Flaschentester

… schreibt über europäische Weine und verwandte Themen

Von einem, der loszog, Schweizer Weine zu kaufen.

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An einem verregneten Herbstnachmittag sitze ich vor dem Computer und stolpere zufälligerweise über die Seite des „Grand prix du vins suisse„. Ich sehe mir den Wettbewerb etwas genauer an und kriege Lust auf heimischen Wein. Dass damit eine Mission impossible beginnt, ist mir zu dem Zeitpunkt noch nicht bewusst. Schliesslich versuche ich nur, in St. Gallen preisträchtige Schweizer Weine aufzutreiben.

Doch zurück zur erwähnten Website. Es geht also um die Prämierung der besten Schweizer Weine 2012. Dafür wurden ca. 3’000 Produkte der Winzer vorgeschlagen, und einige davon dann schliesslich auch für die Endrunde des Wettbewerbs nominiert. Wie es sich für einen ordentlichen Grand Prix gehört, gibt es Kategorien: Bio-, sortenreine Weiss- und Rotweine, Assemblagen, und, und, und. Übermorgen ist es soweit. Jeweils einer der Weine wird aus sechs möglichen Kandidaten zum Sieger seiner Kategorie gewählt. Der beste Weinbauer wird ausserdem zum Winzer des Jahres gekürt.

Mein Interesse ist geweckt. Schliesslich geht es um die besten Weine des Landes. Ich klicke mich durch die Menuleiste der Seite. Unter der Rubrik Progamm finde ich zusätzliche Informationen zum Grand Prix. „Rund hundert erfahrene Degustatorinnen und Degustatoren werden während sechs Tagen die eingereichten Kandidaten beurteilen„, steht da. Die Preisverleihung findet in Bern statt. Sven Epiney moderiert. Gesponsert wird der Wettbewerb unter anderem von Grössen wie Coop und Raiffeisen. Alles straff organisiert. Auch ein Bundesrat ist anwesend. Spontan werden Erinnerungen an Giacobbos „Ernstfall in Havanna“ wach.

Typisch für Helvetien scheint mir aber auch die vornehme Zurückhaltung. Zum Beispiel bei der schlicht nicht vorhandenen Vermarktung der nominierten Weine. Ich mache mir trotzdem die Mühe und versuche online zu erfahren, welche in St. Gallen erhältlich sind. Eines vorweg: Das Ergebnis ist – gelinde gesagt – ernüchternd.

Gefühlte hunderttausend Klicks und eine Stunde später sind meine Nachforschungen abgeschlossen. Hier das Resultat: Weder bei St. Galler Händlern noch Discountern gibt es auch nur einen einzigen der 72 nominierten Weine zu kaufen. HALLO !? Hier handelt es sich schliesslich um die besten Schweizer Weine der Gegenwart, oder? Was nützt da ein riesengrosses Tamtam, der Epiney und hundert erfahrene Degustatoren, wenn ich die angepriesenen Produkte nirgends kaufen kann. Und nein, mein Google ist nicht kaputt! Wer auch nur eine Flasche bei Mövenpick, Lanz, Zweifel oder sonstwem in St. Gallen auftreiben kann, soll sich doch bitte bitte schnell bei mir melden. Nur zu gern würde ich unsere Winzer tatkräftig unterstützen.

Zwei der Weine kann man wenigstens im Schlössli und im Hotel Einstein trinken. Auch der Bernecker Ochsen wird einmal bei den Suchresultaten genannt. Über den nominierten 2011er Schlattinger berichtete kürzlich das Tagblatt. Wo man ihn kaufen kann, steht aber auch da nicht drin. Klasse – Das nenne ich echt eine magere Ausbeute. Ein wenig konsterniert sitze ich vor dem Bildschirm. Wenigstens einer der Weine muss doch hier irgendwo zu kriegen sein. – Sind es die Schweizer Winzer und Verbände, die ihre Ware nicht an den Mann kriegen? Produzieren die einzelnen Weingüter zu kleine Mengen, um sie ordentlich streuen zu können? Oder sollten mich die Händler nerven, welche die Weine nicht im Sortiment haben. Ich weiss es nicht. Der Resignation nahe, meine ich: „Irgendwo muss der Wein doch verkauft werden.“ Ja, wird er! Meistens bei den Erzeugern direkt. – Sagt mir wenigstens meine Suchmaschine…

Für Eigenrecherchen: Die Liste der Nominierten gibt’s hier

…ich trinke jetzt erstmal ein Glas Milch zur Beruhigung. Da weiss ich wenigstens, wo Nachschub erhältlich ist. Prost!

Der Grand Prix in Zahlen

  • eingereicht werden 3’000 Weine von 591 Winzern
  • die Verleihung findet jährlich, jeweils im Oktober statt
  • 100 Fachpersonen degustieren und bewerten die Weine
  • Es gibt zwölf Kategorien mit je sechs Nominierten
  • Insgesamt sind also 72 Weine nominiert
  • ein Bundesrat ist bei der diesjährigen Verleihung anwesend
  • Bei St. Galler Händlern erhältliche Weine: Null, zéro, zero, nulla.

P.S. Liebe Schweizer Winzer, Veranstalter, Degustatorinnen und Degustatoren, lieber Bundesrat

Mir geht euer ewiges Gemotze über Absatzschwierigkeiten langsam so was von auf den Kecks. Ist es doch eure Nachlässigkeit, die mich an der Unterstützung der Schweizer Weinwirtschaft hindert. Daher habe ich einen Vorschlag: Sobald die Nominierten des GPDVS feststehen, könntet ihr doch einen Online-Shop eröffnen, in dem eure Produkte einem breiten Publikum angeboten werden. Wie wär’s ausserdem mit einer massiven Promo-Aktion bei allen Fachhändlern der Schweiz? Am besten schon im Vorfeld der ersten Selektion? Schön wäre auch ein reales Geschäft, dass die Weine einem Laufpublikum feil bietet. Vielleicht auch mehrere Filialen in grösseren Schweizer Städten und im nahen Ausland? Falls ihr nicht wisst, wie man das realisieren könnte, nehmt euch doch ein Beispiel an den Österreichern. Die haben das nämlich drauf, das mit dem Sich-Selber-Anpreisen. Die bringen sogar Schweizer dazu, ausschliesslich österreichische Weine zu verkaufen. Zum Beispiel diese hier.

Braucht ihr kompetente Beratung? Hier die Adresse der österreichischen Botschaft. Da wird euch bestimmt gerne geholfen:

Österreichische Botschaft Bern
Kirchenfeldstrasse 77/79
CH-3000 Bern 6
Tel: +41 (31) 356 52 52
Fax: +41 (31) 356 56 64

Liebe Grüsse

Euer Flaschentester

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