welche sich seit mehr als einer Dekade durch Toleranz und Konsens auszeichnet. Auch die Weinlandschaft zeugt von dieser Vielfalt. Meistens sind es nämlich Kleinstparzellen, welche im gesamten Land von über 30’000 Winzern bewirtschaftet werden. Jede Region hat ihre ureigene Weinbautradition und unzählige Kulturen verschiedenster Rebsorten. Im Tessin sind es vor allem Merlot und Chardonnay, in der Deutschschweiz Pinot Noir und Müller-Thurgau, im Westen zudem Chaßelas, welche angebaut werden. Neben diesen zentralen Sorten, gibt es hierzulande unzählige autochthone, also ursprüngliche Reben und auch einige Neuzüchtungen, welche zum Teil in Kleinstmengen verarbeitet werden. Gamaret ist eine davon. Vor etwas mehr als dreißig Jahren wurde die junge Sorte von der Eidgenößischen Forschungsanstalt für Pflanzenbau in Pully durch die Kreuzung von Gamay und Reichensteiner ins Leben gerufen. Gamaret wird vor allem im Kanton Waadt angebaut, ist zum Teil aber auch in der Zentralschweiz zu finden. Inzwischen werden sogar  in Deutschland Kleinstmengen kultiviert. So zum Beispiel in Württemberg.

Staatskellerei Zürich Kellermeister Werner Georges Kuster

Kellermeister Werner Georges Kuster (Quelle).

Wir schreiben den 9. März. Einen Monat nach dem niederschmetternden Wahlresultat werden die ersten Folgen sichtbar. Flaschentester spricht mit einem Bekannten, welcher an der Universität Zürich arbeitet. Es wird konkret: Erasmus ist – zumindest für die Schweiz – Geschichte und auch die Beteiligung am Forschungsprojekt Horizon 2020 steht auf dem Spiel. Und das ist erst der Anfang. – Warum reden wir hier also noch über Gamaret? Nun, so einer steht eben jetzt vor mir auf dem Tisch. Quasi als Trostwein in einer trostlosen Zeit. Denn den schicksalsschweren Sonntag muß man einfach mit einem entsprechenden Tropfen vom Tisch fegen. Auch einen Monat danach. Wenigstens für einen Abend lang.

Ich koche. Nicht nur innerlich. Es gibt Schweinefilet, Brat-Kartoffeln und Bohnen. Zwischendurch werfe ich nochmals einen Blick auf die Flasche: Jahrgang 2010, 13,5 Volumenprozent. – Ja, 2010 war die Welt noch in Ordnung. Wer hätte gedacht, daß vier Jahre später über fünfzig Prozent aller Schweizer der Initiative einer verkorksten Partei zustimmen? Klar, überfüllte Züge, verstopfte Straßen, steigende Mieten und Grundstückspreise, Zersiedelung, Lohndruck, Kriminalität, und Asylmißbrauch sind reale Probleme. Aber die sind doch nicht so zu lösen! Herrgottnochmal ! ! !

Staatskellerei Zürich Klosterkeller

Klosterkeller: 400 Jahre Tradition (Quelle).

Leicht genervt entferne ich die silberne Kapsel und entkorke. So heftig wie das Wahlresultat ist auch die Keule von Flasche. Burgund läßt grüßen. Drauf steht „Staatskellerei Zürich – Gamaret, Prestige Barrique„. Die Anfänge des Zürcher Produzenten liegen im späten 19. Jahrhundert. Ursprünglich sollte der Betrieb vor allem die ansäßigen Krankenhäuser und Anstalten mit Wein versorgen. Schließlich wurde auch da mal ein Glas getrunken. – Heute beliefern die Zürcher Kellereien freilich andere Märkte. Seit 1997 gehören sie zur Mövenpick Wein AG und sind gegenwärtig einer der größten regionalen Weinproduzenten. Der Betrieb kauft und verarbeitet Trauben von rund neunzig verschiedenen Quellen im ganzen Kanton. Das Sortiment umfaßt Rot-, Weiß- und Schaumweine. Auch Likör und alkoholfreie Traubensäfte werden im idyllischen Örtchen Rheinau produziert. Entgegen der gebräuchlichen Methode Gamaret mit Garanoir, Gamay oder Pinot Noir zu einer Assemblage zu vereinen, befindet sich in dieser Flasche eine sortenreine Abfüllung. Das hat seinen Preis. Zugegeben, der Wein ist nicht billig. Schließlich verlangt gerade Gamaret nach einer guten und damit auch intensiver zu bewirtschaftenden Reblage und vor allem nach einer strengen Selektion des Traubenmaterials. Das macht den Wein teurer. Mißachtet der Winzer diese zwei Umstände ergeben sich häufig krautige, ja sogar kratzende Weine. Und die kauft keiner.

Wir sitzen inzwischen am Tisch. Das Schweinefilet lächelt uns entgegen. Es wird angestoßen: Auf den Dialog! – Daß dieser bitter nötig ist, scheinen einige noch feststellen zu müßen. Ich für meinen Teil werde ruhiger und ruhiger. Der Gamaret entfaltet seine Wirkung. Dunkel und purpurrot liegt er im Glas. Das Bouquet voller schwarzer Beeren und Schokolade. Holz rundet das olfaktorische Spektrum ab. Im Mund schmecke ich Kirschen und Pflaumen. Seine Fruchtigkeit erinnert entfernt an einen jungen Blauburgunder. Der Wein ist füllig, der Abgang stimmt versöhnlich, der Nachhall verstummt angenehm langsam. Ein schönes Stück Schweiz habe ich da im Glas. So müßte sie sein. Individuell, versöhnlich, einladend und von einer inneren Stabilität getragen. Daran erinnert man sich gerne. Der Gamaret macht’s vor. Wenn Politik nur so einfach wäre. Ich gebe 18 Punkte.

Gamaret-Prestige-Barrique_Staatskellerei-ZuerichPunkte: 18/20
Paßt zu: Fleisch, deftigen Speisen, reichhaltigen Speisen
Preis: Fr. 28.- / € 19.50

 

Den Gamaret Prestige Barrique der Staatskellerei Zürich gibt’s bei Mövenpick/Schweiz bzw. Mövenpick/Deutschland zu kaufen.

Advertisements


2 Kommentare

Denner unstoppable – Ach du meine Fresse

Mein Gott Denner, was bist du aggressiv und unkontrolliert in letzter Zeit. Sobald ich deinen weissroten Schriftzug ausmache, manifestiert sich vor meinem geistigen Auge eine Mischung aus Discounter-Pitbull, und Rattenfänger von Hameln. Zwei Dinge, die die Welt nicht braucht.

PitbullDennerBegonnen hat es mit einer Pressemitteilung im letzten Jahr. Im Dezember 2012 registriert die Medienwelt die Übernahme des Coop-Weineinkäufers Christoph Bürki, den du dann auch baldmöglichst wieder ausspuckst. Personalwechsel werden nicht kommentiert, sagst du. Warum auch. Das nennt sich heutzutage Firmenpolitik. Flaschentesters Aufmerksamkeit ist geweckt. Je länger ich mich mit dir beschäftige, desto mehr ist kräftiges Kopfschütteln angesagt.

Du scheinst den medialen Äther recht grosszügig zu bedienen. Deine Fernsehwerbung, die mit den cinque stelle, scheint gerade der Renner zu sein. Alle wollen Gutscheine gewinnen. Alle haben Spass. – Auch ich hatte Spass, als ich für eine Bewertung deiner mittelmässigen Weine als glücklicher Gewinner einen Gutschein zugestellt bekam. Danke dafür. Leider sind die abgegebenen Kommentare und Bewertungen so inflationär, wie ich’s von Anfang an erwartet hatte. Kaum jemand bewertet deine Weine mit weniger als vier Punkten. Gleichzeitig kann ich die Öffentlichkeit beruhigen: Auch bei schlecht bewerteten Weinen, erhält man als Gewinner der wöchentlichen Verlosung einen Einkaufsgutschein per Post zugestellt. Einige Fragezeichen bleiben trotzdem: Schmecken all deine Weine ausnahmlos gut, wie etwa von Chandra Kurt im Weinseller propagiert? Haben deine Kunden Angst, sich mit treffenden Bewertungen online zu outen und einen Shitstorm auszulösen? Fehlt es Denner-Weinkonsumenten grundsätzlich an Geschmack und Qualitätsbewusstsein? Wo bleibt die eigene Meinung? Man weiss es nicht. Fest steht: Viele lechzen nach deinen Gutscheinen, welche sie dann wieder in Wein investieren, den sie online bewerten, damit ihnen ein Gutschein… ach, wechseln wird lieber das Thema.

Weinkrieg2Auch offline, zum Beispiel auf Papier, bist du ganz schön präsent. Deine Marketing-Offensive umfasst sogar zwei hauseigene Weinzeitungen. Ja richtig, Plural. Von deinem Weinführer ist die Rede, und von einer gehefteten, mehrseitigen Papierwerbung, welche du als Weinzeitung betitelst. Beide sind auch online, als PDF, mit allem dazugehörigen Bedienerschnickschnack abrufbar. Usability scheint von dir neuerdings online ja sowieso ganz GROSS geschrieben zu werden. Denn unterdessen findet man auf http://www.denner.ch eine komplett überarbeitete Seite mit klarer Struktur und einer benutzerfreundlicheren Navigation als noch Anno Domini Zweitausendirgendwas. Den Konsumenten freut’s. Auch ich haber darüber berichtet und war mit deinem Auftritt ziemlich zufrieden. Umso trauriger stimmt mich deshalb die Tatsache, dass du uns Weinkäuferinnen- und Käufern immer wieder mit dem selben Wein hinters Licht führst. So entdecke ich auch heute, online, beim Schreiben dieses Artikels, wieder eine Rocca Rubia-Aktion. Nicht die erste, wohlgemerkt. Der Wein des Anstosses wurde bereits mehrmals von dir zum Spottpreis angeboten, war aber in den Läden meines Wissens nie erhältlich. Ein St. Galler Weinhändler erwog deshalb sogar rechtliche Schritte gegen dich einzuleiten. Meine Fresse Denner, was soll denn das? Bitte Seinlassen, danke.

DennerDrLoosenDafür, dass du überraschenderweise den hinlänglich bekannten 2010er Pannobile von Heinrich einige Tage als Schnäppchen angeboten hast, bin ich dir hingegen sehr dankbar. Sowieso scheinst du auf dem österreichischen Auge nicht mehr ganz so blind zu sein. Das beweist du nicht nur mit der Heinrich-Aktion, sondern auch der Aufnahme eines einfachen Grünen Veltliners in dein Sortiment. Seit kurzem gibt’s bei dir von Zeit zu Zeit sogar einen Zweigelt aus der Wachau. Weiter so. Beiss dich bei den Österreichern fest. Das hat Zukunft.

Auch Deutschland schien für kurze Zeit endlich in dein Beuteschema zu passen. Ursula – Achtung Wortwitz! – Beutler, welche ja auch schon für Manor und Coop weinmässig einkaufen durfte, hat bestimmt ihre Beziehungen spielen lassen, als sie einen Dr. Loosen für dich an Land zog. Stimmt’s? Das gibt dennoch zu denken. Gerade mal Fr. 9.85 habe ich für das Erdener Treppchen bezahlt. Deine Preisgestaltung ist unglaublich aggressiv. Andere Händler verlangen zum Teil das Doppelte und werden von deiner Aktion alles andere als begesteiert sein. Gerade gestern habe ich dich besucht. Es standen immer noch einige Flaschen zum momentanen Aktionspreis von Fr. 12.30 bei dir im Laden. Aus dem Online-Shop und deiner App hast du ihn aber ganz schnell wieder entfernen lassen. Warum denn das? Hat der deutsche Onkel Doktor die ausgemachte Liefermenge etwa nicht eingehalten, oder war das einmal mehr eine deiner geschickt eingefädelten Finten, um den Kreis der Dennerkonsumenten zu vergrössern? Schliesslich durften nur gerade vier Kunden den Riesling bewerten, bevor er wieder vom Bildschirm verschwand. Ich bin ratlos.

DennerBordeaux2011Selbst bei den französischen Weinen reitest du schon seit einiger Zeit auf der inzwischen massentauglichen (Bordeaux-)Welle. Ganze elf Flaschen aus dem Bordelais stehen bei dir im Regal. Weiss, rot, süss: Keiner kostet mehr als zwanzig Franken und alle schmecken sie höchstens durchschnittlich. Hauptsache, Bordeaux steht drauf. Zwar kann man Bonnet, Partarrieu und Konsorten durchaus trinken, der Spass bleibt – zumindest bei mir – dabei jedoch aus. – Ich komme ins Grübeln. Lange Zeit fragte ich mich ernsthaft: Where have all the Grand Crus gone? Und sind wir ehrlich, die paar ernst zu nehmenden Fläschchen, welche irgendein französischer Camion die letzten zwei, drei Jahre jeweils im Herbst anlieferte, waren im Vergleich mit Pickpay-Zeiten nicht der Rede wert. Seit letzter Woche erkennt man aber wenigstens etwas Licht am roten Dennerhorizont. Endlich findet man wieder eine Auswahl an französischen Châteaux, die ihren Namen verdient. Auch deine Preise sind fair. Und ist es nicht schön zu sehen, wie sich in alter Denner-Manier, Bordeaux-Kistchen lieblos auf einer Holzpalette stappeln? So soll es sein. So mag ich dich.

WeihnachtsbaumIn Anbetracht dessen, dass in absehbarer Zeit Weihnachten vor der Tür steht, sende ich dir vier naive Wünsche zu:

1) Lass die Rocca Rubia-Aktionen sein. Erstens gibt’s den Wein nicht bei dir zu kaufen, zweitens nervt das andere Händler, drittens registrieren auch wir Konsumenten diese Bauernfängerei.

2) Erweitere dein Sortiment um deutsche Weine. Warum nicht mal ein, zwei ordentliche Rieslinge, oder einen Spätburgunder ins Programm nehmen. Meine Sympathiepunkte würden dir automatisch zufliegen. Das gilt auch für das Kabitel Bio. Gerade mal ein Bio-Wein unter 243 Positionen, also bitte. Das geht besser.

3) Meine persönliche Überdosis an Denner ist längstens erreicht. Reduzier‘ deine Werbeaktionen auf die Hälfte. Höchstens. Danke.

4) Weiter so beim Thema Bordeaux. Gerne darfst du auch Flaschen unter zwanzig Franken anbieten. Dann aber bitte ordentliche und nicht das olle Bonnet-Zeugs.


Ein Kommentar

Wir sind keine dummen Schafe – Essay

Ich trinke gerne Wein. Viele meiner Zeitgenossen ebenfalls. Manche von ihnen kennen sich aus, andere tun nur so. Die meisten aber trinken aus Spass. Und diesen haben sie unbewusst zu ihrer Doktrin erhoben. Emotional motiviert, nicht intellektuell. Und das ist auch gut so.

Viele Konsumenten sind froh um Beratung und fühlen sich ohne Einschätzungen von Parker, Gabriel und anderen verloren. Auch ich schaue gerne, welche Punktzahlen Weine von Fachpersonen bekommen. Ich bin so dreist, sogar selber welche zu vergeben, ohne vom Fach zu sein. Aber nicht jeder möchte sich mit Wein und seinen Themen näher auseinandersetzen. Viele möchten nur geniessen. Denn der Genuss steht beim Wein im Vordergrund. Dessen war ich mir bis vor kurzem ziemlich sicher. Horcht man aber den Leuten von der Presse, kommt diese Vorstellung heftig ins Wanken. Denn häufig wird der Genuss an Kompetenz gekoppelt. An fachliche wohlverstanden.  – Mich stört das. Da wird nämlich eine Diskussion geführt, die den Kunden ins Zentrum stellt und ihn gleichzeitig ausschliesst. Es geht um den Diskurs um die önologische Mündigkeit des Konsumenten, um die Vorstellung von Fachwissen als Voraussetzung für Genuss. Entschieden wird täglich am journalistischen Gerichtshof. Das Fussvolk darf schweigen.

Schaf2

Keine Lust, für dumm verkauft zu werden? Keine Sorge, anderen geht’s bestimmt auch so.

Als Kunde befinde ich mich mitten im Dilemma der heutigen Konsumgesellschaft: Meine Kauflust wird einem Überangebot frontal ausgesetzt. Dieses dekadente und darum absurde Problem lässt mich immer wieder total überfordert im Regen stehen. Deswegen bin ich manchmal auf Hilfe angewiesen. Ich schätze es von Zeit zu Zeit, wenn mir jemand bei der Entscheidungsfindung hilft, oder – wie häufig beim Wein – wenigstens eine Vorauswahl trifft. Und trotzdem nervt mich nichts mehr, als wenn Journalisten oder andere Fachleute durchblicken lassen, dass sich laut ihrer Wahrnehmung der gemeine Feld-, Wald- und Wiesenkonsument wie ein blindes Huhn durch die Weinlandschaft bewegt. Dass er unselbständig und ignorant ist, und unfähig, von Wein etwas zu verstehen. Er darf zwar kaufen und Weinpäpsten folgen, mehr aber darf er nicht.

Der Konsument als dummes Schaf in einer grossen Herde anderer dummer Schafe. Einer Herde die nicht weiss, wohin es geht und was sie will und die geführt werden will: Zur Religion, zum Produkt, zum guten Geschmack. So das Bild, welches die Presse immer und immer wieder zeichnet.

Ich bin kein Schaf!

Manchmal verfolge ich gerne, was Herr und Frau Fachmann zu sagen haben. Ob ich was von Wein verstehe ist dabei nicht relevant. Ob ich Freude daran habe aber schon. Schliesslich muss ich keinen Riesling von einem Chardonnay unterscheiden können, um festzustellen, ob mir ein Weisswein schmeckt. – Himmelherrgottnochmal, warum suggerieren einem dutzende Artikel und Blogs immer wieder, dass man ohne fundiertes Wissen nicht zur Weinsociety gehört, des Weines nicht würdig ist und sich genauso gut ne Cola genehmigen könnte, da man den Unterschied sowieso nicht schmeckt

Warum beharrt scheinbar jeder, der einen deutschen Satz fehlerfrei auf Papier kriegt, darauf, die absolute Wein-Wahrheit gefunden zu haben? Bio, oder nicht bio, lokal oder international, Burgunder, oder Bordeaux, klassisch oder modern, Parker oder Suckling? ICH entscheide SELBST! Und das jederzeit. Denn ich bin dazu durchaus in der Lage. So wie viele Wein-Konsumenten da draussen auch.

Wir leben nicht mehr in den 80ern. Die Zeiten in denen sich der Weinkosmos des Normalos auf Chianti und Chardonnay beschränkte sind vorbei. Und auch wenn ich Weine mag, von welchen mehr als 200’000 Flaschen jährlich abgefüllt werden, oder mir Traubensäfte schmecken, die in Kleinstmengen produziert werden, hat das weder mit Unwissenheit, Mainstream oder Beeinflussbarkeit zu tun, sondern mit Geschmack, mit Vorlieben, der Verfügbarkeit und – last, but not least – dem vorhandenen Budget. Selbst wenn 326’564 andere Europäer denselben Wein trinken wie ich, dann ist das halt so. Punkt. Die haben nämlich Geschmack. Guten Geschmack sogar. Und auch wenn es das Einzige ist, was sie haben, und wenn ihnen alles Weinwissen der Welt fehlen sollte, ist der Geschmack für sich alleine doch Rechtfertigung genug, Wein zu mögen und zu trinken. Auch ohne Lizenz zum Klugscheissen.

Wann geht das endlich in eure Köpfe rein? Ihr Journalisten, Missionare, Forenschreiber, Doofblogger und Weinkenner!

Hugh, ich habe gesprochen.

Flaschentester


Hinterlasse einen Kommentar

Beziehungsstatus: Es ist kompliziert.

Heute Vormittag renne ich in der Weinabteilung im Coop Gallusmarkt gefühlte 30 Minuten nervös hin- und her. Dabei komme ich mir ein bisschen vor, wie eine drittklassige Parodie von Louis de Funès.

Nachdem ich nirgends fündig werde, frage ich schliesslich verzweifelt einen freundlichen Angestellten nach einigen Weinen des Grand prix du vins suisse, kurz GPDVS. Dieser ruft seinen Chef per Telefon. Zwei Minuten später steht der hilfsbereite Detailhändler vor mir. Geduldig erklärt mir dieser, dass die von mir gesuchten Weine nur online, oder in bestimmten Regionen, und da nur in ausgewählten Coop-Filialen erhältlich sind. Enttäuschung macht sich breit. R I E S E N – E N T T Ä U S C H U N G ! ! !

Grand prix du vins suisse

Tja, es ist keine einfache Beziehung zwischen den Weinen des GPDVS und mir. Mehr so ne on/off-Geschichte. Im letzten Bericht war ich noch voller Euphorie. Spätestens seit heute Mittag habe ich aber jede Hoffnung aufgegeben. Der erste Eindruck bezüglich der Vertriebsprobleme von Schweizer Weinen bestätigt sich zumindest teilweise. Auch Coop gelingt es nicht, uns zu verkuppeln. Im Gegenteil: Erst verspricht mir der Grossverteiler auf seiner Homepage 19 (!) neue Schweizer Weine in’s Sortiment aufzunehmen, um mich nachher dann doch enttäuscht in den Fluren seiner Filiale stehen zu lassen.

Mir reicht’s! Die St. Galler Suche nach Schweizer Siegerweinen ist vorerst abgeschlossen. – Ich brauche jetzt etwas Abstand. Eine Pause, etwas Luft, mehr Zeit für mich; die Freiheit, Neues auszuprobieren.

Liebe Weine des GPDVS, ich hoffe, ihr versteht das.

Euer Flaschentester


Hinterlasse einen Kommentar

Liebe Chandra

Du machst es mir nicht leicht. Ich anerkenne dein Fachwissen, deinen scheinbar unermüdlichen publizistischen Einsatz und nicht zuletzt deinen mutigen und konsequenten Entscheid, nicht nur über Wein zu schreiben, sondern auch selbst welchen zu produzieren. Deine Tage müssen 32 Stunden haben, dein Arbeitspensum unmenschlich sein – dafür zolle ich dir grössten Respekt. Leider streuben sich mir sämtliche Nackenhaare, sobald du thematisch in die kulturelle Kiste greifst; gar Filme oder Songs mit Weinen assoziierst.

Da du für die Schweizer Illustrierte schreibst, hast du bestimmt ein dickes Fell. Schön, dann kann ich auch direkt zur Sache kommen. Ich hätte da nämlich einige Vorschläge, wie deine Weinseller noch lesenswerter werden könnten. Immerhin besitze ich schon zwei Ausgaben davon. Je nachdem, ob du gedenkst, einige meiner Anregungen auf Papier umzusetzen, steht auch der Anschaffung einer dritten nichts im Weg. Liebe Chandra, folgende Punkte solltest du dir zu Herzen nehmen:

  • Über Weine schreibst du toll. Über deinen kulturellen Geschmack lässt sich aber nicht streiten. Er ist oft furchtbar. Studiere deshalb das abgebildete Diagramm genau und streiche alle Einträge mit weniger als fünf Punkten aus deinem Wortschatz, deinen Weinsellern und all deinen zukünftigen Texten: Chandra Kurt
  • Falls du es trotzdem nicht lassen kannst: Beschränke dich bei Vergleichen ausschliesslich auf herausragende Künstler und deren Kunstwerke. Wie du im Chandra-Diagramm erkennen kannst: Rondo Veneziano, der Eurovision Song Contest, die Bee Gees und Konsorten gehören nicht dazu.
  • Auch wenn du ein grosser Fan von Gossip Girl und Lady Gaga bist; diese dreimal in einem Weinseller (Ausgabe 11/12) zu erwähnen ist zu viel des Guten. Einmal wäre schon masslos übertrieben. Deshalb: Bitte seinlassen. Danke.
  • Vermeide bitte folgende Begriffe: Easy listening, Samschtig-Jass, Musikantenstadl, DRS1. Sie verstören gerade auch eine jüngere Zielgruppe. Und das möchtest du doch bestimmt nicht.
  • Jedem belanglosen Wässerchen stolze 16 Punkte zu geben, und den Wein dann doch nur als ausreichend für Partys und Apéro zu beschreiben ist irgendwie sinnfrei. – Klartext wäre schöner. Ich trinke nämlich auch auf Feten lieber guten Wein, als üblen Fusel.
  • Unter uns: Du schreibst ein wenig tendenziös über Schweizer Weine. So nobel deine Absicht auch ist, Schweizer Wein ist nicht per se besser als Wein anderer Herkunft. Noch weniger wenn man dabei deine journalistische Absicht auch durch ein Glas, gefüllt mit dunkelstem Port, erkennen kann. Um den Schweizer Wein aus der selbst verordneten Absatzkrise zu ziehen, braucht es andere Massnahmen. Deine Überbewertungen sind längerfristig kontraproduktiv für lokale Winzer, und schlussendlich auch für deine Weine.
  • Warum um Gotteswillen sind bei deinen Globus-, Spar- und Manorverkostungen immer auch teurere Flaschen über 40 Franken dabei? Ja, ja, Denner, Aldi & Co. haben keine so teuren Weine, bla bla bla. Das lasse ich nicht gelten. Darum meine brennendste Frage überhaupt: Hast du einen Deal mit big G, S und M? Gibt’s von denen ne extra Lohntüte? Falls ja, überweise mir bitte monatlich eine prozentuale Beteiligung und ich schweige für immer. Falls nein, setze den Weinseller-Weinen ein preisliches Limit. Ein 25-Frankenmaximum wäre sinnvoll. Alles andere macht keinen Spass. Ist doch sonnenklar, dass die teureren Weine meistens besser abschneiden.
  • Deine Weinseller sind für sich genommen schon Werbung genug. Vor allem für die darin genannten Discounter. Warum in aller Herrgottsnamen muss dein Verlag dann noch auf jeder dritten Seite vollflächig Werbung abdrucken? Wenn ich mir nervende Anzeigen anschauen möchte, kann ich mir am Bahnhof aus der blauen Zeitungsbox auch eine 20Minuten greifen. Und die ist im Gegensatz zu deinen Weinsellern ca. 32 Franken billiger.

 

So, das war’s von meiner Seite.

Liebe Grüsse

Dein Flaschentester

 

P.S. Deine neckische Frisur gefällt mir.

Chandra


Hinterlasse einen Kommentar

Von einem, der loszog, Schweizer Weine zu kaufen.

An einem verregneten Herbstnachmittag sitze ich vor dem Computer und stolpere zufälligerweise über die Seite des „Grand prix du vins suisse„. Ich sehe mir den Wettbewerb etwas genauer an und kriege Lust auf heimischen Wein. Dass damit eine Mission impossible beginnt, ist mir zu dem Zeitpunkt noch nicht bewusst. Schliesslich versuche ich nur, in St. Gallen preisträchtige Schweizer Weine aufzutreiben.

Doch zurück zur erwähnten Website. Es geht also um die Prämierung der besten Schweizer Weine 2012. Dafür wurden ca. 3’000 Produkte der Winzer vorgeschlagen, und einige davon dann schliesslich auch für die Endrunde des Wettbewerbs nominiert. Wie es sich für einen ordentlichen Grand Prix gehört, gibt es Kategorien: Bio-, sortenreine Weiss- und Rotweine, Assemblagen, und, und, und. Übermorgen ist es soweit. Jeweils einer der Weine wird aus sechs möglichen Kandidaten zum Sieger seiner Kategorie gewählt. Der beste Weinbauer wird ausserdem zum Winzer des Jahres gekürt.

Mein Interesse ist geweckt. Schliesslich geht es um die besten Weine des Landes. Ich klicke mich durch die Menuleiste der Seite. Unter der Rubrik Progamm finde ich zusätzliche Informationen zum Grand Prix. „Rund hundert erfahrene Degustatorinnen und Degustatoren werden während sechs Tagen die eingereichten Kandidaten beurteilen„, steht da. Die Preisverleihung findet in Bern statt. Sven Epiney moderiert. Gesponsert wird der Wettbewerb unter anderem von Grössen wie Coop und Raiffeisen. Alles straff organisiert. Auch ein Bundesrat ist anwesend. Spontan werden Erinnerungen an Giacobbos „Ernstfall in Havanna“ wach.

Typisch für Helvetien scheint mir aber auch die vornehme Zurückhaltung. Zum Beispiel bei der schlicht nicht vorhandenen Vermarktung der nominierten Weine. Ich mache mir trotzdem die Mühe und versuche online zu erfahren, welche in St. Gallen erhältlich sind. Eines vorweg: Das Ergebnis ist – gelinde gesagt – ernüchternd.

Gefühlte hunderttausend Klicks und eine Stunde später sind meine Nachforschungen abgeschlossen. Hier das Resultat: Weder bei St. Galler Händlern noch Discountern gibt es auch nur einen einzigen der 72 nominierten Weine zu kaufen. HALLO !? Hier handelt es sich schliesslich um die besten Schweizer Weine der Gegenwart, oder? Was nützt da ein riesengrosses Tamtam, der Epiney und hundert erfahrene Degustatoren, wenn ich die angepriesenen Produkte nirgends kaufen kann. Und nein, mein Google ist nicht kaputt! Wer auch nur eine Flasche bei Mövenpick, Lanz, Zweifel oder sonstwem in St. Gallen auftreiben kann, soll sich doch bitte bitte schnell bei mir melden. Nur zu gern würde ich unsere Winzer tatkräftig unterstützen.

Zwei der Weine kann man wenigstens im Schlössli und im Hotel Einstein trinken. Auch der Bernecker Ochsen wird einmal bei den Suchresultaten genannt. Über den nominierten 2011er Schlattinger berichtete kürzlich das Tagblatt. Wo man ihn kaufen kann, steht aber auch da nicht drin. Klasse – Das nenne ich echt eine magere Ausbeute. Ein wenig konsterniert sitze ich vor dem Bildschirm. Wenigstens einer der Weine muss doch hier irgendwo zu kriegen sein. – Sind es die Schweizer Winzer und Verbände, die ihre Ware nicht an den Mann kriegen? Produzieren die einzelnen Weingüter zu kleine Mengen, um sie ordentlich streuen zu können? Oder sollten mich die Händler nerven, welche die Weine nicht im Sortiment haben. Ich weiss es nicht. Der Resignation nahe, meine ich: „Irgendwo muss der Wein doch verkauft werden.“ Ja, wird er! Meistens bei den Erzeugern direkt. – Sagt mir wenigstens meine Suchmaschine…

Für Eigenrecherchen: Die Liste der Nominierten gibt’s hier

…ich trinke jetzt erstmal ein Glas Milch zur Beruhigung. Da weiss ich wenigstens, wo Nachschub erhältlich ist. Prost!

Der Grand Prix in Zahlen

  • eingereicht werden 3’000 Weine von 591 Winzern
  • die Verleihung findet jährlich, jeweils im Oktober statt
  • 100 Fachpersonen degustieren und bewerten die Weine
  • Es gibt zwölf Kategorien mit je sechs Nominierten
  • Insgesamt sind also 72 Weine nominiert
  • ein Bundesrat ist bei der diesjährigen Verleihung anwesend
  • Bei St. Galler Händlern erhältliche Weine: Null, zéro, zero, nulla.

P.S. Liebe Schweizer Winzer, Veranstalter, Degustatorinnen und Degustatoren, lieber Bundesrat

Mir geht euer ewiges Gemotze über Absatzschwierigkeiten langsam so was von auf den Kecks. Ist es doch eure Nachlässigkeit, die mich an der Unterstützung der Schweizer Weinwirtschaft hindert. Daher habe ich einen Vorschlag: Sobald die Nominierten des GPDVS feststehen, könntet ihr doch einen Online-Shop eröffnen, in dem eure Produkte einem breiten Publikum angeboten werden. Wie wär’s ausserdem mit einer massiven Promo-Aktion bei allen Fachhändlern der Schweiz? Am besten schon im Vorfeld der ersten Selektion? Schön wäre auch ein reales Geschäft, dass die Weine einem Laufpublikum feil bietet. Vielleicht auch mehrere Filialen in grösseren Schweizer Städten und im nahen Ausland? Falls ihr nicht wisst, wie man das realisieren könnte, nehmt euch doch ein Beispiel an den Österreichern. Die haben das nämlich drauf, das mit dem Sich-Selber-Anpreisen. Die bringen sogar Schweizer dazu, ausschliesslich österreichische Weine zu verkaufen. Zum Beispiel diese hier.

Braucht ihr kompetente Beratung? Hier die Adresse der österreichischen Botschaft. Da wird euch bestimmt gerne geholfen:

Österreichische Botschaft Bern
Kirchenfeldstrasse 77/79
CH-3000 Bern 6
Tel: +41 (31) 356 52 52
Fax: +41 (31) 356 56 64

Liebe Grüsse

Euer Flaschentester