Flaschentester

… schreibt über europäische Weine und verwandte Themen

Direkte Vinokratie

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Das Stimmvolk des Kantons St. Gallen hat insgesamt 14 National- und Ständerate in Bern installiert. Deren politische Profile sind hinlänglich bekannt, ihre alkoholischen Präferenzen jedoch nicht. – Zeit, das zu ändern. Schiesslich will man wissen, wer einem in der Hauptstadt önologisch vertritt!

Faul, wie ich bin, schicke ich jedem der Rätinnen und Räte dieselbe E-Mail:

Sehr geehrte(r) Herr/Frau X

Ich betreibe einen Wein-Blog (www.flaschentester.com), in dessen Artikeln ich – auf die ein oder andere Art – immer wieder mal mehr oder weniger um’s Thema St. Gallen kreise. Aus diesem Grund würde ich Sie bitten, mir Ihren Lieblingswein zu nennen. Am liebsten detailliert mit Angabe des Weinguts und des Jahrgangs. Was auch immer Ihre Präferenz ist, sei’s Rot-, Weiss-, Süss- oder Schaumwein, mich interessiert’s. Trinken Sie lieber Spirituosen, Bier, oder grundsätzlich keinen Alkohol? Auch diese Information hilft mir. Das Resultat der Umfrage wird innerhalb eines kurzen Blog-Eintrags veröffentlicht werden. Auch ihre St. Galler National- und Ständeratskollegen erhalten diese E-Mail.

So oder so freue ich mich auf eine kurze Rückmeldung.

Vielen Dank für Ihre Bemühungen

Ihr Flaschentester

Da die Räte Tag für Tag bestimmt ein enormes Arbeitspensum zu bewältigen haben, lasse ich einige Zeit verstreichen. Nach rund zwei Monaten checke ich meine Mailbox und ziehe Bilanz. Stichtag ist der zweite Februar. Bis zu diesem haben gerade mal vier der 14 Politikerinnen und Politiker geantwortet. Alle anderen bleiben stimmlos. Das entspricht einer Beteiligung von 28.6 %. Ein schwaches Resultat, ich hatte mir mehr erhofft.

Gemeldet haben sich diese:

Hildegard Fässler (SP)

Hildegard Fässler (SP)

Lucrezia Meier-Schatz

Lucrezia Meier-Schatz (CVP)

Lukas Reimann

Lukas Reimann (SVP)

Markus Ritter

Markus Ritter (CVP)

Antwort bekomme ich nur von Nationalräten. Die Ständeräte melden sich erst gar nicht zu Wort. Karin Keller-Sutter lässt ihre Mailbox antworten: „Ich bin vom Montag, 26. November bis und mit Freitag, 14. Dezember 2012 in der Session der eidg. Räte und deshalb nur eingeschränkt erreichbar.“ Auch der ansonsten wortgewandte Paul Rechtsteiner schweigt. Schade, dann eben nicht.

Am schnellsten reagiert Hildegard Fässler. Sie mag Rotwein aus der Toscana oder einen Primitivo. Bei Weissweinen setzt sie auf Lokalkolorit: Die gebürtige Thurgauerin mag Riesling-Silvaner aus der Gegend.

Diplomatisch langweilig und nichtssagend gibt sich der frischgebackene Präsident des Schweizerischen Bauernverbands. Hier der Originalwortlaut: „Im Kanton St. Gallen haben wir ausgezeichnete Weine. In den vergangenen Jahren konnten wir Uns mit verschiedenen Sorten, ob weiss oder rot, in einem Spitzensegment positionieren. Wir dürfen uns auch Internationalen Vergleichen stellen. Darauf können wir sehr stolz sein.“ Ein Werbespot für die Ostschweizer Winzer. Oh mein Gott, ich schlaf gleich ein. Die Frage war nicht, wo sich St. Galler Wein positionieren kann, sondern was die ganz persönlichen Präferenzen sind. Schliesslich gibt es himmelweite Unterschiede zwischen Rheintaler „Beerliweinen“ und ernst zu nehmenden Tropfen, wie dem von Lukas Reimann vorgeschlagenen Blauburgunder vom Ochsentorkel in Thal. Auch wenn ich politisch aus ner diametral entgegengesetzen Ecke komme, attestiere ich Herr Reimann Geschmack. Der Thaler Tante Hedy zeigt, dass es auch regionale Rotweine auf ordentlichem Niveau gibt. Dass vom SVP-Nationalrat kein Italiener, oder Franzose vorgeschlagen wird, erstaunt mich hingegen nicht.

Am differenziertesten gibt sich die CVP-Abgeordnete: Lucrezia Meier-Schatz zählt gleich eine ganze Palette ihrer Lieblingstropfen auf. Vielen Dank. – Schöne Randnotiz: Alle Weine bringt sie in Verbindung mit Stationen ihres Lebens. Die CVP-Frau gibt sich weltoffen und niveauvoll, die Eigenwerbung bleibt also auch hier nicht aussen vor. Wenigstens ist sie subtiler und nicht so plump, wie diejenige ihres Parteikollegen. Zum Wein: Die von Meier-Schatz angegebenen Flaschen findet man nicht bei Denner & Co. Es sind ausschliesslich Tropfen, welche im spezialisierten Fachhandel, oder direkt ab Weingut bezogen werden können. Preislich befinden sich die Weine im teureren Segment, denn Frau Meier-Schatz mag Folgendes:

  • einen guten Barbera d’Asti (Superiore Nizza) Riserva della Famiglia 2004 vom Weingut Azienda Vinicola Coppo in Castelnuovo Calcea. Den gibt’s hier
  • einen Chardonnay vom Philip Togni Vineyard, St.Helena, Napa Valley, Kalifornien
  • einen Chasselas Effervescent AOC
  • L’Espiègle, Chasselas Efferverscent, AOC Neuchâtel 2010 vom Weinkeller der Familie Engel in St. Blaise

Schön, dass wenigstens einige Politikerinnen und Politiker sich die Zeit genommen haben zu antworten. Leider bleiben die Vertreter der Grünen, Grünliberalen wie auch der FDP ohne önologisches Profil. Mal schauen, ob in nächster Zeit noch Mails in der Flaschentester-Box eintrudeln. Politik hin oder her, spannend war die Aktion allemal. Prost.

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