Flaschentester

… schreibt über europäische Weine und verwandte Themen


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Cave de la Ville de Neuchâtel – Oeil de Perdrix 2011

Der Kanton Neuchâtel, zu Deutsch Neuenburg, war noch bis vor einem Jahrhundert die Schweizer Absinth-Hochburg schlechthin. Heute erfreut sich ein anderes alkoholisches Getränk wachsender Beliebtheit: Die Rede ist vom Rebhuhn-Auge, bekannter unter dem Namen Oeil de Perdrix.

Im letzten Artikel postulierte ich bei Schweizer Weinen noch die Abkehr von der Lage oder Region, hin zum Winzer und aussagekräftigen Etiketten. Am Beispiel des hier besprochenen Oeil de Perdrix merkt man schnell, dass das kein einfaches Unterfangen ist. Besitzerin des Guts ist in diesem Fall ist nämlich keine Einzelperson, sondern die Stadt Neuenburg. Insgesamt zwölf Hektar Land gehören zu den städtischen Kellereien. Für Schweizer Verhältnisse eine stattliche Grösse. Es werden regionstypisch hauptsächlich Chasselas und Pinot Noir angebaut. Ferner auch Chardonnay und Pinot Gris. Die Produktion entsprich IP-Normen. Auch das Label AOC (Appellation d’origine contrôlée) findet man auf der Etikette. Gewonnen wird Oeil de Perdrix ausschliesslich aus Pinot Noir. – Immer. Und zwar als saignée, also einem Rotweinabzug. Obwohl der Oeil de Perdrix ursprünglich aus der Region Neuenburg stammt, ist der Titel bis heute nicht geschützt. Man findet daher auch immer mehr Schweizer Roséweine mit dieser Bezeichnung, welche aus anderen – Westschweizer – Regionen stammen. Zum Beispiel aus dem Wallis.

OeilDePerdrix

Auch wenn der Stadtadler den Korken ziert: Der Rosé nennt sich Oeil de Perdrix (dt. Rebhuhn-Auge).

Ursprünglich ist der Begriff Oeil de Perdrix eine Bezeichnung für die Farbe von Roséwein. Also einem Farbton irgendwo zwischen Orange und Granat. Und genauso zeigt sich auch die Abfüllung der Stadt Neuenburg im Glas. Manche würden es auch Lachsfarben nennen. Die Farbe erhält der Wein übrigens dadurch, dass der Saft nur kurz auf der Maische bleibt und nachher abgepresst wird. Sie gefällt mir. Auch die Flasche und das Etikett sind sehr ansprechend gestaltet (siehe unten). Der Wein selbst tendiert farblich Richtung blass, ist aber trotzdem klar. Die Viskosität ist weder wässrig noch ölig, sondern liegt irgendwo dazwischen. – Ich schenke ein. Die Nase wirkt harmonisch und gefällig. Sie ist attraktiv, bietet sie doch auf Anhieb leichte, sommerliche Fruchtaromen. Nachdem ich den Rosé ein wenig schwenke, kommt das gesamte Spektrum olfaktorisch deutlicher zur Geltung. Es riecht blumig. Rosen und Veilchen duften einem entgegen. Mit Grapefruit und Limone sind auch Zitrufrüchte vorhanden. Schön.

Die ideale Trinktempereatur wird mit 8 – 10 Grad Celsius angegeben. Schon beim ersten Schluck stellt sich sofort eine Art Sommergefühl ein. Gerne würde ich jetzt am Lac de Neuchâtel sitzen, ein Fischgericht essen und ein Glas vom Oeil de Perdrix dazu trinken, entspannt den Segelbooten zusehen und die warmen Sonnenstrahlen geniessen. – Stattdessen sitze ich im grauen St. Gallen. Auf dem Teller gemischte Blattsalate und angebratener Tofu an Sesam. Zugegeben: Auch das schmeckt recht lecker in der Kombination mit dem Wein. Aber Sommer geht anders. Auch in der Schnee verwöhnten Schweiz.

Neuenburg

Blick auf die Stadt Neuchâtel und den gleichnamigen See.

Im Mund kommen Blauburgunder-typische Aromen zum Vorschein. Erdbeere und Kirsche machen sich breit. Die Säure wirkt erfrischend, der Körper ist leicht. Auch das spricht für ein ideales Sommergetränk. Der Wein ist insgesamt relativ ausgewogen, die Säure vielleicht einen Tick zu dominant. Ausgleichend wirkt die Rosé-typische Lieblichkeit, welche auch der Neuenburger mit sich bringt. Der Abgang ist akzeptabel, überzeugt aber nicht vollends. Erstaunt stelle ich zudem fest, dass der Wein stolze dreizehn Volumenprozente auf die Waage bringt. Mein lieber Scholli! Da habe ich den Westschweizer wohl etwas unterschätzt. Mais, tant pis! Darauf kommt’s ja schlussendlich auch nicht an. Und praktisch alle Rosés liegen heute in diesem Bereich oder sogar darüber.

Fazit: Die Flasche der Neuenburger Stadtkellereien macht durchaus Spass. Er wirkt frisch, hat eine schöne Farbe und bringt Pinot Nor-typische Noten am Gaumen. Geschmacklich fehlt dennoch ein wenig die Intensität. Positiv ausgedrückt: Der Wein kann zu vielerlei sommerlichen (Vor-)Speisen gereicht werden, da er sich durch seine Leichtigkeit sofort integriert. Insgesamt wirkt er recht gut balanciert, auch die Nase gefällt. Preislich spielt er jedoch in der Rosé-Oberliga, sofern man ihn nicht direkt in Neuchâtel bezieht. Schade. Das macht auch die schönste Flasche nicht wett. Ich gebe 15 Punkte.

OeilDePerdrixPunkte: 15/20
Passt zu: Salaten mit hellem Fleisch/Tofu, leichten Vorspeisen, Apéro
Preis: Fr. 18.50 oder 14.- bei Direktbezug

Den Oeil de Perdrix kriegt man bei Martel, weitere Weine der Stadt Neuenburg auch direkt bei deren Kellereien. Mövenpick führt in den deutschen Filialen ebenfalls einen schönen Oeil de Perdrix. Allerdings einen Walliser.

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Château de Cardaillan Graves AOC 2009

2009 war ein Spitzenjahr für Bordeaux. Da sind sich alle Autoritäten einig. In solchen Jahren werden die aufgrund strengerer Selektion sowieso schon guten Weine grosser Châteaux noch besser. Am meisten profitieren aber vor allem Weine weniger bekannte Produzenten mit geringerem Renommée. Und genauso einer ist der Château de Cardaillan.

Das Weingut liegt im Gebiet Graves, süd-südöstlich der Stadt Bordeaux. Das Château de Cardaillan gehört nicht zu den klassifizierten Betrieben der Appellation. Die Weine des Châteaus sind lediglich AOC-zertifiziert. Was zwar etwas über die Güte der Produktionskette aussagt, aber nicht über die Qualität des Produkts. Aber das Thema hatten wir ja schon mal bei einem anderen Wein. Zurück zum Text: Nach einem Bordeaux-Degustationsnachmittag bei Mövenpick, bin ich auf alles vorbereitet, komme, was wolle. Kurz vor 17.30 Uhr öffne ich die Flasche und schenke ein. Wie erwartet gibt sich der Wein noch verschlossen. Ich warte. Zweieinhalb Stunden später – pünktlich zum Abendessen – ist es dann so weit: Der De Cardaillan ist trinkbereit.

Die Trinktemperatur wird von Coop mit 16 – 18 Grad Celsius, die Genussreife bis maximal 2016 angegeben. Der Franzose wird zu gleichen Teilen aus Cabernet Sauvignon und Merlot vinifiziert. Er scheint in einem wunderschönen, dunklen Rubinrot mit violetten Reflexen und schwarzem Kern. Die Nase weckt Erwartungen. Das Boquet ist enorm beerig, ansprechend mit Kräutern und Lakritze ausgestattet, und unterstreicht die Herkunft des Weines auf eine feine, seidige Art. Es riecht nach Bordeaux. Schön. Beim letzten Wein war das leider anders.

Im Mund dann ebenfalls Würze und Frucht – Thymian, Waldpilze, Cassis, Holunder, dunkle Beeren, Fass, etwas Tabak. Der Wein ist gut balanciert, der Körper für einen Bordeaux eher leicht und frisch. Jugendliche Säure ist zwar vorhanden, aber nicht weiter störend. Noch ein, zwei Jahre und auch diese wird abnehmen. Die Tannine sind samtig eingebetet. Der Abgang bringt nochmals Erinnerungen an Wald und Vegetabiles, der Nachhall beendet das Rotweinerlebnis elegant und harmonisch. Bei alledem schwebt von Anfang bis Schluss die Herkunft geschmacklich eindeutig mit. Das gefällt mir.

Wie ich in einem anderen Artikel erwähnt habe, sind Rotweine aus den Graves oft der Inbegriff des klassischen Bordeaux. Sie sind schlank, elegant, harmonisch, bieten eine frische Fruchtigkeit und können oft auch schon jung getrunken werden. All diese Attribute treffen auch auf den Château de Cardaillan zu. Einzig die jugendliche Säure könnte etwas reduzierter rüberkommen. Ansonsten handelt es sich um einen recht ordentlichen, jungen Bordeaux, der aber unbedingt eine intensive Sauerstoffwäsche benötigt, bevor man ihn geniessen kann. Auch der Preis ist fair. Ich gebe 15 Punkte.

ChâteauDeCardaillan09

 

Punkte: 15/20
Passt zu: Kalbsgeschnetzeltem mit Wildreis an Balsamico-Reduktion
Preis: Fr. 13.90

Den Château de Cardaillan 2009 gibt’s im Coop Gallusmarkt, den 2010er online. Über den 2008er gab’s unlängst einen Artikel in der NZZ.


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Donabaum Grüner Veltliner Federspiel 2011

Das Wochenende steht bevor. Die Reisevorbereitungen laufen an. Es geht für einen Kurztrip nach Österreich. Nachdem Zahnbürste, Kamera und Euro-Brieftasche sicher verstaut sind, will auch die kulinarische Grenzüberschreitung vorbereitet werden. Flux eile ich zu Martel und hole mir etwas typisch Austrianisches: Einen Grünen Veltliner.

Gemacht hat ihn Johann Donabaum. Der junge Winzer bewirtschaftet im Westen der Wachau knapp sieben Hektar Berg- und Terrassenlagen. 40’000 Flaschen verlassen jährlich seinen Betrieb. Donabaum produziert ausschliesslich Weissweine. Riesling und Grüner Veltliner werden angebaut. Regionstypisch eben. Bei Martel sind vier Weine Donabaums erhältlich. Zwei Rieslinge und zwei Grüne Veltliner. Da mir vor kurzem der etwa gleich teure Veltliner von Bründlmayer sagenhaft geschmeckt hat, entscheide ich mich heute für das preisliche Pendant aus dem Donabaum-Sortiment, den Federspiel vom spitzen Point.

Johann Donabaum

Johann Donabaum

Das Traubenmaterial stammt von 25 bis 45jährigen Reben, welche auf einem sandigen Verwitterungsboden am Fusse der Lage Setzberg gewachsen sind. Deren Ausrichtung ist südwestlich. Ob sich die Mineralität des Bodens auch auf den Weisswein überträgt?

Ich schenke ein. Es ist immer wieder schön zu sehen, wie ein Grüner Veltliner gelb-grünlich im Glas scheint. So auch beim Donabaum. Die Nase würde ich als typisch bezeichnen. Man riecht weissen Pfeffer, Zitrusnoten so wie Pfirsich. Auch im Mund geschieht nichts Überraschendes. Der Weisswein schmeckt frisch, der Körper ist von mittlerem Gewicht. Die Noten des Bouquets sind erneut überdeutlich erkennbar. Der Grüne Veltliner gehört eindeutig zu den kräftigeren Vertretern seiner Art. Das Terroir schwingt ebenfalls mit. Denn das Mineralische erweitert den Wein um schöne Geschmacksnuancen. Diese Frage wäre also beantwortet. Der Abgang ist, ebenfalls sortentypisch, pfeffrig. – Schärfe hallt nach.

Donabaums Federspiel ist ein Basismodell eines Grünen Veltliners. Er erfüllt alles, was man von einem dergestalten Weisswein erwarten kann. Darüberhinaus geht’s aber nicht. Man entdeckt weder Überraschendes, noch Neues, oder überdurchschnittlich Gelungenes. Der Federspiel aus der Wachau ist ein ordentlicher Wein, ein Traditionalist. Im selben Preissegment kriegt man von Donabaums Landsmann Bründlmayer aber definitiv mehr Spass ins Glas. Nichtsdestotrotz bin ich gespannt auf andere Flaschen seines Guts. Ich gebe 15 Punkte.

DonabaumGVFederspiel11

Punkte: 15/20
Passt zu: Süsswasserfisch, Antipasti
Preis: Fr. 15.40

Kaufen kann man Donabaums Grünen Veltliner hier


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Viña Mayor Tinto Roble Ribera del Duero D.O. 2011

Kampf dem Januarloch: Teil V – Der letzte Tropfen der Serie von Weinen unter zehn Franken ist bei Denner erhältlich. Es handelt sich um einen Spanier aus dem Ribera del Duero. Er ist jung, er ist wild, er braucht ne Menge Sauerstoff und noch mehr Fleisch um sich voll zu entfalten. Na dann: Karaffe und Pfanne angetreten und stillgestanden!

Das 20’000 Hektare umfassende Weinbaugebiet ist nach dem gleichnamigen Fluss – Duero bzw. Douro – benannt. Das mit Reben bestückte Flussdelta ist 115 Km lang. Über 8’000 Winzer produzieren hier Weine. Wie auch in anderen Regionen Spaniens wird am Duero vor allem Tempranillo angebaut. Im Ribera del Duero nennt man diese Sorte allerdings Tinta del País. Die Trauben sind hier kleiner und die Schalen dicker, als zum Beispiel im südöstlicher liegenden Rioja. Die Weine sind aufgrund des Ausgangsmaterials in der Regel also konzentrierter.

Als Essenspaarung entscheiden sich meine Degustationspartnerin und ich für ein Rosmarin-Lammfilet, begleitet von Püree von blauen Kartoffeln und in Butter geschwenkten Karotten. Klingt gut, nicht? Finden wir auch. Ich öffne den Wein etwa eine halbe Stunde vor dem Abendessen. Ungeduldig wie ich bin, schenke ich mir bereits beim Kochen einen kleinen Schluck ein. Sofort wird klar, dass man ohne zu dekantieren hier nicht weiterkommt. Auf der Etikette grinst mir schliesslich frech das Jahr 2011 entgegen. Also ab damit in die Karaffe. Im Kühlschrank darf der Rotwein zudem noch etwas runterkühlen.

Douro

Rebberge entlang des Dueros

Das Essen ist fertig, der Wein hat die richtige Temperatur und ich schenke ein. Der Viña Mayor scheint in einem strahlend frischen Purpur. Sehr schön, diese Farbe. Die Nase bringt passend dazu Kirsche, Erdbeere und konzentrierte Vanille. Der Spanier überzeugt auch im Mund durch eine runde Beerigkeit, gepaart mit einer schönen Säure. Tabak gesellt sich dazu, auch Teer und Kräuter (Salbei?) kann man erkennen. Der Körper ist von mittlerem Gewicht. Herb und trocken. Der Abgang ist durchaus schmelzig und ebenfalls von mittlerer Länge. Der Wein ist insgesamt noch etwas wild und ungestüm. Zum Lamm passt er jedoch gut. Die Kombination schmeckt überzeugend. Die jugendliche Säure des Tempranillos verträgt sich recht ordentlich mit dem rosa gebratenen Fleisch und den eher süssen Kartoffeln und Karotten.

Der Wein hat laut Denner noch sechs Jahre lang Zeit zu reifen. Und die braucht er auch. Die Tannine werden mit der Zeit sicher noch weicher und der Wein etwas gutmütiger und ausgewogener. Nichtsdestostrotz bin ich auch schon heute positiv überrascht worden. Schliesslich handelt es sich einmal mehr um einen schönen Wein unter zehn Franken. Der beinahe gleichteure Primitivo vom letzten Mal war insgesamt jedoch eine Spur überzeugender. Der Italiener war deutlich besser balanciert und gutmütiger. Der Spanier muss hingegen erstmal dekantiert werden und braucht unbedingt eine passende Essenspaarung: Sprich ein saftiges Stück Fleisch. Beachtet man diese zwei Punkte, klappt’s aber mit dem Geniessen. Ich gebe 15 Punkte. Das Januarloch ist hiermit offiziell besiegt.

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Punkte: 15/20
Passt zu: Lamm
Preis: Fr. 9.95

Kaufen kann man den Tinta del País hier


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Pinot Noir Mythopia, Valais AOC 2010*

Der Biowein-Anbieter Delinat ist nur einen Steinwurf von meinem Domizil entfernt. Trotzdem bin ich dort ein eher seltener Gast. Schade eigentlich. Werden doch beim Schreiben dieses Artikels sofort Erinnerungen an den bodenständigen El Molino, oder einige sehr schöne Weine des österreichischen Meinklang-Labels wach. – Die Zeit ist reif, mich auf’s Fahrrad zu schwingen und an der Davidstrasse 44 vorbeizuschauen. Definitiv.

Der Mythopia stammt von einer der Parzellen des gleichnamigen Weingutes. Die Reben wachsen in der Nähe von Sion, der Wein wurde von Marie-Thérèse Chappaz gekeltert. Der Bio-Weinhändler unterhält eben dort das Delinat-Institut für Ökologie und Klimafarming. Nicht schlecht, Herr Specht; aber was um Himmels Willen heisst das? Delinat erklärt’s mir online: Ziel ist es, …Forschungsversuche zu Mischkulturen, der Entwicklung von Flora und Fauna im Weinberg und der Erzeugung und Verwendung von Bio-Kohle… (Quelle) zu unterhalten. Aha! Insgesamt ist das Traubenmaterial für den vorliegenden Pinot Noir also inmitten einer Mischkultur und einer reichhaltigen Fauna gewachsen. Toll! – Ich finde den Gedanken ja irgendwie schön, dass sich da Reben, umgeben von Schmetterlingen und Obstbäumen, entfalten können. Das kann sich ja nur positiv im Endprodukt niederschlagen! Hoffe ich wenigstens.

Es wird aufgetischt! Eine Auswahl an Rohschinken und Salamivariationen; dazu etwas reifer Käse, schwarze Oliven, Brot, Wasser und natürlich der Bio-Wein. Mein Gaumen ist bereit, komme, was wolle.

Im Glas scheint er rubinrot. Die Nase erinnert erst an Blauburgunder, wie ich sie schon aus Schaffhausen oder dem St. Galler Rheintal getrunken habe. Ein zweiter Nasenschnapper offenbart dann aber schnell die Qualitäten des Mythopias: Er riecht nach Himbeere, etwas Lakritze, und ist insgesamt samtiger, fruchtiger und komplexer als die einfacherer Landweine. Auch im Mund vertritt der Pinot Noir die genannten Attribute. Er schmeckt etwas süsslich, und ist trotz einem Alkoholgehalt von 13% Volumenprozent leicht und süffig ohne Ende. Das pure Gegenteil des kürzlich verkosteten Spaniers. Säure ist zwar vorhanden, tritt jedoch ähnlich wie die Tannine elegant in den Hintergrund. Der Abgang ist angenehm und irgendwie würzig; für einen Dilettanten nicht einfach zu beschreiben. Obwohl ich den Mythopia insgesamt sehr gelungen finde, merke ich gerade, dass ich mit Schweizer Blauburgundern nicht richtig warm werde. Schwierig zu erklären warum. Vielleicht liegt’s an der Lakritze. Davon war ich schon als kleiner Junge nie sonderlich begeistert. Nichtsdestotrotz handelt es sich beim Mythopia um einen schönen Wein. Empfehlenswert ist er auf jeden Fall. Der Preis erscheint mir für das Gebotene etwas zu hoch, Bio hin oder her. Dafür gibt’s einen Punkteabzug. Dem Wein tut das aber keinen Abbruch. – Zu unserer Fleischplatte machte der Walliser – wie erwartet – eine sehr gute Figur. Dass er, wie von Delinat angegeben, auch hervorragend zu Gemüsegerichten passt, macht ihn für Vegetarier umso interessanter.

So, konnte ich die Schweizer Weinindustrie doch noch ein wenig im Kampf gegen ihre Absatzprobleme unterstützen. Die Winzer freut’s und die Schmetterlinge auch. Meinem Pfadfinder-Ehrenwort – jeden Tag eine gute Tat – bin ich jedenfalls doppelt gerecht geworden: Mein Karma ist gerettet, wenigstens für heute.

Pinot Noir Valais AOCPunkte: 15/20
Passt zu: Kalten Fleischplatten, Gemüsegerichten
Preis: Fr. 24.-

 

Der Mythopia ist hier erhältlich; von Dienstag bis Freitag allerdings immer nur zwischen 16.00 und 18.30 Uhr.

 

 

 

* Keine Ahnung warum ich eine 10er Flasche erwischt habe. Im Online-Shop von Delinat ist nämlich nur der 11er gelistet.


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Ein Cannonau für sieben Franken, geht’s eigentlich noch?

…ja es geht, und zwar sehr gut. Aber beginnen wir doch von vorn.

Sonntagabend. Wir haben Hunger. Es gibt selbstgemachte Tagliatelle alle cinque pi. Da muss einfach ein Italiener auf den Tisch. Gesagt getan. Ich bringe noch rasch den Müll raus und mache auf dem Rückweg einen kurzen Abstecher in den Keller. Was liegt denn da? Ah, ein Cannonau di Sardegna, den ich irgendwann beim Grosseinkauf aus einer Laune raus in den Einkaufswagen gelegt habe. Rotwein – check, Italien – check, Sardiniencheck, Temperatur – check, all systems available. Flasche bereit zum Start.

Auf dieser steht in goldenen Lettern Riserva. Der Wein wurde also mindestens zwei Jahre ausgebaut und gelagert. Cannonau ist übrigens eine Rebsorte. In Frankreich wird sie Grenache, in Spanien Granacha genannt. Sagt mir Wiki. Ha! Wieder was gelernt.

So, jetzt aber schnell in die Küche und auf die Flasche. Dreissig Minuten später wird eingeschenkt und daran geschnüffelt. Ich würde sagen: Kirsche, Pflaume, Cassis, riecht irgendwie fruchtig und zugleich erdig – schön. Er scheint in einem dunklen Granatrot. Ein erster Schluck bestätigt vor allem die zuvor gerochene Kirsche. Alles wirkt total balanciert. Säure, bzw. Tannine sind merklich vorhanden, aber überhaupt nicht aufdringlich. Die Mundschleimhaut wird angenehm zart berührt. Der Kenner würde von einer geringen Adstringenz sprechen. – Ich bin keiner, darum lasse ich das. – Nach dem Schlucken bleibt der Cannonau relativ lange in geschmacklicher Erinnerung – schöner Abgang. Was hat die Flasche nochmals gekostet? Ich weiss es nicht mehr. Google sagt mir: Sieben Franken Zehn.

S I E B E N  Franken und  Z E H N Rappen, Wahnsinn ! ! !

Einziger Wermutstropfen: Zu Fleisch würde er bestimmt besser passen, als zu Pasta. Aber dafür kann der Wein schliesslich nichts…

Keine Ahnung, wie man so günstig eine solche Qualität hinkriegt. Daumen hoch, die Sardinier wissen scheinbar wie’s geht. Da hole ich gleich mal die grosse Werbetrommel vom Speicher. Für dieses unglaubliche Preis-Leistungsverhältnis gibt’s nämlich 15 Punkte von mir.

Punke: 15/20
Passt zu: Fleischgerichten
Preis: Fr. 7.10

Kaufen kann man den Cannonau di Sardegna DOC Riserva Gabbia d’Oro 2009 hier


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Conti Neri Ripasso della Valpolicella Classico DOC 2010

Der aus dem Veneto stammende Ripasso Conti Neri ist einer der langjährigen Verkaufsschlager von Denner. Für mich Grund genug ihn zu kaufen, zu trinken und zu bewerten.

Ripassos sind sichere Werte. Meiner Erfahrung nach kann man mit ihnen grundsätzlich nichts falsch machen. Ich kann mich jedenfalls nicht daran erinnern, je beim Kauf oder der Bestellung eines Ripassos im Restaurant eine Enttäuschung erlebt zu haben.

Bei der Herstellung wird übrigens Wein der Rebsorten Rondinella, Corvina Veronese und Molinara noch ein zweites Mal auf dem Trester des Amarone vergoren. Daher auch die geschmackliche Verwandtschaft mit dem italienischen Schwergewicht. Mir persönlich ist Amarone ja zu einnehmend, zu süss und klebrig im Geschmack. Diese Wein gewordene Bombe gönne ich mir höchstens zu einem Stück Schokolade bzw. -Kuchen. Der etwas leichtere Ripasso ist da eine willkommene und günstigere Alternative.

Das Abendessen steht in den Startlöchern, der Conti Neri bereit. Nach dem Ziehen eines äusserst störrischen Korkens, lasse ich die Flasche noch etwas stehen, bevor ich mir ein Glas einschenke. Durch letzteres kann man übrigens kaum hindurchblicken, so dicht erscheint der Wein in einem dunklen Rubinrot. Die Nase sagt mir: Waldbeeren, Feige, Schokolade, Kakao, Röstaromen, ein Hauch von Nelken. Beim ersten Schluck macht sich der eher schwere Rotwein breit. Immerhin hat er einen Alkoholgehalt von stattlichen 13,5 Volumenprozent. Er nimmt viel Platz ein, schmeckt dabei aber ausgewogen, rund und sehr wohlwollend, gar süss im Abgang. Ich nehme sofort noch einen Schluck, so gut schmeckt er mir. Dieser Wein ist gemacht für kräftige Speisen. Er harmoniert also vor allem mit Braten, reifem Käse oder passend zur Jahreszeit, mit Wild- und Pilzgerichten. Na dann mal schnell den Kochlöffel hervorgeholt und los gehts!

Sehr schön, ein Ripasso für knapp zwölf Franken, der mir immer wieder schmeckt. Puristen greifen bestimmt zu teureren Flaschen, ich find‘ die hier schon ziemlich überzeugend. Prädikat: empfehlenswert.

Punke: 15/20
Passt zu: Fleisch mit dunkler Sauce, reifem Käse, würzigen Gerichten, Schokolade
Preis: Fr. 11.95

Zu kaufen gibt es den Ripasso hier