Flaschentester

… schreibt über europäische Weine und verwandte Themen


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Seine Exzellenz, Baron Alexander von Essen

Erst dachte ich, du seist eine fiktive Person. Ein Avatar der Weinwelt. Ein wohlklingender Name, erfunden von einer grossstädtischen Werbeagentur. Irgendwo in einem kalten, weissen Grossraumbüro, in dem stylische Werbefuzzis und nerdige Texter ihr Unwesen treiben. Aber nein, du bist tatsächlich ein Baron aus Fleisch und Blut. Wer hätte das gedacht!?

Herr von Essen ist der Gründervater der gleichnamigen Selection. Sprachlich hätte man sich ja auch für die Schreibweise Selektion entscheiden können. Englisch wird’s nämlich nicht ausgesprochen. Die pseudofranzösische Version wirkt vermutlich dann aber doch etwas edler. Und dass die Deutschen der Sprache ihrer südwestlichen Nachbarn meistens nicht mächtig sind, ist auch ein offenes Geheimnis. – Master of Wine, Philipp Schwander, macht das übrigens auch so, das mit dem Weglassen des accent aigu. Irgendwie scheint es Mode zu sein. Ich find’s doof und benutze daher die deutsche Version in diesem Beitrag.

Item. Ich mag Selektionen von Weinen. Da hat nämlich irgendwer mit Geschmack, Zeit und Geld investiert, um für mich die besten Produkte zusammenzustellen. Das mit dem Auswählen ist ja immer so eine Sache. Schliesslich muss man sich täglich durch einen dichten, unüberschaubaren Konsumenten-Dschungel kämpfen. TÄGLICH! Da finde ich den Gedanken ab und zu ganz entspannend, dass jemand für mich diese Arbeit übernommen hat. Und trotzdem bleibt meistens immer noch ein grosser Entscheidungsspielraum übrig.

Alexander himself

Die Selektion Alexander von Essen gibt’s in St. Gallen bei Manor. Zugegeben, etwas verdutzt stand ich schon da, in der Weinabteilung, vor den Regalen. Eine Selektion von Weinen aus aller Welt? Alle mit dem gleichen Labelaufdruck, von irgendeinem adligen Fuzzi? Ja, fast. So ungefähr wenigstens. Schauen wir uns das mal etwas genauer an: Alexander ist tatsächlich ein Deutscher Baron. Der Sitz seiner Firma liegt in Tegernsee am gleichnamigen Gewässer, also zwischen München und Innsbruck. Aber der Alexander selektioniert nicht nur, nein, er und sein Burgfräulein – Ingrid – sind seit 1997 Besitzer des südafrikanischen Weinguts Capaia. Nach eigener Aussage haben die zwei „…auf dem Gebiet einer ehemaligen Weizenfarm Capaia (…) sozusagen aus dem Nichts geschaffen.“ Boah, Alexander von Essen, ein Macher, ein Mann, der mit allen Wassern gewaschen ist. Ein Patron alter Schule. Ein Global Player in der Welt des Weins – denke ich mir wenigstens nach dem Besuch seiner südafrikanischen Webseite.

Von Essens südafrikanische Abfüllungen sind in der Selektion ebenso vertreten wie Weine argentinischer Provenienz. Ich frage mich einmal mehr: Warum nur muss man Weine von Südafrika oder -amerika ins beschauliche St. Gallen transportieren. Die Distanz beträgt immerhin mehrere tausend Kilometer Luftstrecke. Dabei gibt’s doch in europäischen Breitengraden hervorragende Weine. Sogar die besten der Welt! – Die Selektion selber besteht aber hauptsächlich aus europäischen Weinen. Das stimmt mich ein wenig versöhnlicher.

Des Barons Weingut: Capaia in Südafrika

Ich nehme mir nochmals einige Minuten Zeit und durchleuchte Alexanders Philosophie auf seiner Homepage. Klingt nicht schlecht, was der Herr Baron da von sich gibt:

  • er liefert nur Weine ausgesucht guter Jahrgänge
  • alle Weine der Selection sind Einzellagenweine
  • jeder Wein hat eine Eigenausstattung bei Flasche und Etikett in Anlehnung an die Geschichte und die Herkunft
  • jeder Jahrgangswechsel wird von Alexander persönlich degustiert und die Vinifizierung begleitet
  • alle Weine gibt es exklusiv nur über die Selection Alexander von Essen

Gutgläubig, wie ich bin, nehm‘ ich das für bare Münze. Schliesslich gefällt mir seine Selektion. Sie bietet nämlich so ziemlich alles, was mein Herz begehrt: Weiss-, Rot- und Schaumweine, von A wie Amarone bis R wie Rioja. Also die volle Breitseite. Zudem finden sich unter den Winzern namhafte Vertreter ihrer Zunft: Kracher aus Österreich, der deutsche Rieslingspezialist Dr. Loosen, oder die Italiener Polizano und Nardi, um nur einige zu nennen. Von Billigabfüllungen kann also nicht die Rede sein. Manor bietet leider nicht das volle Alexander-Programm, sondern verkauft quasi eine Selektion der Selection, oder wie man das auch immer nennen möchte. Etwas verwirrend finde ich auch, dass sich das Online-Angebot des Kaufhauses nicht mit dem der St. Galler Filiale deckt. – Doof, gehe ich doch in der Regel lieber Weine kaufen, nachdem ich mich online schlau gemacht habe. Trotzdem gefallen mir die im Manor erhätlichen Flaschen der Selektion vor allem aus zwei Gründen:

  • 1) der Preis stimmt; die meisten Flaschen kosten zwischen 15 und 30 Franken
  • 2) die Weine haben mich geschmacklich noch nie enttäuscht

Insgesamt ist die Selection Alexander von Essen also eine erfreuliche Sache zu einem vernünftigen Preis. Meine Empfehlung hat sie.

Zum Wohl!

Punkte für die gesamte Selektion: 16-18/20

Passt zu: für fast jedes Gericht gibt’s in der Selektion einen passenden Wein
Preisspanne:  von ca. Fr. 10.- bis 50.-

Diese zwei Flaschen kann ich euch empfehlen:

Rioja Gran Reserva Vina Imas, Fr. 19.95

Verdejo Flor del Pego DO Rueda, Fr. 9.95

 

 

 

 

 

 

 

P.S.

Lieber Alexander

Danke. Scheinbar hast du in den letzten 20 Jahren recht ordentlich selektioniert. Meinen jungen Geschmack hast du jedenfalls getroffen. Obwohl ich mich sehr gerne durch Weinhandlungen, Online-Shops und Discounter wühle, schätze ich doch deine Vorauswahl. Bin ich nämlich nach einem langen Arbeitstag zu müde, mich entscheiden zu können, greife ich von Zeit zu Zeit mehr oder weniger wahllos zu einer deiner Flaschen. Dass du gerade in Südafrika Wein produzieren musst, macht dich zwar ein wenig unsympathischer, nichtsdestotrotz schmecken mir die von dir ausgewählten Weine. Weiter so! Und grüss‘ mir die Ingrid.

Dein Flaschentester


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Buchbesprechung: 100 Dinge, die Sie schon immer über Wein wissen wollten / Beat Kölliker

Ist denn der Buchmarkt nicht schon mehr als ausreichend mit Ratgebern gesättigt? Braucht es wirklich noch ein Taschenbuch mit einem einfallslosen Titel? Beat Kölliker meint ja. Ich meine, mal sehn.

Der Titel erschien im Februar dieses Jahres im Münchner Hallwag Verlag. Dieser gehört zum übergeordneten Verlagshaus Gräfe und Unzer und ist eines der führenden deutschen Verlagshäuser auf dem Weinbuchmarkt. Zumindest was die Absätze betrifft. Die Münchner verlegen unter anderem auch die jährlich erscheinende Ausgabe des Weinführers von Johnson.

Zwar benutzt Kölliker nirgends die Begriffe, aber das Büchlein ist für Dilettanten und Einsteiger gedacht. Also für mich. Klartext wäre mir in diesem Zusammenhang sympathischer. Aber den findet man ja so gut wie nie in Klappentexten. Wie bereits angedeutet, bringt der Buchtitel mein Leserherz nicht gerade in Wallung. Das Format der Taschenbuchausgabe aber schon. Es ist ein kleines, rotes Büchlein und findet problemlos in meiner Umhängetasche, im Mantel oder auf dem überfüllten Schreibtisch zu Hause Platz. Ein Taschenbuch, das seinen Namen verdient. Sehr praktisch. Auch die Haptik des Umschlags und des Papiers gefällt mir – schön.

Als ich das Büchlein das erste Mal in der Hand halte und rasch durchblättere, fällt mir vor allem die Aufmachung, der durch Farben voneinander abgesetzten Kapitel positiv auf. Das macht die Navigation schon mal deutlich einfacher. Gut gemeint, aber unnötig ist das Glossar im Einband. Da reicht mir das Register am Ende. Stören tut’s aber nicht. Und als Lesezeichen taugt es alleweil.

Das Buch gliedert sich in 13 Kapitel. Die rund hundert Themen sind durchgehend im Stil von FAQs. Auf eine kurze Frage, folgt eine etwas längere Antwort. Ob ich wirklich alle hundert Dinge schon immer einmal wissen wollte, lasse ich jetzt einfach mal dahingestellt. Es geht unter anderem um die Lagerung von Wein, das Servieren, die Gesundheit, Weinetiketten, die Herstellung, und viele andere Themen, um nur einige zu nennen. Neues lerne ich auf jeden Fall. Zum Beispiel, dass es veganen Wein gibt, oder was ich gegen einen Kater machen kann.

Auch wenn Beat Kölliker in Zeitungsartikeln und Weinkritiken oft einen nichtssagenden und zuweilen sogar romantisch-verklärten Schreibstil* pflegt, bleibt mir dieser hier zum Glück erspart. Er konzentriert sich auf’s Wesentliche: Das Erklären von Sachverhalten und Beantworten von Fragen. Und das kann er, ohne Zweifel. Die Fragen sind klug ausgewählt. Da müsste für jeden etwas dabei sein. Jahrgangstabellen, Weinkritiken oder Empfehlungen etc. darf man nicht erwarten. Da ist man mit anderen Publikationen besser bedient.

Einige der Inhalte sind leider überflüssig bis nervend. Allen voran die sechs Tipps im letzten Kapitel, welche Kölliker sich und uns hätte ersparen können. Die Überschrift lautet da: Wie werde ich zum Weinkenner? Die Antwort darauf klingt, wie einer drittklassigen Frauenzeitschrift entnommen. Ein plumper Versuch mich in sechs Schritten für dumm zu verkaufen. Danke auch! Die Abbildung einer süssen Blondine mit einer Weinflasche in der Hand, macht das Ganze nicht besser. Auch die trivialhistorische Erklärung zum Ursprung des Weins gehört zu den Dingen, die die Welt nicht braucht.

Die Illustrationen gefallen mir hingegen sehr gut. Da hat Kristina Düllmann ganze Arbeit geleistet. Meine Lieblingstabelle findet man auf den Seiten 62/63: Weine und ihre Aromen. Sehr cool! Graphisch wünschte ich mir jedoch eine andere Setzweise. Der linksbündige Text gibt den Kapiteln eine unfertige Note. Ausserdem wird dem Format platzmässig manchmal etwas zu viel Tribut gezollt. Einige Kapitel kommen leider gar gequetscht daher. Man hätte dem Taschenbuch gerne einige zusätzliche Seiten spendieren dürfen.

Fazit: 100 Dinge, die Sie schon immer über Wein wissen wollten ist ein Taschenbuch für interessierte und lesefaule Einsteiger. Die Erklärungen sind kurz und knapp, aber für den Laien verständlich. Das Buch bietet insgesamt viele Tipps und Anregungen. Der grösste Pluspunkt ist und bleibt für mich das Taschenbuchformat. Da braucht man keine angestaubten, mehrteiligen Weinlexika oder 300seitige Johnsons vom Regal runterholen. Und auch der Laptop muss nicht extra bemüht werden. Die klare und ansprechende Gestaltung macht das Lesen angenehm. Abzüge gibt’s für die Setzweise, das zum Teil etwas zu gequetschte Layout und die überflüssigen Themen. Der Preis hingegen stimmt. Ich empfehle das Taschenbuch als kleines Weihnachtsgeschenk für gelegentliche Weintrinker oder als Klo-Lektüre. Dort findet man es wenigstens bei mir. Wie alle kurzweilige Literatur.

Cheers

Punke: 17/20
Passt als: Weihnachtsgeschenk, Begleiter bei Bahnfahrten, Parkbesuchen, und anderen sitzenden Tätigkeiten
Preis: Fr. 15.90

  • ISBN-10: 3-8338-2757-2
  • EAN: 9783833827570
  • Erscheinungstermin: 03.02.2012
  • Verlag: Gräfe & Unzer
  • Einband: Taschenbuch
  • Erhältlich im Rösslitor

*P.S. Guckst du hier


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Rocca Rubia Carignano Riserva DOC 2009

Ich versuche mir gute Weine einzuprägen, mir wenigstens ihre Namen zu merken. Allzu oft bleibt’s aber beim Versuch und die Erinnerung schmilzt dahin, wie ein Eis an der Sonne…

Zum Glück hat man Freunde. Einer hat mich vor längerer Zeit darauf aufmerksam gemacht, dass der Rocca Rubia beim Wy zum Turm zum Aktionspreis angeboten wird. Einige Zeit vergeht und ich erinnere mich wieder daran. Natürlich steht der Rocca bei Zweifel nicht mehr im Schaufenster und auch die Aktion ist längst vorbei. Trotzdem betrete ich das Geschäft, denn dieser Wein hat mir letztes Mal sehr gut geschmeckt. Ich meine, es war in der Stickerei, oder in der Foccaceria. Vielleicht auch sonst in einem der unzähligen St. Galler Restaurants, als ich ihn das erste Mal getrunken habe. Egal, Hauptsache gut war er. Also, ich steh im Laden und frage nach dem Rocca. Zuvor habe ich mich kurz in Zweifels Online-Shop schlau gemacht. Die Traubensorte, aus dem der Rocca vinifiziert wurde, nennt sich Carignano. Der Wein stammt aus Sardinien. Den Rocca gibt’s auch als kleine 37.5er Flasche. “Davon hätte ich gerne zwei”, sage ich. Die sympathische Verkäuferin muss in den Keller. Freundlich frage ich, ob ich diesen auch mal sehen dürfe. Sie ist einverstanden und ich gehe mit nach unten. Eindrücklich! Oben eine Ladenfläche, welche kaum mehr als drei Personen Platz bietet und unten dann das: Ein wunderschöner, grosszügiger Weinkeller. Feinsäuberlich sortiert, schlicht beeindruckend. Ein richtiges Schmuckstück. Sie nimmt zwei Flaschen aus dem Regal und wir gehen wieder zurück nach oben. Ich bezahle und nach kurzem Smalltalk verabschiede ich mich.

Heute ist es soweit. Es gibt Lasagne alla casalinga. Die Flasche habe ich in weiser Voraussicht schon mal eine Stunde vorher geöffnet. Ich schenke ein und muss zugeben, dass die Erwartungshaltung vor dem ersten Schluck gross ist. Schliesslich habe ich den Rocca Rubia in sehr guter Erinnerung. – Hä? Da stimmt doch was nicht. Korkgeschmack ist es nicht. Aber der Wein schmeckt verschlossen, zu, eng, macht pelzig im Mund. Meine Degustationspartnerin meint dasselbe. Liegt’s an der Temperatur, an der Flaschengrösse, an unserer Tagesform? Oder hat mir mein Gedächtnis wieder einmal einen Streich gespielt?

Mich trifft ein Geistesblitz: Dekantieren könnte was bringen. – Also, auf geht’s, wir versuchen’s! Zwei Minuten später ist der Rocca in der Karaffe. Wir lassen ihm nochmals etwas Zeit. Ich schenke erneut ein. Vorsichtig nehme ich einen Schluck. Jaaa, so schmeckt er! Unglaublich, der Unterschied zu vorher! Wirklich unglaublich!

Ich beginne sofort innerlich zusammenzufassen. Das Auge sagt: Dunkelstes Purpur, kaum ein Durchblicken möglich. Die Nase meldet: Intensivstes Zwetschgenaroma, Holz, Zimt, weitere Beeren, hoher Alkoholanteil. Im Mund dann: Schwer, satt, voll, rund, schön, erschlagend. Davon kann man keine Flasche mal eben so trinken. Wenigstens ich nicht. Dafür ist der Alkoholgehalt zu hoch. – Laut Etikett bringt der Rocca nämlich stattliche 14 Prozent auf die Waage.

Fazit

Insgesamt ist der Rocca Rubia ein unkomplizierter, geschliffener Wein, der gleich beim ersten Schluck schon mächtig Eindruck macht. Mir gefällt das. Nicht immer, aber von Zeit zu Zeit. Daher: Daumen hoch und 17 Punkte.

Zu kaufen gibt es ihn hier

Rocca Rubia Carignano Riserva DOC, 2009

Punke: 17/20
Passt zu: Fleisch (Braten, Wild), Pasta mit Fleischsauce
Preis: Fr. 23.40 / 7.5 dl bzw. Fr. 15.60 / 37.5 cl

P.S. Scheinbar gibt der Rocca Rubia bzw. Denner momentan Anlass zu Diskussionen