Flaschentester

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Tamjanika 2011

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Man findet ihn nicht dort, wo man ihn sucht. Die Rede ist vom serbischen Weisswein Tamjanika. Coop führt ihn seit 2009 fernab der offiziellen Weinabteilung im Regal neben den Fladenbroten, dem türkischen Honig und zahlreichen anderen orientalischen Kuriositäten. Vielleicht ist das ja der Grund, warum er bisher so gut wie keine Beachtung gefunden hat.

Bei Tamjanika handelt es sich um eine autochthone Rebsorte. Neben Prokupac, ist sie in der serbischen Region Župa, eine der ältesten überhaupt. Das Tal liegt übrigens zwischen Kopaonik, Željina, Goc und Jastrebac, im Einzugsgebiet der westlichen Morava und ihrer Nebenflüsse, und bedeckt eine Fläche von 2’500 Hektaren.

Die Geschichte des Weinguts liest sich wie eine Romanvorlage: „Die Familie Ivanović liess sich, infolge stürmischer Ereignisse um 1800 in Kozetin, dem heutigen Aleksandrovac, nieder und begann Wein zu produzieren. Nach der Rückkehr aus dem 1. Weltkrieg im Jahr 1919, gründete Dragoslav I. Ivanovic seinen eigenen Weinbetrieb, der vom 1939 bis zum 1940 sehr schnell wuchs und 500‘000 Liter Wein herstellte. Nach dem 2. Weltkrieg wurde die Weinproduktion von den Behörden untersagt. 1996 kam der Enkel Ivanovics nach Župa zurück, um die alten Rezepte des Grossvaters wieder aufleben zu lassen.“ (Quelle)

Das Weingut und die Familie Ivanović haben also scheinbar schon viele folgenschwere Schicksalsschläge hinter sich. Hoffentlich widerspiegelt sich so viel Tradition und Widerstandsfähigkeit auch in der Qualität ihres Weins. – Bei der Vinifizierung wird der Tamjanika mit 20 Prozent Riesling verschnitten und anschliessend sechs Monate im Stahltank ausgebaut. Die Flasche hat einen Korkzapfen, mit dem ich mir spontan einen heftigen Zweikampf liefere, und schlussendlich auch gewinne. – Im Glas scheint er quittengelb und leicht trüb. Zur Nase: Honig, überreife Traube, Ananas, Moschus, leicht metallischer Einschlag. Das Bouquet erinnert stark an Moscato, Rimuss, oder einen billigen Dessertwein. Ich erwarte im Glas also einen süffigen Weisswein, eventuell mit leichten Riesling-Attributen: Zum Beispiel etwas Sprudel. Ich probiere:

Erster Schluck: Das kann nicht sein, ich muss nochmals probieren.

Zweiter Schluck: Ist das Wein?

Dritter Schluck: Wieviel Alkohol ist da drin? 25 Prozent?*

Vierter Schluck: Buah, ist der übel!

Fünfter Schluck: So, jetzt ist aber Schluss!

Der Rest bleibt im Glas, beziehungsweise in der Flasche. Die Enttäuschung pur. Wie soll ich’s beschreiben? Der Wein – sofern es einer ist – schmeckt übelst. Erinnerungen an schlechten Hustensirup werden wach. Ich schmecke Lakritze, Anis, Nelken, zerstossene Traubenkerne, Bittermandel, Pfeffer. Weiter: Hoher Alkoholanteil, eigenartige Säure, keine Frucht, kaum Süsse, schwacher Körper, stark alkoholischer, bitterer und langer Nachklang, reichlich Schärfe. Und irgendwie schwingt immer dieser leicht beunruhigende, chemische und undefinierbare Geschmack mit. Der Wein ist schlicht ungeniessbar. Punkt.

Sorry, liebe Familie Ivanović, vielleicht liegt hier ein geschmacklicher Kulturclash vor. Vielleicht liegt’s am Jahrgang, am Essen, oder an unserer Tagesform. Wer weiss. Für mich und meine Degustationspartnerin ist der Wein – so oder so – ein Frontalangriff auf unsere Geschmacksnerven. Wenn’s nach mir geht, kann der Tamjanika auch weiterhin fernab der Weinabteilung, bei irgendwelchen Spezialitäten eingereiht werden. Da gehört er nämlich hin.

Für diese Gesamtleistung gibt’s von meiner Seite höchstens einen Trostpreis: Sagen wir zwei lieb gemeinte Punkte. Aber nur weil mich die herzzerreissende Geschichte der Winzerfamilie aus Župa so bewegt hat.

Experimentierfreudige können den serbischen Weisswein hier erstehen.

Tamjanika

Punkte: 2/20
Passt angeblich zu: Meeresfrüchten, Fisch, Geflügel, Spargeln
Preis: Fr. 13.95

 

 

 

 

 

 

 

* es sind 14%

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