Flaschentester

… schreibt über europäische Weine und verwandte Themen


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Let’s Woo! – Aufricht, Grauburgunder 2012

Jenseits des Bodensees gibt es eine umtriebige Winzerfamilie. Die Aufrichts. Der Name ist Programm. Wenigstens bei mir. Unlängst landete nämlich eine Flasche ihres 2012er Grauburgunders in meinem Domizil. Zum Glück, kann ich da nur sagen. Denn der Meersburger provozierte auf Anhieb einige Oohs und Aahs. Flaschentester wird zum Woo-Girl. Wenigstens für einen Abend lang. Warum? Lest selbst.

Jetzt mal ganz unter uns, wer hätte gedacht, dass Süddeutscher Wein was kann? Meine Kurztrips in die ufernahe germanische Landschaft waren bisher vor allem durch zwei sich wiederholende Umstände geprägt: Schlechten Spätburgunder und bis zum Rand gefüllte Rotweingläser, oder aber einfache Weisse, mit welchen man Bodenseefisch  unspektakulär aber durchaus passend runterspülen kann. Ich Ignorant, ich. – Flaschentester bittet offiziell um Absolution. Danke.

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Familienidylle am Bodensee: Drei Generationen Aufricht.

Umdenken ist angesagt. Baden-Württemberg, mein Interesse ist geweckt. Schuld daran ist die bedauerliche Schliessung der Weinhandlung zum Turm in St. Gallen. Denn wie ein Phönix aus der Asche schiesst an derselben Location schon das nächste Geschäft aus dem Boden. Eines das sich auf Spirituosen spezialisiert hat: Glen Fahrn zum Turm. Im Schaufenster stehen kurz vor Weihnachten auch einige Rotweinflaschen. Protzboliden aus Bordeaux. Doppelmagnum und Impérial lassen grüssen. Also nichts wie hinein, da muss es schliesslich auch Wein geben.

Meine Degustationspartnerin begleitet mich. Wir betreten das Lokal und lassen Whiskey und Cognac links liegen. Schnurstracks geht’s Richtung Keller. Und siehe da, etliche Weinflaschen besetzen die Regale des Gewölbes. Schön. Beeindruckend vor allem die Bordeaux-Vollversammlung. Wohl sortierte und vor allem trinkreife Flaschen zeigen sich von ihrer besten Seite. Da steckt Herzblut darin. Auch der Sauternes-Liebhaber kommt nicht zu kurz. Nach kurzem und sehr angenehmem Smalltalk mit dem Sommelier Steffen Haasl, empfiehlt uns dieser einige Flaschen der Aufrichts. Wir entscheiden uns für den 2012er Grauburgunder. Schliesslich steht abendlich Risotto auf dem Programm. Und was passt da besser? Eben.

Eine Lilie schmückt die Burgunder-Flasche, das Signet für die Spitzenlinie des Winzers. Ich schenke ein. Der Wein ist quittengelb. In der Nase Honigmelone, Grapefruit, Birne, Gräser und Stachelbeere. Im Mund erkennt man auf Anhieb einen typischen Grauburgunder. Was dann kommt ist einfach der Hammer: Ein breiter, fetter und vor allem nussiger Weisswein mit Druck. Wunderbarste Säure, langer Abgang und ein Nachhall mit diesem faszinierenden prickelnden Element. Der Wein hat Schärfe, oder hebt diejenige der Speise wenigstens aufs Wunderbarste hervor. YES! Ein Bilderbuch-Grauburgunder. Was für eine Entdeckung!

Aufrichts, ihr habt mich kalt erwischt. Euer Grauburgunder ist einfach nur fett. Von Anfang bis Ende. Mit und ohne Essen und überhaupt. Die nächsten Ferien am See sind gebucht. Ein Besuch bei euch scheint unausweichlich. Noch heute schallen Woos und Aahs im Casa Flaschentester nach. Meine Nachbarn haben sich unterdessen daran gewöhnt. Ich gebe 19 Punkte und fahre mein Lautsystem wieder auf eine angenehm zurückhaltende und vor allem leise Swissness runter.

Aufricht 2012 GBPunkte: 19/20
Passt zu: Risotto
Preis: Fr. 22.-

 

Aufrichts Grauburgunder gibt’s bei Glen Fahrn in St. Gallen. Andere Weine desselben Winzers zum Beispiel bei whiskyworld.de


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Zanolari – Flüssige Sonne Riserva 2009

Was haben das Tirol, Tibet und die Antarktis gemeinsam? Genau, – sie wurden oder werden immer wieder mal von irgendwelchen Staaten beansprucht. Freilich mit unterschiedlichen Resultaten. Das ist bekannt. – Ähnlich erging es dem Veltlin, auch Valtellina genannt. Ein Tal, welches für Nebbiolo-Weine steht. Einer davon trägt den sinnlichen Namen Flüssige Sonne. Und der landete unlängst in Flaschentesters Glas. Zanolari sei Dank.

Ehrlich gesagt, war ich im ersten Moment etwas ratlos. Wohin gehört das Veltlin? Schweiz? Italien? Österreich? Geographie war noch nie meine Stärke. Die Zeit ist reif, ein Buch aufzuschlagen, und mir Basiswissen draufzuschaffen:

Die Geschichte des heutigen Veltlins beginnt mehr oder weniger mit der Bündner Herrschaft, welche im 16. Jahrhundert die drei Talschaften Chiavenna, Veltlin und Bormio für sich beanspruchte. Schliesslich mischten sich die Habsburger ein. Dies mit dem Resultat, dass das Veltlin zwischenzeitlich an Spanien ging, bevor die Habsburger erneut die Herrschaft über das Tal erlangten. Nach langem hin und her wurde das Gebiet schliesslich Italien zugesprochen. Denn die Schweiz war leider nicht gewillt, das Veltlin als Kanton anzuerkennen. Aus heutiger Sicht vermutlich ein Fehler, den auch viele Bündner lange bis ins 20. Jahrhundert bedauerten. Sei’s drum. Wir lassen die Geschichte Geschichte sein und kümmern uns um den Wein. Den der schmeckt auch unabhängig von irgendwelchen historischen Kamellen oder neu gezogenen Grenzen ganz hervorragend. So viel vorweg.

Valtellina

Die Flüssige Sonne wird aus Trauben von terrassierten Hängen bei Sondrio gekeltert.

Am Flaschenhals ist ein Büchlein befestigt. Wir folgen seinem Rat und lassen den Wein eine Stunde lang offen stehen. Er soll das ausgedehnte Bad im Sauerstoff geniessen. Sechzig Minuten später klingelt mein Smartphone. Die Zeit ist um, und auf dem Tisch steht pro Person ein Teller. Darauf je ein Rindsfilet an Rotweinsauce, Bratkartoffeln und Gemüse. Es ist einer dieser Abende, an denen wieder einmal alles passt. Wir setzen uns und sind gespannt, wie sich der Veltliner schlägt. Nicht etwa, dass wir viel erwarten würden. Veltliner hatten schliesslich bereits Generationen vor uns nicht den besten Ruf. Die Flüssige Sonne wird uns hoffentlich gleich eines Besseren belehren.

Schon beim Einschenken macht der Rotwein Spass. Leicht transparent, aber dennoch in einem herrlichen Granatrot, stürzt er ins Glas und bildet eine herrliche Schaumkrone. Endlich probieren wir. Und, mein Gott! Was ein toller Wein! Er besitzt Leichtigkeit, eine wunderbare Balance aus Säure, Holz und Tanninen. – Ausgebaut wurde der sortenreine Nebbiolo übrigens während zwei Jahren in kleinen, gebrauchten Barriques aus französischer Eiche. – Scheinbar hat’s was gebracht. Der Veltliner schmeckt nämlich äusserst angenehm, edel, sanft und dabei doch intensiv. Eins ist klar: Würze, und nicht Frucht definiert diesen Tropfen. Konstant schwingt nämlich eine wunderbar würzige Note mit. Unmittelbar werden Erinnerungen an Süssholz wach. Der Abgang ist raffiniert, der Nachhall ebenfalls ganz fantastisch. Auch das Entwicklungspotenzial ist nicht ohne. Zanolari spricht von einer möglichen Genussreife bis 2020. Gut zu wissen. Man kann also unbeschwert einige Flaschen in den Keller legen und warten bis sie Staub angesetzt haben. Ich für meinen Teil kann wohl kaum die Geduld dafür aufbringen. Zu gut und zu verführerisch ist sie, die Flüssige Sonne. Sie muss ins Glas. Unbedingt und bald schon wieder. Spätestens, wenn die Nächte länger und die Tage kürzer werden. Ich gebe 19/20 Punkte.

FlüssigeSonneRiserva09

Punkte: 19/20
Passt zu: Klassischer Fleischküche
Preis: Momentan Fr. 27.50 statt 33.-

Die Flüssige Sonne Riserva gibt’s bei Zanolari.


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Moleskine Wine Journal

Neben Fahrrädern, Kinderwagen und alten Möbeln haben in den letzten Jahren vor allem etliche Weinflaschen unseren kleinen Keller besiedelt. Drei Regale sind mit Flaschen bestückt. Dazu noch einige Holz – und Kartonkisten, ganz zu schweigen von einigen Einzelflaschen im Kühlschrank. Den Überblick habe ich schon lange verloren. Ich krieg‘ die Krise. Schluss mit Lustig, ein Kellerbuch muss her!

Wer kennt sie nicht, die schwarzen Büchlein mit dem berühmten Namen. Van Gogh, Picasso und Hemmingway sollen sie schon benutzt haben. Dann ist es auch gut genug für mich. Es ist sowieso nicht mein erstes. Etliche Notizbücher und Agenden der letzten Jahre tummeln sich da in irgendeiner Schreibtischschublade im Büro. Ergänzt werden sie seit heute von einer auch optisch sehr schönen Ausgabe speziell für Weine.

Es dauert ein wenig, bis ich in unseren Breitengraden ein Exemplar auftreiben kann. Nach langem Hin und Her lande ich schliesslich in der Papeterie Schiff. Obwohl das Geschäft sonst alle Papiere, Stifte und sonstigen Kram in mindestens tausend Varianten anbietet, ist die Auswahl an Kellerbüchern bescheiden. Sehr bescheiden sogar: Einzig Moleskine hat eins im Programm. Es nennt sich Moleskine Wine Journal, gehört zur Passions-Serie und ist seit 2010 erhältlich. Es erscheint ausschliesslich in englischer Sprache. Der Einband ist haptisch äusserst ansprechend. Auf der Vorderseite sind verschiedene Gläser und eine Weinflasche eingeprägt. Schön! Wie die anderen Ausgaben des Notizbuchspezialisten, ist auch das Wine Journal unglaublich übersichtlich und praktisch aufgebaut. Auf der ersten Seite findet man Moleskine-typisch ein Feld, in dem man seinen Namen samt Adresse eintragen kann. Gefolgt von einer Zeile für die Höhe der Belohnung, welche man bei Verlust dem ehrlichen Finder zukommen lassen möchte.

Klappt man das Notizbuch auf, findet man folgende Register:

  • Planning (Anlass, Datum, Notizen)
  • Glossar mit Weinbegriffen
  • Übersicht mit U.S.-amerikanischen und englischen Masseinheiten (Ounces, pints, gallons, Grad Fahrenheit usw.)
  • Sparkling
  • White
  • Rosé
  • Red
  • Fortified – Sweet
  • Spirits
  • 107 Seiten für Notizen, unterteilt
  • neun leere Seiten für Notizen
  • Index: Weine können entsprechend ihrer Seitenzahl eingetragen werden

Die Seiten der einzelnen Kategorien (Sparkling, White, Rosé etc.) sind jeweils identisch aufgebaut:

Moleskine Seite

Ich hätte mir für das Eintragen von Weinen einige Seiten mehr gewünscht. Stattdessen hat man am Ende unglaublich viel Platz für Notizen eingeräumt. Umgekehrt wäre sinnvoller. Ansonsten fehlen mir im Raster vor allem ein Feld für die Bezugsquelle und eines für die Preisentwicklung pro Jahr bzw. allgemeine Notizen. Am meisten vermisse ich aber ein dezidiertes Feld, in welches man die aktuellen Kellerbestände eintragen kann. Natürlich bietet sich das Notizfeld dafür an, anders wäre aber eleganter. Sonst ist alles vorhanden, was das vinophile Herz begehrt: Jahrgang, Traubensorten, Alkoholgehalt, Herkunft, Preis etc. etc. Der Aufbau ist klar, die Druckschrift leserlich und auch das englische Glossar zu Beginn macht wenigstens als Ideegeber Sinn. Über die Qualität der Bindung, des Drucks und des Papiers muss ich keine weiteren Worte verlieren. Sie ist, wie von Moleskine gewohnt, ausserordentlich hoch. Die Dinger halten einfach ein Leben lang. Natürlich hat das auch seinen Preis. Knapp dreissig Franken zahlt man für das Wine Journal. Trotzdem bin ich rundum zufrieden. Das Notizbuch ist praktisch und durchdacht und mein Kellerchaos ab sofort in wenigstens in Buchform ordentlich festgehalten. Ich gebe 19 Punkte.

Moleskine Wine Journal

Punkte: 19/20
Passt zu: Weinkellern mit mehr als 50 Flaschen, Chaoten, Ordnungsfanatikern, Moleskine-Fans
Preis: Fr. 28.90

  • Umfang: 240 Seiten
  • Verlag: Moleskine
  • Erschienen am: 31. März 2010
  • Sprache: Englisch
  • ISBN-10: 8862933169
  • ISBN-13: 978-8862933162
  • Größe: 13,9 x 1,8 x 21,7 cm
  • Erhältlich in der Papeterie Schiff


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Bründlmayer, Riesling Heiligenstein 2011

Eigentlich stand Fisch auf der Speisekarte. Für diesen Anlass sollte eine Flasche Riesling geköpft werden. Irgendwie kam es aber nicht dazu. – Bis ich mir eines Tages die Mühe machte, den Inhalt unseres Kühlschranks etwas genauer unter die Lupe zu nehmen. Fisch fand ich keinen, Riesling schon.

Ihren Beginn hat die kleine Weingeschichte allerdings woanders: In der Stadt-Filiale von Martel. Erst kürzlich bin ich auf dem Weg dorthin, im Begriff Wein zu kaufen. Auf meinem Wunschzettel stehen drei Dinge:

Es muss ein Weisser sein. Einer aus Österreich. Und zu Fischgerichten soll er passen. Ich formuliere mein Anliegen auch gegenüber der netten Verkäuferin. Scheinbar sogar verständlich. Sie empfiehlt mir den 2011er Riesling Heiligenstein. Ein junger Weisswein des Weinguts Bründlmayer. „Klingt gut. Und der passt wirklich zu Fisch?“ Sie nickt und meint: „Ja, sogar sehr gut.“ Ich überlege kurz und entscheide mich für eine Flasche des Österreichers. Nachdem 24 Franken den Besitzer gewechselt haben, verlasse ich das Geschäft mit einer Flasche Wein in meiner Umhängetasche. Sogar die Türe wird mir von der Verkäuferin per Knopfdruck automatisch geöffnet. Sehr zuvorkommend. Auch wenn ich heute mal ohne Kinderwagen unterwegs bin. Zu Hause angekommen, lege ich die Flasche sofort in den Kühlschrank.

Einige Wochen vergehen

Spätestens wenn sich in der Migros im Neumarkt die Kürbisse stappeln, weiss man, dass der Herbst begonnen hat. Denke ich mir so beim wöchentlichen Einkauf und lege einen Roten Knirps in den Korb.

Wieder zu Hause, beginne ich eine frische Kürbissuppe zuzubereiten. Haben wir noch einen passenden Wein? Kühlschrank auf. Unterstes Regal gecheckt. Zwei Rieslinge liegen bereit. Ein Deutscher und ein Österreicher. Ah genau, der Bründlmayer. Den hatte ich fast schon vergessen. Fisch gab’s nämlich nie in letzter Zeit. Also raus damit und auf die Flasche. Sie hat einen Drehverschluss. Ich schenke ein. Ein helles Gelb, fast schon Richtung Grünstich. Irgendwie edel schaut er aus. Der Riesling riecht unglaublich gut. Vor dem geistigen Auge erscheint ein Früchtekorb. Es riecht nach Pfirsich, Banane, Feige, Ananas, so was in der Richtung. Auf alle Fälle riecht es exotisch. Und wunderbar!

Brot, Wasser, Suppe, Wein – was will man mehr? Mir reichts völlig.

Ein erster Schluck bleibt keiner. Wow, geiler Wein! Noch ein Schluck, und noch einer. Leichter Sprudel, wunderschönes Süsse-Säurespiel, süffig ohne Ende. Mehr. Davon möchte ich mehr! Aber erst esse ich einen Löffel Kürbissuppe. Dazu einen Bissen vom Vollkornbrot. Wieder ein Schluck Riesling, nochmals Suppe, etwas Brot. Das könnte endlos so weitergehen. Passt super. Muss ich mir merken. Notiz: Riesling und Kürbis = Hammer!

Daumen hoch! Von meiner Seite gibt’s dafür 19 Punkte. Einer der leckersten Weissweine in letzter Zeit. Und ja, zu Fisch passt er sicher auch.

Punke: 19/20
Passt zu: Kürbissuppe, Fisch, Asiatischen Gerichten
Preis: Fr. 24.-/ € 17.90

Zu kaufen gibt’s den Bründlmayer bei Martel oder bei RotWeissRot

P.S. Wer meine Kürbissuppe nachkochen möchte, hier das Rezept:

Für 4 Personen:

  • Ein roter Knirps, geschält, entkernt, in kleine Stücke geschnitten
  • drei Kartoffeln, geschält, in kleine Stücke geschnitten
  • zwei kleine oder eine grosse Zwiebel, geschält, fein gehackt
  • eine Knoblauchzehe, gepresst
  • 1 EL Butter in einem hohen Topf erhitzen
  • Kürbis, Kartoffeln, Zwiebeln und Knoblauch in der Butter andünsten
  • ca. 1,2 l Gemüsebouillon, 1 dl Orangensaft und 1dl Weisswein dazugeben
  • alles 20 Minuten auf mittlerer Stufe köcheln lassen
  • Mit dem Stabmixer pürieren
  • 1/2 Tl Kurkuma, 1/2 Tl Salz, 1 Messerspitze Muskat, 1 Messerspitze Cayennepfeffer dazugeben
  • 10 Minuten weiterköcheln lassen
  • je nach Gusto nachwürzen
  • Suppe in kleinen Schüsseln anrichten und mit frischem Koriander oder Petersilie dekorieren


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Château Doisy-Védrines, 2009, 2e cru classé, Sauternes AC

In der Tat, es ist eine schwere Last, die ich zu tragen habe. Uneigennützig und heldenhaft opfere ich mich als Verkoster für den Herbst-Special zum Thema Bordeaux. Beginnen möchte ich unkonventionell: Mit einem Sauternes.

Obwohl der 2009er eigentlich noch zwei, drei Jahre liegen müsste, kommt er heute ins Glas. Beim vorliegenden Exemplar wird die Haltbarkeitsgrenze auf das Jahr 2055 datiert. Man kann den Wein also getrost in den Keller legen und einige Jährchen verstreichen lassen. Das Schöne an guten Sauternes ist, neben dem Geschmack, zweifellos ihre Langlebigkeit. Süssweine legen mit dem Alter sogar zu. Überhaupt sollte man beim Genuss eines Sauternes einen Gang runterschalten. Genau das haben wir vor. Der Dilettant und seine Begleitung haben sich heute nämlich für eine kleine Fleisch- und Käseplatte entschieden. Dazu noch einige Oliven, Trauben, Feigensenf und etwas Weissbrot. Lecker Schmecker!

Äusserst wichtig bei Süssweinen ist die richtige Temperierung. Ideal sind zehn bis zwölf Grad Celsius. Ich nehme die Flasche aus dem Kühlschrank. Ungeduldig und gespannt schenke ich ein erstes Glas ein. Ein Fehler. Viel zu süss und plump kommt er rüber, der Sauternes. Der Wein ist noch nicht kühl genug. Also flux das Eisfach geleert und die Flasche ins Eiswasser gestellt. Runterkühlen, abwarten. Zweiter Versuch – perfekt!

Der Doisy-Védrines scheint in einem dichten Quittengelb. Das Bouquet duftet herrlich nach Pfirsichen und Honig. Ein erster Nipper bringt eine dichte, aber angenehme Süsse. Irgendwie zähflüssig, dick in der Konsistenz. Die Fruchtigkeit bleibt auch im Gaumen erhalten. Ganz genial wird’s, als ich ein wenig Käse und ein Stückchen Weissbrot esse. Dazu dann einen Schluck vom Sauternes. Unglaublich, was für eine geschmackliche Intensivierung diese Kombination von Wein und Essen ergibt. Eine wahre Gaumenexplosion. Der Abgang dann klebrig, lang und breit. S e h r breit. Yihaa! Was ein Fest! Meine Degustationspartnerin meint, sie ziehe dem Doisy-Védrines einen guten Weisswein vor. Ihr sei er zu süss. Ich meine: Vorausgesetzt der Wein ist richtig temperiert, ist dieser Sauternes ein Hochgenuss. Obwohl’s nur ein Deuxième cru classé ist ;-). Aber wer gibt schon was auf Klassifizierungen?

Punke: 19/20
Passt zu: reifem Käse, Desserts
Preis: Fr. 26.- / 37.5 cl

Kaufen kann man den leckeren Sauternes hier