Flaschentester

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Cave de la Ville de Neuchâtel – Oeil de Perdrix 2011

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Der Kanton Neuchâtel, zu Deutsch Neuenburg, war noch bis vor einem Jahrhundert die Schweizer Absinth-Hochburg schlechthin. Heute erfreut sich ein anderes alkoholisches Getränk wachsender Beliebtheit: Die Rede ist vom Rebhuhn-Auge, bekannter unter dem Namen Oeil de Perdrix.

Im letzten Artikel postulierte ich bei Schweizer Weinen noch die Abkehr von der Lage oder Region, hin zum Winzer und aussagekräftigen Etiketten. Am Beispiel des hier besprochenen Oeil de Perdrix merkt man schnell, dass das kein einfaches Unterfangen ist. Besitzerin des Guts ist in diesem Fall ist nämlich keine Einzelperson, sondern die Stadt Neuenburg. Insgesamt zwölf Hektar Land gehören zu den städtischen Kellereien. Für Schweizer Verhältnisse eine stattliche Grösse. Es werden regionstypisch hauptsächlich Chasselas und Pinot Noir angebaut. Ferner auch Chardonnay und Pinot Gris. Die Produktion entsprich IP-Normen. Auch das Label AOC (Appellation d’origine contrôlée) findet man auf der Etikette. Gewonnen wird Oeil de Perdrix ausschliesslich aus Pinot Noir. – Immer. Und zwar als saignée, also einem Rotweinabzug. Obwohl der Oeil de Perdrix ursprünglich aus der Region Neuenburg stammt, ist der Titel bis heute nicht geschützt. Man findet daher auch immer mehr Schweizer Roséweine mit dieser Bezeichnung, welche aus anderen – Westschweizer – Regionen stammen. Zum Beispiel aus dem Wallis.

OeilDePerdrix

Auch wenn der Stadtadler den Korken ziert: Der Rosé nennt sich Oeil de Perdrix (dt. Rebhuhn-Auge).

Ursprünglich ist der Begriff Oeil de Perdrix eine Bezeichnung für die Farbe von Roséwein. Also einem Farbton irgendwo zwischen Orange und Granat. Und genauso zeigt sich auch die Abfüllung der Stadt Neuenburg im Glas. Manche würden es auch Lachsfarben nennen. Die Farbe erhält der Wein übrigens dadurch, dass der Saft nur kurz auf der Maische bleibt und nachher abgepresst wird. Sie gefällt mir. Auch die Flasche und das Etikett sind sehr ansprechend gestaltet (siehe unten). Der Wein selbst tendiert farblich Richtung blass, ist aber trotzdem klar. Die Viskosität ist weder wässrig noch ölig, sondern liegt irgendwo dazwischen. – Ich schenke ein. Die Nase wirkt harmonisch und gefällig. Sie ist attraktiv, bietet sie doch auf Anhieb leichte, sommerliche Fruchtaromen. Nachdem ich den Rosé ein wenig schwenke, kommt das gesamte Spektrum olfaktorisch deutlicher zur Geltung. Es riecht blumig. Rosen und Veilchen duften einem entgegen. Mit Grapefruit und Limone sind auch Zitrufrüchte vorhanden. Schön.

Die ideale Trinktempereatur wird mit 8 – 10 Grad Celsius angegeben. Schon beim ersten Schluck stellt sich sofort eine Art Sommergefühl ein. Gerne würde ich jetzt am Lac de Neuchâtel sitzen, ein Fischgericht essen und ein Glas vom Oeil de Perdrix dazu trinken, entspannt den Segelbooten zusehen und die warmen Sonnenstrahlen geniessen. – Stattdessen sitze ich im grauen St. Gallen. Auf dem Teller gemischte Blattsalate und angebratener Tofu an Sesam. Zugegeben: Auch das schmeckt recht lecker in der Kombination mit dem Wein. Aber Sommer geht anders. Auch in der Schnee verwöhnten Schweiz.

Neuenburg

Blick auf die Stadt Neuchâtel und den gleichnamigen See.

Im Mund kommen Blauburgunder-typische Aromen zum Vorschein. Erdbeere und Kirsche machen sich breit. Die Säure wirkt erfrischend, der Körper ist leicht. Auch das spricht für ein ideales Sommergetränk. Der Wein ist insgesamt relativ ausgewogen, die Säure vielleicht einen Tick zu dominant. Ausgleichend wirkt die Rosé-typische Lieblichkeit, welche auch der Neuenburger mit sich bringt. Der Abgang ist akzeptabel, überzeugt aber nicht vollends. Erstaunt stelle ich zudem fest, dass der Wein stolze dreizehn Volumenprozente auf die Waage bringt. Mein lieber Scholli! Da habe ich den Westschweizer wohl etwas unterschätzt. Mais, tant pis! Darauf kommt’s ja schlussendlich auch nicht an. Und praktisch alle Rosés liegen heute in diesem Bereich oder sogar darüber.

Fazit: Die Flasche der Neuenburger Stadtkellereien macht durchaus Spass. Er wirkt frisch, hat eine schöne Farbe und bringt Pinot Nor-typische Noten am Gaumen. Geschmacklich fehlt dennoch ein wenig die Intensität. Positiv ausgedrückt: Der Wein kann zu vielerlei sommerlichen (Vor-)Speisen gereicht werden, da er sich durch seine Leichtigkeit sofort integriert. Insgesamt wirkt er recht gut balanciert, auch die Nase gefällt. Preislich spielt er jedoch in der Rosé-Oberliga, sofern man ihn nicht direkt in Neuchâtel bezieht. Schade. Das macht auch die schönste Flasche nicht wett. Ich gebe 15 Punkte.

OeilDePerdrixPunkte: 15/20
Passt zu: Salaten mit hellem Fleisch/Tofu, leichten Vorspeisen, Apéro
Preis: Fr. 18.50 oder 14.- bei Direktbezug

Den Oeil de Perdrix kriegt man bei Martel, weitere Weine der Stadt Neuenburg auch direkt bei deren Kellereien. Mövenpick führt in den deutschen Filialen ebenfalls einen schönen Oeil de Perdrix. Allerdings einen Walliser.

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