Flaschentester

… schreibt über europäische Weine und verwandte Themen

Pinot Noir Mythopia, Valais AOC 2010*

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Der Biowein-Anbieter Delinat ist nur einen Steinwurf von meinem Domizil entfernt. Trotzdem bin ich dort ein eher seltener Gast. Schade eigentlich. Werden doch beim Schreiben dieses Artikels sofort Erinnerungen an den bodenständigen El Molino, oder einige sehr schöne Weine des österreichischen Meinklang-Labels wach. – Die Zeit ist reif, mich auf’s Fahrrad zu schwingen und an der Davidstrasse 44 vorbeizuschauen. Definitiv.

Der Mythopia stammt von einer der Parzellen des gleichnamigen Weingutes. Die Reben wachsen in der Nähe von Sion, der Wein wurde von Marie-Thérèse Chappaz gekeltert. Der Bio-Weinhändler unterhält eben dort das Delinat-Institut für Ökologie und Klimafarming. Nicht schlecht, Herr Specht; aber was um Himmels Willen heisst das? Delinat erklärt’s mir online: Ziel ist es, …Forschungsversuche zu Mischkulturen, der Entwicklung von Flora und Fauna im Weinberg und der Erzeugung und Verwendung von Bio-Kohle… (Quelle) zu unterhalten. Aha! Insgesamt ist das Traubenmaterial für den vorliegenden Pinot Noir also inmitten einer Mischkultur und einer reichhaltigen Fauna gewachsen. Toll! – Ich finde den Gedanken ja irgendwie schön, dass sich da Reben, umgeben von Schmetterlingen und Obstbäumen, entfalten können. Das kann sich ja nur positiv im Endprodukt niederschlagen! Hoffe ich wenigstens.

Es wird aufgetischt! Eine Auswahl an Rohschinken und Salamivariationen; dazu etwas reifer Käse, schwarze Oliven, Brot, Wasser und natürlich der Bio-Wein. Mein Gaumen ist bereit, komme, was wolle.

Im Glas scheint er rubinrot. Die Nase erinnert erst an Blauburgunder, wie ich sie schon aus Schaffhausen oder dem St. Galler Rheintal getrunken habe. Ein zweiter Nasenschnapper offenbart dann aber schnell die Qualitäten des Mythopias: Er riecht nach Himbeere, etwas Lakritze, und ist insgesamt samtiger, fruchtiger und komplexer als die einfacherer Landweine. Auch im Mund vertritt der Pinot Noir die genannten Attribute. Er schmeckt etwas süsslich, und ist trotz einem Alkoholgehalt von 13% Volumenprozent leicht und süffig ohne Ende. Das pure Gegenteil des kürzlich verkosteten Spaniers. Säure ist zwar vorhanden, tritt jedoch ähnlich wie die Tannine elegant in den Hintergrund. Der Abgang ist angenehm und irgendwie würzig; für einen Dilettanten nicht einfach zu beschreiben. Obwohl ich den Mythopia insgesamt sehr gelungen finde, merke ich gerade, dass ich mit Schweizer Blauburgundern nicht richtig warm werde. Schwierig zu erklären warum. Vielleicht liegt’s an der Lakritze. Davon war ich schon als kleiner Junge nie sonderlich begeistert. Nichtsdestotrotz handelt es sich beim Mythopia um einen schönen Wein. Empfehlenswert ist er auf jeden Fall. Der Preis erscheint mir für das Gebotene etwas zu hoch, Bio hin oder her. Dafür gibt’s einen Punkteabzug. Dem Wein tut das aber keinen Abbruch. – Zu unserer Fleischplatte machte der Walliser – wie erwartet – eine sehr gute Figur. Dass er, wie von Delinat angegeben, auch hervorragend zu Gemüsegerichten passt, macht ihn für Vegetarier umso interessanter.

So, konnte ich die Schweizer Weinindustrie doch noch ein wenig im Kampf gegen ihre Absatzprobleme unterstützen. Die Winzer freut’s und die Schmetterlinge auch. Meinem Pfadfinder-Ehrenwort – jeden Tag eine gute Tat – bin ich jedenfalls doppelt gerecht geworden: Mein Karma ist gerettet, wenigstens für heute.

Pinot Noir Valais AOCPunkte: 15/20
Passt zu: Kalten Fleischplatten, Gemüsegerichten
Preis: Fr. 24.-

 

Der Mythopia ist hier erhältlich; von Dienstag bis Freitag allerdings immer nur zwischen 16.00 und 18.30 Uhr.

 

 

 

* Keine Ahnung warum ich eine 10er Flasche erwischt habe. Im Online-Shop von Delinat ist nämlich nur der 11er gelistet.

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