Flaschentester

… schreibt über europäische Weine und verwandte Themen


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Azienda Petra, Potenti Rosso 2008

Notizen

Farbe beinahe schwarz, dunkelstes Violett, sehr sehr dicht. Klassische Cabernet-Nase, mittlere Intensität. Am Gaumen unglaublich komprimiert, intensiv. Weiter: Süsslicher Schmelz – beinahe schon zu viel, mit der Zeit gar etwas monoton. Reife Tannine. Trink-animierend. Macht die gepaarte Fleischspeise beinahe platt. Wein zum Zelebrieren. Eine Bombe mit langem Abgang. Im Nachhall etwas Würze. Etwas mehr Säure würde ihm charakterlich grundsätzlich gut stehen. Kaum adstringierend. Mächtig, aber nicht restlos überzeugend, jedoch schöner, sortenreiner Cabernet. Eindrücklicher Wein. Man trinkt – wie von Petra gewohnt – Qualität. Auch die Flasche ist Programm: Schwarz, schön, mächtig. Ein fleischiger, schwerer Wein. Der Merlot (Quercegobbe) aus dem selben Haus schmeckt mir etwas besser. Geschmackssache. Ich gebe 17 Punkte.

Petra Potenti Rosso

Unter der Rubrik kurz angenippt findest du Weine, welche mir irgendwo über den Weg liefen, aber nicht genauer getestet werden konnten. Die Notizen sind kurz und knapp, die Punktevergaben eher als Anhaltspunkt, denn als absolutes Mass anzusehen. Die Weine werden daher auch nicht in den Charts gelistet.

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Staatskellerei Zürich – Gamaret 2010

Helvetien sorgt für Aufruhr. Seit der Abstimmung vom 9. Februar ist nichts mehr wie es war. Lawinenartig wälzt sich eines der merkwürdigsten Ergebniße der direkten Demokratie durch alle erdenklichen europäischen Medien. Egal ob Print-, TV- oder Online-Magazine, alle berichten sie darüber: Die Maßeneinwanderungs-Initiative. Abwartend, wie die EU nun reagieren wird, herrscht innenpolitisch längst Chaos. Dahin ist die Heidiland-Idylle, mit einem Schlag weggefegt das Image des verschlafenen, aber stets neutralen Käse- und Kuhstaates. Flaschentester wird nachdenklich. Hat er doch anders abgestimmt. Daß die Schweiz auch beßer kann, zeigt er heute wenigstens in vinophiler Hinsicht. Sozusagen als digitaler Immigrant im grenzenlosen Netz. Als Gastautor auch auf einem Blog jenseits der Alpen. Für einmal etwas politisch, aber doch dem Genuß verpflichtet.

Staatskellerei Zürich 1

Die Kellereien in Rheinau (Quelle).

Die Schweiz ist bunt. Vier Landessprachen, und unzählige landestypische Eigenheiten widerspiegeln eine Gesellschaft, welche sich seit mehr als einer Dekade durch Toleranz und Konsens auszeichnet. Auch die Weinlandschaft zeugt von dieser Vielfalt. Meistens sind es nämlich Kleinstparzellen, welche im gesamten Land von über 30’000 Winzern bewirtschaftet werden. Jede Region hat ihre ureigene Weinbautradition und unzählige Kulturen verschiedenster Rebsorten. Im Tessin sind es vor allem Merlot und Chardonnay, in der Deutschschweiz Pinot Noir und Müller-Thurgau, im Westen zudem Chaßelas, welche angebaut werden. Neben diesen zentralen Sorten, gibt es hierzulande unzählige autochthone, also ursprüngliche Reben und auch einige Neuzüchtungen, welche zum Teil in Kleinstmengen verarbeitet werden. Gamaret ist eine davon. Vor etwas mehr als dreißig Jahren wurde die junge Sorte von der Eidgenößischen Forschungsanstalt für Pflanzenbau in Pully durch die Kreuzung von Gamay und Reichensteiner ins Leben gerufen. Gamaret wird vor allem im Kanton Waadt angebaut, ist zum Teil aber auch in der Zentralschweiz zu finden. Inzwischen werden sogar  in Deutschland Kleinstmengen kultiviert. So zum Beispiel in Württemberg.

Staatskellerei Zürich Kellermeister Werner Georges Kuster

Kellermeister Werner Georges Kuster (Quelle).

Wir schreiben den 9. März. Einen Monat nach dem niederschmetternden Wahlresultat werden die ersten Folgen sichtbar. Flaschentester spricht mit einem Bekannten, welcher an der Universität Zürich arbeitet. Es wird konkret: Erasmus ist – zumindest für die Schweiz – Geschichte und auch die Beteiligung am Forschungsprojekt Horizon 2020 steht auf dem Spiel. Und das ist erst der Anfang. – Warum reden wir hier also noch über Gamaret? Nun, so einer steht eben jetzt vor mir auf dem Tisch. Quasi als Trostwein in einer trostlosen Zeit. Denn den schicksalsschweren Sonntag muß man einfach mit einem entsprechenden Tropfen vom Tisch fegen. Auch einen Monat danach. Wenigstens für einen Abend lang.

Ich koche. Nicht nur innerlich. Es gibt Schweinefilet, Brat-Kartoffeln und Bohnen. Zwischendurch werfe ich nochmals einen Blick auf die Flasche: Jahrgang 2010, 13,5 Volumenprozent. – Ja, 2010 war die Welt noch in Ordnung. Wer hätte gedacht, daß vier Jahre später über fünfzig Prozent aller Schweizer der Initiative einer verkorksten Partei zustimmen? Klar, überfüllte Züge, verstopfte Straßen, steigende Mieten und Grundstückspreise, Zersiedelung, Lohndruck, Kriminalität, und Asylmißbrauch sind reale Probleme. Aber die sind doch nicht so zu lösen! Herrgottnochmal ! ! !

Staatskellerei Zürich Klosterkeller

Klosterkeller: 400 Jahre Tradition (Quelle).

Leicht genervt entferne ich die silberne Kapsel und entkorke. So heftig wie das Wahlresultat ist auch die Keule von Flasche. Burgund läßt grüßen. Drauf steht „Staatskellerei Zürich – Gamaret, Prestige Barrique„. Die Anfänge des Zürcher Produzenten liegen im späten 19. Jahrhundert. Ursprünglich sollte der Betrieb vor allem die ansäßigen Krankenhäuser und Anstalten mit Wein versorgen. Schließlich wurde auch da mal ein Glas getrunken. – Heute beliefern die Zürcher Kellereien freilich andere Märkte. Seit 1997 gehören sie zur Mövenpick Wein AG und sind gegenwärtig einer der größten regionalen Weinproduzenten. Der Betrieb kauft und verarbeitet Trauben von rund neunzig verschiedenen Quellen im ganzen Kanton. Das Sortiment umfaßt Rot-, Weiß- und Schaumweine. Auch Likör und alkoholfreie Traubensäfte werden im idyllischen Örtchen Rheinau produziert. Entgegen der gebräuchlichen Methode Gamaret mit Garanoir, Gamay oder Pinot Noir zu einer Assemblage zu vereinen, befindet sich in dieser Flasche eine sortenreine Abfüllung. Das hat seinen Preis. Zugegeben, der Wein ist nicht billig. Schließlich verlangt gerade Gamaret nach einer guten und damit auch intensiver zu bewirtschaftenden Reblage und vor allem nach einer strengen Selektion des Traubenmaterials. Das macht den Wein teurer. Mißachtet der Winzer diese zwei Umstände ergeben sich häufig krautige, ja sogar kratzende Weine. Und die kauft keiner.

Wir sitzen inzwischen am Tisch. Das Schweinefilet lächelt uns entgegen. Es wird angestoßen: Auf den Dialog! – Daß dieser bitter nötig ist, scheinen einige noch feststellen zu müßen. Ich für meinen Teil werde ruhiger und ruhiger. Der Gamaret entfaltet seine Wirkung. Dunkel und purpurrot liegt er im Glas. Das Bouquet voller schwarzer Beeren und Schokolade. Holz rundet das olfaktorische Spektrum ab. Im Mund schmecke ich Kirschen und Pflaumen. Seine Fruchtigkeit erinnert entfernt an einen jungen Blauburgunder. Der Wein ist füllig, der Abgang stimmt versöhnlich, der Nachhall verstummt angenehm langsam. Ein schönes Stück Schweiz habe ich da im Glas. So müßte sie sein. Individuell, versöhnlich, einladend und von einer inneren Stabilität getragen. Daran erinnert man sich gerne. Der Gamaret macht’s vor. Wenn Politik nur so einfach wäre. Ich gebe 18 Punkte.

Gamaret-Prestige-Barrique_Staatskellerei-ZuerichPunkte: 18/20
Paßt zu: Fleisch, deftigen Speisen, reichhaltigen Speisen
Preis: Fr. 28.- / € 19.50

 

Den Gamaret Prestige Barrique der Staatskellerei Zürich gibt’s bei Mövenpick/Schweiz bzw. Mövenpick/Deutschland zu kaufen.


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Kurz angenippt: Cantine Settesoli – Seligo Rosso Sicilia IGT 2012

Notizen

In der Nase Kirschen, Rosmarin und Vanille. Auch etwas Leder, ferner ein Hauch Gummi. Die Farbe ist Schwarzrot, aufhellend am Rand. Am Gaumen füllt der Wein angenehm, schöne Säureintegration, fast schon süsslich. Holz, Teer, Leder, sprittige Note bei zu kalter Temperatur merklich vorhanden und etwas störend. Ebenfalls ein vegetabiles Spektrum vorhanden: Waldboden (Pilze, Moos), nasser Erdboden. Insgesamt rund, fruchtig, versöhnlich. Mittelschwerer Körper, weiche Tannine und ein angenehmer Abgang, gefolgt von einem fruchtigen Nachhall. Das Dekantieren kann man sich schenken. Der Wein passt zu Schweinefilet und vor allem Pasta sehr gut. Allerdings sollte man die Flasche austrinken und nicht im Kühlschrank über Nacht stehen lassen. Der Süditaliener ist dafür nicht geeignet. Das Preis-Leistungsverhältnis ist sehr gut. Der Seligo Rosso ist ein unkomplizierter Italiener, eine gefällige, allgemein verträgliche Cuvée aus Shyraz und Cabernet Sauvignon. Vinifiziert wird der Rote in Sizilien, und zwar vom grössten italienischen Produzenten – Cantine Settesoli. Ich gebe 14- 15 Punkte.

Settesoli Seligo Rosso

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Kurz angenippt: Domaine Josmeyer, Fleur de Lotus, 2012

Notizen

Leichter Bio-Wein aus dem Elsass. Sehr spezielle Cuvée aus Pinot Blanc, Gewürztraminer, Muscat und Riesling. Fleur de Lotus – Nomen est omen: Florale Noten, Pfeffer, Lakritze, Koriander. Im Boquet überwiegt der Gewürztraminer, dessen Süsse ist im Mund jedoch angenehm zurückhaltend. Die Säure ebenfalls. Mittlere Länge. Schöner Abgang. Unspektakulärer Wein im positiven Sinne. Guter Essensbegleiter bei würzigen, asiatischen und indischen Speisen. Ohne passende Gerichte macht der Fleur de Lotus jedoch kaum Spass. Auch als Apéro-Wein fällt er definitiv durch. Kennt man sein Einsatzgebiet, weiss er aber zu gefallen. Ich gebe 15 Punkte.

Josmeyer Fleur de Lotus

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Die alte, parfümierte: Château Giscours 2003

Kaum sind die Zwillinge im Bett, entern wir Eltern das Esszimmer. Auf den Tellern liegt Deftiges, den deftig ist auch das Elterndasein. Da braucht man Nahrhaftes. Zwischen den Zähnen und im Glas. Und nicht zuletzt auch für die Seele.

Nein, kein Geschwafel, sondern beinahe zwei Jahre Nachwuchspflege im Casa Flaschentester sprechen aus mir. Und wer könnte das besser verstehen, als unser Nachbar. Der Bordeaux-Süchtige und überaus kinderfreundliche Zeitgenosse ist gemeint. Derjenige, welcher eine Etage über uns wohnt und stoisch nächtliches Kindergeschrei und tägliche, kindliche und vor allem lautstarke Begeisterungsstürme über sich ergehen lässt. Und was hat er uns untern Baum gelegt? – Ein Stück Margaux. Der Gute weiss eben, was schmeckt.

Der Baum ist weg, die Flasche auch. Flaschentester schreibt heute aus der Erinnerung. Und die ist noch ziemlich präsent. Wir schreiben den 24. Dezember, 2013. Im Kühlschrank warten zwei Weisse. Auf dem Esstisch steht schon einer von Bründlmayer. Daneben eine fette, ältere Dame aus dem Bordelais. Sie hat bereits Staub angesetzt. Immerhin lag sie die letzten zehn Jahre in einem Naturkeller. Zwei Stunden vor dem Essen wird sie geöffnet. Das Entkorken entpuppt sich allerdings als Sisyphos-Arbeit. Der Korken bricht. Vorsichtig drehe ich die Spindel in das übrig gebliebene Stück. Und voilà, der Drahtseilakt gelingt. Ohne Gebrösel, oder gar den Restkorken in die Flasche stossen zu müssen, gewinne ich den Kampf gegen die alternde Lady und ihren Verschluss. Touché!

OldLadies

Vier Assoziationen zum Giscours: Liz Taylor, Joan Collins, Sophia Loren und Zsa Zsa Gabor.

Aber was liegt auf dem Teller? Komm‘ doch endlich mal zur Sache! – Ja, ja schon gut. Auf dem Tisch wartet der Hauptgang: Kartoffelauflauf, Karotten sowie Filet vom Rind an hausgemachter Kräuterbutter. Baam! Das haut rein. So muss man Bordeaux begleiten. Ich schenke ein. Schöne, dunkle Farbe, Purpurrot, schwarzer Kern, kaum ein Durchblicken möglich. Die Nase einladend, schwer, Cassis, florale Noten, Leder, Teer, etwas Holz, auch Sprit, Schokolade, Tabak und auch etwas des von einigen als Fehlnote verpönten Stallgeruchs schwingen sich zur Nase empor. Im Mund: Fett, voll, schwer, ausgewogen. Die Tannine sind dennoch vorhanden, da schlummert noch einiges an Potenzial. Weiter: Tolle Säure, viel Extraktsüsse, endloser Abgang, schmelziger Nachhall, dunkle Beeren und Würze sind friedlich vereint.

Der Giscours hat einige Gemeinsamkeiten mit den oben assoziierten Show-Grössen:

Alter

Die vier Diven bringen es zusammen auf stolze 337 Jahre. Immer noch weniger als Giscours. Eine erste Erwähnung des Châteaus reicht bis ins 14. Jahrhundert zurück.

Lebenspartner

Das Gut überstand unbeschadet mehrere Besitzerwechsel, die französische Revolution und auch andere Krisen an der Seite wechselnder Partner. Ganz im Stil von Liz Taylor, die während ihrer insgesamt acht (!) Ehen ebenfalls einige Up & Downs erlebte.

Skandale

1989 ohrfeigte Zsa Zsa einen Polizisten und landetet dafür drei Tage hinter Gittern. Acht Jahre später geriet Château Giscours in die Schlagzeilen, als bekannt wurde, dass in den Jahren 1995/96 vor allem der Zweitwein des französischen Traditions-Guts aufgezuckert und mit Holzchips versehen worden war. – Ein Imageschaden sondergleichen. Hat’s den beiden geschadet? Ja, kurze Zeit. Tot zu kriegen waren sie deswegen trotzdem nicht.

Klasse

Die Hollywood-Grössen haben und hatten trotz aller Eskapaden und Skandälchen unbestritten Klasse. Giscours wurde 1855 klassiert. Als 3e Cru classé. Auch in durchschnittlichen Jahren, wie dem hier verkosteten 03er, ist der Wein auf einem mehr als überzeugenden Level. Ein Zeichen seiner Grösse.

Meine Fresse, der Wein ist so was von ausladend, ja ausschweifend. Die rüstige Dame kleckert nicht, sie klotzt. Sie ist endlos trinkanimierend, aber nicht klebrig und bietet einem die volle Breitseite. Wär’s ein Parfum, hätten wir Chanel Nº 5 im Glas. Irgendwie klassisch, elegant, den Raum völlig für sich einnehmend, unverkennbar und vor allem aufdringlich. Aber dennoch beliebt. So auch der Giscours. Dieser Bordeaux besticht durch seine Üppigkeit. Betörend ist der Begriff, der sich aufdrängt. Die Flasche ist im Nu leer, der Abend unvergesslich. Ich gebe 18 Punkte.

Giscours2003Punkte: 18/20
Passt zu: Fleisch, deftigen Speisen, reichhaltigen Abenden
Preis: Fr. 54.- / € 75.60

Den Giscours 2003 gibt’s zum Beispiel bei Arvi/Schweiz oder bei Evinite/Deutschland.


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Kurz angenippt: Germanier, Amigne de Vétroz, 2012

Notizen

Im ersten Moment einfach nur sehr süss. Unglaublich intensiver Duft nach Honig. Erinnerungen an Met werden wach. Der Süsse trotzt glücklicherweise ausreichend Säure. Der Weisswein harmoniert am ehesten zu scharfen asiatischen oder indischen Gerichten. Er ist süffig, ermüdet aber auch den Gaumen relativ schnell. Ich bin froh, nur das Kleinflaschenformat aufgetischt zu haben. Das Preis-Leistungsverhältnis stimmt. Die Farbe, das Bouquet und der Geschmack sind tadellos, letzterer aber vor allem Geschmackssache. Meinen trifft’s nur bedingt. Der Wein ist ein typischer Degustationsschmeichler. Einmal mehr handelt es sich um einen sehr speziellen helvetischen Weisswein, für den die ideale Essenpaarung noch gefunden werden muss. Trotzdem ein Schweizer Qualitätsprodukt von Germanier: 16 Punkte.

AgnedeVétroz

Unter der Rubrik kurz angenippt findest du Weine, welche mir irgendwo über den Weg liefen, aber nicht genauer getestet werden konnten. Die Notizen sind kurz und knapp, die Punktevergaben eher als Anhaltspunkt, denn als absolutes Mass anzusehen. Die Weine werden daher auch nicht in den Charts gelistet.


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Let’s Woo! – Aufricht, Grauburgunder 2012

Jenseits des Bodensees gibt es eine umtriebige Winzerfamilie. Die Aufrichts. Der Name ist Programm. Wenigstens bei mir. Unlängst landete nämlich eine Flasche ihres 2012er Grauburgunders in meinem Domizil. Zum Glück, kann ich da nur sagen. Denn der Meersburger provozierte auf Anhieb einige Oohs und Aahs. Flaschentester wird zum Woo-Girl. Wenigstens für einen Abend lang. Warum? Lest selbst.

Jetzt mal ganz unter uns, wer hätte gedacht, dass Süddeutscher Wein was kann? Meine Kurztrips in die ufernahe germanische Landschaft waren bisher vor allem durch zwei sich wiederholende Umstände geprägt: Schlechten Spätburgunder und bis zum Rand gefüllte Rotweingläser, oder aber einfache Weisse, mit welchen man Bodenseefisch  unspektakulär aber durchaus passend runterspülen kann. Ich Ignorant, ich. – Flaschentester bittet offiziell um Absolution. Danke.

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Familienidylle am Bodensee: Drei Generationen Aufricht.

Umdenken ist angesagt. Baden-Württemberg, mein Interesse ist geweckt. Schuld daran ist die bedauerliche Schliessung der Weinhandlung zum Turm in St. Gallen. Denn wie ein Phönix aus der Asche schiesst an derselben Location schon das nächste Geschäft aus dem Boden. Eines das sich auf Spirituosen spezialisiert hat: Glen Fahrn zum Turm. Im Schaufenster stehen kurz vor Weihnachten auch einige Rotweinflaschen. Protzboliden aus Bordeaux. Doppelmagnum und Impérial lassen grüssen. Also nichts wie hinein, da muss es schliesslich auch Wein geben.

Meine Degustationspartnerin begleitet mich. Wir betreten das Lokal und lassen Whiskey und Cognac links liegen. Schnurstracks geht’s Richtung Keller. Und siehe da, etliche Weinflaschen besetzen die Regale des Gewölbes. Schön. Beeindruckend vor allem die Bordeaux-Vollversammlung. Wohl sortierte und vor allem trinkreife Flaschen zeigen sich von ihrer besten Seite. Da steckt Herzblut darin. Auch der Sauternes-Liebhaber kommt nicht zu kurz. Nach kurzem und sehr angenehmem Smalltalk mit dem Sommelier Steffen Haasl, empfiehlt uns dieser einige Flaschen der Aufrichts. Wir entscheiden uns für den 2012er Grauburgunder. Schliesslich steht abendlich Risotto auf dem Programm. Und was passt da besser? Eben.

Eine Lilie schmückt die Burgunder-Flasche, das Signet für die Spitzenlinie des Winzers. Ich schenke ein. Der Wein ist quittengelb. In der Nase Honigmelone, Grapefruit, Birne, Gräser und Stachelbeere. Im Mund erkennt man auf Anhieb einen typischen Grauburgunder. Was dann kommt ist einfach der Hammer: Ein breiter, fetter und vor allem nussiger Weisswein mit Druck. Wunderbarste Säure, langer Abgang und ein Nachhall mit diesem faszinierenden prickelnden Element. Der Wein hat Schärfe, oder hebt diejenige der Speise wenigstens aufs Wunderbarste hervor. YES! Ein Bilderbuch-Grauburgunder. Was für eine Entdeckung!

Aufrichts, ihr habt mich kalt erwischt. Euer Grauburgunder ist einfach nur fett. Von Anfang bis Ende. Mit und ohne Essen und überhaupt. Die nächsten Ferien am See sind gebucht. Ein Besuch bei euch scheint unausweichlich. Noch heute schallen Woos und Aahs im Casa Flaschentester nach. Meine Nachbarn haben sich unterdessen daran gewöhnt. Ich gebe 19 Punkte und fahre mein Lautsystem wieder auf eine angenehm zurückhaltende und vor allem leise Swissness runter.

Aufricht 2012 GBPunkte: 19/20
Passt zu: Risotto
Preis: Fr. 22.-

 

Aufrichts Grauburgunder gibt’s bei Glen Fahrn in St. Gallen. Andere Weine desselben Winzers zum Beispiel bei whiskyworld.de