Flaschentester

… schreibt über europäische Weine und verwandte Themen

Die alte, parfümierte: Château Giscours 2003

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Kaum sind die Zwillinge im Bett, entern wir Eltern das Esszimmer. Auf den Tellern liegt Deftiges, den deftig ist auch das Elterndasein. Da braucht man Nahrhaftes. Zwischen den Zähnen und im Glas. Und nicht zuletzt auch für die Seele.

Nein, kein Geschwafel, sondern beinahe zwei Jahre Nachwuchspflege im Casa Flaschentester sprechen aus mir. Und wer könnte das besser verstehen, als unser Nachbar. Der Bordeaux-Süchtige und überaus kinderfreundliche Zeitgenosse ist gemeint. Derjenige, welcher eine Etage über uns wohnt und stoisch nächtliches Kindergeschrei und tägliche, kindliche und vor allem lautstarke Begeisterungsstürme über sich ergehen lässt. Und was hat er uns untern Baum gelegt? – Ein Stück Margaux. Der Gute weiss eben, was schmeckt.

Der Baum ist weg, die Flasche auch. Flaschentester schreibt heute aus der Erinnerung. Und die ist noch ziemlich präsent. Wir schreiben den 24. Dezember, 2013. Im Kühlschrank warten zwei Weisse. Auf dem Esstisch steht schon einer von Bründlmayer. Daneben eine fette, ältere Dame aus dem Bordelais. Sie hat bereits Staub angesetzt. Immerhin lag sie die letzten zehn Jahre in einem Naturkeller. Zwei Stunden vor dem Essen wird sie geöffnet. Das Entkorken entpuppt sich allerdings als Sisyphos-Arbeit. Der Korken bricht. Vorsichtig drehe ich die Spindel in das übrig gebliebene Stück. Und voilà, der Drahtseilakt gelingt. Ohne Gebrösel, oder gar den Restkorken in die Flasche stossen zu müssen, gewinne ich den Kampf gegen die alternde Lady und ihren Verschluss. Touché!

OldLadies

Vier Assoziationen zum Giscours: Liz Taylor, Joan Collins, Sophia Loren und Zsa Zsa Gabor.

Aber was liegt auf dem Teller? Komm‘ doch endlich mal zur Sache! – Ja, ja schon gut. Auf dem Tisch wartet der Hauptgang: Kartoffelauflauf, Karotten sowie Filet vom Rind an hausgemachter Kräuterbutter. Baam! Das haut rein. So muss man Bordeaux begleiten. Ich schenke ein. Schöne, dunkle Farbe, Purpurrot, schwarzer Kern, kaum ein Durchblicken möglich. Die Nase einladend, schwer, Cassis, florale Noten, Leder, Teer, etwas Holz, auch Sprit, Schokolade, Tabak und auch etwas des von einigen als Fehlnote verpönten Stallgeruchs schwingen sich zur Nase empor. Im Mund: Fett, voll, schwer, ausgewogen. Die Tannine sind dennoch vorhanden, da schlummert noch einiges an Potenzial. Weiter: Tolle Säure, viel Extraktsüsse, endloser Abgang, schmelziger Nachhall, dunkle Beeren und Würze sind friedlich vereint.

Der Giscours hat einige Gemeinsamkeiten mit den oben assoziierten Show-Grössen:

Alter

Die vier Diven bringen es zusammen auf stolze 337 Jahre. Immer noch weniger als Giscours. Eine erste Erwähnung des Châteaus reicht bis ins 14. Jahrhundert zurück.

Lebenspartner

Das Gut überstand unbeschadet mehrere Besitzerwechsel, die französische Revolution und auch andere Krisen an der Seite wechselnder Partner. Ganz im Stil von Liz Taylor, die während ihrer insgesamt acht (!) Ehen ebenfalls einige Up & Downs erlebte.

Skandale

1989 ohrfeigte Zsa Zsa einen Polizisten und landetet dafür drei Tage hinter Gittern. Acht Jahre später geriet Château Giscours in die Schlagzeilen, als bekannt wurde, dass in den Jahren 1995/96 vor allem der Zweitwein des französischen Traditions-Guts aufgezuckert und mit Holzchips versehen worden war. – Ein Imageschaden sondergleichen. Hat’s den beiden geschadet? Ja, kurze Zeit. Tot zu kriegen waren sie deswegen trotzdem nicht.

Klasse

Die Hollywood-Grössen haben und hatten trotz aller Eskapaden und Skandälchen unbestritten Klasse. Giscours wurde 1855 klassiert. Als 3e Cru classé. Auch in durchschnittlichen Jahren, wie dem hier verkosteten 03er, ist der Wein auf einem mehr als überzeugenden Level. Ein Zeichen seiner Grösse.

Meine Fresse, der Wein ist so was von ausladend, ja ausschweifend. Die rüstige Dame kleckert nicht, sie klotzt. Sie ist endlos trinkanimierend, aber nicht klebrig und bietet einem die volle Breitseite. Wär’s ein Parfum, hätten wir Chanel Nº 5 im Glas. Irgendwie klassisch, elegant, den Raum völlig für sich einnehmend, unverkennbar und vor allem aufdringlich. Aber dennoch beliebt. So auch der Giscours. Dieser Bordeaux besticht durch seine Üppigkeit. Betörend ist der Begriff, der sich aufdrängt. Die Flasche ist im Nu leer, der Abend unvergesslich. Ich gebe 18 Punkte.

Giscours2003Punkte: 18/20
Passt zu: Fleisch, deftigen Speisen, reichhaltigen Abenden
Preis: Fr. 54.- / € 75.60

Den Giscours 2003 gibt’s zum Beispiel bei Arvi/Schweiz oder bei Evinite/Deutschland.

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