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Herbst-Special: Bordeaux für Anfänger, Teil II – Hurra, ich hab‘ Klasse !

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Ach, wie schön ist es doch, dass irgendwelche lieben Menschen ständig versuchen, zu ordnen, oder Dinge nach ihrer Qualität zu beurteilen. Das macht das Leben vieler Personen einfacher. Zum Beispiel auch meines. Dachte ich wenigstens bis vor kurzem…

Napoleon III.

Auch Napoleon der Dritte muss manchmal nachgedacht haben. Zum Beispiel als er 1855 auf die Idee kam, die Weine nach ihrer Qualität einstufen zu lassen. Betroffen waren davon aber nur die Weingüter des Médoc. Wenn du den ersten Teil des Bordeaux-Specials aufmerksam durchgeackert hast, weisst du, dass jenes Gebiet aber nur einen Bruchteil des gesamten Bordelais ausmacht.
Graves wurde erst 1953 klassifiziert, Saint-Émilion 1955, und alle anderen Appellationen nicht. – Wirklich nicht.

Tja, schön und gut. Warum aber kam Bonapartes Neffe auf den Einfall mit den Klassifizierungen? Ich erklär’s euch.

Man schrieb das Jahr 1855. Die Weltausstellung fand überhaupt erst zum zweiten Mal statt. Dies in der Hauptstadt Paris. Neben bahnbrechenden Erfindungen, wie zum Beispiel dem Zündholz oder der Espressomaschine (LOL) wollte man dem internationalen Publikum eben auch die besten französischen Weine schmackhaft machen. Damals halt vor allem Rotweine aus dem Médoc.

Die Klassifizierung der Châteaux erfolgte aufgrund der in den vergangenen hundert Jahren erzielten Marktpreise. So weit so gut. Leider haben es die Franzosen bis heute nicht hingekriegt, eine für Bordeaux, geschweige denn Frankreich allgemein gültige Klassifizierung zu entwickeln. Das Durcheinander ist perfekt. Ich erklär’s euch. Augen zu und durch.

Im Médoc gibt es fünf (bzw. heute sechs) Klassifizierungen. Sogenannte Crus (Cru = Gewächs). Dabei sind Zweitweine der grossen Châteaux nicht klassifiziert. Saint-Émilion und Graves besitzen je drei, jedoch völlig andersartige Klassen, Pomerol nicht eine offizielle. Die für Süsswein bekannten Gemeinden Sauternes und Barsac kennen drei Klassifizierungen. Diejenige von Saint-Émilion ist tatsächlich die einzige, welche regelmässig überprüft und angepasst wird. Die anderen haben den inoffiziellen Status „unantastbar“. Die einzige, und viel zitierte Änderung im Médoc, war die Anhebung von Château Mouton-Rothschild 1973. Der Erzeuger durfte als als Klassenbester direkt zu den Premier Crus wechseln. Hurra! Mehr als vierzig Jahre früher, in den 1930er Jahren, wurde im Médoc die Klasse der Cru Bourgeois geschaffen. Heute ist diese mit 300 Weingütern die grösste Gruppe aller klassifizierten Châteaux.

Boah, was ein Durcheinander! Tief durchatmen. Ich mach’s Napoleon gleich und bringe ein bisschen Ordnung in die Bude. Mögt ihr Tabellen? Ich schon:

Médoc

Châteaux
Premier Cru Classé 5
Deuxiéme Cru Classé 14
Troisième Cru Classé 14
Quatrième Cru Classé 10
Cinquième Cru Classé 18
Cru Bourgeois 300

Saint-Émilion

Châteaux
Premiers Grands Crus Classés (A) 2
Premiers Grands Crus Classés (B) 13
Grands Crus Classés 46

Graves

Châteaux
Rot- und Weisswein 7
Rotwein 5
Weisswein 2

Sauternes und Barsac

Châteaux
Premier Cru Supérieur 1
Premier Cru Classé 11
Deuxième Cru Classé 15

Die Einführung der Klassifizierung brachte vor allem den Herstellern bzw. den Händlern den Vorteil, dass die Preiskalkulationen einfacher wurden. Dies ist bis heute so. Höhere Klasse = höherer Preis. Ein Premier Cru Classé ist auch im Jahr 2012 immer noch teurer als ein Deuxiéme Cru Classé vom gleichen Jahrgang.

Ein Beispiel: Im Jahr 2009 hat es der Wettergott mit den Bordelaiser Weinbauern gut gemeint. Der Jahrgang wird in der Fachwelt einstimmig als hervorragend bewertet. Ich habe drei 09er Weine rausgepickt, um zu zeigen, dass die Klassifizierung vor allem Preis- und nicht qualitätasrelevant ist. Alle drei werden vom Schweizer Bordeaux-Papst René Gabriel mit 19 von 20 Punkten bewertet:

Château Klassifizierung Preis/Ø
Haut-Brion Premier Cru Classé 850 €
Lynch Bages Cinquième Cru Classé 100 €
Poujeaux Cru Bourgeois 25 €

Schau dir mal die Preise an! Für ne Flasche Haut-Brion kriegst du 34 (!) Flaschen Poujeaux. Bei geicher Qualität!* Ja, bin ich denn bescheuert, oder einfach völlig frei von jeder Statussymbol-Verblendung. Wahnsinn, nicht?

Mein Fazit

  1. einige Appellationen haben keine Klassifizierungen, was den Wein aber nicht schlechter macht.
  2. höher klassifizierte Weine sind teurer, aber nicht unbedingt besser.
  3. Genuss muss nicht absurd teuer sein. Schönen Bordeaux gibt’s auch schon für unter dreissig Franken.

 

…obwohl, dafür könnte ich mir dann vier Flaschen Cannonau…, aber das ist ein anderes Thema.

À la vôtre !

P.S. Da hat sich jemand mit den Klassifizierungen besonders Mühe gegeben.

*Das Gegenteil muss mir erst einmal jemand beweisen.

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