Flaschentester

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Ab ins Kloster: Muri-Gries – Lagrein DOC 2011

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Zwar gibt es den Weinbau nachweislich schon einige tausend Jahre länger als Klöster, trotzdem gehen viele bekannte Weinlagen direkt auf eine Klostergründung zurück. Auch heute findet man ab und an noch Flaschen, welche direkt aus einer Klosterkellerei stammen. So zum Beispiel im Südtirol. In der Hauptstadt der weitgehend autonomen Region befindet sich das Kloster Muri-Gries. Zwar lassen die dort ansässigen Geistlichen den Wein unterdessen von Fachleuten keltern, der Betrieb ist aber nach wie vor Teil der Klosteranlage und wird auch dementsprechend vermarktet.

Die Anlage besteht in ihrer Grundsubstanz seit dem Spätmittelalter. Die Augustiner Chorherren erhielten 1407 die damalige Burg vom Habsburger Herzog Leopold IV. gestiftet. Ihr ursprüngliches Kloster war aufgrund einer Überschwemmung durch den Eisack zerstört worden. In den folgenden Jahrhunderten wurde mehrfach an- und umgebaut. Mitte des 19. Jahrhunderts beschliesst der Kanton Aargau die Aufhebung aller Klöster. Die in Muri ansässigen Benediktiner sind gezwungen, sich eine neue Bleibe zu suchen. In Gries bei Bozen finden sie ein Zuhause. Mit dem Einzug der Schweizer Glaubensbrüder beginnt 1845 ein neuer Abschnitt in der Weinbaugeschichte des Klosters. Die Mönche nehmen ihre Ordensregel „ora et labora“ von nun an auch in den klösterlichen Weinbergen ernst.

Muri-Gries

Die Ländereien des Klosters sind beachtlich: Knapp 30 Hektar Weinbau, 52 Hektar Obstbau, ein Bergbauernhof in Kampidell bei Jenesien mit 145 Hektar Wiesen und Wald, so wie Viehzucht und Holzwirtschaft gehören heute zum landwirtschaftlichen Betrieb von Kloster Muri-Gries. Hinzu kommt die Klostergärtnerei mit dem gepflegten Klostergarten. Über Jahrhunderte hinweg sind die Mönche Selbstversorger, was die landwirtschaftlichen Produkte und Nahrungsmittel anbelangt. Auch der selbst gekelterte Wein deckt lange Zeit vorwiegend den eigenen Bedarf. Mit Beginn des 20. Jahrhunderts öffnet sich der Keller von Muri-Gries. Der Weinhandel mit den deutschsprachigen Nachbarn beginnt. Exportiert werden St. Magdalener und Malvasier, Lagrein, Kretzer (Rosè) und Ruländer. Heute ist Muri-Gries ein klassischer Rotwein-Betrieb mit 85% Rotweinen und 15% Weissweinen. Weit über 90% der Produktion werden als Qualitätsweine (DOC) in der 0,75-Literflasche verkauft.

Lagrein ist eine typisch autochthone Rebsorte des Südtirols. Die Reben für den Muri-Gries liegen in Bozen, 260 Meter über Meer. Es sind tiefgründige und sandige Schwemmböden mit Süd-Ausrichtung. Die Reben werden von Walter Bernard gepflegt, als Önologe zeichnet sich Christian Werth verantwortlich. – Die Weinkellereien des Klosters entsprechen so gar nicht dem romantischen Bild von alten Gemäuern und mittelalterlichen Anlagen. Im Gegenteil: Produziert wird auf aktuellem technischen Niveau. Die Temperatur-kontrollierte Vergärung erfolgt im Edelstahltank. Nach acht Tagen bei 29°C wird der Wein laut Produzent im grossen Holzfass (300 – 500l) während sechs Monaten ausgebaut.

unbenannte Fotosession-1065

Für mich ist die Verkostung eine Südtirol-Premiere. Umso mehr bin gespannt, was mich erwartet. Ohne zu dekantieren, schenke ich gleich nach dem Entkorken ein. Der Wein ist farblich unglaublich dicht. Man sieht nicht durchs Glas. Meine Nase ist angesichts der neuen Geruchserfahrung etwas verwirrt. Das Bouquet ist mässig intensiv. Was rieche ich da? Pflaumen, ja. Kakao, Nelken? Im Mund nimmt der Rotwein viel Platz ein. Der Körper ist fett. Aber so was von. Er hat ordentlich Druck. – Irgendwie treffen sich da eine schwere Süsse, von beinahe überreifen Pflaumen, und eine würzige Leichtigkeit. Man kann diese zwei Ebenen deutlich voneinander unterscheiden: Der schwere Unterbau hebt sich von einem darüber schwebenden, pikanterem Spektrum ab. Ehrlich gesagt habe ich aufgrund des Jahrgangs, Herberes, vielleicht auch mehr Säure und intensivere Tannine erwartet. Fehlanzeige. Trotz seines jugendlichen Alters bringt der Rote schon die totale Trinkfreude. Auch der Holzausbau ist nicht zu dominant geraten. Der Abgang ist dann aber erstaunlich kurz. Dafür nimmt der darauf folgende Nachhall kathedrale Ausmasse an. Auch hier zeigt der Wein – einmal mehr – eine Eigenheit. Trinken kann man ihn übrigens auch sehr gut ohne passendes Essen. Einfach so, oder mit etwas Weissbrot.

Fazit: Wenn dieser Wein Südtiroler bzw. Bozener Terroir widerspiegelt, muss ich mich diesem besonderen Flecken Erde in Zukunft etwas mehr widmen. Der Wein macht definitiv Spass. Bietet er doch reichlich Abwechslung, jenseits der ausgetrampelten Rotweinpfade. Für einen fairen Preis kriegt man neben Qualität vor allem sehr sehr viel Charakter ins Glas. Da haben die Klosterkellereien ganze Arbeit geleistet. Daumen hoch. Ich gebe 18 Punkte.

MuriGriesLagrein2011

Punkte: 18/20
Passt zu: Pasta, deftigen Fleischgerichten (Braten, Gegrilltem, Wild)
Preis: momentan Fr. 16.5o statt 18.50 / € 8.60

Der Muri-Gries Lagrein 2011 ist bei Martel und Gerardo erhältlich.

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