Flaschentester

… schreibt über europäische Weine und verwandte Themen


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Gastbeitrag: Via al Castello, Barolo 2008

Für heute Abend haben sich einige Freunde zu Besuch angekündigt. Uns alle vereint die Liebe zur italienischen Küche. Denn die Kunst dieser Küche ist es, mit einigen wenigen Zutaten ein wunderbares Essen zu zaubern. Dazu braucht man natürlich den passenden Wein. Und da scheint kein anderer geeigneter zu sein, als ein Barolo aus dem südlichen Piemont, dem Paradies der italienischen Genüsse.

Es ist schwer in Italien Regionen nach ihrem Genussgrad zu unterscheiden. Denn die italienische Küche lebt von regionalen Produkten und der weitergegebenen Erfahrung des richtigen Einsatzes dieser. Wenn es im Piemont ein Produkt gibt, welches für diese Region steht, ist es der weiße Alba-Trüffel, eine der edelste aller Trüffelsorten. Ob im Risotto, auf einem Omelett oder zur Pasta, im Piemont gibt es zahlreiche typische Gerichte, in denen der besagte Trüffel zum Einsatz kommt. Aber ebenso ist der Landstrich reich an Weinen, die zu den Besten Italiens gehören. So zum Beispiel Barbera d’Asti, Barbaresco, Nebbiolo d’Alba oder eben Barolo.

Das Piemont (Quelle: http://www.faktorei.ch)

Das Piemont (Quelle: http://www.faktorei.ch)

Im Gegensatz zu anderen großen Rotweinen Italiens handelt es sich beim Barolo um keine Cuvée, das heißt, es werden nicht Weine aus verschiedenen Trauben verschnitten, sondern es entsteht ein sortenreiner Rotwein, gekeltert aus der Nebbiolo-Traube. Vergoren wird der Wein traditionell bis zu 24 Tage mit Schalenkontakt in großen Eichenfässern. Das sorgt für eine massive Konzentration der Aromen, allerdings auch für einen sehr hohen Tanningehalt. Das wiederum hat zur Folge, dass Barolo im Normalfall sehr lange haltbar ist und erst nach einer gewissen Flaschenreife getrunken werden kann. Denn mit der Lagerung werden die Tannine im Allgemeinen weicher. Heutzutage wird das Gärungsverfahren in den Eichenfässern oft verkürzt, damit der Wein schneller seine Trinkreife erlangt. Schliesslich möchte nicht jeder Konsument den Wein nach dem Kauf einlagern.

Eine Stunde, bevor meine Kochfreunde sich angekündigt haben, beginne ich bereits, die erste Flasche zu dekantieren. Zwar sind bei einem 08er bereits sechs Jahre ins Land gezogen, dennoch habe ich vor diesem Wein einen gewissen Respekt. Schliesslich  wird er sich uns allen gleich offenbaren. – Nachdem ich die letzten Einkäufe in die Küche gebracht habe, klingelt es an der Türe. Jetzt kann es losgehen. Da wir uns nicht zum ersten Mal treffen, sind die Aufgaben schnell verteilt. Zwiebeln und Gemüse schneiden, Fleisch würzen und anbraten. Das Einschenken bleibt mir überlassen. Und so beginnen wir, uns bereits beim Kochen mit einem Glas Wein auf den Abend einzustimmen. Und bei alledem fällt uns auf, wie gut der Barolo von Via al Castello schmeckt. Das Bouquet ist würzig-holzig, leicht fruchtig-kirschig. Der Wein ist reich an Aromen. Pfeffrig, würzig und pflaumig schmeckt er am Gaumen. Einer der Gäste erahnt gar dunkle Schokolade. Gleichzeitig ist der Barolo überaus voluminös und reich an Tanninen. Genau das Richtige in der Winterzeit und ein Traum zu Pasta an einer kräftigen Sauce. Ein weiterer Gast bemerkt, dass wir dem Wein vielleicht noch ein, zwei Jahre im Keller hätten geben können. Meiner Meinung nach ist er jetzt bereits schon sehr gut trinkbar und zu unserem Gericht absolut passend.

Am Ende des Abends sind wir uns alle einig: Es war ein gelungenes Treffen mit vorzüglichem Wein, hervorragender, selbstgemachter Pasta und guten Gesprächen mit alten Freunden. Das sollten wir auf jeden Fall wiederholen. Wir einigen uns darauf, dies nächsten Winter in die Tat umzusetzen. Alleine schon um zu testen, wie sich der Barolo bis dahin in den übrig gebliebenen Flaschen entwickeln wird, – ein Wein, der für uns zum Inbegriff des Barolos schlechthin geworden ist. Der Preis von € 12,99 bewegt sich ausserdem für einen Barolo absolut im bezahlbaren Rahmen. Wir sind zufrieden und vergeben 16 Punkte.

4311605484314Punkte: 16/20
Passt zu: Pasta mit herzhafter Sauce, Risotto, deftigen Fleischgerichten
Preis: € 12,99

 

Den 08er Barolo der Via al Castello gibt es im Weinhandel Schäpers/Deutschland und bei Edeka.

 

 

 

Über den Autor

Hans-Jürgen SchwarzerHans-Jürgen Schwarzer ist mit seinem Sinn und seiner Liebe zu gutem Wein und gutem Essen geradezu prädestiniert, darüber zu schreiben. Dies tut er auf dem Blog http://www.edelste-weine.de/. Wobei er sich selbst eher für einen Liebhaber guter Weine, denn als ultimativer Weinkenner, hält. Insgesamt kann man ihn als Freund der schönen Dinge im Leben bezeichnen. Neben seiner Liebe zu den leiblichen Genüssen, weicht er keiner Leckerei aus und hat ein besonderes Faible für alles, was die Musen den Künstlern eingeben. Hier besonders für die impressionistische Musik und die Malerei. Er ist ein großer Liebhaber des Komponisten Maurice Ravel und der Maler Vincent Van Gogh, Édouard Manet und auch einsamer Wölfe wie Max Beckmann.

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Viva la Vinolución !

Unweit von meinem Domizil entfernt liegt ein Weingeschäft. Eines, dass den Ungehorsam im Namen trägt: Die Weinrebellen. Gemäss dem Slogan Frei vom Brimborium versucht man hier, Wein unkompliziert und sympathisch unters Volk zu bringen. Endlich. Ein Konzept, dass manch junger Trinkerseele aus dem Herzen spricht. Flaschentester schwingt sich deswegen wieder mal auf sein Radl. Ein Interview-Termin steht an. Mein erster wohlgemerkt. Opfer der Attacke: El Comandante – Frank Balgar himself.

Frank, wie kamst du zum Wein?

Ursprünglich absolvierte ich eine Berufslehre als Koch. Ausserdem wuchs ich in einer Gastronomenfamilie auf. Meine Eltern haben gewirtet. Damals ist der Virus vermutlich bereits eingepflanzt worden. Später, nach der Lehre habe ich in das kaufmännische Fach gewechselt. Schliesslich gab es berufliche Veränderungen und ich habe mich entschlossen, selbst etwas auf die Beine zu stellen. Da war es naheliegend die Leidenschaft zum Beruf zu machen. Also etwas zu verkaufen, das ich selbst sexy finde. Darum Wein und Food. Ganz einfach.

Und wie entstand die Idee zu den Weinrebellen?

Bereits kurz nach der Gründung von Gostomundo, hatten wir das Gefühl, dass wir eine Plattform brauchen, welche die Leute anders anspricht und vor allem auf eine andere Zielgruppe ausgerichtet ist und auf eine andere Art als der konventionelle Weinhandel rüberkommt. Also auf eher jüngere Personen um die 30, wenn du so willst die Facebook-Generation, abzielt.

Weinrebellen

Frei von Staub und Etikette: Die Weinrebellen.

Im Moment führen wir den Betrieb zu zweit: Meine Mutter und ich. Wir haben die Gostomundo GmbH gemeinsam gegründet.  Und auch heute sind es nach wie vor wir zwei, die den Kampf bestreiten. Wir werden aber von der Familie unterstützt. Aufgrund des positiven Wachstums benötigen wir aber schon bald mehr Personal.

Irgendwie erinnert mich das Ganze ein wenig an den deutschen Blogger Manfred Klimek alias CaptainCork, nicht? Stand er Pate für die Weinrebellen?

Ich kenne den Blog. Und ja, Captain Cork war sicherlich eine Inspiration. Klimek und ich hatten bereits telefonisch Kontakt. Ich hatte auch schon seinen Wein im Sortiment, den Kappa Rosso, für welchen unterdessen leider ein anderer Betrieb den Zuschlag erhalten hat, da er eine grössere Menge abnehmen kann. Das Konzept oder die Idee von Klimeks Blog gefällt mir sehr gut, auch er persönlich scheint mir eine coole Sau zu sein. Ich habe erst kürzlich sein Buch gekauft, auch dieses ist sehr ansprechend. Insgesamt ist dies eine sehr ähnliche Art, wie auch wir die Leute ansprechen wollen. In dem Sinne ist CaptainCork eine Inspiration – ja.

Unsere überschaubare Stadt hat an die zehn Weinhandlungen, Grossverteiler nicht eingerechnet. Wieso soll ein Konsument dein Geschäft betreten und nicht bei der Konkurrenz einkaufen?

Vorweg, wir verkaufen vor allem online, also standortunabhängig. 75 Prozent des Umsatzes generieren wir also ausser Haus. Trotzdem haben wir natürlich auch Kundschaft bei uns im Geschäft, welche aber vor allem aus der näheren Umgebung, sprich St. Gallen, stammt. Die meisten kommen hierher, weil es bei uns sehr unkompliziert zu und her geht. Wir pflegen grundsätzlich einen sehr offenen Kontakt. Beinahe alle Kunden sind mit uns per du. Ich glaube auch, dass die Kunden uns und unseren Empfehlungen vertrauen. Dieses Feedback kriege ich wenigstens regelmässig von unseren Kunden. Ausserdem kennen wir inzwischen die verschiedenen Geschmäcker der einzelnen Kunden sehr gut. Alles in allem herrscht also gutes Verhältnis zwischen den Kunden und uns. Das spricht sich schnell rum.

Etwas verwirrend finde ich die unscharfe Trennung zwischen Gostomundo und den Weinrebellen. Das Sortiment überschneidet sich weitgehendst, oder? Gostomundo als Mutterschiff und die Weinrebellen zur Acquisition junger Weintrinker?

Ja, das triffts im Moment ziemlich genau. In Zukunft steht aber eine ganz klare Trennung der beiden Geschäftszweige an. Gostomundo wird den Fachhandel und die Gastronomie bedienen, die Weinrebellen werden sich ausschliesslich um Privatkundschaft kümmern.

Schaut man sich euren Online-Shop an, fallen zwei Dinge sofort ins Auge: Keine Franzosen, keine Schweizer Weine. Woran liegts?

Ehrlich, ich bin kein grosser Fan von Franzosen, vor allem nicht von Bordeaux und Burgund. Das hängt in erster Linie mit den Preisen zusammen. Zudem ist die Beschaffung in diesem Bereich eher schwierig. Da ist es einfacher, in Italien einzukaufen. Zudem gibt es schon etliche auf Franzosen spezialisierte Händler (v.a. Martel und Mövenpick, Anm. d. Red.), gerade hier in St. Gallen, die sehr stark am Markt vertreten sind. Zudem ist es ein riesengrosses Feld, um welches man das Sortiment erweitern müsste. Eventuell ergänzen wir unser Angebot – wenn überhaupt – um südfranzösische Weine, aus dem Languedoc zum Beispiel. Damit können wir auch unsere Zielgruppe besser ansprechen. Zu den Schweizer Weinen: Die Nachfrage ist einfach zu gering. Zudem wird sehr viel Schweizer Wein direkt ab Hof verkauft, oder an Messen wie der Olma. Deshalb sind diese beiden Destinationen nicht in unserem Sortiment vertreten.

Kettern

Piraterie scheint im Trend zu sein: Mosel-Winzer Philipp Kettern.

Aber Österreich ist prominent vertreten. Eine deiner Vorlieben?

Das ist vor allem aus einem Kundenbedürfnis heraus gewachsen. Kunden haben nach österreichischen Weinen gefragt. Dann haben wir die ersten beschafft, und das Sortiment stetig erweitert. Einerseits weil es spannende, qualitativ hochstehende Weine sind, andererseits natürlich auch weil sie sich dementsprechend gut verkaufen lassen.

Ihr führt auch einige Bio-Weine. Zum Beispiel die von Claus Preisinger. Wie stehst du gegenüber dieser Produktionsmethode?

Bio ist für uns kein schlagendes Verkaufsargument. In erster Linie muss ein Wein qualitativ gut sein. Auch der Preis spielt eine Rolle. Wenn der Wein auch noch ein Bio-Label trägt ist das natürlich auch OK. Ich denke die meisten kleineren Winzer arbeiten sowieso schon biodynamisch, auch wenn ihnen kein Label anhaftet. Die müssen ihrem Rebberg so oder so Sorge tragen. Abschliessend: ich lege nicht allzu grossen Wert darauf.

Eure Preise sind fair. Der teuerste Wein kostet Fr. 99.-, die meisten Flaschen sind jedoch im bezahlbaren Bereich angesiedelt und somit alltags- und budgettauglich. Ihr habt ausserdem ein sehr spezielles Konzept in Petto. Erklär doch kurz mal das „Gemeinsame Weinkaufen“!

Als kleiner Weinhändler steht man immer wieder vor dem Problem, dass man um einen vernünftigen Preis zu bekommen, den Winzern sehr grosse Mengen abnehmen muss. Auch logistisch ist das ein Problem, weil sich zum Beispiel so Transportkosten unverhältnismässig auf den Preis niederschlagen. Diese Problematik wollen wir entschärfen, in dem wir den Kunden mit ins Boot holen, ihn quasi zum Importeur machen. Er kann zu Hof-Preisen Wein einkaufen, in dem er sich am Import beteiligt. Wir kümmern uns um die Abwicklung, und erhalten eine kleinen Zuschlag. Schliesslich müssen auch wir davon leben können. Ausserdem erhalten wir so die Möglichkeit, schneller und öfter spannende Sachen zu importieren, die wir alleine nur schwierig organisieren könnten. Das „Gemeinsame Weinkaufen“ muss sich aber erst entwickeln. Seitens der Kundschaft ist Interesse aber grundsätzlich vorhanden.

Winepunk

WinePunk Marco Giovanni Zanetti.

Mit dem WinePunk, habt ihr euch passend zur Rebellion seine Weine an Board geholt. Geht’s um reines Marketing, oder könnt ihr Marco Giovanni Zanettis Weine auch qualitativ mit gutem Gewissen vertreten?

Für uns muss erstmal die Qualität stimmen. Diese steht im Vordergrund. Natürlich suchen wir auch immer wieder coole Labels, die Qualität steht aber im Vordergrund. Zum WinePunk: Ich habe ihn persönlich kennengelernt. Er ist einfach eine coole Sau. Nachdem ich seine Weine degustiert habe, musste ich sagen „wow !„, die sind wirklich gut. Ausserdem sind seine Labels einfach anders und passen zu den Weinrebellen. Deshalb ist es insgesamt echt eine geile Sache.

Ihr Habt Rieslinge des Weinguts Kettern im Programm. Philipp Ketterns Webauftritt spielt von A bis Z mit der Piratenthematik. Der Winepunk scheint dort auch Gast zu sein. Ist das die neue junge Weingeneration: Piraten, Rebellen und Punks?

Ich denke schon, dass hier ein Generationenwechseln stattfindet. Besonders in Deutschland ist das zu spüren. Da gibt es einige die diesbezüglich sehr aktiv sind. Philipp Kettern zum Beispiel ist ein Freund von Marco Giovanni Zanetti, alias dem Winepunk. So haben wir den Kontakt hergestellt. Ich war schliesslich auch bei ihm zu Besuch an der Mosel. Und: seine Weine sind wirklich gut. Das war schlussendlich auch der ausschlaggebende Grund, warum wir sie mit in unser Programm aufgenommen haben.

Kannst du euren Durchschnittskunden beschreiben?

Männlich, zwischen 30 – 40 Jahre alt.

Zum Schluss noch drei kurze Fragen: Welche Events stehen an?

Demnächst gibt es ein Whiskey-Seminar am 5. März und ein Grappa-Seminar am 9. Mai. Events im Weinbereich werden sicherlich folgen.

Gibt’s bald was Neues im Sortiment?

Auch hier gibt’s momentan vor allem Neues im Spirituosenbereich: Von einer jungen Berliner Firma namens Liquor-Company Rum aus Barbados und einen Gin aus Frankreich. Diese sind qualitativ und auch preislich sehr gut aufgestellt. Natürlich haben wir noch einige andere Dinge in der Pipeline. Erst müssen wir aber Geld einnehmen, damit wir welches ausgeben können.

Welcher ist dein momentaner Lieblingswein?

Ich versuche immer wieder verschiedene Weine zu trinken: Am liebsten jeden Tag was Neues.

Danke für das Gespräch


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Denner unstoppable – Ach du meine Fresse

Mein Gott Denner, was bist du aggressiv und unkontrolliert in letzter Zeit. Sobald ich deinen weissroten Schriftzug ausmache, manifestiert sich vor meinem geistigen Auge eine Mischung aus Discounter-Pitbull, und Rattenfänger von Hameln. Zwei Dinge, die die Welt nicht braucht.

PitbullDennerBegonnen hat es mit einer Pressemitteilung im letzten Jahr. Im Dezember 2012 registriert die Medienwelt die Übernahme des Coop-Weineinkäufers Christoph Bürki, den du dann auch baldmöglichst wieder ausspuckst. Personalwechsel werden nicht kommentiert, sagst du. Warum auch. Das nennt sich heutzutage Firmenpolitik. Flaschentesters Aufmerksamkeit ist geweckt. Je länger ich mich mit dir beschäftige, desto mehr ist kräftiges Kopfschütteln angesagt.

Du scheinst den medialen Äther recht grosszügig zu bedienen. Deine Fernsehwerbung, die mit den cinque stelle, scheint gerade der Renner zu sein. Alle wollen Gutscheine gewinnen. Alle haben Spass. – Auch ich hatte Spass, als ich für eine Bewertung deiner mittelmässigen Weine als glücklicher Gewinner einen Gutschein zugestellt bekam. Danke dafür. Leider sind die abgegebenen Kommentare und Bewertungen so inflationär, wie ich’s von Anfang an erwartet hatte. Kaum jemand bewertet deine Weine mit weniger als vier Punkten. Gleichzeitig kann ich die Öffentlichkeit beruhigen: Auch bei schlecht bewerteten Weinen, erhält man als Gewinner der wöchentlichen Verlosung einen Einkaufsgutschein per Post zugestellt. Einige Fragezeichen bleiben trotzdem: Schmecken all deine Weine ausnahmlos gut, wie etwa von Chandra Kurt im Weinseller propagiert? Haben deine Kunden Angst, sich mit treffenden Bewertungen online zu outen und einen Shitstorm auszulösen? Fehlt es Denner-Weinkonsumenten grundsätzlich an Geschmack und Qualitätsbewusstsein? Wo bleibt die eigene Meinung? Man weiss es nicht. Fest steht: Viele lechzen nach deinen Gutscheinen, welche sie dann wieder in Wein investieren, den sie online bewerten, damit ihnen ein Gutschein… ach, wechseln wird lieber das Thema.

Weinkrieg2Auch offline, zum Beispiel auf Papier, bist du ganz schön präsent. Deine Marketing-Offensive umfasst sogar zwei hauseigene Weinzeitungen. Ja richtig, Plural. Von deinem Weinführer ist die Rede, und von einer gehefteten, mehrseitigen Papierwerbung, welche du als Weinzeitung betitelst. Beide sind auch online, als PDF, mit allem dazugehörigen Bedienerschnickschnack abrufbar. Usability scheint von dir neuerdings online ja sowieso ganz GROSS geschrieben zu werden. Denn unterdessen findet man auf http://www.denner.ch eine komplett überarbeitete Seite mit klarer Struktur und einer benutzerfreundlicheren Navigation als noch Anno Domini Zweitausendirgendwas. Den Konsumenten freut’s. Auch ich haber darüber berichtet und war mit deinem Auftritt ziemlich zufrieden. Umso trauriger stimmt mich deshalb die Tatsache, dass du uns Weinkäuferinnen- und Käufern immer wieder mit dem selben Wein hinters Licht führst. So entdecke ich auch heute, online, beim Schreiben dieses Artikels, wieder eine Rocca Rubia-Aktion. Nicht die erste, wohlgemerkt. Der Wein des Anstosses wurde bereits mehrmals von dir zum Spottpreis angeboten, war aber in den Läden meines Wissens nie erhältlich. Ein St. Galler Weinhändler erwog deshalb sogar rechtliche Schritte gegen dich einzuleiten. Meine Fresse Denner, was soll denn das? Bitte Seinlassen, danke.

DennerDrLoosenDafür, dass du überraschenderweise den hinlänglich bekannten 2010er Pannobile von Heinrich einige Tage als Schnäppchen angeboten hast, bin ich dir hingegen sehr dankbar. Sowieso scheinst du auf dem österreichischen Auge nicht mehr ganz so blind zu sein. Das beweist du nicht nur mit der Heinrich-Aktion, sondern auch der Aufnahme eines einfachen Grünen Veltliners in dein Sortiment. Seit kurzem gibt’s bei dir von Zeit zu Zeit sogar einen Zweigelt aus der Wachau. Weiter so. Beiss dich bei den Österreichern fest. Das hat Zukunft.

Auch Deutschland schien für kurze Zeit endlich in dein Beuteschema zu passen. Ursula – Achtung Wortwitz! – Beutler, welche ja auch schon für Manor und Coop weinmässig einkaufen durfte, hat bestimmt ihre Beziehungen spielen lassen, als sie einen Dr. Loosen für dich an Land zog. Stimmt’s? Das gibt dennoch zu denken. Gerade mal Fr. 9.85 habe ich für das Erdener Treppchen bezahlt. Deine Preisgestaltung ist unglaublich aggressiv. Andere Händler verlangen zum Teil das Doppelte und werden von deiner Aktion alles andere als begesteiert sein. Gerade gestern habe ich dich besucht. Es standen immer noch einige Flaschen zum momentanen Aktionspreis von Fr. 12.30 bei dir im Laden. Aus dem Online-Shop und deiner App hast du ihn aber ganz schnell wieder entfernen lassen. Warum denn das? Hat der deutsche Onkel Doktor die ausgemachte Liefermenge etwa nicht eingehalten, oder war das einmal mehr eine deiner geschickt eingefädelten Finten, um den Kreis der Dennerkonsumenten zu vergrössern? Schliesslich durften nur gerade vier Kunden den Riesling bewerten, bevor er wieder vom Bildschirm verschwand. Ich bin ratlos.

DennerBordeaux2011Selbst bei den französischen Weinen reitest du schon seit einiger Zeit auf der inzwischen massentauglichen (Bordeaux-)Welle. Ganze elf Flaschen aus dem Bordelais stehen bei dir im Regal. Weiss, rot, süss: Keiner kostet mehr als zwanzig Franken und alle schmecken sie höchstens durchschnittlich. Hauptsache, Bordeaux steht drauf. Zwar kann man Bonnet, Partarrieu und Konsorten durchaus trinken, der Spass bleibt – zumindest bei mir – dabei jedoch aus. – Ich komme ins Grübeln. Lange Zeit fragte ich mich ernsthaft: Where have all the Grand Crus gone? Und sind wir ehrlich, die paar ernst zu nehmenden Fläschchen, welche irgendein französischer Camion die letzten zwei, drei Jahre jeweils im Herbst anlieferte, waren im Vergleich mit Pickpay-Zeiten nicht der Rede wert. Seit letzter Woche erkennt man aber wenigstens etwas Licht am roten Dennerhorizont. Endlich findet man wieder eine Auswahl an französischen Châteaux, die ihren Namen verdient. Auch deine Preise sind fair. Und ist es nicht schön zu sehen, wie sich in alter Denner-Manier, Bordeaux-Kistchen lieblos auf einer Holzpalette stappeln? So soll es sein. So mag ich dich.

WeihnachtsbaumIn Anbetracht dessen, dass in absehbarer Zeit Weihnachten vor der Tür steht, sende ich dir vier naive Wünsche zu:

1) Lass die Rocca Rubia-Aktionen sein. Erstens gibt’s den Wein nicht bei dir zu kaufen, zweitens nervt das andere Händler, drittens registrieren auch wir Konsumenten diese Bauernfängerei.

2) Erweitere dein Sortiment um deutsche Weine. Warum nicht mal ein, zwei ordentliche Rieslinge, oder einen Spätburgunder ins Programm nehmen. Meine Sympathiepunkte würden dir automatisch zufliegen. Das gilt auch für das Kabitel Bio. Gerade mal ein Bio-Wein unter 243 Positionen, also bitte. Das geht besser.

3) Meine persönliche Überdosis an Denner ist längstens erreicht. Reduzier‘ deine Werbeaktionen auf die Hälfte. Höchstens. Danke.

4) Weiter so beim Thema Bordeaux. Gerne darfst du auch Flaschen unter zwanzig Franken anbieten. Dann aber bitte ordentliche und nicht das olle Bonnet-Zeugs.


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Die Schizophrenie der Medaille

Sie nennen sich Expovina, Parker oder Falstaff. Alle verkosten sie jährlich hunderte, ja tausende von Weinen. Und jeder prämiert was das Zeug hält. Egal ob Fachzeitschrift, Blogger oder Veranstalter. Wer blickt da noch durch? Seien wir ehrlich: Kein Schwein. Und das ist auch gut so. – Warum? Weil die inflationäre Vergabe von Prämierungen dazu führt, dass man sich wieder auf das Wesentliche konzentriert – den Geschmack.

Vor nicht einmal sieben Tagen erhebt sich die Stimme der Kritik. in Form der Sendung Kassensturz, lauthals gegen diverse verkostende Institutionen, Verlage und Weinexperten. Man sorgt sich öffentlich um das Wohl des Schweizer Konsumenten. Von faulen Marketingtricks und werbetechnischen Machenschaften ist die Rede. Der Beitrag deckt auf, dass Weindegustationen vielerorts gegen entsprechendes Entgeld pro getesteter Flasche durchgeführt werden. Zum Teil von einer Person, und ohne Blinddegustation, also im Wissen um den Preis und den Hersteller bei der Verkostung. Laut recherchierenden Journalisten ein unhaltbarer Zustand.

Was soll’s? Ist das ein neuer Hut?

Nein, mitnichten. Auf der SRF-Seite weist ein aufmerksamer Zuschauer in der Kommentarfunktion des entsprechenden Artikels explizit darauf hin, dass das Thema vom selben Sender bereits vor dreizehn Jahren aufgegriffen worden sei. Ausserdem wirbt heutzutage sowieso jeder Autohersteller mit Testresultaten irgenwelcher Magazine, jedes Hotel wird online bewertet und jeder Arzt von seinen Patienten eingestuft. Wir leben in einer Welt der omnipräsenten Kritik. Die Schizophrenie dabei liegt viel mehr im Grundproblem ihrer jeweiligen Aussagekraft.

Schliesslich möchte jeder immer und überall das beste Produkt, oder die beste Dienstleistung erhalten. Das führt dazu, dass wir alle förmlich nach Urteilen von Fachpersonen lechzen. Gleichzeitig ist uns scheinbar kaum bewusst, dass diese enorme Nachfrage in der Industrie wiederum zur Manipulation des verlangten Inhalts führt. Also entweder direkt, also durch den Produzenten bzw. Anbieter selbst, oder indirekt durch solche, die von diesen bezahlt werden. Warum sollte das beim Wein anders sein?

Medaillen

Gold so weit das Auge reicht: Parker, GPDVS, Expovina und Mundus Vini.

Ein millionenschwerer Wirtschaftszweig feiert sich selbst und seine Produkte. Es geht um Marketing und um Verkaufszahlen. Der Umstand, dass Lieschen Müller bei der Flut von Weinen heutzutage immer wieder mal unschlüssig vor den Regalen steht, und deshalb primär auf drei Dinge achtet, wird umsatzsteigernd ausgenutzt. Was zählt ist die Ästhetik der Etikette, der Preis und nicht zuletzt die am Flaschenhals befestigte Karton-Medaille irgendeiner Jury. Um das zu beweisen, muss man nur einmal bei einem der Grossverteiler seinen Blick über die Regale schweifen lassen. Da tümmeln sich Auszeichnungen und Punkte, so weit das Auge reicht.

Hand auf’s Herz: Jeder von uns schaut ab und zu auf die Punktevergaben eines Robert Parkers, bevor er sich den neusten Jahrgang an Bordeaux-Weinen oder einige Riojas in den Keller legt. Schliesslich will man nur das Beste für sein Geld. Du, ich, wir alle. Auch ich verkoste und vergebe Punkte. Weil ich dafür aber weder bezahlt noch sonstwie vergütet werde, bilde ich mir ein, unabhängig zu sein. Doch wer kann das heute schon guten Gewissens von sich behaupten? Kaum einer wagt es noch, Bewertungen unterhalb der 86-Punktegrenze zu vergeben. Denn entweder werden nur hochklassige, vorselektionierte Weine verkostet, oder die testenden Personen werden von der Industrie bezahlt, was wiederum unvermeidlich hohe Punktzahlen und eine Medaillenflut zur Folge hat. Gerechtfertig oder nicht, das nennt sich freie Marktwirtschaft. Und wer beisst schon in die Hand, die einem füttert?

So oder so werden die zahlreichen Fachstimmen auch in Zukunft nicht an Daseinsberechtigung einbüssen. Leute wie Philipp Schwander oder Chandra Kurt sind unbestritten kompetent und haben eine Meinung. Eine eigene wohlgemerkt. Ihre Urteile sollten jedoch immer in den entsprechenden Kontext gestellt werden: Für welches Klientel wird getestet, was ist ihre Motivation, wie gestaltet sich der Verkostungsprozess?

Oft gilt: Findet man seinen Tester, findet man seine Weine, Punkte hin, oder her. Dass es aber auch ohne geht, beweist ein Hugh Johnson eindrücklich. Der Engländer und sein Team ordnen Weingüter qualitativ ein. Deren Weine werden aber nicht bewertet, sondern lediglich beschrieben. So sind es in seiner jährlichen erscheinenden Aussgabe Empfehlungen und keine Zahlen, die es dem Leser ermöglichen, sich selber auf die spannende Spurensuche zu begeben. Und das macht bedeutend mehr Spass, als blindlings Testsieger zusammenzukaufen.

Falls die gegenwärtige Prämierungswut anhält, werden hoffentlich bald mehr Käuferinnen und Käufer den zahlreichen Auszeichnungen weniger Beachtung schenken. Die Zeichen dafür stehen gut. Schliesslich kann man heutzutage auch teure Sportwagen Probefahren, oder das neue Tablet im Geschäft um die Ecke selbst testen. Genauso verhält es sich mit Weinen. Diese werden unterdessen beinahe täglich und kostenlos vielerorts zur Degustation angeboten. Vorbei sind die Zeiten, zu denen man als Konsument keinen Zugang zu reifen und qualitativ hochwertigen Tropfen hatte, und sich auf irgendwelche Testergebnisse oder Medaillen verlassen musste. Unter diesen Umständen hoffe ich auf eine Rückkehr zum Wesentlichen – dem Vertrauen auf den eigenen Geschmack. Das braucht zwar etwas Mut und vor allem Zeit, es lohnt sich aber allemal. Prost.


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Grand prix du vin suisse – 2013

Vor sechs Tagen fand zum vierten Mal der alljährliche Grand prix du vin suisse statt. Auch dieses Jahr wurden die besten Schweizer Produzenten von einer Fachjury in Bern ausgezeichnet.

Am Rahmenprogramm hat sich nicht viel verändert. Der Walliser Vorzeigemoderator Sven Epiney moderiert. Ausgetragen wird das Spektakel im Beisein von allerlei Cervelat-Prominenz auch dieses Jahr im Konzertsaal des Alten Casinos in Bern. Es ist eine Gala. Und was für eine. Die Eintrittspreise bewegen sich um die 160 Schweizer Franken. Vinum-Abonennten bezahlen vierzig weniger. Dafür wird einiges geboten. Die 72 Finalisten-Weine können verkosten werden. Smalltalk mit innovativen und preisgekrönten Winzern wird versprochen. Und natürlich werden die Gäste mit einem entsprechenden Viergang-Menü verwöhnt. Showeinlagen sollen den Abend kurzweiliger gestalten. Welche bekannten Persönlichkeiten dafür sorgen, bleibt nicht in Erfahrung zu bringen. Seis’s drum. Schön schweizerisch werden auch dieses Jahr die Medaillen gleichmässig auf die vier Sprachregionen des Landes verteilt.

ProVinsSieger2013

Die Winzer des Jahres 2013: Das Team um Madeleine Gay und Luc Sermier von Provins.

Im Detail: Zum Winzer des Jahres wird verdienterweise das Team Provins gekürt, welches zudem mit ihrem Grains de Malice, einer Süsswein-Cuvée aus Marsanne und Pinot Gris auch in der Sparte Weissweine mit Restzucker einen Preis abräumt. Ein schönes Beispiel dafür, dass sich Genossenschaftsarbeit lohnt. Eine Flasche Syrah und einige Weissweine der Walliser fanden leider erst kürzlich den Weg in Flaschentesters Stube.

Dieses Jahr neu ist die Sparte Prix Vinissimo für Rot- und Weissweine. Hier errangen die Tenuta Vitivinicola Roberto e Andrea Ferrari so wie Antoine und Cristophe Bétrisey jeweils den ersten Platz für ihre Weine, mit der höchsten absoluten Punktzahl. Badoux siegt beim Chasselas, der Aargauer Frick bei den Bio-Weinen. Den besten Riesling-Sylvaner vinifizierte 2012 Thomas Marugg, nicht zu verwechseln mit Daniel Marugg vom Weingut Bovel, ebenfalls aus Fläsch. Bei den weissen Assemblagen liegt die Domaine Chervet vorne, bei den Sortenreinen, der Waadtländer Humagne Rouge des Cave du Château de Glérolle. Auch beim Gamay hat natürlich ein Westschweizer Keller – der Cave du Vidomne – die Nase vorn. Die Azienda Agricola Cadenazzi macht bei den Merlots das Rennen. – Bei den Schaumweinen hat sich in der Deutschschweiz scheinbar Einiges getan. Mit dem Schaffhauser Weingut Stoll liegt überraschenderweise für einmal kein Westschweizer Produzent an der Spitze der Sprudelweinhersteller. Chapeau!

Im Überblick:

Sparte

Winzer/Genossenschaft

Siegerwein

Herkunft

Winzer des Jahres Team Provins Sion/VS
Prix Bio Weingut FIBL Fricker Gamay Reichensteiner 2010 Frick/AG
Prix Vinissimo Weissweine Antoine und Cristophe Bétrisey Petite Arvine Graine de Champion 2012 Chamoson/VS
Prix Vinissimo Rotwein Tenuta Vitivinicola Roberto e Andrea Ferrari Castanar Riserva 2007 Stabio/TI
Chasselas Henri Badoux SA Vins Petit Vignoble 2011 Aigle/VD
Müller-Thurgau Weingut Thomas Marugg Riesling-Sylvaner 2012 Fläsch/GR
Sortenreine Weissweine Antoine et Christophe Bétrisey Petite Arvine Graine de Champion 2012 St-Léonard/VS
Weisse Assemblagen Domaine Chervet Cuvée de l’Arzille 2011 Praz/FR
Rosé & Federweisse Domaine de la Grille Melrose 2012 Grandvaux/VD
Pinot Noir Weinbau Baur- Ammon Grand Cru de Pinot Noir 2009 Rafz/ZH
Gamay Cave du Vidomne Gamay de Chamoson 2012 St-Pierre-de-Clages/VS
Merlot Azienda Agricola Cadenazzi Punta Rossa 2010 Corteglia/TI
Andere sortenreine Rotweine Cave du Château de Glérolles SA Humagne Rouge Saint-Saphorin 2011 St-Saphorin/VD
Rote Assemblagen Tenuta Vitivinicola Roberto e Andrea Ferrari Castanar Riserva 2007 Stabio/TI
Weissweine, Rotweine und Rosé mit Restzucker Provins Valais Grains de Malice Maître de Chais 2010 Sion/VS
Schaumweine Weingut Stoll Schaumwein (ohne Jahrgang) Osterfingen SH


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Kurz angenippt: Silvia Imparato, Core di Montevetrano, 2011

Seit kurzem findet ihr unter der Rubrik kurz angenippt Weine, welche mir irgendwo über den Weg liefen, aber nicht genauer getestet werden konnten. Die Notizen sind kurz und knapp, die Punktevergaben eher als Anhaltspunkt, denn als absolutes Mass anzusehen. Die Weine werden daher auch nicht in den Charts gelistet.

Imparato Core


Ein Kommentar

Coop – Weinmesse Basel 2013

Es ist Herbst. Die alljährlich wiederkehrenden Messen öffnen pünktlich ihre Tore. Flaschentester und sein Team möchten dem Rummel der Schweizer Messe für Landwirtschaft und Ernährung – besser bekannt als OLMA – um jeden Preis hinter sich lassen. Flink suchen sie das Weite. Dank ausgefahrener Ellbogen erreichen sie trotz zahlreicher, in St. Gallen ankommender Besuchermassen den Zug Richtung Nordwestschweiz. Ziel: Die etwas ruhigere Coop Weinmesse im Restaurant Schützenhaus in Basel.

Coop Weinmessen

Coop’s Weinmesse: Ein Wanderzirkus durch die Schweiz.

Zwei Stunden und sechzehn Minuten später erreichen wir die Schweizer Pharma-Metropole. Ich freue mich, den TGV verlassen zu können. Nur mit etwas Glück, ergatterten wir in Zürich die letzten zwei Sitzplätze. Eng ist er, der französische Hochgeschwindigkeitszug. Da nützt auch der seitlich angebrachte Schriftzug wenig: TGV Geschwindigkeits-Weltrekord 574,8 km/h. Nun gut. Das gebuchte Hotel stimmt versöhnlich. Es liegt zentral, das Personal ist freundlich, der Preis stimmt und das Interieur wirkt, trotz der alten Bausubstanz von 1899, zeitgemäss. Wir checken ein.

Coop Weinmesse 2013 Eingang

Wo geht’s hier zu den Ritterspielen, pardon, der Weinmesse?

Um 13.30 Uhr stehen wir an der Haltestelle Centralbahnplatz. Die Sonne scheint. Trotzdem ist es eiskalt. Gefühlte fünf Grad Celsius. Neben uns stehen Fastfood-essend und Cola-schlürfend, der Kälte zum Trotz, ein paar Jugendliche. Ein Gedanke drängt sich auf: Mit leerem Magen ist nicht gut degustieren. Vor allem nicht die unglaubliche Zahl von dreihundert Weinen, welche uns in Kürze erwarten. Da kann man noch so schlürfen und ausspucken. Der durch die Mundschleimhaut absorbierte Alkohol lässt keinen noch so trainierten Degusteur nüchtern. Kurz entschlossen machen wir also Halt bei der nächsten Kebap-Bude. Einen Döner später fahren wir gestärkt und guter Dinge mit dem 3er Tram Richtung Schützenhaus. Im Eingangsbereich erwarten uns zwei Empfangsdamen: „Einladung, oder Supercard?“ Ich krame letzteres aus meinem Portemonnaie. Wer beides nicht sein Eigen nennt, zahlt faire zwanzig Franken Eintritt. Umgehend erhält man ein Hochglanzprogrammheft und ein Degustationsglas in die Hand gedrückt. Die Mäntel bleiben draussen. Wir betreten gespannt das weisse Zelt.

Alles macht einen aufgeräumten Eindruck. Dem Besucher bieten sich über zwanzig verschiedene Stände in etwas steriler Zeltatmosphäre. Jeder Tisch bietet einen geographischen bzw. thematischen Schwerpunkt. Einschenken muss man nicht selber. Das anwesende Personal ist durchwegs sympathisch, hilfsbereit und vom Fach. Sehr angenehm. Lediglich die angebotenen Brotstückchen scheinen vom Vortag zu sein. Schade. Im Raum stehen strategisch verteilt Wasserspender. Abfalleimer und Hinweisschilder zum Auffinden der Toiletten sucht man jedoch leider vergeblich.

Zum eigentlichen Highlight, den Weinen: Den Einstieg in den Degustationszirkel bilden Schweizer Weissweine, natürlich gefolgt von solchen jenseits der helvetischen Grenzen. Weiter findet man Schweizer Rotweine, Österreicher, Südfranzosen, solche aus Bordeaux und Italiener. Ab Stand Zwölf folgen erst Vertreter des diesjährigen Gastlandes Portugal, dann Spanier, Weine aus Übersee, Produkte des Gastproduzenten Domaines Barons de Rothschild, gefolgt von hier sogenannten Boutique-Weinen höherer Preisklassen, einer Auswahl an Süssweinen und zu guter letzt vor allem französischen Raritäten (Mouton Rothschild, Lafite etc.), welche jedoch nicht degustiert werden können, sondern lediglich für den direkten Verkauf gedacht sind.

Coop Weinmesse 2013 Besucher 2

Coop’s Durchschnittspublikum: Ü40, als Pärchen oder im Rudel unterwegs, massiv fachsimpelnd.

Kurz gesagt: Coop bietet dem Vinophilen die volle Breitseite. Es stehen über 300 Weine perfekt temperiert in den Startlöchern. Zu meinem Erstaunen werden jedoch überwiegend Weine angeboten, welche bei Coop-Filialen nicht erhältlich sind. So findet man geschätzte 250 Exklusiv-Angebote auf der Coop-Weinmesse. Exklusiv bedeutet nur hier erhältlich. Klingt unlogisch, ist es irgendwie auch. Vor allem bei dieser Gewichtung. Dafür gibt es ab einer Bestellung von zwölf oder mehr Flaschen zwanzig Prozent Rabatt. Na ja. Ich hätte lieber mehr Weine aus dem Coop-Sortiment gesehen. Deshalb entscheide ich mich dafür, hier ausschliesslich die in den Filialen erhältlichen zu besprechen.

Los geht’s. Stand Eins. Hier gefällt uns auf Anhieb die sehr spezielle Cuvée der Domaine la Capitaine. Diese hinterlässt beinahe so komplexe Eindrücke wie der hier bereits besprochene Johanniter. Der am selben Stand anzutreffende Zürcher Staatsschreiberwein, ebenfalls eine Cuvée, macht vor allem als Apérowein eine gute Figur. Überzeugend sind aber vor allem die Weissweine Walliser Provenienz. Allen voran die beiden Abfüllungen des Labels Maître de Chais. Da wären ein überaus fruchtiger Heida, und ein etwas weniger überzeugender, aber immer noch sehr schöner Petite Arvine der selben Genossenschaft. Mit dem Humagne Blanche Bibacchus schwenken wir einen Weisswein, der förmlich nach Raclette zu lechzen scheint. Herausragend auch der Amigne de Vétroz von J. R. Germanier. Eine Honigbombe erster Sahne. Süffig ohne Ende. Dicht, ausgewogen, füllig sind Attribute, die einstimmig genannt werden.

Auf Bitten hin, schenkt uns eine sehr freundliche Dame einen deutschen Weissburgunder, genauer eine Spätlese, ein. Sie stammt von der Badener Spitzenlage Auggener Schäf. Ein fruchtbetonter Weisswein. Ein Elsasser Riesling, sein Wachauer Pendant so wie ein Riesling Smaragd – ebenfalls aus der Wachau -, wissen zwar ebenfalls zu gefallen, sind aber leider nicht in Coop-Filialen erhältlich. Also gleich wieder vergessen. Danke.

Zu den Rotweinen: Die deutschschweizer Blauburgunder sind insgesamt nicht der Rede wert und entsprechen dem Erwarteten. Guter Durchschnitt, nicht mehr. Auch der Walliser Cornalin fällt etwas ab. Erfreulich sind hingegen der ebenfalls aus dem Wallis stammende Humagne Rouge, so wie der Tessiner Merlot Rubro Valsangiacomo.

Coop Weinmesse 2013 Besucher 3

Die Kronleuchter machen beinahe vergessen, dass man sich in einem Zelt befindet.

Bei den Österreichern schmeckt Scheiblhofer’s Cabernet Sauvignon herausragend. Johann Schwarz’s Modewein Schwarz Rot enttäuscht hingegen. Ein Zweigelt vom im Burgenland ansässigen Winzer Moser, schmeckt durchschnittlich. Der Preis entspricht mit über zwanzig Franken ebenfalls nicht dem Gebotenen. Preisingers Pannobile zaubert uns dann hingegen ein Lächeln ins Gesicht. Leider sind auch die österreichischen Weine Exklusiv-Angebote der Messe. Schade. Einmal mehr. Gerade bei den Österreichern könnte Coop sein Sortiment gerne erweitern.

Mit dem Weinglas in der einen und einem Spuckbecher in der anderen, schlendern wir nach Südfrankreich. Pardon, zum nächsten Stand. Nebenbemerkung: Nachdem ich vor kurzem bei Mövenpick einer leider nur allzu enttäuschenden Südfrankreich-Degustation beiwohnte, erwarte ich hier so gut wie nichts.

Aaah, wie kann man sich irren! Gott sei Dank. Wir verkosten vier Weine. Und so viel vorweg: Keiner enttäuscht uns! Selbst der äusserst preiswerte Corbières Grande Réserve des Châteaus Pech-Latt überzeugt auf seine minimalistische Weise. Komplexer zeigen sich der Gigondas Terra Amata, der Terre d’Argile Domainde de la Janasse und mein Favorit: Der Gigondas von E. Guigal. Ein Südfranzose mit Druck. Rund, gehaltvoll, ausgewogen und ziemlich fett. Toll! Meine Vorurteile sind wiederlegt. Degustationsnotizen folgen in diesem Blog. Versprochen.

Bei den Bordeaux überrascht uns vor allem der im Programm als Tipp deklarierte Château de Pressac. Ein 2010er aus St. Emilion. Ein Toller Bordeaux unter dreissig Franken. Und du ahnst es, natürlich ist auch dieser nicht in Coop-Filialien erhältlich. Mist. Verdammter!

Châteaux Rollan de By, Sociando-Mallet und den Chasse-Spleen gibt’s hingegen in grösseren Coops (ist das der korrekte Plural?) deiner Wahl. Der Sociando befindet sich zwar offensichtlich noch vor seiner eigentlichen Trinkreife, macht aber bereits mächtig Spass. Da verkneif‘ ich mir dann auch mal das Ausspucken. Meine Degustationspartnerin meint sowieso, sie spucke nie aus. Der Wein sei dafür viel zu schade. Tja, irgendwie kann ich ihr Argument ja nachvollziehen. Gerade bei Weinen solcher Qualität.

Zurück zum Thema: Auch der Rollan de By und vor allem der Chasse-Spleen überzeugen bereits jetzt. Fragezeichen hinterlässt vor allem der 2010er Phélan Ségur. Er scheint noch ein paar Jährchen reifen zu müssen. Dominante Tannine und ordentlich Säure machen es äusserst schwierig, abzuschätzen, wie er sich in Zukunft entwickeln wird. Parker gibt ihm 90/100, Gabriel 18/20 Punkte. Wir verlassen uns darauf.

Coop Weinmesse 2013 Werkzeug

Flaschentester’s Werkzeug: Glas, Spuckbecher, Messeplan und Kugelschreiber.

Einige Schritte entfernt liegt Stand Zehn und damit Italien. Süditalien mit seinen Primitivos und Salice Salentinos lassen wir aussen vor. Langsam geht uns nämlich ein wenig die Puste aus. Über sechzig Weine fanden schon den Weg in unsere Gläser. Da kann man die einfacheren Tischweine schon grosszügig übergehen.

Ähnlich wie die roten Südfranzosen bei Mövenpick, enttäuschten im September bei Martel/St. Gallen auch viele der degustierten italienischen Rotweine. Umso gespannter bin ich auf die Auswahl von Coop. Empfehlen kann ich den 2006er Langhe DOC Bricco Manzoni Rocche dei Manzoni. Auch einem der günstigsten, dem Naturaplan Bio Chianti kann man Einiges abgewinnen. Eine Überraschung zu dem Preis. Schön auch der Brunello di Montalcino DOCG Tenuta di Sesta so wie der Toscana IGT Lucente. Als letzten Südeuropäer verkosten wir den Amarone von Zeni. Auch dieser bietet ein sehr ordentliches Preis-Leistungsverhältnis.

Bei den portugiesischen und spanischen Weinen müssen wir leider passen. Beinahe sämtliche Flaschen sind Exklusivangebote, und somit ebenfalls ausschliesslich auf der Messe erhältlich bzw. zu bestellen. Ähnlich verhält es sich mit Weinen der Domaines Barons de Rothschild. Auch die Stände mit den Überseeweinen übergehen wir. Schliesslich hat Flaschentester Prinzipien.

Das Ende der Degustation bilden Süssweine. Ein Klassiker, der ungarische Tokaji, schmeckt wie erwartet überzeugend. Sehr erfreulich mundet uns auch der dunkelrote Recioto aus dem Valpolicella. Bestimmt eine schöne Sache. Zum Beispiel zu Beeren-Parfaits und fruchtigen Sorbets. Auch weihnachtliche Süssspeisen kommen als Essenspaarung für den italienischen Süsswein in Frage. In Mangel dessen beschränken wir uns auf trockenes Brot. Bäh! – Es gibt Besseres.

Nächste Probe: Laut Sommelier überzeugt der Muscat de Beaumes-de-Venise vor allem weibliche Messebesucherinnen. Eine Aussage, die wir einhellig nachvollziehen können. Dieser letzte von uns verkostete Tropfen ist leicht, frisch und blumig. Ein schöner Kontrast zu den doch enorm viel körperreicheren Süssweinen à la Rieussec und Konsorten an Stand 21.

So, fertig degustiert.

Etwas erschlagen erreichen wir das Hotel. Das war doch ne Menge Holz, Verzeihung, Wein für einen Tag. Ich trink‘ jetzt erstmal ein Glas Wasser und werte meine Notizen aus. Trommelwirbel und Ta-ta-ta-taaaa – hier ist Flaschentesters Zusammenstellung für Freundinnen und Freunde der Supercard:

Bezeichnung

Farbe

Jahrgang

Herkunft

Punkte

Preis

Gigondas AOC E. Guigal rot 2010 Frankreich

18-19

27.00

Ch. Chasse-Spleen Moulis en Médoc AOC rot 2010 Frankreich

18

39.90

Ch. Sociando-Mallet Haut Médoc AOC rot 2010 Frankreich

18

61.00

Tokaji Aszu 5 Puttonyos Disznokö Süsswein 2007 Ungarn

18

37.00

Ticino DOC Merlot Rubro Valsangiacomo rot 2009 Schweiz

18

39.00

Valais AOC Petite Arvine Maître de Chais weiss 2011 Schweiz

17-18

18.80

Amarone della Valpolicella DOC Vigne Alte Fratelli Zeni rot 2010 Italien

17-18

32.50

Valais AOC Amigne de Vétroz J. R. Germanier weiss 2012 Schweiz

17-18

19.00

Valais AOC Heida Maître de Chais weiss 2011 Schweiz

17

19.10

Ch. Rollan de By Médoc AOC rot 2010 Frankreich

17

29.90

Coop Naturaplan Bio Corbières AOC Grande Réserve Château Pech-Latt rot 2012 Frankreich

17

10.90

Coop Naturaplan Bio Gigondas AOC Terra Amata rot 2012 Frankreich

17

14.90

Recioto della Valpolicella DOC Classico Fratelli Zeni Süsswein 2011 Italien

17

15.50

Langhe DOC Bricco Manzoni Rocche dei Manzoni rot 2006 Italien

17

32.50

Toscana IGT Lucente rot 2010 Italien

17

31.00

Coop Naturaplan Bio Chianti Classico DOCG Concadoro rot 2011 Italien

16

12.50

Muscat de Beaumes-de-Venise AOC Fenouillet Süsswein 2012 Frankreich

16

15.90

Coop Naturaplan Bio Cuvée Noble Blanc La Côte Domaine la Capitaine weiss 2012 Schweiz

15-16

19.90

Zürich AOC Staatsschreiberwein Cuvée Blanc Prestige weiss 2012 Schweiz

15

14.50

Valais AOC Humagne Blanche Bibachhus weiss 2012 Schweiz

15

15.90

Valais AOC Cornalin Maître de Chais rot 2010 Schweiz

15

21.50

Weisser Burgunder Spätlese Winzerkeller Auggener Schäf weiss 2012 Deutschland

15

10.90